Ich erinnere mich

Anonyme Autorin

Syrien

 

Ich war 10 Jahre alt. Ich erinnere mich an die brennenden Tränen meines Vaters. An meine Traurigkeit und Angst. An diese furchtbare Nacht. An so viel, dass ich mein Gehirn auskotzen möchte, damit jede Erinnerung verschwindet.

Ich war 12 Jahre alt. Ich erinnere mich an meine Stärke. Wie ich weiterleben konnte, obwohl es keine Gründe dafür gab. Ich erinnere mich so gut, als wäre ich eine 50jährige Frau, im Körper einer 12-Jährigen.

Ich war 14 Jahre alt. Ich erinnere mich daran, zum ersten Mal mein Herz zu spüren. An den Glanz ihrer wunderschönen Augen. An ihr faszinierendes Lachen. Ich erinnere mich an ihre Worte, die mir meine Dunkelheit erleuchteten.

Ich war 15 Jahre alt. Ich erinnere mich an meine Depression. An meine Einsamkeit. An die Menschen, die mir am nächsten waren, und meine brennenden Wunden genossen. Ich erinnere mich so gut an den Kreis, in dem ich gefangen war. Jeder Weg führt mich zurück zu seiner düsteren Mitte, jeder Weg führt mich zurück zum Nullpunkt.

Ich war 16 Jahre alt. Ich erinnere mich an ihren Blick im Gedränge. Ich erinnere mich an die Wärme, die ich spürte, wenn ich sie umarmte. Ich erinnere mich, wie sie mein Ausweg war, meine Sicherheit, meine Seele.

Ich war 17 Jahre alt. Ich erinnere mich an unsere heimlichen Treffen. Ich erinnere mich an ihr Lachen. An die Berührungen ihrer sanften Hände. An jede kleine Einzelheit. Ich erinnere mich so gut daran, wie ich mich gefühlt habe. An mein Herz und meine Seele, die mit Freuden in diesem Gefühl ertranken, ohne nach Rettung zu rufen.

Ich war 18 Jahre alt. Ich erinnere mich an meine wiederkehrende Depression. Ich erinnere mich an ihren Abschied nach unserem letzten Treffen. An all die Gefühle, die in ihrem Kuss lagen. Ich erinnere mich an ihre traurigen Augen. An den Schmerz, der sich durch meinen Körper bohrte, bis sich ein Teil meiner Seele abspaltete und zu ihr zurückflog. An den Moment, als ich ins Flugzeug stieg, und an das Lied, das in Endlosschleife in meinem Kopf lief. Wie ich weinte. Wie ich hoffnungslos war. Wie meine Träume verschwanden. Ich erinnere mich, wie ich die Stadt von oben sah, und ein Stück meiner Seele zurückließ.

Ich bin 19 Jahre alt. Meine Gefühle sind eingefroren, ohne dich. Jetzt habe ich aufgegeben, habe keine Träume mehr, keine Hoffnungen. Ich lebe ohne Ziel, ohne Gefühle, nur so vor mich hin. Es ist die Hölle.

 

Anonym (18)

ist Syrerin, lebte aber von ihrem dritten Lebensjahr an in Saudi-Arabien. Seit 2019 ist sie in Leipzig und macht momentan einen B1-Deutschkurs. Schreiben ist ihre große Passion und all das, was ihr Halt geben kann.

Ungreifbar wie ein Regenbogen

Anonym

Afghanistan

 

Die große Frage: Traum oder Ziel?
Alle sagen, dass Träume nicht greifbar sind.
Ich sage, dass Träume gar nicht existieren und nie existiert haben.
Die Vergangenheit, die die Zukunft war, hat mein Herz gebrochen.
Sie forderte all meine Gefühle, raubte mir meine Familie und Freunde.
Während des Träumens gibt es diese Freiheit, die eine Lüge ist.
Wie ein Regenbogen, sichtbar, aber doch ungreifbar.
Eine ideale und vollkommene Welt, die die Menschen
zur Flucht vor der Realität für sich selbst erbaut haben.

Aber ich glaube an etwas, das man Ziel nennt,
weil es mir immer meine Wünsche erfüllt.
Vielleicht komme ich an eine Sackgasse und brauche einen neuen Plan.
Ich denke daran, was passieren könnte,
wenn die Angst bei den Menschen nicht existierte.
Wenn sie alle ihre Lebensschritte zum Klingen brächten,
wie die Tasten eines Klaviers.
Das einzige Gefängnis dieser Welt sind die Tabus in den Köpfen der Menschen.
Kommt und lasst uns die Grenzen überschreiten.
Ohne Angst, Fehler zu begehen.

 

Anonym (23)

Der Autor flüchtete vor vier Jahren auf dem Seeweg aus Afghanistan.

Wer da reingeht, ist verloren

Anonym

Hama, Syrien

 

Ich entschied mich freiwillig,
nach Deutschland zu gehen.
Es gab mehrere Gründe, die mich bewegten,
aus der Heimat wegzugehen.
Die Heimat, die Welt, in der ich meine Kindheit,
meine Jugend mit all ihren schlechten und guten Seiten verbrachte.

Ich entschied mich, nachdem ich zum sechsten Mal
aus der Verhaftung freikam.
Aus dem Gefängnis, das den Ruf hatte:
„Wer da reingeht, ist verloren,
wer da rauskommt, wird neugeboren“.

Meine Befreiung von der Wehrpflicht war vorbei,
Soldaten waren überall,
und meine Aktivitäten beschränkten sich darauf,
in den benachbarten Garten zu gehen oder zu Hause zu lesen.
Nach langen Verhandlungen zwischen
einem meiner Verwandten und dem
bekannten Parlamentsabgeordneten Ahmad Mubarak,
versicherte er mir, mich aus der Stadt zu lassen.
Gegen eine Summe von 2500 Euro.
Ich saß zusammen mit sechs abtrünnigen Soldaten
und war der einzige Zivilist.
Wir passierten mehrere Kontrollpunkte,
ohne durchsucht zu werden, dann erreichten wir das Dorf Jibrin,
wo wir bis zum Sonnenaufgang warten sollten.
Abends gaben sie uns Armeeuniformen und Waffen.
Ich sagte, dass ich damit nicht umgehen könne,
sie meinten: „Einfach tragen, um anzugeben.“

Zu unserer Überraschung sahen wir beim Rausgehen
über 24 Autos von derselben Marke wie unser Fahrzeug.
Darin waren viele Familien.
Der Chef der Truppe war der Schwager von Ahmad Mubarak.
Er sagte zu uns:
„Auf dem Weg sind Kontrollpunkte der Armee.
Wenn jemand euch anhält, erschießt ihn und fahrt weiter.“

 

Anonym (23)

wurde in Hama in Syrien geboren. Aufgrund seiner traumatischen Erlebnisse und der Sorge, durch seine Worte das Leben seiner Familie in Syrien zu gefährden, möchte er unerkannt bleiben. In einem Zeitraum von zwei Jahren war der junge Mann insgesamt sechs Mal für jeweils mehrere Monate im Gefängnis, die erste Verhaftung war 2011. Ende 2015 kam er mit dem Boot über das Mittelmeer nach Deutschland.

Tragische Helden

Anonym

Hama, Syrien

 

Ich bin gealtert,
mein Haar ist weiß geworden,
den tragischen Begebenheiten
der letzten Jahre geschuldet.
Wie viele Gefangene haben Ungerechtigkeit
und Arroganz erlitten?
Wie viele Gefangene haben Folter
und Angst ertragen,
diese Schrecken gekannt?
Wie viele Gefangene wurden Folter ausgesetzt,
an Körper und Geist?
Wie haben sie dieses Leben
in der kalten Folterkammer
hinter sich gelassen?

Wie absonderlich dieses Leben ist!
Das Leben hat diese Helden vergessen,
die gekämpft haben
gegen die Ungerechtigkeit.
Ihre Leben wurden verwirkt in der Ödnis.
Ihre Seelen sind noch immer
auf der Suche nach einem Ort,
an dem sie sich von der Tortur erholen können.
Des Nachts, rund um ihre Gräber,
suchen ihre Seelen spürbar nach Ruhe.

Werdet ihr je zurückkehren, ihr Helden?
Werdet ihr die Menschen zum Triumph führen,
wie verhießen?
Werdet ihr die Tyrannen besiegen können?
Diese Tyrannen haben uns beraubt,
getötet, unser Land geplündert.
Die grausamsten aller Tyrannen.
Diese Tyrannen haben Angst
und Schrecken verbreitet allerorts.
Doch diese Verbrecher haben vergessen,
dass das Feuer Gottes sie erwartet.

 

Anonym (23)

wurde in Hama in Syrien geboren. Aufgrund seiner traumatischen Erlebnisse und der Sorge, durch seine Worte das Leben seiner Familie in Syrien zu gefährden, möchte er unerkannt bleiben. In einem Zeitraum von zwei Jahren war der junge Mann insgesamt sechs Mal für jeweils mehrere Monate im Gefängnis, die erste Verhaftung war 2011. Ende 2015 kam er mit dem Boot über das Mittelmeer nach Deutschland.

Entscheidung

Anonym

Hama, Syrien

 

Wenn ich mit dem Schreiben anfange,
fühlt es sich so an,
als ob ich eine persönliche Erfahrung von jemandem erzähle,
der nur hässliche Kriege erlebt
und sich in seinem Leben nie wohlgefühlt hat.
Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich erzähle, dass ich mir,
aufgrund der ständigen Misshandlungen meines Henkers,
oft den Tod gewünscht habe.

Ich war einer der ersten Demonstranten gegen das Assad-Regime.
Meine Geschwister waren strikt dagegen und hatten viel Angst.
„Diese Leute sind in der Lage, alles für ihre Macht zu tun,
dabei gehst du nur unter!“
Sie sind bis heute dieser Meinung.
Manch eine Demonstration zählte bis zu einer Million Menschen.
Im Zentrum von Hama, als ich einer verletzten Person half,
die wenig später ihren Verletzungen erlag,
sagten Regierungssoldaten zu mir:
„Wir werden euch alle vernichten.“

Sie brachten mich in die Außenstelle des Luftwaffengeheimdienstes,
die am Rande der zerstörten Stadt liegt,
fingen an mich mit ihren Waffen zu schlagen und mich zu foltern.
Ich blutete überall, verlor mein Bewusstsein.

Täglich wünschte ich mir die Freiheit aus der Geiselhaft,
sie dauerte 4 Monate lang.
Während meiner Gefangenschaft
sah ich die Sonne nicht ein einziges Mal,
hörte nicht ein einziges Mal von meinen Geschwistern.

Jede meiner Verhaftungen hat meine Geschwister
eine Menge Geld gekostet.
Und so sagten sie irgendwann:
„Du bist wehrpflichtig geworden.
Du musst hier raus.“

 

Anonym (23)

wurde in Hama in Syrien geboren. Aufgrund seiner traumatischen Erlebnisse und der Sorge, durch seine Worte das Leben seiner Familie in Syrien zu gefährden, möchte er unerkannt bleiben. In einem Zeitraum von zwei Jahren war der junge Mann insgesamt sechs Mal für jeweils mehrere Monate im Gefängnis, die erste Verhaftung war 2011. Ende 2015 kam er mit dem Boot über das Mittelmeer nach Deutschland.

Wiedersehen

Anonym

Damaskus, Syrien

 

am flughafen wartete ein junger mann
auf seinen flug, sah die leute ringsum
und wie sie sich begegneten
nach 21 jahren in der ferne wünschte er
sein land wäre ein mensch
um ihm seine gefühle mitteilen zu können

er fürchtete, seine heimat
könnte ihn nicht mehr erkennen
er fürchtete, seine kleinen geschwister
könnten ihn nicht mehr erkennen
ebenso wenig wie seine freunde

all das dachte er beim letzten aufruf
der passagiere nach damaskus
er war glücklich und hatte angst
er war unentschlossen und fürchtete
der letzte wunsch seiner mutter
könnte nicht in erfüllung gehen
ihn wiederzusehen
vielleicht würde auch sie ihn nicht erkennen

als er ankam, sah er nur fremde
die ihn begrüßten
dann sah er seine mutter im rollstuhl
sie sprach zu ihm,
du licht meiner augen
er rannte zu ihr, umarmte sie
und alles begann zu singen

doch nichts berührte ihn so sehr
wie das wiedersehen mit seiner heimat
und in diesem moment wünschte er sich,
ihr erzählen zu können, wie sehr er sie vermisst hatte
und wie schwierig es war,
von ihr getrennt zu sein

 

Anonym (17)

aus Damaskus in Syrien, geht auf die Leopold-Ullstein-Schule in Berlin.