Gedichte (Auswahl)

Ruhe

 

Sei neben mir und sieh,

was mir geschehen ist.

Es ist vorbei, die Spuren noch im Herzen.

Kein Platz für mich für Schlaf in diesem Bus.

Die Füße vertrocknet, der Traum versank im Auge.

Die Polizei sagte Stopp.

Geht zurück, geht zurück.

Alle dann in den Waggons, nur ich allein auf dem Gleis.

Das Schlauchboot sank und mein heißes Herz für Europa wurde kalt

Die Welt schlief, nur wir waren wach,

hungrig, durstig, müde.

Wir sind ja weggegangen, schwieriger wird es, zurückzukehren.

Das ganze Sich-Zerreißen, für ein bisschen Ruhe.

Nicht meine Ruhe.

Die Ruhe meiner Familie.

Yasser Niksada, 15, Panshir, Afghanistan, aufgewachsen in Iran


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Frauen

 

Wenn ich sage, Frauen, dann meine ich echte Frauen,

diejenigen mit Brauen, Nasen und Schultern.

Die von Beginn an nur sich selbst gehören,

die nicht selbstsüchtig sind und stolz auf ihre Gaben,

die sich in ihrer einfachen Schlichtheit lieben

und einfach nur sie selbst sein wollen

und keiner anderen ähneln.

Diese Frauen meine ich, wenn ich sage Frauen.

 

Das Licht in ihrem Blick ist wie der Duft von Kobeko*

Ihre wohlwollende Hand ist unvergleichlich wertvoll.

Die Weisheit scheint unter ihrer Schminke hervor.

In Schönheit schreitet sie in der Öffentlichkeit.

Der wässrige Mund der Gaffer ist ihr gleich.

Die selbstbewusste, starke Frau verfolgt ihre Gaben und Talente.

 

Einige Frauen bleiben zuhause, sie lösen sich auf

und werden zu Wasser.

Und diejenigen, die rausgehen, werden zu Brot und Speisen.

Und wenn ich sage Frauen, meine ich diese Frauen.

Samiullah Rassouli, 17, Ghazni, Afghanistan:

*Parfum mit dem Namen “Berg an Berg”


Box Freiraum, Mai 2016
Box Freiraum, Mai 2016

Existenz

 

Der Beginn des Lebens war,

dass ich nicht existierte.

 

Es gab eine Mutter.

Sie war mein Gott.

 

Es war eine einseitige Liebe.

Es gab einen Vater.

Er war nie da.

 

Der Körper kam zur Ruhe,

nicht der Geist.

Ich blieb ohne Trost.

 

Die Schwester wollte mir die Mutter sein.

Aber sie war müde.

Ich liebte die Mutter.

Sie starb.

 

Ich wollte gehen

und ich blieb.

Ich wollte bleiben

und ich ging.

 

Nicht das Gehen war wichtig

und nicht das Bleiben.

Ich war wichtig,

der ich nicht existierte.

Mohamad Mashghdost, 18,

Bandar Anzali, Iran