Spuren

Yasser Niksada

Panshir, Afghanistan, aufgewachsen in Iran


Sei neben mir und sieh,
was mir geschehen ist.
Es ist vorbei, die Spuren noch im Herzen.
Kein Platz für mich für Schlaf in diesem Bus.
Die Füße vertrocknet, der Traum versank im Auge.
Die Polizei sagte Stopp.
Geht zurück, geht zurück.
Alle dann in den Waggons, nur ich allein auf dem Gleis.
Das Schlauchboot sank und mein heißes Herz für Europa wurde kalt.
Die Welt schlief, nur wir waren wach,
hungrig, durstig, müde.
Wir sind ja weggegangen, schwieriger wird es, zurückzukehren.
Das ganze Sich-Zerreißen, für ein bisschen Ruhe.
Nicht meine Ruhe.
Die Ruhe meiner Familie.

 

Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta
The Poetry Project, Foto © Rottkay

Yasser Niksada (14)

Yasser Niksada stammt aus dem Panshir-Tal in Afghanistan. Vor zehn Jahren flohen die Niksadas nach Teheran, dort lebt die Familie als Flüchtlinge. Aber das ist kein Leben, sagt Yasser. Deshalb schickte die Familie ihn auf die Reise nach Europa. In Deutschland vermisst Yasser seine Familie. Foto © Rottkay

Ohne Dich

Shahzamir Hataki

Mazar-e-Sharif, Afghanistan


Das Leben hier zu führen ohne dich,
ist schwierig, Vater.
Ich bin durstig nach deinen Tränen.
Auch das Weinen hier unter diesen Leuten ist schwierig, Vater.
Wenn du jetzt dort schreitest und über Dornen gehst, Vater,
spüre ich die Schmerzen deiner Füße.
Ich wünschte, mich in Deine Arme zu werfen.
Dich aus dieser Entfernung zu küssen, ist schwierig, Vater.
Meine Lippen würde ich abreißen dafür,
aber ohne Lippen zu trauern, ist schwierig, Vater.

Du bist die schönste Blume in einem Feld von Blumen.
Du bist die Farbe der Sonne, die sich zum Abend neigt.
Du leuchtest wie die Sterne, mein Vater,
und du bist hell wie der Mond.

 

Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta
The Poetry Project, Foto © Rottkay

Shahzamir Hataki (16)

Shahzamir Hataki aus Mazar-e-Sharif, Afghanistan, ist der einzige Sohn seiner Eltern. Sie wollten sein Überleben und seine Zukunft sichern und schickten ihn deshalb fort. Auf der Überfahrt nach Griechenland sank das Boot und Shahzamir entging nur knapp dem Tod. Foto © Rottkay

Frauen

Samiullah Rasouli

Ghazni, Afghanistan


Wenn ich sage, Frauen, dann meine ich echte Frauen,
diejenigen mit Brauen, Nasen und Schultern.

Die von Beginn an nur sich selbst gehören,
die nicht selbstsüchtig sind und stolz auf ihre Gaben,
die sich in ihrer einfachen Schlichtheit lieben
und einfach nur sie selbst sein wollen
und keiner anderen ähneln.
Diese Frauen meine ich, wenn ich sage Frauen.

Das Licht in ihrem Blick ist wie der Duft von Kobeko*
Ihre wohlwollende Hand ist unvergleichlich wertvoll.
Die Weisheit scheint unter ihrer Schminke hervor.

In Schönheit schreitet sie in der Öffentlichkeit.
Der wässrige Mund der Gaffer ist ihr gleich.
Die selbstbewusste, starke Frau verfolgt ihre Gaben und Talente.

Einige Frauen bleiben zuhause, sie lösen sich auf und werden zu Wasser.
Und diejenigen, die rausgehen, werden zu Brot und Speisen.
Und wenn ich sage Frauen, meine ich diese Frauen.

*Parfum mit dem Namen “Berg an Berg”
 
Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta
The Poetry Project, Foto © Rottkay

Samiullah Rasouli (17)

Samiullah Rasouli wuchs in Ghazni, Afghanistan, auf. Die Region ist bis heute immer wieder umkämpft. Sein Vater starb vor vier Jahren. Vier Wochen war Samiullah auf der Flucht. Kürzlich begann er eine Lehre zum Hotelkaufmann. Seine Gedichte handeln von der Liebe und der Sehnsucht nach dem Vater. Foto © Rottkay

Nur Du

Mahdi Hashemi

Ghazni, Afghanistan, aufgewachsen in Iran


Wir sehen jetzt Zeiten,
in denen du da bist,
und nur du.

Du liebst und du wirst nicht geliebt.
Du fühlst Nähe und keiner da,
an den du dich lehnen kannst.


Du hast alles und doch hast du nichts.
Die Wunde verborgen,
hinter dem Schleier der Tränen,
bleibt das Geheimnis ungelesen.


Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta
The Poetry Project, Foto © Rottkay

Mahdi Hashemi (16)

Mahdi Hashemi wurde als Kind afghanischer Flüchtlinge in Iran geboren. Er wuchs nahe der Hauptstadt Teheran auf. Mahdi schreibt darüber, warum sich afghanische Flüchtlinge in Iran sogar dafür entschuldigen, dort die Luft zu atmen. Foto © Rottkay

Mutter

Kahel Kaschmiri

Ghazni, Afghanistan


Wärest Du doch hier,
ich würde deine Füße küssen.
Ich würde mich verneigen vor dir
und Dein Antlitz küssen.

Überall wo du hingingst und verweiltest,
möchte ich hingehen und weinen.


Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta
The Poetry Project | Foto © Rottkay

Kahel Kaschmiri (15)

Kahel Kaschmiri wuchs in der afghanischen Provinz Ghazni auf. Ein Miliz-Kommandeur hatte es auf den Jungen abgesehen. Kahel floh durch den Iran, im Kofferraum eines Schleppers. In Deutschland wundert er sich über das Leben der Europäer. Foto © Rottkay

Hoffnungslos

Ghani Ataei

Herat, Afghanistan



Sie töteten vor meinen Augen, im Dorf.
Vier Tage konnte ich nicht sprechen.
Vier Tage blieb ich stumm.

Bis ich verstand.
Niemand erwartet etwas von niemandem.
Jeder kann jedem alles tun.

Gleich, wie viel ich älter werde,
wie erwachsen ich sein werde,
wenn ich unruhig bin und voller Sorge,
wünschte ich die Mutter an der Seite.
Aber ich bin hoffnungslos,
was die Welt angeht. 


Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta
The Poetry Project | Foto © Rottkay

Ghani Ataei (16)

Ghani Ataei wuchs in der alten, afghanischen Handelsstadt Herat auf, an der Grenze zu Iran. Sein Vater wurde während des Krieges getötet, die Mutter starb bei einem Unfall. Als Waisenkind machte er sich alleinn auf den Weg nach Deutschland. Foto © Rottkay

Beginn des Lebens

Mohamad Mashghdost

Bandar Anzali, Iran



Der Beginn des Lebens war,
dass ich nicht existierte.

Es gab eine Mutter.
Sie war mein Gott.
Es war eine einseitige Liebe.

Es gab einen Vater.
Er war nie da.

Der Körper kam zur Ruhe,
nicht der Geist.
Ich blieb ohne Trost.

Die Schwester wollte mir die Mutter sein.
Aber sie war müde.

Ich liebte die Mutter.
Sie starb.

Ich wollte gehen
und ich blieb.

Ich wollte bleiben
und ich ging.

Nicht das Gehen war wichtig
und nicht das Bleiben.

Ich war wichtig,
der ich nicht existierte.


Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta
The Poetry Project, Foto © Rottkay

Mohamad Mashghdost (18)

Der Sohn eines Taxifahrers aus Bandar-e Ansali, Iran, machte sich im Herbst auf nach Europa. In der Heimat fürchtete er, in den Krieg nach Syrien eingezogen zu werden. Nach seiner Ankunft in Berlin schrieb Mohamad Mashgdost einige herausragende Gedichte über die iranische Tristesse und seine Sehnsucht nach Leben. Mohamad lebt heute in Husum. Foto © Rottkay