Weil ich Hazara bin

Ali Reza*

Daku Tabe, Afghanistan

 

Manchmal fließen Tränen,

wenn ich an meine Heimat denke,

ich denke viel über sie nach.

Wie nah liegen Freude und Leid beieinander?

Wie konnte sich ein gutes Schicksal

auf einmal in ein schlechtes wenden,

warum wurde aus Glück plötzlich Trauer?


Wenn ich an meine Kindheit im Dorf denke, vermisse ich die Tiere, mit denen ich spielte, ich vermisse den Nachbarsgarten, wo ich Äpfel vom Baum pflücken durfte. Ich erinnere mich, wie ich meinem Bruder einen Apfel zuwarf, wir lachten und aßen ihn danach mit Freude. Wie schön war es, einen Drachen in die Luft steigen zu lassen, ihn fliegen zu sehen. Und wie sehr kann diese Freude von ernst blickenden Erwachsenen getrübt werden. Sie nahmen uns das einzige Glück, das wir hatten. Es war kein teurer Stein, kein Gold, keine Schatztruhe.

 

Sie stahlen uns, was wir am meisten liebten.

Sie haben unsere Kindheit gestohlen,

als sie unsere Freude am Drachensteigen nahmen.

Der Tag, an dem wir den Drachen

nicht mehr steigen lassen durften,

war der Tag,

an dem ich kein Kind mehr sein durfte.

 

Ihre Blicke zwangen uns, einen ungewissen Weg zu gehen, der steinig war und uns endlos erschien. Einen Weg, der bis heute nicht zu Ende ist. Letztlich gab es in meiner Heimat nur zwei Wege: entweder wirst du ein gehorsamer Soldat, oder du fliehst und gehst in eine andere Welt, eine Welt, die du nicht kennst.

Als ich klein war, lebten wir im Dorf Daku Tabe in Bamiyan. Ich weiß noch, wie sehr sich meine Eltern freuten, wenn wir im Garten spielten oder zusammen aßen. Für meine Eltern war es das schönste auf der Welt. Warum hat Gott ihnen das genommen und unser Leben zerstört? Was haben wir getan, dass wir auf so einer Weise bestraft werden? Ist es, weil wir Hazara sind? Ist es, weil wir Schiiten sind?

Bis zu meinem fünfzehnten Lebensjahr hatte ich als Hazara noch nie Probleme gehabt. Sie fingen an, als ich erwachsen wurde. Sie fingen an, als wir das Dorf verließen, und als ich in die neunte Klasse kam. Die meisten Afghanen sind Sunniten, dazu zählen vor allem Paschtunen und die Taliban. In Afghanistan, sagt man, werden Hazara gezielt getötet, und das schon seit Jahrhunderten. Ich frage, wann hat das ein Ende? Sobald ich in Bamiyan lebte, machten mir meine Mitmenschen ihre Ablehnung zunehmend deutlich. Ich kann mich an einen Tag erinnern, als mein Kung-Fu Lehrer mich nach dem Training zu sich rief und mit mir unter vier Augen sprechen wollte. Er erzählte, die Taliban seien in unseren Trainingsraum gekommen und hätten über mich gesprochen. Sie hatten mitbekommen, wer ich war – was ich war – und wollten mich von den Wettkämpfen ausschließen. Weil ich Hazara war. Weil ich Schiit war. Weil ich der Sohn eines ehemaligen Polizisten war. 

Seit meinem 10. Lebensjahr trainiere ich Kung Fu, ich war sogar so gut, dass ich in die Nationalmannschaft aufstieg und an Turnieren in Kabul teilnahm. Davor, sagte mein Trainer, kannte mich kein Mensch. Doch nun, da ich in der Nationalmannschaft war, sei das etwas anderes. Die Menschen wüssten nun, wer ich sei, und wollten nicht, dass ich trainierte. Mein Trainer riet mir, nachts nach dem Training vorsichtig zu sein.

Zweimal kam es vor, dass ich ohne meine Trainingspartner, ebenfalls Hazara, allein nach Bamiyan zurückgehen musste. Es war dunkel und der Weg dauerte mehr als eine Stunde. Beim ersten Mal verfolgte mich ein bärtiger Mann, der unter seinem Schal eine Waffe trug. Ich rannte los, als er sich mir näherte. Trotzdem hatte ich keine Angst und ging weiterhin zum Training. Mein Trainer schimpfte etwas mit mir, weil ich allein gegangen war, aber er sprach mir auch Mut zu, ich sei ja ein starker junger Mann.

Beim zweiten Mal, als ich gedankenverloren nach Hause lief, ereignete sich der Augenblick, der mein Leben verändern sollte. Zwei bärtige Männer hielten mich fest und beschimpften mich. 

 

Sie wurden handgreiflich,

beleidigten mich und schrien mich an,

warum ich noch länger zum Training ginge.

Ich fragte, warum nicht;

sie sagten, beim nächsten Mal

würden sie mich töten.

Sie drohten mir, ich solle mich

mit meinem Bruder lieber den Taliban anschließen.

Sie traten mich, bis ich schreiend davonlief.

Als letztes hörte ich zwei Schüsse,

das Piepen in meinen Ohren hält bis heute an.

 

Ich kann diesen Moment nicht vergessen, ich zitterte am ganzen Körper, schrie und weinte vor Angst. Aber noch trauriger machte es mich, dass ich nicht mehr trainieren, und nicht mehr an Wettkämpfen teilnehmen konnte. Zuhause angekommen ging ich, ohne etwas zu sagen, in mein Zimmer und sprach mit niemandem in der Familie über den Vorfall. Dann wurde ich krank. Tage vergingen, bis mein Trainer meinem Vater von dem Vorfall erzählte. Mein Vater und meine Brüder hielten es für die einzige Lösung, mich nach Iran zu schicken, zu einigen Bekannten. 

Nach 25 Tagen Schwarzarbeit erwischte man mich dort und ich war gezwungen, weiter in die Türkei zu fliehen. Es war der Sommer 2015. Insgesamt kostete die Reise 4000 Dollar, das Ersparte, das mein Vater mir gegeben hatte, war bereits aufgebraucht. Ich gelangte über die Grenze in ein Dorf, in dem ich für drei Monate Arbeit fand, um etwas Geld anzusparen.  So konnte ich von Istanbul aus weiter zum Meer. 

Wir überquerten es mit Schlauchbooten, die uns nach Athen brachten. In Athen hatten wir großes Glück, dass man uns Tickets für einen Bus gab, mit dem wir nach Mazedonien fuhren. Dort nahmen wir einen Zug nach Österreich. An der Grenze zu Deutschland warteten wir einen Tag, bis wir mit einem Zug nach Berlin fahren konnten. Ich war sehr glücklich, im November 2015 endlich anzukommen. Man schickte mich in ein Heim in der Heerstraße. Dort lebten etwa 100 jugendliche Geflüchtete und ich teilte mir ein Zimmer mit vier von ihnen. Ich hatte keine großen Erwartungen und freute mich über die Betreuer, über das Essen und die anderen Jugendlichen, mit denen ich mich anfreundete. Tagsüber zeichnete ich, spielte Gitarre, und nach dem Essen konnten wir uns alle in einer gemütlichen Runde zusammensetzen und reden. Ich liebe es zu singen und die Sitar zu spielen. Mein großes Vorbild heißt Dawood Zarkosh. Er ist ein aktivistischer Sänger und ich bewundere ihn, weil er in seiner Musik das afghanische Leid und seine Seele widerspiegelt. Eines Tages möchte ich dasselbe tun.

Sechs Monate verbrachte ich im Heim. Ich sehnte mich danach, wieder zur Schule zu gehen, doch dafür muss man zuerst mit der Willkommensklasse anfangen. Das dauert eine Weile, etwa sechs bis sieben Monate. Während dieser Zeit lenkte ich mich mit Musik ab, wollte wieder mit dem Sport anfangen. An der August-Sander-Schule in der Warschauer Straße schaffte ich es, meinen Berufsqualifizierenden Lehrgang abzuschließen und bereitete mich auf die Prüfung für den Mittleren Schulabschluss vor, bis ich im März 2017 vom Verwaltungsgericht zu meinem Aufenthalt befragt wurde. Ich erhielt eine Ablehnung mit der Aufforderung, das Land zu verlassen, wogegen ich sofort eine Klage einreichte.

 

Dieser Moment hat mich zurückfallen lassen

und an die alten Probleme

in Afghanistan erinnert.

Ich konnte nachts nicht schlafen

und träumte von meiner Hinrichtung.

Jedes Mal, wenn das geschah,

erwachte ich schreiend aus dem Schlaf.

 

Dadurch konnte ich mich tagsüber nicht richtig konzentrieren und meine Betreuer machten sich große Sorgen um mich. Sie schickten mich in psychologische Behandlung zu einer Perserin, die mich seit einem Jahr betreut. Trotzdem habe ich nicht aufgegeben und habe weiterhin die deutsche Sprache gelernt. Ich bin dabei, mich im Bereich Sozialwesen einzugliedern, um einen Beruf zu erlernen. Ich würde gerne Pfleger oder Sozialarbeiter werden.

Das Jugendamt unterstützt mich, den richtigen Weg zu gehen, und ich habe keine negativen Erfahrungen mit Deutschen gesammelt, bis auf den Punkt, dass ich das Gefühl habe, dass deutsche Jugendliche nichts mit mir und meinen Freunden zu tun haben wollen. Es macht mich etwas traurig, weil ich gerne mit anderen Menschen in Kontakt stehe. Trotzdem finde ich, dass die Deutschen aufrichtige und intelligente Menschen sind, die mir direkt ihre Meinung sagen. Ich kann mich ihnen anvertrauen, ohne Angst zu haben, nur weil ich einer Minderheit angehöre. Ich muss keine Angst haben, wegen meines Glaubens benachteiligt zu werden, was in meiner Heimat völlig anders war. Ich bewundere das Land für seinen Fortschritt, vor allem finde ich das Verkehrssystem sehr gut, hier werden im Gegensatz zu Afghanistan die Regeln eingehalten. Das einzige, was ich an Deutschland kritisiere, ist die strenge Bürokratie gegenüber Flüchtlingen. Ich finde einige Urteile falsch.

 

Ich habe erlebt,

wie jugendliche Flüchtlinge,

die sich nicht richtig verhalten

und sogar kriminell werden,

eine Aufenthaltsberechtigung erhalten haben

und Jugendliche wie ich,

die sich anpassen und etwas lernen möchten,

abgelehnt werden.

 

Wenn ich einen Beruf erlernt habe und in meiner eigenen Wohnung lebe, Sport machen und Singen kann, dann bin ich zufrieden. Meine Familie hat mir versprochen, wenn ich das alles geschafft habe und unabhängig bin, werden sie mir aus der Heimat eine nette Afghanin aussuchen und sie zu mir schicken. Das ist nicht nur der Wunsch meiner Familie, sondern auch der meine.

 

Ali Reza (19)

kommt aus einer kleinen Stadt in Afghanistan. Er war national sehr erfolgreich in Kung Fu, musste jedoch nach Iran fliehen, weil er als Schiit in Bamiyan einer religiösen Minderheit angehörte. Von dort aus kam er in die Türkei, wo er sich durch Schwarzarbeit genügend Geld verdienen konnte, um schließlich nach Berlin zu kommen. Hier bangt er um seinen Aufenthaltstitel und träumt davon, die Menschen mit politischer Musik zu erreichen, wie sein großes Vorbild Dawood Zarkosh.
*der Name wurde aus Sicherheitsgründen geändert