Was ich an Afghanistan nicht vermisse

Somayeh Hasanzadeh

Herat, Afghanistan

 

Was ich an Afghanistan nicht vermisse:

Die Gefahr auf den Straßen. Abends, ab 20 Uhr, geht keine Frau mehr allein aus dem Haus, es passiert immer etwas Schlimmes.

Was ich an Afghanistan nicht vermisse:

Als Kind gezwungen zu sein, eine Burka zu tragen, nur die Augen frei. Was ist das für ein Land, das kleinen Mädchen eine Decke über den Kopf wirft?

Was ich an Afghanistan nicht vermisse:

Der verzweifelten Mutter zusehen zu müssen, wie sie mit der Gaskartusche ins Badezimmer geht und versucht sich anzuzünden. Aus Verzweiflung, für die vielen Kinder, für meine Geschwister und mich, kaum Essen zu haben und Hunger leiden zu müssen. Vater hat die Türe eingeschlagen und Mutter aus dem Bad gezogen, mit Verbrennungen am Körper.

Was ich an Afghanistan nicht vermisse:

Die Tränen meiner Kindheit, die ich mit meiner Freundin teilte. Meine Freundin musste zusehen, wie der Vater die Mutter schlug. Er schlug sie so fest, dass sie starb. Der Vater nahm sich einfach eine neue Frau. Keine Polizei, keine Verurteilung. Wenn einmal Polizisten kommen, dann zahlt man Geld und sie gehen wieder.

Im BAMF-Interview haben sie mich gefragt:

Was machst du, wenn wir dich abschieben?

Ich habe geantwortet:

Ich würde mich vor euren Augen verbrennen.

 

Somayeh Hasanzadeh (25)

stammt aus Herat, Afghanistan und ist im Iran aufgewachsen. Der Text ist eine mündliche Erzählung über Afghanistan.

Herr Friedrich, König der Ausländerbehörde

Robina Karimi

Kabul, Afghanistan

 

Seit ich in Deutschland angekommen bin,

habe ich warmherzige und böswillige Menschen getroffen.

Wohlwollende Menschen unterstützen mich immer wieder,

während böswillige Menschen mir Steine in den Weg legen.

 

Die Person, die mir jeden Monat eine Woche meines Lebens ruiniert,

ist niemand anderes als der werte Herr Friedrich.

Er arbeitet bei der Ausländerbehörde.

Jedes Mal, wenn ich dort hingehe, hat er einen Spruch auf Lager, der mich einschüchtern soll.

Und wenn ich dann weine, habe ich das Gefühl, er freut sich.

Als er mit meinem Anwalt sprach, sagte er ihm:

„Mal gewinnen Sie, mal gewinne ich.“

Ich wünschte, jemand würde Herrn Friedrich sagen, um was es hier geht.

Nicht um den täglichen Kampf zwischen ihm und meinem Anwalt.

Nicht darum, wer von beiden gewinnt oder verliert.

Was auf dem Spiel steht, ist nichts anderes als mein Leben.

 

Herr Friedrich ist jemand, der alle Afghanen für falsch, verlogen

und für Taugenichtse hält.

Und immer wieder muss ich sagen:
Niemand von uns ist freiwillig hierhergekommen.

Niemand verlässt gerne seine Familie und sein Land,

so verwahrlost und heruntergekommen die Heimat auch sein mag.

Diese Woche bin ich wieder in der Ausländerbehörde gewesen.

Zwei Stunden habe ich auf meinen Termin gewartet.

Dann wurde ich wieder fortgeschickt.

Herr Friedrich selbst war es, der mich abwies.

Als er sah, wie niedergeschlagen ich war, grinste er selbstzufrieden.

Wieder warten.

Fünf Stunden lang.
Auf den nächsten Termin.

Ich habe gehört, Deutschland sei das Land,

in dem Menschen Gerechtigkeit widerführe

und so hoffe ich für Herrn Friedrich,

der sich anmaßt wie der König der Ausländerbehörde aufzutreten

und glaubt, alle Macht der Asylwelt zu besitzen,

dass er eines Tages die Quittung für sein Verhalten bekommt.

 

Die Menschen im Senat habe ich gefragt,

was sie getan hätten, wenn sie an meiner Stelle gewesen wären.

Sie hatten keine Antwort.

 

Robina Karimi (17)

floh allein aus Kabul in Afghanistan. Ihre Mutter starb früh, ihr geliebter Bruder ist noch in der Heimat. Da sie trotz anders lautender Angabe in ihrem Pass als volljährig eingestuft wurde, musste Robina eine betreute Unterkunft verlassen und wohnt nun mit ihrer Schwester zusammen, die mittlerweile ebenfalls zum Arbeiten nach Berlin gekommen ist.

Gewalt und Stolz

Robina Karimi

Kabul, Afghanistan

 

Habe ich kein Recht, meinen Lebensgefährten auszusuchen?

Was unterscheidet eine Afghanin von einer deutschen Frau?

Beide sind Frauen!

Besteht der Unterschied im Deutschsein und Afghanischsein?

Die Last der Tugend liegt auf den Schultern der Frau.

Ein Mann tut, was er möchte.

Wenn aber ich meinem Willen freien Lauf lasse, bin ich es, die schlecht ist.

Ich bin ein Mensch.

Ich atme.

Ich will leben.

Ich will frei sein und fliegen.

Und das Leben, das Gott mir geschenkt hat, genießen.

Wieso willst du dieses Leben von mir nehmen, mir die Freiheit verwehren?

Auch ich bin ein Mensch.

 

Junge, hier ist nicht Afghanistan!

Sieh dich um, mach die Augen auf.

Die Dinge, die du mir dort antatest, kannst du einem Mädchen hier nicht antun.

Hier entscheidest du nicht allein.

Hier entscheidet auch sie, ob sie mit dir sein will oder geht.

Hier sind unsere Rechte gleich.

Du musst mich anerkennen.

Hier ist es ausreichend, Frau zu sein.

 

Robina Karimi (17)

aus Kabul, Afghanistan, über Gewalt und verletzten Stolz, wenn die Liebe geht. Sie floh vor der Gewalt eines Verehrers in ihrer Heimat.

Allein

Robina Karimi

Kabul, Afghanistan

 

Allein in einem Zimmer

Allein in der Dunkelheit

Allein und ohne meine Familie

lernte ich die Einsamkeit kennen,

sie legte sich neben mich.

Und die Gedanken von gestern kreisten,

sie kreisten die ganze Nacht – gestern

gestern gestern – in meinem Kopf.

Gestern, als ich noch bei meiner Familie war.

Und jetzt! Wo bin ich jetzt?

Werde ich meine Familie wiedersehen?

 

Doch der Morgen kam auch nach dieser Nacht.

Der Trost nahm Platz,

er setzte sich neben mich:

»Die Welt, die Welt ist manchmal kleiner, als du ahnst.«

“Bedenke!”

»Wo warst du gestern und wo bist du heute?«

»Schlagartig hat sich dein gesamtes Leben verändert.«

Und nun?

Und nun gewöhne ich mich jeden Tag ein bisschen mehr

an das Alleinsein.

 

Robina Karimi (17)

floh allein aus Kabul in Afghanistan. Ihre Mutter starb früh, ihr geliebter Bruder ist noch in der Heimat. Da sie trotz anders lautender Angabe in ihrem Pass als volljährig eingestuft wurde, musste Robina eine betreute Unterkunft verlassen und wohnt nun mit ihrer Schwester zusammen, die mittlerweile ebenfalls zum Arbeiten nach Berlin gekommen ist.

Das Mitgefühl auf dem Rücken einer Fliege

Sadat Pana Sayed

Kundus, Afghanistan

 

Arrogant ist der Mensch zum Scheitern verurteilt,

Weil Gott keine arroganten Menschen liebt.

Meistens werden Menschen arrogant,

Sobald sie ein bisschen Ruhm erlangt haben.

Sobald sie Ruhm erlangt haben,

Vergessen sie plötzlich alles:

Wer sie einmal waren,

Wer sie einmal sein wollten.

Solchen Menschen fehlt es an Würde und Respekt.

Nur weil sie reich sind,

Wollen sie die Hand eines Armen nicht mehr berühren.

 

Sollte ein Reicher

All sein Hab und Gut

Auf den Rücken eines Elefanten stapeln,

Würde dieser brechen.

Legte er aber sein Mitgefühl auf den Rücken einer Fliege,

Sie könnte fliegen bis zum Hindukusch.

Sadat Pana Sayed (21)

stammt aus Afghanistan und lebt seit drei Jahren in Berlin. Er trainiert Boxen, denn sein Wunsch ist es, professioneller Boxer zu werden.

Ist es ein Verbrechen, Afghanin zu sein?

Robina Karimi

Kabul, Afghanistan

 

Ist es ein Verbrechen,

in Afghanistan auf die Welt gekommen zu sein?

Warum ich das frage?

Weil man als Afghanin überall auf der Welt auf Missachtung trifft.

Warum steht einem als Afghanin im Iran keine Bildung zu?

Warum erhalten wir Afghanen in Deutschland

nicht denselben Aufenthaltsstatus wie andere Geflüchtete?

Auch wenn wir in einem anderen Land als Afghanistan geboren werden,

werden wir dennoch als Afghanen stigmatisiert.

Auch wenn wir das Land in unserem Leben nie gesehen haben,

werden wir nur auf unser Afghanisch-Sein herabgewürdigt – oder sagen wir besser:

gering geschätzt.

Glaubt ihr wirklich,

es ist einfach, seine Mutter, seinen Vater und seine Schwester zu verlassen?

Glaubt ihr wirklich,

es ist einfach, allein und fern seiner Liebsten zu leben?

Glaubt ihr wirklich,

wir wollen aus Vergnügen allein sein?

Nur Gott ist dazu bestimmt, allein zu sein.

Nur Gott allein.

Und so bitte ich Sie, in allen Ländern in denen wir Afghanen uns befinden

und versuchen zu leben – hört auf, uns zu quälen.

Jedes Land bringt seine Wohltäter, Genies und Verbrecher hervor.

Warum aber werden wir, als Afghanen,

allesamt dafür bestraft, wenn sich jemand jenseits der Norm oder schlecht verhält? Warum wird auf uns alle mit dem Finger gezeigt?

Es ist kein Verbrechen, Afghanin zu sein.

Denn: Auch ich bin ein Mensch.

 

Robina Karimi (17),

floh allein aus Kabul. Sie schildert das Misstrauen, mit dem sie als Afghanin zu kämpfen hat.