Keine Grenzen überhaupt

Tristan Ludwig

Mannheim, Deutschland

 

Hallo hallo wo gehörst du hin wo wo?
Kein Ort innerhalb der Grenzen Deutschlands
Kein Ort innerhalb von Grenzen überhaupt
Nein über sie hinaus
Hinaus über was gedacht werden soll
Hinaus über Altbauhäuser wie Vorstadtbauten und Ohrensessel
Der Schnee mag aussehen wie Asche
Aber wenn, dann noch immer neu und frisch
Alles bedeckend, aber nein, das Bedeckte verschwand
Da bin ich zu Hause, wo man nicht mehr zu Hause sein braucht
Wo der Abdruck meines Körpers im Neuschnee undeformiert bleibt
An jedem Ort, an dem ein Schneeball fliegt
Oder immerhin da, wo man darüber zu reden wagt
Immerhin da, wo noch nicht alles geschmolzen ist und giftig dampft
Ich mag Fahnen ihres Stoffes wegen und Städte wegen ihrer Straßen
Am meisten jedoch mag ich den Schnee, der sie bedeckt
Freie weiße unbebaute Fläche
Keine Grenzen überhaupt

 

Tristan Ludwig (18)

macht aktuell ein Freiwilliges Sozial Jahr beim Nationaltheater in Mannheim. Er mag stilles Wasser und findet es wichtig, für Gefühle in Kunst oder Musik ausdrücken zu können. Was er später einmal machen möchte, weiß er noch nicht.

Das schöne München

Fanny Haimerl

München, Deutschland

 

Wie soll ich München beschreiben?
Wie soll ich den Glanz beschreiben,
denjenigen, die es nicht kennen.
Ein Ort für die Schönen.

Beneidet von anderen.
Das ist München.

Wo es Reichtum gibt.
Wo Menschen Porsche fahren.
Wo Leute sich selbst lieben.
Das ist München.

Wovon ich nie genug bekomme.
Wo ich meine Wurzeln habe.
Das ist München.

Wo sich die Reichsten fragen, wer der
Reichste ist.
Wo kein Preis die Gier stoppt.
Das ist München.

Ich vermisse deine Straßen,
ich vermisse deine Museen,
ich vermisse deine Biergärten,
die wir jeden Sommer besuchten.
Ich vermisse deine Nächte,
die warm und voller Leben sind.
Das ist München.

Eine Stadt voller Schönheit.
Eine Stadt voller Licht.
Wo die Armut verdrängt wird.
Wo die Leute die Augen verschließen
vor dem Elend.
Aus Egoismus.
Nicht aus Angst.
Das ist München.

 

Fanny Haimerl (16)

würde nach ihrem Abitur gerne Literaturwissenschaften und Kunstgeschichte oder Dokumentarfilm studieren. Sie lebt mit ihrem Bruder und ihren Eltern in Münchens Innenstadt. In ihrer Freizeit schreibt, zeichnet und collagiert sie viel. Außerdem schaut sie gerne Dokus und hört Podcasts. Am liebsten reist sie jedoch und wenn sie zuhause ist, hat sie stets Fernweh.
Dieser Text bezieht sich auf Rojin Namers Damaskus.

Lüge

Maya Taherpour Kalantari

Moers, Deutschland

 

„Sie sieht so glücklich aus!“
„Sie ist immer so selbstsicher!“
„Ich wünschte ich wäre wie sie…“

Es ist alles eine Lüge, was du von ihr zu sehen bekommst.
Nur sie allein kennt die Wahrheit.

Setze ein Lächeln auf und alles wird gut.
Richtig?

 

Maya Taherpour Kalantari (15)

wohnt zurzeit gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren drei Geschwistern in einem Haus. Für die Zukunft hat sie noch keine festen Pläne, würde aber gern die Welt bereisen. Sie zeichnet, tanzt und singt gern, wovon nicht viele wissen, da sie sich selbst als eher schüchtern beschreibt. Seit ihrem ersten Poetry Workshop befasst sie sich zudem gern mit dem Schreiben von eigenen Texten.

Fantasie

Johin Nüße

Uckermünde, Deutschland

 

Aus Fantasie entstehen Fabelwesen
Aus Fabelwesen entstehen Freunde
Aus Freunden entsteht Familie
Aus Familie entstehen Generationen
Aus Generationen entsteht Veränderung
Aus Veränderung entsteht die Welt

Aus der Welt entsteht Krieg
Also entsteht der Krieg in unserer Fantasie?

 

Johin Nüße (17)

wohnt in Ueckermünde, direkt am Stettiner Haff, und besuchte im März 2019 eine Schreibgruppe des Poetry Projects im Schloss Bröllin.

Verschwiegene Träume

Hanna Riegenring

Berlin, Deutschland

 

Elisa, 5
träumt vom Frieden,
dass die Welt aufhört mit Kriegen,
sie möchte nicht mehr jede Nacht wach liegen.
Hätte sie das Steuer
würde sie aufhören mit dem täglichen Feuer.
Sie würde ihrer Mama helfen,
deren Tränen jede Nacht mit ihrem T-Shirt verschmelzen.
Wo ihr Papa ist, wüsstet ihr gerne?
Das stand für sie immer in der Ferne.
Sie würde gerne über Trauer, Angst und Hunger siegen,
doch über das alles hat sie stets geschwiegen.

Betty, 9
hat alles,
sie kam in eine perfekte Familie dank eines Zufalles.
Ihre Eltern konnten ihr alles geben,
Kleider, Puppen und deren Ansicht nach ein perfektes Leben.
Sie konnte alles bekommen, was sie begehrt,
doch der Wunsch nach Zuneigung und Liebe wurde ihr immer verwehrt.
Ihre Eltern arbeiten täglich bis tief in die Nacht,
sodass Hund Hannes stets über sie wacht.
Ihr Schmerz kam immer weiter hochgestiegen,
doch über das alles hat sie stets geschwiegen.

Anna, 10
möchte später auf alle Fälle Astronautin werden
Die Welt von oben erleben
Sich näher zu ihrer Mama in den Himmel begeben.
Einfach abhauen und verschwinden wie im Traum,
In die undeutlichen blauen Tiefen, in den Weltraum.
Sie möchte auf Wolken schweben, einfach frei leben
und sich der Schwerelosigkeit hingeben.
Sie möchte mit der Zahnfee plauschen,
zwischendurch zum Mann im Mond rauschen.
Auf Einhörnern fliegen,
doch über das alles hat sie stets geschwiegen.

 

Hanna Riegenring (16)

wohnt in Berlin und radelt, läuft und schwimmt aktuell für einen Triathlon.

Kuchen für alle

Fabian Reuber

Berlin, Deutschland

 

Schokoladenkuchen für mich
Papageienkuchen für Gott
Apfelstrudel mit Vanillesauce für Mama
Vanillekuchen für Papa
Zitronenkuchen für meinen Bruder
Erdbeerkuchen für Oma, meine Baka
Muffins für Helene Fischer
Apfel-Zimt-Kuchen für meine Klasse
Eierkuchen mit Schokolade im Urlaub mit meinen Eltern
Sogar der Teig ist aus Schokolade

 

Fabian Reuber (17)

kommt aus Berlin und ursprünglich aus Kroatien. Er lässt sich von seiner Behinderung nicht davon abhalten, sich auf Reisen die Welt anzuschauen. Irgendwann hat er vielleicht mal alle Kuchen probiert, die es gibt.

Sprache ist Leben

Rachel Ulrich

Berlin, Deutschland

 

Du liest dein Gedicht
In deiner Muttersprache
Über deine Sehnsucht
Über dein Leben
Und eigentlich verstehe ich nicht

Trotzdem
Spitze ich meine Ohren
Falle ich in den Klang
Höre ich die Emotionen
Durch die Zeilen
Und werde das Gefühl nicht los
Ich müsste Arabisch lernen
Um Poesie zu verstehen

Ich höre euch streiten
Auf Arabisch
Über Politik, Krieg, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit
Über Identität
Und ich verstehe nichts

Trotzdem
Spitze ich meine Ohren
Und werde das Gefühl nicht los
Keine Sprache hat Worte
Für den Schmerz
Den ein Krieg hinterlässt

Mir wird erzählt
Arabisch sei eine Sprache
Die einen eigenen Tag hat, an dem sie sich feiert
Die mehr als 120 Millionen Worte kennt
Die einen Reichtum an Dialekten besitzt
Die älter ist als die deutsche
Die ein Gedicht hat, das sich von links nach rechts und von rechts nach links gleichermaßen liest

Und ich denke an meine Kartoffel-Freunde
Die Yallah in ihren Wortschatz integrieren
Und im nächsten Atemzug
In bürgerlich-intellektueller Sprache
Durch die Blume sagen
Der Araber ist so und so
Sexistisch, terroristisch, fundamentalistisch, gefährlich

Ich verstehe nichts
Und werde das Gefühl nicht los
Egal welche Sprache
Keiner beherrscht die Sprache des Dialogs

Während ich schreibe
Einen Text
Der meine zärtlichen Gefühle für die arabische Sprache zu äußern versucht
Ärgere ich mich
Meine Worte gleiten mir aus den Fingern
Verlieren die Poesie
Weil es damit endet
Das Arabische zu politisieren

Ich verstehe nichts
und werde das Gefühl nicht los
Sprache ist Leben

 

Rachel Ulrich (22)

ist in Berlin aufgewachsen – der einzigen Stadt, die für sie zum Leben in Frage kommt. Ihr Spitzname ist „Rage“, und den würde sie gerne häufiger zum Programm machen. Sie mag Hip-Hop und Schuberts Winterreise, daneben ist sie 40-Stunden-Lohnarbeiterin. Sie liebt Lyrik, die sie tröstet und ihr beim Ruhefinden hilft, im Gegensatz zu Politik, denn die bewegt sie.

Verdrängungsmechanismus im Prenzlauer Berg

Lotti Spieler

Berlin, Deutschland

 

Den Winter vermisse ich genauso wie den Sommer,
immer dann, wenn das jeweilige Gegenstück
gerade nicht da ist.

Wenn mein Arm ab ist,
dann vermisse ich den auch,
weil so ganze ohne Arm,
ist ja auch dann scheiße.

Aber jetzt gerade ist er mir nicht so wichtig,
oder besser gesagt,
so wichtig, wie mir ein Arm eben sein kann,
oder sein muss,
weil am Ende brauche ich ihn doch,
und das kann auch ganz praktisch sein,
so ein Arm.

Meine Erinnerungen vermisse ich auch irgendwie,
aber nicht auf dieser Gefühlsebene.
Sie sind einfach nicht mehr da.

Vermissen muss ja auch nicht gleich ein Gefühl sein,
dann kann man auch den Kitsch vermeiden.
Zum Beispiel! Meine Schlüssel kann ich auch vermissen,
wenn sie grad nicht da sind,
und auch so ganz ohne Gefühle.
Dann brauch ich sie und wenn sie nicht da sind,
ist das halt doof,
wie mit dem Arm.

,,Erinnerst du dich noch an..?’’
Nee, ehrlich gesagt nicht,
aber ,,ja haha’’,
weil alle anderen sich ja auch erinnern und sonst wäre das komisch
und ich außen vor,
vielleicht sind das Verdrängungsmechanismen,
aber ich bin im Prenzlauer Berg aufgewachsen…

Eine schlechte Kindheit heißt da,
mal von der Oma Pommes von McDonalds mitgebracht bekommen zu haben,
weil die Scheiße ist ja, ist alles nicht glutenfrei und vegan,
dabei hat das arme Kind doch so viele Unverträglichkeiten.
Keine schlimme Kindheit, kein Verdrängungsmechanismus also.

Vermissen Menschen, die ihr Leben lang keine Walnüsse essen konnten,
weil sie wirklich allergisch sind, den Geschmack der Nüsse?
Oder Farbenblinde. Kann man denn etwas vermissen,
was man nicht kennt?
Vielleicht schon so ganz tief drinnen, das ist es doch auch,
worauf jede schlechte Roman-Romanze basiert.

Dass da was gefehlt hat bzw. in dem Fall jemand,
so innen drin halt.
Mir fehlt aber gar nichts.
Ich hab‘s ja dann doch ganz gut,
um jetzt nochmal auf das Moral-Wertschätzen-Ding zurückzukommen.
Mir fehlt nichts hier, ich hab‘ beide meine Arme und
meine Schlüssel gerade auch,
außerdem ne ganz solide Bildung,
glaube oder hoffe ich jedenfalls.

Ihr habt hier übrigens ne ziemlich krasse Akustik drin.
Man hört einfach jedes Wort,
das vor der Tür geredet wird.
Cool, aber auch ein bisschen gruselig.
Jetzt habe ich nichts mehr aufzuschreiben.
Eure Akustik hier ist echt geil.
Die werde ich heute vielleicht noch vermissen
oder vielleicht auch nicht, weil…
Wie gesagt, ist ja auch ein bisschen gruselig fremde Leute zu belauschen.
Macht aber auch irgendwie Spaß.

Kurzer Abschlussgedanke, wäre es nicht unfassbar cool, die Sonne wäre ein Loch?

 

Lotti Spieler (14)

ist, wie sie selbst behauptet, überbehütet im Prenzlauer Berg in Berlin aufgewachsen und besucht dort die Schule. In den letzten Jahren hat sie regelmäßig Lyrikpreise gewonnen, kritisiert stetig die unsichere Zukunft ihrer Generation und denkt oft laut auf Papier.

Was wäre, wenn

Sherin Cavlan

Berlin, Deutschland

 

Auf einmal Krieg.
Was, wenn auf einmal Krieg wäre?
Dann würde ich wegrennen.
Aber wohin?
Wenn auf einmal mein Vater nicht mehr da wäre oder meine Mutter nicht mehr neben mir?
Was würde mit mir passieren?
Würde ich es schaffen, zu fliehen?
All die Armut zu ertragen?
Würde ich es schaffen?
Krieg könnte mein ganzes Leben zerstören.
Es könnte mich zerstören.

 

Sherin Cavlan (16)

Sherins Familie kommt aus der Türkei und dem Libanon. Sie geht gerne schwimmen und tanzen, mag es, mit Familie und Freunden zusammenzusein. Wenn sie Gedichte schreibt, kann sie ihre Gefühle ausdrücken und fühlt sich dadurch besser.

Verletzt

Fatima Chouli

Berlin, Deutschland

 

Ich bin allein – allein in der Fremde.
Allein, wo niemand mit mir ist.
Ich fühle mich schlecht – schlecht, weil ich niemanden an meiner Seite habe.
Ich sehe fremde Blicke – Blicke, die mich angreifen.
Ich sehe Freunde – Freunde, die ich gerne auch hätte.
Ich sehe hübsche Jungs – Jungs, die ich gerne ansprechen würde.
Es verletzt mich, sie glücklich zu sehen.

 

Fatima Chouli (15)

Fatimas Familie ist vor ihrer Geburt aus Palästina nach Deutschland gekommen, sie ist in Berlin aufgewachsen. Die Heimat der Eltern ist ihr fremd, doch auch in Berlin fühlt sie sich oft einsam. Sie liebt es zu zeichnen und ins Boxtraining zu gehen, durch das Schreiben von Gedichten kann sie ihre Gefühle ausdrücken.

Kamen und gingen

Sophia Detzner

Berlin, Deutschland

 

Sie kamen allein
Voller Hoffnung mit einem Traum
Der Traum zerplatzte, Hoffnung blieb kaum
Und sie gingen allein

Sie kamen allein
Voller Hoffnung mit einem Traum
Die Hoffnung starb, für Träume kein Raum
Und sie gingen allein

Warum
Eine Annahme, so leer wie ein Buch ohne Inhalt
Ein Urteil, so viel schwerwiegender als es vielleicht scheint
Warum

 

Sophia Detzner (18)

hat gerade ihr Abitur an der Königin-Luise-Stiftung gemacht. Jetzt möchte sie gern Medizin studieren. Neben Naturwissenschaften interessiert sich Sophia vor allem für Literatur. In einem ihrer Seminarkurse, der sich mit Textproduktion beschäftigte, hat sie zusammen mit ihren Mitschüler*innen vor allem Essays und Kurzgeschichten, aber auch einen ganzen Roman verfasst.

Unsere Aufgabe

Emma Sörgel

Wendelstein, Deutschland

 

Integration kann so vieles bewegen.
Nicht zum Schlechten, sondern zum Guten.
Zum Miteinander.

„Es ist aber nicht unsere Aufgabe, sie zu integrieren!”

Es heißt oft, dass sie endlich unsere Sprache lernen sollen.
Aber wie sollen sie die Sprache lernen,
wenn wir nicht mit ihnen sprechen?

Es heißt oft, dass sie unsere Kultur kennenlernen sollen.
Doch das können sie nur, wenn wir sie ihnen zeigen.

Es heißt oft, dass Flüchtlinge gewaltsam sind.
Aber sind nicht wir diejenigen, die gewaltsam sind?

Integration klappt nur, wenn wir alle mithelfen.
Uns nicht verschanzen, hinter all den Vorurteilen.
Uns nicht abschotten, sondern auf andere zugehen.

Es heißt oft, dass die Flüchtlinge so werden sollen, wie wir.
Aber ist nicht jeder Mensch besonders, ganz auf seine Art?
Die Verschiedenheit macht die Welt doch erst bunt.
Es gäbe keine Freude mehr, wären alle gleich.

 

Emma Sörgel (14)

wohnt in Wendelstein und besucht das dortige Gymnasium. An ihrer Schule nimmt sie an der AG “Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage” teil und setzt sich dort unter anderem mit der Frage auseinander, wie man sich respektvoll im Schulalltag begegnet und was man tun kann, um jeglicher Form von Diskriminierung entgegenzutreten.

An die AfD

Sophia Grabendorfer

Wendelstein, Deutschland

 

Ich habe Angst.
Wenn ich durch die Straßen gehe und blau-rote Wahlplakate sehe, wird mir schlecht.
Wenn ich Andere ausländerfeindliche Parolen schreien höre, werde ich wütend.
Und wenn ich die Ergebnisse der letzten Wahl anschaue, bekomme ich Angst.

63 Jahre Frieden in Deutschland.
63 Jahre keine Parolen, keine Erschießungen, keine Konzentrationslager
und keine Angst ums eigene Leben.
Habt ihr nichts aus dieser Zeit gelernt?
Ist es so falsch, anderen zu geben, was wir gerade haben?

Es ist noch nicht so lange her,
da flohen deutsche Kinder nach Großbritannien, deutsche Familien nach Amerika.
Und heute wünschen sich viele „die guten alten Zeiten zurück“.
Welche guten alten Zeiten?

Ging es uns je besser als heute?
Können wir nicht ein bisschen Angst aus der Welt anderer Leute nehmen?

 

Sophia Grabendorfer (17)

wohnt in Wendelstein und besucht das dortige Gymnasium. An ihrer Schule nimmt sie an der AG »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage« teil und setzt sich dort unter anderem mit der Frage auseinander, wie man sich respektvoll im Schulalltag begegnet und was man tun kann, um jeglicher Form von Diskriminierung entgegenzutreten.

Integration

Samira Diesch

Wendelstein, Deutschland

 

Integration – ein kompliziertes Wort.
Integration – das erwartet man von ihnen.
Sich anpassen – das sollen sie.

Aber sind es nicht wir, die sich anpassen müssen?
Die sich üben müssen?
In Toleranz, Gleichheit, Offenheit?
Ihnen gegenüber?

Kulturen – so verschieden und vielfältig.
Nicht zählbar, nicht beschreibbar.

Sich wie Deutsche benehmen – das sollen sie.
Aber warum?
Und was ist das überhaupt?

 

Samira Diesch (14)

wohnt in Wendelstein und besucht das dortige Gymnasium. An ihrer Schule nimmt sie an der AG »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage« teil und setzt sich dort unter anderem mit der Frage auseinander, wie man sich respektvoll im Schulalltag begegnet und was man tun kann, um jeglicher Form von Diskriminierung entgegenzutreten.

Fremd

Lulya Yigzaw

Wendelstein, Deutschland

 

Fremd gefühlt habe ich mich,
als ich auf die neue Schule gekommen bin.
Ich fühlte mich fremd,
weil ich niemanden kannte.
Jeder hatte eine Person,
zu der er gehörte.
Ich nicht.

Ich fühlte mich fremd,
weil ich anders war als die anderen.
Ich verhielt mich anders
und hatte eine andere Hautfarbe.
Ich war schüchtern
und traute mich kaum
ein Wort zu sagen,
weil ich Angst vor den Reaktionen anderer hatte.

Doch dieses Gefühl vergeht,
wenn man sich akzeptiert fühlt,
sich zugehörig fühlt.

Denn letzten Endes
findet man immer eine Person,
bei der man sich niemals fremd fühlt.

 

Lulya Yigzaw (14)

wohnt in Wendelstein und besucht das dortige Gymnasium. An ihrer Schule nimmt sie an der AG Schule »ohne Rassismus – Schule mit Courage« teil und setzt sich dort unter anderem mit der Frage auseinander, wie man sich respektvoll im Schulalltag begegnet und was man tun kann, um jeglicher Form von Diskriminierung entgegenzutreten.

Winter

Rachel Ulrich

Berlin, Deutschland

 

Vor fünf Sommern
Warst du noch da
Hast gesagt
Rachel, pass auf dich auf
Einmal nachts, in Berlin, Sommerregen
Wir waren so jung und hatten nicht an Regenjacken gedacht
Da klingelten wir an deiner Tür

Und damals, da konntest du noch Türen öffnen
Du brachtest uns Handtücher und Kuchen

Dann Winter
Ich stehe draußen, die Kirche ist voll
Ich weiß nicht, ob du merkst, dass sie alle deinetwegen hier sind
Und ich – überfordert, mache Witze über den Tod

Fünf Sommer später
Heule ich mir die Augen aus dem Kopf
Endlich.
Einsicht: Du fehlst!

 

Rachel Ulrich (22)

ist in Berlin aufgewachsen – der einzigen Stadt, die für sie zum Leben in Frage kommt. Ihr Spitzname ist „Rage“, und den würde sie gerne häufiger zum Programm machen. Sie mag Hip-Hop und Schuberts Winterreise, daneben ist sie 40-Stunden-Lohnarbeiterin. Sie liebt Lyrik, die sie tröstet und ihr beim Ruhefinden hilft, im Gegensatz zu Politik, denn die bewegt sie.

Sprachlos

Rachel Ulrich

Berlin, Deutschland

 

Morgens
Es schallt aus dem Radio: Seehofer, Söder, AfD, Bayern
Während mein Kopf To-do-Listen macht
Konto einrichten
Überweisung
Radiorundfunkgebühren
Erwachsen werden
Ich frag mich, was mich so wütend macht
Seehofer: Der Islam gehört nicht zu Deutschland
Oder
Der Berg an Briefen
Der mich hindert
Den Seehofers, Söders und Gaulands
Die Fresse zu polieren

Arbeit
Der Schrecken wird wahrhaftig
Der Schrecken – eine Lehrerin, die „Witze“ macht
„Selbst die reinrassige, arische, Bio-Deutsche kann das ABC nicht“
Sie lacht
Ich kotze
Was problematisch ist, denn meine Kotze lässt mich nicht sprechen
Und meine Sprachlosigkeit lässt mich ein weiteres Mal kotzen

 

Rachel Ulrich (22)

ist in Berlin aufgewachsen – der einzigen Stadt, die für sie zum Leben in Frage kommt. Ihr Spitzname ist „Rage“, und den würde sie gerne häufiger zum Programm machen. Sie mag Hip-Hop und Schuberts Winterreise, daneben ist sie 40-Stunden-Lohnarbeiterin. Sie liebt Lyrik, die sie tröstet und ihr beim Ruhefinden hilft, im Gegensatz zu Politik, denn die bewegt sie.

Wo gehöre ich hin?

Helena von Beyme

Berlin, Deutschland

 

Es ist kein Ort
Vielleicht ein Lächeln
Ein freundliches Wort
Mein Platz ist hier
Die Sonne im Gesicht
Neben dir
Irgendwie suche ich
Wo will ich hin?
Ich suche mich

Wenn ich einsam bin
Schwimme ich in Worten
Und versuche nicht zu ertrinken
Ich finde Trost zwischen Sätzen
In Wörternischen mache ich mich klein
Versuche zu gefallen
Und doch trotzdem ich zu sein
Immer wieder diese Fragen
Was machst du?
Wo kommst du her?
Mal Wörterebbe
Mal Buchstabenmeer

Wenn du mich fragst,
wo ich hingehöre
Sage ich gleichzeitig hier und dort
Wo ich hingehöre
Ist kein gleichbleibender Ort
Wo ich hingehöre
Ist ein Lächeln alltäglich
Doch nicht weniger schön
Wo ich hingehöre
Gehen Menschen Hand in Hand
Wo ich hingehöre ist mehr als eine Stadt,
mehr als ein Land
Wo ich hingehöre
Leuchten vertraute Augen

 

Helena von Beyme (17)

ist in Berlin aufgewachsen. Sie tanzt und singt sehr gerne, auch wenn das gelegentlich ihre Familie stört. Ihre Lieblingsjahreszeit ist der Sommer, da sie sonniges Wetter liebt. Sprache hat sie schon immer fasziniert, und Gedichte zu schreiben ist für sie eine wertvolle Art und Weise, Gefühle auszudrücken.

Ich will sagen, du bist bunt

Helena von Beyme

Berlin, Deutschland

 

Deutschland, du kannst grau sein
Dein Wind weht durch schmale Straßen
Durch blonde und braune und schwarze Haare
Und für manche ist das ein Problem
Dass nicht alle gleich deutsch aussehen
Und was soll das überhaupt bedeuten?
Deutschland, kann ich sagen, du bist mein Land?
Kann ich deine Farben tragen?
Ein Schwarz und ein Rot und ein Gold
Wenn Fahnen wehen,
habe ich ein komisches Gefühl
Deutschland, ich will sagen, du bist bunt
Ich will sagen, du bist tolerant
Ich will sagen, du bist mein Land
Aber Deutschland, wo gehst du hin?
Nach rechts, nach links oder geradeaus?
Und wer sind die Menschen, die meinen, dich verteidigen zu müssen?
Die Angst haben vor Veränderung und Andersartigkeit?
Menschen, die deinen Namen schreien
Mit so viel Hass und so viel Wut
Wer sind diese Menschen, die behaupten zu wissen, wer du sein solltest?
Ihnen möchte ich nicht überlassen,
was du für mich bist
Ihnen möchte ich nicht überlassen,
was du wirst
Deutschland, ich möchte deinen Namen sprechen
und mich gut dabei fühlen

 

Helena von Beyme (17)

ist in Berlin aufgewachsen. Sie tanzt und singt sehr gerne, auch wenn das gelegentlich ihre Familie stört. Ihre Lieblingsjahreszeit ist der Sommer, da sie sonniges Wetter liebt. Sprache hat sie schon immer fasziniert, und Gedichte zu schreiben ist für sie eine wertvolle Art und Weise, Gefühle auszudrücken.

Die Anderen

Fiona Zühlke

Berlin, Deutschland

 

Gucken hin, gucken wieder weg.
Guck mal wie die guckt, aber guck jetzt nicht, die guckt grad.
Warum guckt die denn so?
Ich gucke, um zu gucken, ob sie noch guckt.
Jetzt guckt sie. Jetzt guckt sie weg.
Warum guckt sie denn jetzt weg?
Hab ich zu lange geguckt?
Jetzt guckt sie wieder.
Wir lächeln.

 

Fiona Zühlke (*1994)

stammt aus Berlin. Ihr Gedicht handelt von einem Moment des heimlichen Beobachtens in der U-Bahn, in der Menschen aufeinandertreffen, die sich sonst nicht begegnet wären – ob jung oder alt, geflüchtet, hier aufgewachsen, oder auf der Durchreise.

Ankommen

Fiona Zühlke

Berlin, Deutschland

 

Aohmadan Nafasheschidan man miajam.
Ankommen, atmen, ich komme an.
Ankommen hört sich nach Ruhe an.
Gerade habe ich verstanden,
Dass Ankommen auch Angst machen kann.
Fremde erzeugt manchmal Angst.
Kann man in der Fremde ankommen?

 

Fiona Zühlke (*1994)

stammt aus Berlin. Sie schreibt über das Gefühl des Ankommens in der Fremde.

Gebrochene Wellen

Lene Teufert

Leipzig, Deutschland

 

Ich habe mich selbst in den gebrochenen Wellen verloren.
In der Vergangenheit habe ich oft nachgedacht,
über mich, über die Menschen, und darüber,
wie eitel sie doch sind, mich eingeschlossen.

Ich habe mich selbst in den gebrochenen Wellen verloren.
Dabei dachte ich, ich sei schon so einsam,
dass ich nichts mehr verlieren kann.
Ich bin einsam, weil meine Traurigkeit
die Menschen in meinem Umfeld vertreibt.
Ich bin einsam, weil meine Verzweiflung anderen Angst macht.

Ich habe mich selbst in den gebrochenen Wellen verloren.
Das dumpfe Pochen in meinem Kopf erinnert mich daran,
dass ich noch da bin,
dass ich durch die unerwiderte
Liebe nur taub geworden bin.

Ich habe mich selbst in den gebrochenen Wellen verloren.
Aber in Wahrheit, da habe ich mich in den gebrochenen
Menschen verloren, denen ich so verzweifelt helfen wollte.

 

Lene Teufert (14)

kommt aus Leipzig. Sie schreibt in ihrer Freizeit Gedichte und kurze Geschichten. Außerdem liest sie Rainer Maria Rilke und Theodor Storm. Sie hat einen Kater.

Ich hatte es, es fehlt

Lilly Friedrich

Babelsberg, Deutschland

 

Ich bin allein.
Sitze da und denke nach.
Das Haus ist leer.
Der Raum ist leer.
Die Trauer zieht mein Herz zusammen, sie quält mich.
Sie sticht in meine Eingeweide.
Die Kälte umschlingt mich.
Es fehlt etwas.

Ich hatte es.
Es hat mich geschützt und gestützt.
Es hat mich gewärmt und getröstet.
Es war eine Art Zuhause.
Es hat mir Liebe und Lebenskraft gegeben.
Es war wichtig für mich.
Es war überall in mir.

Doch sie sind weg.
Jetzt wird es mir erst richtig bewusst.
Ich brauche sie.
Ich brauche meine Familie.
Doch sie wurden mir genommen.
Und nun bin ich allein.
Sitze da und denke nach.

 

Lilly Friedrich (12)

geht auf das Bertha-von-Suttner-Gymnasium, wo sie bei der AG „Schreibende Schüler“ mitmacht, die sich regelmäßig treffen, um gemeinsam Texte zu verfassen. Außerdem ist sie Teil des Teams „Schulen ohne Rassismus – Schulen mit Courage“.

Wo Grenzen enden

Lea-Marie Stampehl

Rathenow, Deutschland

 

Grenzen.
Persönliche, geografische, moralische.
Wie nahe lasse ich eine Person an mich heran?
Wie nahe an meine Geheimnisse,
meine Seele,
meinen Körper?

Wo Grenzen enden,
beginnt oft die Freiheit.
Manche Grenzen sollte man jedoch
auch im Namen der Freiheit nicht überschreiten.
Andere Grenzen eröffnen ganz neue Welten.

Ab und zu ohne Grenzen zu leben,
sich von ihnen nicht unterdrücken zu lassen –
sich dabei gleichzeitig treu zu bleiben,
ist eine wichtige Fähigkeit.
Anderen Lebewesen die persönlichen Grenzen zu zeigen,
damit sie anerkannt werden.
Das verhilft dir und deiner Umwelt
zu einem besseren Zusammenleben.

 

Lea-Marie Stampehl (15)

geht auf die Bruno-H-Bürgel-Gesamtschule, wo sie Teil des Teams „Schulen ohne Rassismus – Schulen mit Courage“ ist.

Widerspruch

Jana Mihm

Fulda, Deutschland

 

Es ist schon komisch
Wie man nach einer gewissen Zeit
Sehnsucht nach etwas haben kann
Das einem so kalt begegnet.

Ich finde es fast unheimlich
Dass meine Vergangenheit, meine Wurzeln es sind
Die mich gleichzeitig zu vertreiben
Und zu halten versuchen
An einem Ort
Der ein einziger Widerspruch ist.

Meine Heimat ist kaputt
Sie macht mich kaputt und ist doch das Einzige
Was mich zusammenhält.

 

Jana Mihm (18 Jahre)

ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Sie liebt es zu lesen, zu schreiben, zu singen und Theater zu spielen, um sich auszudrücken. Für das nächste Jahr hat sie sich vorgenommen, nach Paris zu reisen.

Kein passendes Wort

Tamara

Erlangen, Deutschland

 

Kein passendes Wort.
Wie kannst du dein Gefühl so gut fassen?
Bist so jung. Dein Wort so erwachsen.
Erzählst von dir. Triffst mich direkt ins Herz.
Ich hab‘ ein schönes Leben.
Deshalb trifft mich dein Schmerz – wird meiner.
Warum du? Warum ich?
Hass. Krieg. Flucht. Unfair.

Kein passendes Wort.
Ich platze vor Schuld.
Wie kann ich ruhig hier sitzen?
Manchmal alles andere vollkommen vergessen?
Die Not? Die Flucht? Als gäbe es nur mich!
Wärst du ich, wäre ich du – dann bräuchte ich dich.
Dass du für uns sprichst, uns Menschen, eine freundliche Welt.
Dass du Begegnung schaffst, dass du Hoffnung machst.
Denn Hoffnung brauche ich. Brauchen wir. Alle.

Kein passendes Wort.
Nur um den heißen Brei.
Kann nicht treffend beschreiben, wie’s mir geht dabei.
Von Mensch zu Mensch zu hören:
Dass Menschen nur sterben, weil sie leben.

Ich will helfen!
Seh‘ mich Kampagnen starten.
„Zu wenig.“
Schiffe fahren.
„Zu wenig.“
Geld spenden.
„Zu wenig.“
Deutschkurse geben
„Zu wenig.“

In meinem Kopf ändere ich die Welt.
Mein Herz groß genug für alle.
Ich will platzen vor Liebe für dich.
Tausende Wege gehe ich in meinem Kopf für dich.
Immer mehr geben – alles.
Der Preis, den ich dann zahle – bin Ich.
Und das geht irgendwie ja auch nicht.

Also bleibe ich starr und stumm.
Kein passendes Wort.

 

Tamara (27)

ist Sozialarbeiterin in Erlangen. Sie möchten sich für die Begegnung mit Geflüchteten einsetzen, sieht sich jedoch häufig ohnmächtig vor der großen Aufgabe.

Vertraute Fremde

Zoё Matt-Williams

Berlin, Deutschland

 

verschwommene Halbschlafs-Gedanken an ein landendes Flugzeug
und das Kreischen von Gummi auf heißem Zement
eine Perlenschnur aus McDonalds-Schildern am Straßenrand
und meine Großmutter, ameisenhaft dazwischen

ein gelber Schulbus – zu grell
das Lächeln meiner Cousine – vier Jahre alt, aber neu für mich
das fremdartige Gebet vor dem Essen (ich kenne die Worte nicht)
die Drohungen von Mundwäschen mit Seife –
und dann der Abschied.

 

Zoё Matt-Williams (18)

ist in Berlin zweisprachig aufgewachsen, ihre Mutter ist Deutsche, der Vater stammt aus den USA. Ihre Familie in den USA sieht sie nur sehr selten. Zoё ging auf die internationale John-F.-Kennedy-Schule in Berlin und besucht mittlerweile die University of Cambridge, um Literatur zu studieren.

Karierte Küchenbodenfliesen

Zoё Matt-Williams

Berlin, Deutschland

 

Ich wuchs auf in einem Flur, der an meinen Füßen kratzte,
aber unendlich lang war.
In einer Küche voll von warmem Licht und Rothko-Drucken
und karierten Fliesen
und Fruchtfliegen.

Ich wuchs auf mit dem Kellner von Primo,
der am gleichen Tag Geburtstag hatte, wie mein Bruder;
unter einem gelben Klettergerüst, so groß wie eine Königspalme;
zwischen den bemalten Wänden des Falafel-Restaurants an der Straßenecke;
in den Pappkartons hinter dem Supermarkt.

Letzten Monat bin ich zurückgegangen,
um mich auf die andere Straßenseite zu setzen und mich zu fragen,
ob die Familie, die jetzt dort wohnt,
die Küchenbodenfliesen ausgetauscht hat
und wie es wäre,
diese Straße nie wiederzusehen.

Und nie herauszufinden, dass
Max seit Jahren nicht mehr hier arbeitet,
weil das Restaurant verkauft wurde;
dass der neue Besitzer von Habibi
die Gemälde an den Wänden nicht mochte
und sie mit matter grüner Farbe verdeckt hat;
und dass das Klettergerüst, das in den Himmel zu ragen schien,
kaum mein Kinn berührt.

Und mich für immer nach einem Handstand zu sehnen
auf karierten Küchenbodenfliesen.

 

Zoё Matt-Williams (18)

ist in Berlin zweisprachig aufgewachsen, ihre Mutter ist Deutsche, der Vater stammt aus den USA. Ihre Familie in den USA sieht sie nur sehr selten. Zoё ging auf die internationale John-F.-Kennedy-Schule in Berlin und besucht mittlerweile die University of Cambridge, um Literatur zu studieren.

„Die Anderen“

Zoё Matt-Williams

Berlin, Deutschland

 

Heißer Sommer. Mittag.
Die Bäume schwitzen,
als ein Freund mir erzählt,
dass er England verlassen will,
weil kein anderer Ort der Welt
„die Anderen” so verabscheut.

Oktober. Berlin.
Bin ich nicht auch „anders”?
Halb-deutsch,
genau wie er,
aber mit heller Haut. Blond.
Keiner schreit mich an von Straßenecken,
Hass gefiltert durch
Anspruchsdenken und Angst und Zigarettenrauch,
weil ich nicht bin wie sie.

Dezember. Alexanderplatz.
Deutschland ist nicht so, sagt er.

Weihnachtsabend. Am Küchentisch.
Der Vater einer Freundin fragt, ob ich ihm die Bratensoße reichen kann,
den Mund vollgestopft mit blutigem Tierfleisch,
er sagt:
Deutschland soll bleiben, wie es ist.
Keine Flüchtlinge mehr. Deutsche Leitkultur.
Sie haben nichts getan, um ihren Platz hier zu verdienen.
Mein Vater fragt, was er für seinen eigenen Platz getan hat:
Was wäre, wenn du in Syrien geboren wärst?
Seine Antwort:
Bin ich aber nicht.

 

Zoё Matt-Williams (18)

ist in Berlin zweisprachig aufgewachsen, ihre Mutter ist Deutsche, der Vater stammt aus den USA. Ihre Familie in den USA sieht sie nur sehr selten. Zoё ging auf die internationale John-F.-Kennedy-Schule in Berlin und besucht mittlerweile die University of Cambridge, um Literatur zu studieren.

Stumme Fragen

Emma Defty

Berlin, Deutschland

 

Die Geflüchteten,
die im Heim wohnen,
das sich soweit am Rand von Berlin befindet,
dass Schilder vor Reitern warnen,
sehe ich, wenn sie an der Bushaltestelle warten.
Ich radele vorbei,
muss zum Klavierunterricht, oder zum Arzt.
Frag‘ mich manchmal,
ob es für die Frauen mit Kopftüchern,
langen Ärmeln und Röcken befremdlich ist,
mich mit nackten Beinen und Armen zu sehen.
Frage nicht sie.

2016. Meine Mutter und ich gehen zum Heim.
Wir erkundigen uns am Tor bei den Pförtnern,
ob wir helfen, unterstützen, etwas beitragen können
und werden unfreundlich zurückgewiesen.

In einem Rahmen,
wo die Regeln klar sind,
ist es leicht für mich,
zu sprechen und zuzuhören.
Der schwierigere Schritt –
auf jemanden zuzugehen –
bleibt aus.

Mama und ich sind nicht wieder zum Heim gegangen,
Obwohl es nicht weit ist.
Ich radele daran vorbei,
und stelle Fragen –
Mir selbst.

 

Emma Defty (19)

ist in einer amerikanisch-deutschen Familie aufgewachsen, sie besuchte die internationale John-F.-Kennedy-Schule in Berlin und studiert mittlerweile in Schottland. Sie beschäftigt sich mit der Überwindung, Menschen außerhalb eines geschützten Umfelds anzusprechen.