Ich bin

Alaa Aldin Khalifeh

Damaskus, Syrien

 

Ich bin der Reisende in den Gängen von Heute
Und in den Schlupflöchern von Morgen.
Ich suche die Seelenruhe in meinem Heimathafen
Und eine kleine Bootstür,
In die ich die Geschichten
Der Abwesenden schnitzen kann.

Ich bin du.
In deinem Lautsein,
In deinem Verrücktsein
Und in deinen Erinnerungen.
Ich bin die Nacht,
Bin die Weisheit in deinen Gedichten
Und die Hoffnung,
Die du in jedem Sonnenaufgang suchst.
Ich bin halb Mensch (und der Rest ist schon Asche),
Ich bin tausend Jahre Wehmut
Und ein Lächeln am Ende eines Weges,
Obwohl ich noch nie am Ziel war.

Der, den du liest,
Ist bloß ein verlorenes Wort in einem Gedicht.
Ich suche mein Selbst
In jedem an mir vorbeiziehenden Traum
Und je mehr ich suche, desto weniger finde ich.
Ich bin wie du.
Ich bin genauso wie du.
Vielleicht bin ich du.
Vielleicht bist du ich.

Ich bin Gott im Herzen der Mutter eines Märtyrers.
Und eine Geige, die mit ihrer Stimme
Der Oud die Schwermut nimmt.
Ich bin der Winter und der Regen
In den alten Straßen von Damaskus.
Ich bin die Hölle und das Paradies.
So, wie du mich willst, kann ich sein:
Ich bin das Leben.

 

Alaa Aldin Khalifeh (26)

Ist seit 6 Monaten in Berlin, ein Staatenloser, der seine Heimat in Berlin gefunden hat.
Manchmal Medizinstudent, manchmal Lagerhelfer, im Herzen immer Poet.

Immer noch da

Alaa Aldin Khalifeh

Damaskus, Syrien

 

Wir warten auf morgen.
Was ist morgen?
Und wer sind wir morgen?

Ich ließ meinen Traum
Am Straßenrand sitzend zurück.
Ich sagte zum Abschied:
Warte auf mich, ich komme bald zurück.

Dann, am Morgen, küsste ich die finstre Stirn meiner Mutter,
Um ihr Auf Wiedersehn zu sagen:
Ich werde mich nicht verspäten, Mutter.
Am Abend bin ich wieder da.

Und meinem Freund, dem Märtyrer,
Hinterließ ich eine Nachricht auf knittrigem Papier.
Vor Jahren schon war er gefallen,
Und doch lud ich ihn zu einem baldigen Abendessen,
Das niemals mehr stattfinden wird.

So beobachtet meine Geliebte nun weiterhin
Das Wandern der Sterne durch ihr schmales Zimmerfenster
Und wartet auf ein Lächeln ihres Telefons,
Wartet auf das Läuten, das sie hoffen lässt:
Ich bin hier.
Wir sehen uns bald.

Ich aber bin geblieben, ich bin immer noch da.
Kein Stück weit habe ich mich bewegt.
Ich bin hier, in Gedanken an dich, am helllichten Tag.

 

Alaa Aldin Khalifeh (26)

Ist seit 6 Monaten in Berlin, ein Staatenloser, der seine Heimat in Berlin gefunden hat.
Manchmal Medizinstudent, manchmal Lagerhelfer, im Herzen immer Poet.