Jenseits der Buchstaben

Arash*

Ghazni, Afghanistan

 

Sehr früh habe ich bemerkt,

dass ich erwachsen werden muss

und als ältester Sohn meiner Familie helfen.

Man hat vor meinen Augen

meinen Vater weggebracht.

Ich erfuhr von seinem Tod,

ohne ihn je wieder gesehen zu haben.


Mein Vater hatte sich einer politischen Gruppe angeschlossen, die gegen Taliban und Sunniten kämpfte und wurde deshalb verfolgt. Da meine Mutter krank wurde, entschloss ich mich, mit ihr und meinem kleinen Bruder nach Iran auszuwandern, um meine Mutter dort ärztlich behandeln zu lassen. Wir reisten in die Provinz Fars, in der Nähe von Shiras, wo ich sogar Arbeit fand als Koch in einer Steinwerkstatt. Tag und Nacht arbeitete ich, um ein wenig Geld zu verdienen. 

Nach sieben Jahren forderte uns die Polizei auf, das Land zu verlassen, und wir begaben uns wieder nach Afghanistan. Dort kam es zu einer Verschlechterung unserer wirtschaftlichen Lage, es gab viele Streitereien und Feindschaften. 2007 verstarb meine Mutter dann an Krebs. An diesem Punkt verlor ich jegliche Hoffnung in das Land und beschloss, mit meinem kleinen Bruder nach Iran zurückzukehren. Dort arbeitete ich für eine Weile, bis mich Einsamkeit und Zukunftsängste dazu bewogen, mich auf den Weg nach Europa zu machen.

Mit etwas Erspartem und zusätzlich geliehenem Geld von meinem Onkel suchte ich einen Schlepper auf. Es begann ein neuer Lebensabschnitt, doch schwanden die Probleme nicht. Ich hatte mich entschieden zu gehen, und es gab keinen Weg zurück.

In Teheran lernte ich eine Frau kennen, die mir bei meiner Flucht half. Als erstes fuhren wir mit einem LKW bis an die Grenze der Türkei, wo wir aussteigen und zu Fuß weitermussten. Wir erreichten die türkische Grenzstadt Wan und von dort aus machte ich mich mit einer Gruppe auf den Weg nach Istanbul. Als wir die Stadt schließlich erreichten, trennte uns nur noch das Wasser von Griechenland. Man sagte uns: „Wenn ihr das Meer überquert, erreicht ihr Athen.“ Ich hatte noch nie zuvor ein so großes Gewässer gesehen und war sehr nervös. Mir war übel, ich hatte Kopfschmerzen, wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. 

 

Uns wurde gesagt, wir sollten uns

um null Uhr mit Gummibooten auf den Weg machen.

Keiner von uns war jemals mit einem Boot gefahren,

zunächst trieben wir einfach nur dahin.

Das Boot bewegte sich kaum, kreiste ziellos.

Schließlich gelang es uns, eine Richtung einzuschlagen.

Das Boot warf sich in die Wellen,

sie schlugen mir ins Gesicht, mir war speiübel.

Während der gesamten Überfahrt begleitete uns

die Angst vor dem Ertrinken.

Vor dem Tod.

 

Zweimal fuhren große Schiffe an uns vorbei, mit Hilfe einer Taschenlampe konnten wir auf uns aufmerksam machen. Zwölf Stunden hielten wir uns auf dem Wasser auf, bis wir gegen Mittag Griechenland erreichten. Endlich angekommen, waren wir völlig erschöpft, hungrig und ermüdet, wussten nicht, wo wir waren und wohin wir gehen sollten. Aus Angst vor dem Ertrinken hatten wir Kleidung und Essen ins Wasser geworfen. Auf einer Insel in der Nähe von Athen sind wir der Polizei aufgefallen, die ihre Hunde auf uns losließ. Wir rannten, so schnell wir konnten, doch am Ende wurden wir verhaftet. Man brachte uns in ein Lager für Flüchtlinge. Wir wurden nach unseren Ausweisen gefragt und sie nahmen unsere Fingerabdrücke. Zum ersten Mal wurdet mir die Wichtigkeit eines Ausweises bewusst. Ich hatte noch nie einen gebraucht, da ich nicht zur Schule gegangen war und mich illegal in Iran aufgehalten hatte. Ich wusste nicht einmal mein Alter. Als man mich fragte, antwortete ich, ich sei achtzehn. 

Mit Gewalt wurde ich zur Abnahme meiner Fingerabdrücke gezwungen. Als meine Hand wehtat und ich sie ausstrecken wollte, berührte ich das Gesicht eines Polizisten, der in Rage geriet und mir drei Zähne ausschlug. Außerdem kam es später zu einer Verwechslung der Daten eines Mitgeflüchteten und den meinen. Im Nachhinein wünschte ich, ich hätte lesen und schreiben können, denn wenn ich es gekonnt hätte, wäre es niemals zu dieser Verwechslung gekommen, die, wie sich noch zeigen sollte, Auswirkungen auf mein Leben in Europa haben würde. 

Ohne jeglichen Plan blieben wir zwei Monate auf der Insel, bis wir während eines Erdbebens die Möglichkeit hatten, nach Athen zu flüchten. Wir hatten weder Geld noch Essen und schliefen nachts im Park oder unter einer Brücke. Auf der Suche nach Essen machten wir uns ständig auf den Weg zu unterschiedlichen Kirchen in der Stadt, wo man uns Essen gab, es war nie dieselbe Kirche.

Schließlich brachte uns ein Schlepper auf die Idee, mit einem Schiff nach Italien zu flüchten. Dabei sollten wir uns in einer großen eisernen Box neben dem Gepäck versteckt halten, es gab lediglich zwei Löcher zum Atmen. So wurden wir ins Schiff eingeschleust. Die Fahrt dauerte zwar nur zwei Stunden, aber wir harrten zehn Stunden in der Box aus, um endlich in der Dunkelheit unser Versteck zu verlassen. Während der gesamten Zeit waren wir still vor Angst und fürchteten, vom Zoll entdeckt zu werden.

 

Wir befreiten uns in der Nacht

ungesehen aus der Box,

begaben uns Richtung Hafen.

Ohne zu wissen, wo wir waren.

Wir waren sehr hungrig, nur dürftig gekleidet,

waren sehr dreckig.

Wir fühlten uns wie streunende Katzen,

auf der Suche nach Essen

und einem Platz zum Schlafen.

 

Wir erreichten eine Quelle, wo wir uns waschen konnten. Dort entdeckte uns ein Italiener, uns packte die Angst, wir versuchten zu entkommen. Doch der Mann rief uns mit freundlicher Stimme zu, wir sollten uns in seinem Auto verstecken und warten. In unserer Not waren wir gezwungen, ihm zu vertrauen. In seiner Wohnung trafen wir auf seine Frau und seine drei Töchter, die sehr erstaunt reagierten, als sie uns erschöpft, schmutzig, mit Schatten unter den Augen im Türrahmen erblickten. Wir hatten jedoch großes Glück, denn die Familie kümmerte sich um uns, gab uns Essen, saubere Kleidung, dazu je 50 Euro. Sie brachten uns zu einer Zugstation, wo die Fahrt weitergehen sollte. 

Wir fuhren nach Rom und lebten dort in einem Park, wo sich viele Flüchtlinge aufhielten. Alle sehnten sich danach, in ein anderes Land zu flüchten, mit besseren Chancen auf ein normales Leben. Zwei Monate lebten wir in völliger Armut, schliefen nachts unter Brücken oder im Park, baten in Kirchen um Essen. Endlich erhielten wir ein Ticket, um nach Frankreich zu fahren. Wiederum in einem Park nahe Paris muss es gewesen sein, als mir in der Nacht meine wenigen Dinge gestohlen wurden, die ich noch besaß. Da entschloss ich mich, Frankreich zu verlassen und in ein sicheres Land zu gehen.

Mit dem Zug fuhr ich nach Köln und versuchte ein Ticket nach Norwegen zu bekommen. Ich lernte zwei schwedische Mädchen kennen und bat sie, mir zu helfen. Es gelang mir, mit den Mädchen nach Schweden zu reisen, ich lebte sogar eine Weile dort, versuchte eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Doch sie wurde abgelehnt, das Problem waren die Fingerabdrücke in Griechenland. Ich war gezwungen, Schweden zu verlassen. Ich reiste mit einer Fähre nach Kopenhagen, von dort mit einem Bus nach Oslo. Als ich aus dem Bus stieg, hielt mich die Polizei fest. Sie brachten mich zur Asylstelle, wo ich einen Antrag stellte. Ich war sehr müde und hatte einen langen Weg hinter mir, hatte aber die Hoffnung, ein neues Leben zu beginnen- Fünf Jahre lang lernte ich Norwegisch, arbeitete als Fassadenmaler, fand gute Freunde, führte ein gutes Leben. Ich schloss mich dem christlichen Glauben an, in dem ich Geborgenheit fand. Bis ich meinen Ablehnungsbescheid in Händen hielt – ich wurde nach Deutschland abgeschoben. 

Als ich am Hauptbahnhof wartete, um das Land wieder Richtung Italien zu verlassen, überkam mich unendliche Traurigkeit und Verzweiflung. In meiner Trauer erblickte ich plötzlich zwei Landsleute, mit denen ich über die Flucht redete, über das Leben und wie es weitergehen sollte. Sie rieten mir, in Deutschland zu bleiben und aus Erschöpfung beschloss ich, ihrem Rat zu folgen.

2013 reichte ich den Asylantrag ein und lebte in einigen Heimen. Ich lerne Deutsch und warte bis heute auf eine Entscheidung. Ich war körperlich und seelisch ein Wrack, völlig durcheinander, mit den Nerven am Ende. Aus diesem Grund war ich gezwungen, das Heim mehrmals zu wechseln, begab mich schließlich in psychologische Behandlung. 


Nachts verfolgten mich Albträume,

raubten mir den Schlaf.

Am Tag fehlte mir die Kraft,

mich auf die wichtigen Sachen

im Leben zu konzentrieren.

 

Zwei Monate befand ich mich in Therapie, ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass mir geholfen wurde. Man hörte mir zu, es gab drei Mal am Tag Essen und es gab viele Beschäftigungsmöglichkeiten. Dort konnte ich nach all den Strapazen endlich wieder zu Kräften kommen, bis ich mich im Heim erneut in meinen bedrückenden Gedanken verlor. Werde ich eines Tages in meinen eigenen vier Wänden leben? Werde ich irgendwann Arbeit finden und eine Familie gründen können, nicht mehr allein sein?

 

Meine Geschichte glaubt man mir nicht,

Es ist ungewiss, wie es weitergeht.

Ich bereue es sehr, Analphabet gewesen zu sein.

Wenn ich es doch rückgängig machen könnte.

 
In Afghanistan war ich sehr arm, es fehlte mir die nötige Erfahrung, um das Leben zu meistern. In Europa habe ich angefangen, lesen und schreiben zu lernen, was mir ein neues Leben ermöglicht hat. Ich konnte dadurch den Alltag besser bewältigen und durch Reisen in unterschiedliche Länder neue Lebenserfahrungen sammeln. Ich lernte neue Menschen kennen, lebte in Freiheit und musste nicht mehr um mein Leben fürchten. Doch – wie viel weiter ich sein könnte, wäre ich anfangs kein Analphabet gewesen! Es zermürbt mich.

Ich finde, der größte Fehler in Afghanistan ist die fanatische Auslegung der Religion. Das war einer der Gründe, warum ich mich dem Christentum anschloss. Meine Familie in Afghanistan kann das nicht gut nachvollziehen und es gibt große Meinungsverschiedenheiten zwischen uns, was den Glauben angeht. Insbesondere mit meinen Cousins, die im Iran leben. 

Ich habe noch Kontakt zu einem Mädchen in Afghanistan, aber es ist sehr schwierig, sie hierher zu bringen. Wir haben letzte Woche telefoniert. Es ist so viel Zeit vergangen und ich kann mir nicht vorstellen, wie es mit uns weitergehen soll, ich warte ja selbst noch auf meine Erlaubnis, hier zu bleiben. Alles erscheint ungewiss; ein Afghane, den ich kannte, wurde bereits abgeschoben. Das Wichtigste für mich im Leben ist es, keine Angst vor dem morgigen Tag mehr haben zu müssen. Die Probleme, die mich in Afghanistan erwarten würden, mögen unvorstellbar schrecklich sein.

 

Wie schön ist es, Menschen kennenzulernen,

mit denen man sich versteht,

in meinem Leben gab es nicht so viele.

Alles wäre besser, wenn ich bleiben dürfte.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.


Die Menschen in Deutschland zeigen viel Verständnis dafür, wie schwierig es für jemanden wie mich ist, sich hier einzufinden, und ich habe niemals Druck gespürt. Dafür danke ich den Deutschen. Ich habe wenig Kontakt zu meiner Familie und ich vermisse meine Mutter. Vor allem jedoch sehne ich mich nach Sicherheit.

 

Arash (30)

stammt aus Ghazni in Afghanistan. Über längere Stationen in Iran, Griechenland, Frankreich, Schweden und Norwegen kam er schließlich nach Deutschland, wo er um seine Aufenthaltserlaubnis bangt.
*der Name wurde aus Sicherheitsgründen geändert

Die Suche nach meiner Stimme

Rasul*

Ghazni, Afghanistan

 

Als ich jung war,

fiel es mir schwer zu sprechen.

Oft stand ich wie versteinert da

und konnte keine Reaktion zeigen.

Ich stand auch wie versteinert,

als die Taliban meinen Vater

aus dem dritten Stockwerk eines Gebäudes stießen.

 

Ich war damals sechs Jahre alt und lebte mit meiner Familie in der Provinz Ghazni. Insgesamt waren wir sieben Geschwister, vier Brüder und drei Schwestern, und ich war das vierte Kind. Ich weiß bis heute nicht, was die Umstände von Vaters Tod waren. Mit einigen Schafen rannte ich in die Berge. Erst, als ich eine Stelle fand, wo mich keiner sehen konnte, konnte ich zu weinen anfangen. Mein Vater lag im Koma, doch sein Grabstein wurde bereits geschliffen. Nach drei Monaten erwachte er entgegen aller Erwartungen aus dem Koma, aber er hatte sein Gedächtnis verloren. Meine Mutter gab mir etwas Geld, damit ich nach Iran zu meiner Tante gehen konnte. Dort sollte ich eine Therapie anfangen, um Sprechen zu lernen. Da war ich sieben.


Seitdem sind zehn Jahre vergangen

und ich habe meine Eltern nicht mehr gesehen.

Mein größter Wunsch ist es,

meine Mutter noch einmal zu sehen,

ihr in die Augen zu schauen und sie zu fragen,

warum sie mich in so frühen Jahren wegschickte.

Mein Wunsch ist es,

dass meine Mutter mich anschaut

und mich ihren Sohn nennt.


Ich denke nachts manchmal darüber nach, aber finde keine Erklärung. Es gibt nun mal Dinge, für die es keine Erklärung gibt. Mit sieben Jahren lebte ich also in Iran, konnte aber die Schule nicht besuchen, weil ich keinen richtigen Ausweis besaß. Ich war im Bau beschäftigt, Kachelarbeit war meine Aufgabe, und nachts schlief ich im Gebäude. Ich arbeite dort fünf Jahre, aber fürchtete mich die ganze Zeit, weil ich keine legalen Papiere besaß und man mich deshalb verhaften und ausweisen könnte.


Schließlich erfuhr ich, dass ich nach einem sechsmonatigen Militäreinsatz in Syrien die iranische Staatsbürgerschaft erhalten und in Iran bleiben könnte. Ich habe es gewagt und bin nach Syrien gegangen, wo ich und andere der Regierung halfen, gegen den IS zu kämpfen. Ich musste sehr vieles sehen und ertragen. Einen Bombenregen, der über die Stadt fiel. Zerstörte Mauern. Vor meinen Augen starben Menschen, floss viel Blut. Bis heute habe ich Alpträume und kann das, was geschehen ist, nicht vergessen und nicht darüber sprechen. Ich weiß noch genau, dass wir siebzehn Jungs waren, die nach Syrien gingen und gegen den IS kämpften. Drei Monate hielt ich es dort aus, aber für sechs Monate fehlte mir die Kraft. 

 

Von siebzehn jungen Männern kehrten

nur drei lebend nach Iran zurück,

alle anderen sind in Syrien gefallen.
Mir war klar geworden,

dass es nur eine Frage der Zeit wäre,

bis ich selbst im Krieg fallen würde.

Ich wäre zwar ein Märtyrer geworden,

aber der Wille, am Leben zu bleiben, war stärker.

 

In Iran beschloss ich, perspektivlos wie ich war, mich auf den Weg nach Europa zu machen, nach Deutschland, wo es nur besser werden konnte. Auf dem gesamten Weg begleitete mich mein Cousin, der schon länger vorgehabt hatte, nach Europa zu fliehen. Die Entscheidung fiel in einer Nacht sehr spontan. Ein Schlepper nahm uns in seinem LKW mit in Richtung Türkei. Die Grenze überquerten wir zu Fuß. Wir hielten uns eine Woche lang in der Türkei auf, bis wir das Wasser erreichten. Wie schon so viele vor uns, stiegen wir in Schlauchboote und versuchten Griechenland zu erreichen. Beim ersten Versuch schickte die Wasserpolizei uns wieder zurück. Zwei Nächte später wagten wir einen erneuten Anlauf. Wir näherten uns Athen und es kam zu einem Unfall, der vieles veränderte. Unser Schlauchboot stieß gegen eine Klippe und ein Riss begann sich auszubreiten. Zum Glück wurden wir von einem großen Schiff entdeckt und an Bord genommen.


Sie retteten unser Leben und brachten uns auf jene Insel, wo auch alle anderen Flüchtlinge untergebracht wurden. Jeder bekam ein Dokument, das ihm die Weiterreise ermöglichte. Mit diesem Ticket fuhren wir nach Mazedonien, danach Richtung Bulgarien und von dort aus nach Österreich, später dann nach Deutschland. Wir wussten nicht genau, wo es hinging mit dem Bus, bis man uns sagte, wir hätten Berlin erreicht. Das war 2015. Anfangs lebte ich in der Heerstraße mit 100 anderen Menschen in einer Jugendherberge und es war für mich nicht einfach. Wir bekamen zwar Essen, aber manchmal war es alt und vertrocknet. Sechs Monate lebte ich dort. Mein einziges Ziel während dieser Zeit war es, an meiner Stimme zu arbeiten, und ich danke Gott dafür, dass ich mit meiner Betreuerin einen Psychologen fand und Sprachtraining erhielt. Langsam konnte ich wieder besser sprechen und ich gewann mit dem Sprechen einen Teil meines Ichs zurück.

 

Da ich in meiner Heimat nicht Lesen und Schreiben gelernt hatte, war ich sehr glücklich darüber, in Deutschland die Schule zu besuchen. Ein neuer Weg, der mir vieles in der Zukunft ermöglichen wird. Aber nicht alles verlief immer so, wie ich es mir wünschte. Eines Tages wurde ich vom Verwaltungsgericht einbestellt und wurde dort interviewt. 

 

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich

noch nie von meinem Aufenthalt

in Syrien gesprochen, ich hatte Angst.

Ich fürchtete, dass ich wieder nach Syrien,

Iran oder Afghanistan zurück

und erneut um mein Leben fürchten müsste.

Ich erhielt eine Ablehnung

und die schlechten Erinnerungen

an den Krieg wurden wieder stärker,

so stark, dass ich mich in

psychologische Behandlung begeben musste.

 

Doch ich stellte fest, dass es hier für jedes Problem eine Lösung gibt. Vieles, was ich nicht für möglich gehalten hatte, wurde möglich durch die Hilfe, die ich bekam. Heute besuche ich die neunte Klasse und kann ab nächstem Jahr eine Ausbildung beginnen. Außerdem nehme ich nun an einer Gesangs- und Theatergruppe teil, wir haben eine Vorstellung in der alten Tischlerei bei der Deutschen Oper gegeben. Das Schöne an dieser Gruppe ist, dass es nicht nur Afghanen sind, die mitwirken, sondern auch Menschen aus anderen Teilen der Welt, wie zum Beispiel Amerikaner, Osteuropäer, Afrikaner und Araber. Ich habe einen Solopart in der Vorstellung und schaffe es immer wieder ohne zu stottern meinen Part vorzusingen. Ich bin sehr stolz, ein Teil dieser Gruppe zu sein.

 

Natürlich habe ich vor, eines Tages hier zu heiraten. Ich verstehe mich gut mit Mädchen, hatte schon drei Freundinnen. Mir ist es nicht wichtig, woher sie kommt, sondern ob sie freundlich ist und wie ich den Wunsch hat eine Familie zu gründen. Gerne möchte ich früh eine Familie und Kinder haben und wenn ich Arbeit finde, wird es auch möglich sein.

 

Gerne möchte ich mit älteren Menschen arbeiten. Ich möchte mich an der Gesellschaft beteiligen und hasse es, außen zu stehen. Wenn ich Geld habe, werde ich meiner Familie und meinen Freunden helfen, ich spare schon jetzt und helfe so gut ich kann. Meine eigene Familie zu gründen ist mein größter Wunsch.

 

Rasul (17)

wurde früh von seiner Familie aus Ghazni fortgeschickt. Bereits mit sieben Jahren schlug er sich in Iran allein durch, zog schließlich nach Syrien in den Krieg, um eine iranische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Die Schrecken vor Ort waren jedoch so groß, dass er den Einsatz abbrach, um sein Leben zu retten. Zurück in Iran, beschloss er mit seinem Cousin, auf der Suche nach einer besseren Zukunft nach Europa zu fliehen.
*der Name wurde aus Sicherheitsgründen geändert

Von Schafen und Wölfen

Omid*

Char Darah, Afghanistan

 

Ich kann den letzten Tag in Afghanistan nicht vergessen. Mein Vater war wie immer ernst und fragte in seiner trockenen Art: Bist du bereit? Und es näherte sich der Moment des Abschieds. Ein Auto mit Schleppern vor unserer Tür wartete darauf, mich mitzunehmen. Zum Auto war es nicht besonders 

weit, doch der Weg kam mir sehr lang vor und es fiel mir nicht leicht mich zu verabschieden, vor allem von meiner Mutter und meiner kleinen Schwester. Mein Herz war schwer vor Trauer und ich schluchzte, verschluckte mich an den Tränen, die ich aufzuhalten versuchte. Als Junge versucht man eben, seine Tränen zu verbergen. Ich packte alles Wichtige in meinen Rucksack, band mir die Schuhe in Gedanken an den Koran, für den Segen einer heilen Fahrt. 

Während der Fahrt dachte ich an meine Heimat und das Dorf, das ich verlassen musste. Ich wollte auch selbst nicht mehr in dem Dorf leben; ich verband damit genügend Demütigungen, war sehr oft verletzt worden. 

 

Seit mein Bruder geflohen ist,

kommt mir das Gesicht meines Vaters

wie versteinert vor.

Ich werde niemals die Tränen

im Gesicht meiner Mutter vergessen,

die von meiner verängstigten Schwester

umklammert wurde.

 

Als ich gerade erst neun Jahre alt war, spielte sich eine sehr traumatische Szene in meinem Leben ab. Da wir sehr arm waren und es kein fließendes Wasser im Haus gab, ging ich mit meiner Schwester an eine Quelle Wasser holen. Auf dem Weg zurück hielten uns zwei Taliban mit Gewalt auf und fragten mich, wo sich mein Bruder versteckt hielt. Ich weinte und antwortete schluchzend, dass ich es nicht wüsste. Ein Mullah kam mir zu Hilfe und ermahnte die bärtigen Männer, sagte ihnen, dass ich noch ein Kind sei. Er nahm mich bei der Hand und brachte mich zu meinen Eltern. Von da an fürchtete ich mich, das Haus zu verlassen und Freunde zu treffen; mein Vater hat sich danach entschlossen, mich als Schäfer in einem anderen Dorf arbeiten zu lassen. 

Von da an hüteten ich und ein anderer Junge bis zu 600 Schafe am Tag. Von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends wachten wir über die Schafe, schützten sie vor hungrigen Wölfen und kennzeichneten sie mit unterschiedlichen Farben. Daher fehlte mir die Zeit, die Schule zu besuchen und Lesen und Schreiben zu lernen. Meine Verbindung zur Außenwelt war ein kleines Radio, auf dem ich usbekische Musik hörte. Ich verbrachte meine Zeit damit, die Schafe zu zählen und sie abends beisammen zu halten. Falls es dazu kam, dass die Schafe auf anderen Feldern fraßen, beschwerten sich die Feldbesitzer oder prügelten sogar auf uns ein. Die Schläge der Feldbesitzer sind die tragischsten Erinnerungen an mein Arbeitsleben als Schäfer. Aber es gab auch schöne Momente, nämlich wenn die Schafe gebaren. Jedes Mal, wenn ein Schafbaby auf die Welt kam, wickelte ich es in meine Jacke und spielte mit ihm. Das machte mich sehr glücklich.

Zwei Jahre arbeitete ich als Schäfer und durfte nur einmal im Monat meine Familie im Dorf besuchen. An diesen Tagen sah ich meine Eltern und Schwestern, aß mit ihnen und freute mich über die freundliche Art meiner Mutter. Sie wurde jedoch getrübt durch die Unfreundlichkeit und Grobheit meines Vaters. Es kam auch schonmal dazu, dass er mich prügelte. Als jüngster Sohn der Familie bin ich mit sechs Geschwistern aufgewachsen. Mein ältester Bruder ist 40 Jahre alt, lebt in Iran und handelt dort mit Stoffen. Er ist mit zwei Frauen aus Afghanistan verheiratet, von denen er auch Kinder hat. Meine älteste Schwester hat nach ihrer Heirat die Familie in Kundus ebenfalls verlassen. So wie ich nicht die Schule besuchen konnte, konnten es meine Geschwister auch nicht. Sie sprachen Usbekisch, in der Schule wurde in Dari und Paschtu gelehrt. In meiner Familie, wie auch in unserem Dorf, sind fast alle Analphabeten. Nur ein Mullah in der Moschee konnte lesen und schreiben, lehrte den Menschen den Koran und das Beten und las ihnen ihre Briefe vor.

Meine Familie und ich hatten stets sehr große Probleme mit den Taliban, weil mein Opa und mein Bruder Polizisten waren. Die Taliban haben meinen Opa getötet. Als mein Bruder der Polizei davon erzählen wollte, drohte man ihm ebenfalls mit dem Tod. Deshalb entschied er sich, selbst Polizist zu werden. Die Taliban kamen daraufhin fast täglich zu meinen Eltern und fragten, wo ihr ältester Sohn sei, er solle gefälligst zurückkommen und nicht mehr bei der Polizei arbeiten. Sie schickten uns einen Drohbrief, in dem stand: Wenn euer Sohn nicht zurückkommt, werden wir alle in eurem Haus töten. 

Meine Eltern haben den Brief viel zu spät vom Geistlichen im Dorf übersetzt bekommen und baten meinen Bruder umgehend, zurückzukommen. In der Nacht, als er schließlich zu uns kam, war es gerade ein Uhr und ich versteckte mich allein in einem Zimmer. Kurz danach kamen die Taliban ins Haus. Mein Bruder schaffte es zu entkommen, doch die Taliban drohten mir: „Wo ist dein Bruder? Wie hat er es geschafft zu entkommen? Wir werden euch alle töten!“ Neben uns wohnte ein Mullah, der alles beobachtete. Dem Taliban, der mich im Garten festhielt, sagte er, er solle mich in Ruhe lassen. Eine Nacht später verkaufte mein Vater unser Grundstück, um einen Schlepper zu bezahlen, mit dem ich später das Land verließ. 

Vier Wochen vor meiner Flucht ging ich zur Hochzeitsfeier des Sohnes meiner Nachbarn. Meine Mutter hatte an dem Tag nicht gekocht und sagte mir, ich könne bei den Nachbarn essen. Ich freute mich, dort mit den Gästen zu tanzen und Musik zu hören. Nachdem alle gegessen hatten und ausgelassen feierten, kam es zu jenem verhängnisvollen Augenblick, der ausschlaggebend für meine Flucht war. Im Nebenzimmer speisten Anhänger der Taliban. Als sie fertig waren, kamen sie in den anderen Raum, wo sie mich sahen. Klein und wehrlos muss ich auf sie gewirkt haben. Ich hatte große Angst, zitterte am ganzen Körper und konnte keinen Ton von mir geben, um nach Hilfe zu rufen. Es waren drei oder vier Männer, die mich in ein anderes Zimmer zerrten, mich schlugen und danach sexuell missbrauchten. Ich war völlig hilflos und habe keinem davon erzählt, weil mir die Männer mit dem Tod drohten. Erst viel später habe ich zum ersten Mal über dieses traumatische Erlebnis gesprochen, als ich in Deutschland im Gericht befragt wurde.   

Die Misshandlung und die Nacht, in der die Taliban meine Familie in unserem Haus überfielen, waren der Grund für meine Flucht nach Deutschland für den Preis des Landes meines Vaters.

 

Die Schlepper brachten mich

von Kundus nach Pakistan,

von dort nach Iran,

von Iran in die Türkei,

von Ankara bis nach Istanbul.

Bis wir das Wasser erreichten,

und ich mit 30 anderen

in einem Boot nach Griechenland fuhr.

Danach kann ich mich

an nichts mehr erinnern.

 

Das Entkommen vor den Taliban, die mich töten wollten, und die Freiheit in Deutschland waren der größte Vorteil, den die Flucht mit sich brachte. In Afghanistan ist alles unruhig und gefährlich. Wenn ich zurückkehre, droht mir der Tod. In Berlin lebte ich als erstes in einem Hostel in der Nähe des Alexanderplatzes. Jetzt wohne ich in einer WG in der Clayallee, wo alles um mich herum sehr grün ist.
Wenn man mich fragt, ob ich Afghanistan oder Deutschland lieber mag, ziehe ich Deutschland vor. Hier kann ich die Schule besuchen und mein Ziel ist es, eine Ausbildung zu finden. Derzeit besuche ich eine Schule für Gärtnerei und Recht und ich habe einen Praktikumsvertrag über vier Wochen als Krankenpfleger erhalten, worüber ich mich sehr freue. Außerdem spiele ich zweimal die Woche Fußball und am Wochenende gibt es immer ein Turnier.

 

Ich habe bisher

fünfmal die Schule gewechselt.

Oft werde ich gefragt,

warum ich eine Zeit lang im Wohnheim

stundenlang vor dem Fenster stand.

Jeder dachte,

ich würde springen.

Dabei habe ich bloß

die Natur beobachtet.

Ich wollte frei sein.

 

Ich habe viel darüber nachgedacht, warum ich Analphabet bin, und an die Zeit, die ich in der Heimat in den Bergen verbracht habe. Momentan befinde ich mich im Asylverfahren und hoffe sehr, dass ich hier meine Aufenthaltserlaubnis erhalte. Dafür ist es von Vorteil, einen berufsqualifizierenden Lehrgang abzuschließen und eine Ausbildung zu bekommen. Die Entscheidung vom Verwaltungsgericht steht leider noch nicht fest und ich mache mir Sorgen. Die Ungewissheit nagt an mir.

Eigentlich ist es mir egal, wen ich später heirate, sei es eine Syrerin oder eine Afghanin. Für mich ist es wichtig, dass wir uns gut verstehen und aus der Zukunft das Beste machen. Nach meinen Vorstellungen bin ich erst am Ziel, wenn das Asylverfahren abgeschlossen ist und ich die Sicherheit habe, hier leben zu können. In Afghanistan droht mir der Tod. Ich hoffe, das Gericht glaubt mir, und ich erhalte das Recht zu bleiben. Alles kann nur besser werden. An eine bessere Zukunft zu glauben, kann nicht verkehrt sein.

 

Omid (17)

stammt aus Char Darah in der Provinz Kundus in Afghanistan. Er arbeitete für seine Familie bereits im Kindesalter als Schäfer und lernte daher weder zu lesen noch zu schreiben. Da er von den Taliban verfolgt und misshandelt wurde, schickte ihn sein Vater mit der Hilfe von Schleppern auf die Flucht. Mit ca. 13 Jahren kam er nach Deutschland und lebte anfangs mit mehreren afghanischen Jugendlichen in einer Unterkunft in Berlin. Die Verständigung war jedoch zunächst schwer, denn er sprach weder Farsi noch Dari. Heute beherrscht er Farsi und Deutsch sicher, lebt in einer WG und geht in die neunte Klasse. Außerdem hat er einen Vormund gefunden, der als Rechtsanwalt arbeitet und sich für sein Bleiberecht einsetzt.
*der Name wurde aus Sicherheitsgründen geändert

Weil ich Hazara bin

Ali Reza*

Daku Tabe, Afghanistan

 

Manchmal fließen Tränen,

wenn ich an meine Heimat denke,

ich denke viel über sie nach.

Wie nah liegen Freude und Leid beieinander?

Wie konnte sich ein gutes Schicksal

auf einmal in ein schlechtes wenden,

warum wurde aus Glück plötzlich Trauer?


Wenn ich an meine Kindheit im Dorf denke, vermisse ich die Tiere, mit denen ich spielte, ich vermisse den Nachbarsgarten, wo ich Äpfel vom Baum pflücken durfte. Ich erinnere mich, wie ich meinem Bruder einen Apfel zuwarf, wir lachten und aßen ihn danach mit Freude. Wie schön war es, einen Drachen in die Luft steigen zu lassen, ihn fliegen zu sehen. Und wie sehr kann diese Freude von ernst blickenden Erwachsenen getrübt werden. Sie nahmen uns das einzige Glück, das wir hatten. Es war kein teurer Stein, kein Gold, keine Schatztruhe.

 

Sie stahlen uns, was wir am meisten liebten.

Sie haben unsere Kindheit gestohlen,

als sie unsere Freude am Drachensteigen nahmen.

Der Tag, an dem wir den Drachen

nicht mehr steigen lassen durften,

war der Tag,

an dem ich kein Kind mehr sein durfte.

 

Ihre Blicke zwangen uns, einen ungewissen Weg zu gehen, der steinig war und uns endlos erschien. Einen Weg, der bis heute nicht zu Ende ist. Letztlich gab es in meiner Heimat nur zwei Wege: entweder wirst du ein gehorsamer Soldat, oder du fliehst und gehst in eine andere Welt, eine Welt, die du nicht kennst.

Als ich klein war, lebten wir im Dorf Daku Tabe in Bamiyan. Ich weiß noch, wie sehr sich meine Eltern freuten, wenn wir im Garten spielten oder zusammen aßen. Für meine Eltern war es das schönste auf der Welt. Warum hat Gott ihnen das genommen und unser Leben zerstört? Was haben wir getan, dass wir auf so einer Weise bestraft werden? Ist es, weil wir Hazara sind? Ist es, weil wir Schiiten sind?

Bis zu meinem fünfzehnten Lebensjahr hatte ich als Hazara noch nie Probleme gehabt. Sie fingen an, als ich erwachsen wurde. Sie fingen an, als wir das Dorf verließen, und als ich in die neunte Klasse kam. Die meisten Afghanen sind Sunniten, dazu zählen vor allem Paschtunen und die Taliban. In Afghanistan, sagt man, werden Hazara gezielt getötet, und das schon seit Jahrhunderten. Ich frage, wann hat das ein Ende? Sobald ich in Bamiyan lebte, machten mir meine Mitmenschen ihre Ablehnung zunehmend deutlich. Ich kann mich an einen Tag erinnern, als mein Kung-Fu Lehrer mich nach dem Training zu sich rief und mit mir unter vier Augen sprechen wollte. Er erzählte, die Taliban seien in unseren Trainingsraum gekommen und hätten über mich gesprochen. Sie hatten mitbekommen, wer ich war – was ich war – und wollten mich von den Wettkämpfen ausschließen. Weil ich Hazara war. Weil ich Schiit war. Weil ich der Sohn eines ehemaligen Polizisten war. 

Seit meinem 10. Lebensjahr trainiere ich Kung Fu, ich war sogar so gut, dass ich in die Nationalmannschaft aufstieg und an Turnieren in Kabul teilnahm. Davor, sagte mein Trainer, kannte mich kein Mensch. Doch nun, da ich in der Nationalmannschaft war, sei das etwas anderes. Die Menschen wüssten nun, wer ich sei, und wollten nicht, dass ich trainierte. Mein Trainer riet mir, nachts nach dem Training vorsichtig zu sein.

Zweimal kam es vor, dass ich ohne meine Trainingspartner, ebenfalls Hazara, allein nach Bamiyan zurückgehen musste. Es war dunkel und der Weg dauerte mehr als eine Stunde. Beim ersten Mal verfolgte mich ein bärtiger Mann, der unter seinem Schal eine Waffe trug. Ich rannte los, als er sich mir näherte. Trotzdem hatte ich keine Angst und ging weiterhin zum Training. Mein Trainer schimpfte etwas mit mir, weil ich allein gegangen war, aber er sprach mir auch Mut zu, ich sei ja ein starker junger Mann.

Beim zweiten Mal, als ich gedankenverloren nach Hause lief, ereignete sich der Augenblick, der mein Leben verändern sollte. Zwei bärtige Männer hielten mich fest und beschimpften mich. 

 

Sie wurden handgreiflich,

beleidigten mich und schrien mich an,

warum ich noch länger zum Training ginge.

Ich fragte, warum nicht;

sie sagten, beim nächsten Mal

würden sie mich töten.

Sie drohten mir, ich solle mich

mit meinem Bruder lieber den Taliban anschließen.

Sie traten mich, bis ich schreiend davonlief.

Als letztes hörte ich zwei Schüsse,

das Piepen in meinen Ohren hält bis heute an.

 

Ich kann diesen Moment nicht vergessen, ich zitterte am ganzen Körper, schrie und weinte vor Angst. Aber noch trauriger machte es mich, dass ich nicht mehr trainieren, und nicht mehr an Wettkämpfen teilnehmen konnte. Zuhause angekommen ging ich, ohne etwas zu sagen, in mein Zimmer und sprach mit niemandem in der Familie über den Vorfall. Dann wurde ich krank. Tage vergingen, bis mein Trainer meinem Vater von dem Vorfall erzählte. Mein Vater und meine Brüder hielten es für die einzige Lösung, mich nach Iran zu schicken, zu einigen Bekannten. 

Nach 25 Tagen Schwarzarbeit erwischte man mich dort und ich war gezwungen, weiter in die Türkei zu fliehen. Es war der Sommer 2015. Insgesamt kostete die Reise 4000 Dollar, das Ersparte, das mein Vater mir gegeben hatte, war bereits aufgebraucht. Ich gelangte über die Grenze in ein Dorf, in dem ich für drei Monate Arbeit fand, um etwas Geld anzusparen.  So konnte ich von Istanbul aus weiter zum Meer. 

Wir überquerten es mit Schlauchbooten, die uns nach Athen brachten. In Athen hatten wir großes Glück, dass man uns Tickets für einen Bus gab, mit dem wir nach Mazedonien fuhren. Dort nahmen wir einen Zug nach Österreich. An der Grenze zu Deutschland warteten wir einen Tag, bis wir mit einem Zug nach Berlin fahren konnten. Ich war sehr glücklich, im November 2015 endlich anzukommen. Man schickte mich in ein Heim in der Heerstraße. Dort lebten etwa 100 jugendliche Geflüchtete und ich teilte mir ein Zimmer mit vier von ihnen. Ich hatte keine großen Erwartungen und freute mich über die Betreuer, über das Essen und die anderen Jugendlichen, mit denen ich mich anfreundete. Tagsüber zeichnete ich, spielte Gitarre, und nach dem Essen konnten wir uns alle in einer gemütlichen Runde zusammensetzen und reden. Ich liebe es zu singen und die Sitar zu spielen. Mein großes Vorbild heißt Dawood Zarkosh. Er ist ein aktivistischer Sänger und ich bewundere ihn, weil er in seiner Musik das afghanische Leid und seine Seele widerspiegelt. Eines Tages möchte ich dasselbe tun.

Sechs Monate verbrachte ich im Heim. Ich sehnte mich danach, wieder zur Schule zu gehen, doch dafür muss man zuerst mit der Willkommensklasse anfangen. Das dauert eine Weile, etwa sechs bis sieben Monate. Während dieser Zeit lenkte ich mich mit Musik ab, wollte wieder mit dem Sport anfangen. An der August-Sander-Schule in der Warschauer Straße schaffte ich es, meinen Berufsqualifizierenden Lehrgang abzuschließen und bereitete mich auf die Prüfung für den Mittleren Schulabschluss vor, bis ich im März 2017 vom Verwaltungsgericht zu meinem Aufenthalt befragt wurde. Ich erhielt eine Ablehnung mit der Aufforderung, das Land zu verlassen, wogegen ich sofort eine Klage einreichte.

 

Dieser Moment hat mich zurückfallen lassen

und an die alten Probleme

in Afghanistan erinnert.

Ich konnte nachts nicht schlafen

und träumte von meiner Hinrichtung.

Jedes Mal, wenn das geschah,

erwachte ich schreiend aus dem Schlaf.

 

Dadurch konnte ich mich tagsüber nicht richtig konzentrieren und meine Betreuer machten sich große Sorgen um mich. Sie schickten mich in psychologische Behandlung zu einer Perserin, die mich seit einem Jahr betreut. Trotzdem habe ich nicht aufgegeben und habe weiterhin die deutsche Sprache gelernt. Ich bin dabei, mich im Bereich Sozialwesen einzugliedern, um einen Beruf zu erlernen. Ich würde gerne Pfleger oder Sozialarbeiter werden.

Das Jugendamt unterstützt mich, den richtigen Weg zu gehen, und ich habe keine negativen Erfahrungen mit Deutschen gesammelt, bis auf den Punkt, dass ich das Gefühl habe, dass deutsche Jugendliche nichts mit mir und meinen Freunden zu tun haben wollen. Es macht mich etwas traurig, weil ich gerne mit anderen Menschen in Kontakt stehe. Trotzdem finde ich, dass die Deutschen aufrichtige und intelligente Menschen sind, die mir direkt ihre Meinung sagen. Ich kann mich ihnen anvertrauen, ohne Angst zu haben, nur weil ich einer Minderheit angehöre. Ich muss keine Angst haben, wegen meines Glaubens benachteiligt zu werden, was in meiner Heimat völlig anders war. Ich bewundere das Land für seinen Fortschritt, vor allem finde ich das Verkehrssystem sehr gut, hier werden im Gegensatz zu Afghanistan die Regeln eingehalten. Das einzige, was ich an Deutschland kritisiere, ist die strenge Bürokratie gegenüber Flüchtlingen. Ich finde einige Urteile falsch.

 

Ich habe erlebt,

wie jugendliche Flüchtlinge,

die sich nicht richtig verhalten

und sogar kriminell werden,

eine Aufenthaltsberechtigung erhalten haben

und Jugendliche wie ich,

die sich anpassen und etwas lernen möchten,

abgelehnt werden.

 

Wenn ich einen Beruf erlernt habe und in meiner eigenen Wohnung lebe, Sport machen und Singen kann, dann bin ich zufrieden. Meine Familie hat mir versprochen, wenn ich das alles geschafft habe und unabhängig bin, werden sie mir aus der Heimat eine nette Afghanin aussuchen und sie zu mir schicken. Das ist nicht nur der Wunsch meiner Familie, sondern auch der meine.

 

Ali Reza (19)

kommt aus einer kleinen Stadt in Afghanistan. Er war national sehr erfolgreich in Kung Fu, musste jedoch nach Iran fliehen, weil er als Schiit in Bamiyan einer religiösen Minderheit angehörte. Von dort aus kam er in die Türkei, wo er sich durch Schwarzarbeit genügend Geld verdienen konnte, um schließlich nach Berlin zu kommen. Hier bangt er um seinen Aufenthaltstitel und träumt davon, die Menschen mit politischer Musik zu erreichen, wie sein großes Vorbild Dawood Zarkosh.
*der Name wurde aus Sicherheitsgründen geändert

Gefangener meiner Geschichte

Morteza*

Ghazni, Afghanistan

 

Ich habe sehr schlechte Erinnerungen an meine Kindheit in Afghanistan. Ich wuchs in Ghazni auf, in der Nähe von Kabul, und habe mich schon immer gefragt, warum meine Eltern und meine älteren Schwestern mich nicht allein ließen.  Wir standen uns nicht sehr nahe, dennoch hatten sie ständig Angst, mir könnte etwas Schlimmes zustoßen. Ich durfte nicht allein in den Gassen mit den anderen Jungs spielen, weder Murmeln noch Fußball. Als ich mich doch einmal allein raus traute, schlugen mich die anderen Kinder und ich lief unter Tränen nach Hause. Auch daheim gab es einige Schwierigkeiten. Deshalb dachte jeder in der Familie, ich könne mein Leben nicht allein meistern, man müsse ständig auf mich aufpassen. Einmal ließ ich aus Versehen eine Gasflasche fallen. Als ich sie in die Küche bringen wollte, stürzte sie die Treppen herunter in den Keller und es gab eine kleine Explosion. Ein großer Teil des Kellers stand in Brand, es war sehr schwierig alles zu löschen. Zusammen haben wir es geschafft, das Schlimmste zu verhindern. Ich habe großen Ärger bekommen, wurde geschlagen und beschimpft.

Mein Vater arbeitete im Basar, meine Mutter war krank und die ganze Zeit zuhause. Ich weiß nicht einmal, was ihr wirklich fehlte. Ich half ihr daheim bei der Arbeit und bediente unsere Gäste. Als ich sie einmal fragte, warum ich nicht draußen spielen durfte, hieß es, ich könnte von Taliban entführt werden. Das kommt vor in unserer Gegend, die Taliban fordern Lösegeld für die Freilassung, ansonsten droht der Tod durch Zerstückelung. 

Als ich sechs war, zog meine Schwester mit ihrem Ehemann nach Kabul. Meine Mutter blieb wegen ihrer Krankheit in Ghazni, mein Vater blieb bei ihr und kümmerte sich um sie. Doch ich folgte meiner Schwester nach Kabul. Sie arbeitete selbstständig in ihrem eigenen Zimmer als Friseurin und ich half ihr im Haushalt. Viele Frauen ließen sich von meiner Schwester frisieren und ich schaute immer still und bewundernd dabei zu. 

 

Als ich sieben wurde und es Zeit war,

zur Schule zu gehen,

haben es meine Schwester und ihr Ehemann mir nicht erlaubt.

Der Schulweg war zu weit und

es lauerten viele Gefahren am Wegesrand.

 

Jahre vergingen und die Umstände verschlechterten sich, Krieg brach schließlich aus. Meine Schwester entschied sich, mit ihrem Mann in den Iran zu ziehen, nach Teheran. Wir mieteten dort eine Wohnung, mein Schwager arbeitete auf dem Basar, lieferte Stoffe und Kleidung aus.
Als ich zwölf war, sagten sie mir, ich müsse arbeiten gehen, sie könnten nicht mehr allein für mich sorgen. Also half ich meinem Schwager als Verkäufer auf dem Basar. Er gab mir Kleidung und Stoffe, die ich in unterschiedlichen Passagen an Händler verkaufte. 

 

Von da an begriff ich den Ernst des Lebens.

An einigen Tagen lief es gut,

an anderen Tagen kam es schon mal vor,

dass die Polizei in ziviler Kleidung alle

illegalen Arbeiter aus Afghanistan

festnahm und zurückwies.

 

Da ich noch sehr jung war, gelang es mir in diesen Momenten stets, mich schnell hinter der nächsten Ecke zu verstecken, doch plagte mich jedes Mal die Angst, erwischt und ausgewiesen zu werden. Jedes Mal zitterte ich am ganzen Körper. Wenn ich dann nach Hause kam, schauten mich meine Schwester und ihr Ehemann unfreundlich an. Sie selbst hatten ein Visum und teilten meine Sorgen nicht. Sie nahmen mir jeden Toman aus der Tasche, den ich verdient hatte und zwangen mich trotz meiner Angst jeden Tag von Neuem zum Verkaufen der Kleidung und Stoffe in den vielen kleinen Passagen des Basars. Ab und zu musste ich mit einem Handwagen Ware vom Basar transportieren und dabei die Autobahn überqueren. 

Eines Tages geschah ein tragischer Unfall. Ein LKW übersah mich und meinen Handwagen, ich prallte zurück, die gesamte Ware stob auseinander, ich verlor das Bewusstsein. Im Krankenhaus wachte ich wieder auf. Zwei Wochen war ich dort, ich hatte eine Gehirnerschütterung und Verletzungen am ganzen Körper. Damit nicht genug – der Fahrer des LKWs kam in Begleitung einiger Männer ins Krankenhaus, hob mich gewaltsam samt Schläuchen aus dem Bett und wollte mich zur Polizei bringen. Ich sollte aussagen, dass es mir gut ginge, er wollte seinen Führerschein zurück. Das Krankenhaus hielt die Männer zum Glück auf, aber mich verfolgen bis zum heutigen Tag die Erinnerungen an diesen Tag, wie auch die Folgen meines Unfalls, die mich von der Hilfe anderer abhängig gemacht haben.

Als es mir besser ging, gab es wieder Streit mit meiner Schwester und ihrem Ehemann, für die ich immer mehr zur Last wurde. Sie hatten mittlerweile selbst Kinder. Sie wollten, dass ich wieder arbeite. Letztendlich warf mich meine Schwester aus der Wohnung und ich war gezwungen, mir eine neue Bleibe zu suchen. Ich ging durch die Stadt, sah ein Hochhaus mit einer Baustelle, fand neue Arbeit und durfte dort sogar schlafen. Ich tat dem Chef etwas leid, da ich jünger und schmächtiger als die anderen war. Er sah mir an, wie traurig ich war und wollte mir helfen. Auf seinen Rat hin sparte ich einige Monate etwas Geld an und suchte einen Schlepper in Teheran, um eine bessere Zukunft in Europa zu finden.

Mit einem Auto fuhren wir von Teheran über die Grenze in die Türkei. Als wir die iranische Stadt Qazvin durchquerten, hielt uns die Polizei an, nahm uns fest und fragte die Schlepper, was sie mit mir vorhatten. Ich sagte, ich wolle meine Familie in der Türkei besuchen, doch sie glaubten mir nicht und wollten mich nach Teheran zurückfahren. Ich weinte, während die Schlepper verhaftet wurden. 

 

Während der Fahrt weinte ich noch immer,

war unruhig und flehte die Polizisten an,

mich nicht zurückzubringen.

Ich hatte ja niemanden mehr in Teheran.

Plötzlich hielten die Polizisten an

und warfen mich aus dem Wagen.

Sie sagten, ich solle meinen eigenen Weg finden.

 

Ich lief in ein Dorf, rief von dort aus erneut Schlepper an und teilte ihnen mit, wie schlecht es mir ergangen war. Sie antworteten, ich solle dort bleiben, sie würden mich abholen. Mit großen Schwierigkeiten erreichten wir schließlich die Türkei, wo wir mit einem Auto Richtung Istanbul fuhren. Wir hielten uns dort etwa eine Woche auf, in einem Zimmer mit 20 anderen Menschen. Man kann sich so viele Menschen in einem Raum kaum vorstellen. Es gab großen Streit und Missgunst unter uns, keiner half dem anderen, jeder wollte so schnell wie möglich nach Europa. Wir gingen an die Küste Richtung Griechenland, versteckten uns im Grünen, bis man uns Plastikboote gab. Die Boote waren sehr klein, wir sehr viele. 

 

Während der Fahrt rangen wir um unser Leben,

bedroht durch Wind und Wellen.

Ich band mich mit einem Seil fest,

weil ich nicht schwimmen konnte.

Und plötzlich fiel der Motor aus.

 

Unser Glück war, dass genau in diesem Moment ein großes Schiff an uns vorbeifuhr, uns entdeckte und an Bord nahm. Auf dem Schiff gab es warme Decken und etwas zu Essen, zwei Stunden später erreichten wir eine Insel in der Nähe von Athen.

Auf der Insel nahm uns die Polizei fest und brachte uns in ein Zelt, wo auch schon andere Flüchtlinge warteten. Jeder wurde nach seinen Personalien gefragt, es wurden Fingerabdrücke genommen. Wir blieben vier Tage auf der Insel, bis man uns nach Athen schickte. Dort konnten wir uns etwas Geld von einem Afghanen leihen. In Athen fanden wir eine Gruppe, der wir uns anschlossen und zusammen fuhren wir mit einem Bus nach Mazedonien. Über die Grenze liefen wir zu Fuß, mit einem weiteren Bus erreichten wir Kroatien. Viele Flüchtlinge machten sich von dort aus mit Bussen auf den Weg zur Grenze zwischen Österreich und Deutschland. Davor wurden wir alle in einer Kantine versammelt, man nahm erneut unsere Fingerabdrücke und fragte nach den Personalien. Wir blieben dort acht Stunden, bis uns ein Bus nach Berlin fuhr, in eine Erstaufnahmestelle für minderjährige Flüchtlinge in der Wupperstraße.

Im Nachhinein betrachtet, begann mein Leben an diesem Punkt, sich zum Positiven zu wenden. Es gab einige Pädagogen, die sich mit uns unterhielten und uns die deutsche Sprache lehrten. Ich fand dort auch Vormünder, die mir von da an halfen, meine Aufenthaltsangelegenheiten zu regeln, außerdem durfte ich zur Schule gehen. 

 

Ich ging hier zum ersten Mal zur Schule und fing an,

Lesen und Schreiben zu lernen.

Leider aber erst mit sechzehn.

Es hat mein Leben völlig verändert,

ich habe seitdem das Gefühl,

als Mensch ernst genommen zu werden.


Meine Vormünder, ein nettes Ehepaar aus Berlin, kümmerten sich um alle bürokratischen Angelegenheiten, vor allem um den Asylantrag – der wurde jedoch abgelehnt. Ich fühlte mich wie zurück in Teheran, hoffnungslos und ungewiss, was die Zukunft angeht.

Ich verdanke es meinem Vormund, dass ich hier bleiben konnte. Er setzte sich viel für mich ein, er stellte einen neuen Asylantrag für mich. Ich habe Hoffnung, eine positive Antwort zu erhalten.
Ich fand eine WG, in der ich mich wohlfühle, und bin dabei eine Ausbildung zu suchen. Ich lerne Malen und die deutsche Sprache, so gut es nur geht, damit meine Chancen auf Aufenthaltserlaubnis größer werden. Verglichen mit Afghanistan ist das Leben in Deutschland viel einfacher, aber wenn man hier eine Weile lebt, ergeben sich andere Schwierigkeiten. Ich befinde mich in einem Alter, wo jeder eine Freundin sucht, mir geht es nicht anders. Aber ich habe das Gefühl, die Mädchen in meinem Alter vertrauen mir nicht und nutzen mich nur aus. Zum Beispiel wollte eine Vierzehnjährige, dass ich ihr Alkohol und Zigaretten kaufte, weil ich achtzehn bin. Ich tat es, weil ich mit ihr befreundet sein wollte, doch sie hat mich bloß ausgenutzt.

In meiner jetzigen Unterkunft fühle ich mich manchmal benachteiligt, weil es schonmal vorkommt, dass ich beklaut werde, oder man mir mit Gewalt droht, weil ich mich etwas anders als die anderen verhalte. Mein größter Wunsch ist es, die Aufenthaltserlaubnis zu bekommen und in einer eigenen Wohnung zu leben. Meine Mission ist hier erst beendet, wenn ich wie ein Deutscher zur Arbeit gehe und Geld verdiene. Ich würde am liebsten ein persischsprachiges Mädchen kennenlernen, heiraten und mit ihr eine Familie gründen. Wenn man mich fragt, was für mich typisch Deutsch ist, würde ich sagen, eine gewisse Hochnäsigkeit. Doch die Deutschen sind auch fleißige und selbstbewusste Menschen, die zu großem Wohlstand gekommen sind. Ich finde, Deutschland ist ein sauberes Land und die Regierung hilft allen Menschen.

 

Ich würde lieber sterben,

als nach Iran oder Afghanistan zurückzukehren.

Ich mag es mir nicht einmal vorstellen.

Ich habe in meinem Leben so viele Qualen durchlitten,

in der Hoffnung,

dass es mir eines Tages besser geht.

 

Morteza (18)

kommt aus Ghazni in Afghanistan. Von seiner Familie und seiner Umgebung hat er früh viele Schranken erfahren, erst mit 16 lernte er in Deutschland schließlich das Lesen und Schreiben und damit auch eine größere Selbstständigkeit kennen. Durch seine Vormund-Familie in Berlin bekommt er die nötige Unterstützung, um eigene Pläne für seine Zukunft zu schmieden.
*der Name wurde aus Sicherheitsgründen geändert

Sternenkind

Azma*

Kunduz, Afghanistan

 

Es ist der neunte Monat, ich befinde mich in den letzten Tagen meiner Schwangerschaft. Sehnlichst warte ich auf die Geburt meiner Tochter, bin bereits im Krankenhaus registriert. Ich kann sie fühlen, ich spreche in Gedanken zu ihr.

Wir hatten es nie sehr leicht in Deutschland, eine erste Ablehnung haben mein Mann und ich bereits bekommen. Auf unseren Widerspruch hin wurde eine zweite Anhörung vor dem Verwaltungsgericht gewährt, aber ich hatte die Befürchtung, dass wir wie im letzten Jahr eine Absage erhalten würden und diesmal das Land verlassen müssten. Wir warten bis heute auf eine Antwort. 

In meiner Heimat Kunduz habe ich nie das Lesen und Schreiben lernen können. Vielen Frauen in Afghanistan geht es genauso, es wird ihnen verboten. Mein Vater war beim Militär und bekam große Probleme mit den Taliban, wodurch er gezwungen war, über lange Phasen zu Hause zu bleiben. Wir standen uns sehr nah. Ich habe vier Brüder, von denen keiner mehr in Afghanistan lebt. Sie sind verstreut in verschiedenen Regionen: Pakistan, Iran, einer lebt in Europa. 

Mit vierzehn habe ich geheiratet, meinen Cousin, er ist acht Jahre älter als ich. Er arbeitete als Bauer auf einem Reisfeld und war ebenfalls Analphabet. Wir hatten große Angst vor den Taliban, die das Gebiet beherrschten, weshalb mich mein kranker Vater schließlich bat, das Land zu verlassen. Er wollte nicht, dass wir weiterhin in diesem gefährlichen Gebiet lebten, wo wir schlechte Zukunftsaussichten gehabt hätten. Schließlich haben wir es geschafft zu fliehen, Ende 2014 war das. Am 20. Dezember 2015 erreichten wir nach vielen Stationen Deutschland, zusammen mit unseren vier Kindern. 

In Berlin zogen wir dann von Heim zu Heim. Ich wurde schwanger und gebar 2016 eine Tochter, bald darauf folgte eine weitere Schwangerschaft. Es ist nicht leicht mit fünf Kindern im Heim, mein Mann und ich waren völlig überfordert mit der Situation. Schließlich wurden wir in einen Container auf dem Tempelhofer Feld umgesiedelt. Im Winter war es sehr kalt dort und im Sommer viel zu heiß, doch wir schöpften etwas Hoffnung, weil unsere Kinder zur Schule gehen und Deutsch lernen konnten. Anders als mein Mann und ich würden sie Lesen und Schreiben lernen können und sich eine gute Zukunft aufbauen.

Ich weiß nicht, ob es die schlechten Bedingungen waren, in denen wir lebten, die Hitze im Juni 2018. Jedenfalls war ich im vierten Monat schwanger, als ich mein Kind verlor. Unaufhaltsam ging das Leben um mich her weiter, während ich mich in eine Therapie begab. Wir bekamen die Möglichkeit, in ein besseres Heim zu ziehen und fanden für meine jüngste Tochter einen Kindergartenplatz. Ich wurde erneut schwanger.

Es ist der 23. März 2019. Eine letzte Sonographie soll vor der Geburt stattfinden. Die Ärztin setzt den Ultraschallkopf an, fährt damit wieder und wieder über meinen Bauch, doch nur mein eigener Herzschlag ist zu hören. Das Herz des Ungeboren hat aufgehört zu schlagen. 

Ich will es nicht glauben, kann es gar nicht. Ich soll möglichst schnell ins Krankenhaus fahren und mein totes Kind gebären, sagt die Ärztin. Tot. Meine Tochter, die ich neun Monate in meinem Bauch getragen habe. Meine Tochter, mit der ich geredet habe. Tot. Von Ferne höre ich mich selbst schreien, dann wird es schwarz um mich.

Zwei Tage dauert es, bis mein Baby zur Welt kommt. Die Hebamme legt mir den kalten Körper zum Abschied auf die Brust. Vergeblich warte ich darauf, dass mein Kind zu schreien beginnt, warte, bis mich ein tiefer Schlaf überfällt. Im Traum erscheint mir meine Mutter, die ebenfalls eine Tochter verloren hat. Die ihren Mann sterben sehen musste, all ihre Söhne die Heimat verlassen. Meine alten Nachbarn aus Afghanistan erscheinen mir, die ihre Kinder durch die Taliban verloren haben.

Schwarz ist zu meiner Farbe geworden. Einen Aufenthaltstitel haben wir nicht. Meine Kinder kann ich kaum noch ansehen. Wie soll es nur weitergehen?

 

Azma (30)

kommt aus Kunduz in Afghanistan. Mit 14 wurde sie mit ihrem Cousin verheiratet, im Jahr 2014 flohen die beiden gemeinsam mit ihren vier Kindern nach Europa. In Berlin wurden sie von Unterkunft zu Unterkunft geschickt und haben bereits einen Ablehnungsbescheid erhalten. Shakiba hat in Berlin eine fünfte Tochter zur Welt gebracht, zwei weitere Kinder verlor sie spät in der Schwangerschaft.
*der Name wurde aus Sicherheitsgründen geändert