Winter

Rachel Ulrich

Berlin, Deutschland

 

Vor fünf Sommern
Warst du noch da
Hast gesagt
Rachel, pass auf dich auf
Einmal nachts, in Berlin, Sommerregen
Wir waren so jung und hatten nicht an Regenjacken gedacht
Da klingelten wir an deiner Tür

Und damals, da konntest du noch Türen öffnen
Du brachtest uns Handtücher und Kuchen

Dann Winter
Ich stehe draußen, die Kirche ist voll
Ich weiß nicht, ob du merkst, dass sie alle deinetwegen hier sind
Und ich – überfordert, mache Witze über den Tod

Fünf Sommer später
Heule ich mir die Augen aus dem Kopf
Endlich.
Einsicht: Du fehlst!

 

Rachel Ulrich (22)

ist in Berlin aufgewachsen – der einzigen Stadt, die für sie zum Leben in Frage kommt. Ihr Spitzname ist „Rage“, und den würde sie gerne häufiger zum Programm machen. Sie mag Hip-Hop und Schuberts Winterreise, daneben ist sie 40-Stunden-Lohnarbeiterin. Sie liebt Lyrik, die sie tröstet und ihr beim Ruhefinden hilft, im Gegensatz zu Politik, denn die bewegt sie.

Sprachlos

Rachel Ulrich

Berlin, Deutschland

 

Morgens
Es schallt aus dem Radio: Seehofer, Söder, AfD, Bayern
Während mein Kopf To-do-Listen macht
Konto einrichten
Überweisung
Radiorundfunkgebühren
Erwachsen werden
Ich frag mich, was mich so wütend macht
Seehofer: Der Islam gehört nicht zu Deutschland
Oder
Der Berg an Briefen
Der mich hindert
Den Seehofers, Söders und Gaulands
Die Fresse zu polieren

Arbeit
Der Schrecken wird wahrhaftig
Der Schrecken – eine Lehrerin, die „Witze“ macht
„Selbst die reinrassige, arische, Bio-Deutsche kann das ABC nicht“
Sie lacht
Ich kotze
Was problematisch ist, denn meine Kotze lässt mich nicht sprechen
Und meine Sprachlosigkeit lässt mich ein weiteres Mal kotzen

 

Rachel Ulrich (22)

ist in Berlin aufgewachsen – der einzigen Stadt, die für sie zum Leben in Frage kommt. Ihr Spitzname ist „Rage“, und den würde sie gerne häufiger zum Programm machen. Sie mag Hip-Hop und Schuberts Winterreise, daneben ist sie 40-Stunden-Lohnarbeiterin. Sie liebt Lyrik, die sie tröstet und ihr beim Ruhefinden hilft, im Gegensatz zu Politik, denn die bewegt sie.

Wo gehöre ich hin?

Helena von Beyme

Berlin, Deutschland

 

Es ist kein Ort
Vielleicht ein Lächeln
Ein freundliches Wort
Mein Platz ist hier
Die Sonne im Gesicht
Neben dir
Irgendwie suche ich
Wo will ich hin?
Ich suche mich

Wenn ich einsam bin
Schwimme ich in Worten
Und versuche nicht zu ertrinken
Ich finde Trost zwischen Sätzen
In Wörternischen mache ich mich klein
Versuche zu gefallen
Und doch trotzdem ich zu sein
Immer wieder diese Fragen
Was machst du?
Wo kommst du her?
Mal Wörterebbe
Mal Buchstabenmeer

Wenn du mich fragst,
wo ich hingehöre
Sage ich gleichzeitig hier und dort
Wo ich hingehöre
Ist kein gleichbleibender Ort
Wo ich hingehöre
Ist ein Lächeln alltäglich
Doch nicht weniger schön
Wo ich hingehöre
Gehen Menschen Hand in Hand
Wo ich hingehöre ist mehr als eine Stadt,
mehr als ein Land
Wo ich hingehöre
Leuchten vertraute Augen

 

Helena von Beyme (17)

ist in Berlin aufgewachsen. Sie tanzt und singt sehr gerne, auch wenn das gelegentlich ihre Familie stört. Ihre Lieblingsjahreszeit ist der Sommer, da sie sonniges Wetter liebt. Sprache hat sie schon immer fasziniert, und Gedichte zu schreiben ist für sie eine wertvolle Art und Weise, Gefühle auszudrücken.

Ich will sagen, du bist bunt

Helena von Beyme

Berlin, Deutschland

 

Deutschland, du kannst grau sein
Dein Wind weht durch schmale Straßen
Durch blonde und braune und schwarze Haare
Und für manche ist das ein Problem
Dass nicht alle gleich deutsch aussehen
Und was soll das überhaupt bedeuten?
Deutschland, kann ich sagen, du bist mein Land?
Kann ich deine Farben tragen?
Ein Schwarz und ein Rot und ein Gold
Wenn Fahnen wehen,
habe ich ein komisches Gefühl
Deutschland, ich will sagen, du bist bunt
Ich will sagen, du bist tolerant
Ich will sagen, du bist mein Land
Aber Deutschland, wo gehst du hin?
Nach rechts, nach links oder geradeaus?
Und wer sind die Menschen, die meinen, dich verteidigen zu müssen?
Die Angst haben vor Veränderung und Andersartigkeit?
Menschen, die deinen Namen schreien
Mit so viel Hass und so viel Wut
Wer sind diese Menschen, die behaupten zu wissen, wer du sein solltest?
Ihnen möchte ich nicht überlassen,
was du für mich bist
Ihnen möchte ich nicht überlassen,
was du wirst
Deutschland, ich möchte deinen Namen sprechen
und mich gut dabei fühlen

 

Helena von Beyme (17)

ist in Berlin aufgewachsen. Sie tanzt und singt sehr gerne, auch wenn das gelegentlich ihre Familie stört. Ihre Lieblingsjahreszeit ist der Sommer, da sie sonniges Wetter liebt. Sprache hat sie schon immer fasziniert, und Gedichte zu schreiben ist für sie eine wertvolle Art und Weise, Gefühle auszudrücken.

Die Anderen

Fiona Zühlke

Berlin, Deutschland

 

Gucken hin, gucken wieder weg.
Guck mal wie die guckt, aber guck jetzt nicht, die guckt grad.
Warum guckt die denn so?
Ich gucke, um zu gucken, ob sie noch guckt.
Jetzt guckt sie. Jetzt guckt sie weg.
Warum guckt sie denn jetzt weg?
Hab ich zu lange geguckt?
Jetzt guckt sie wieder.
Wir lächeln.

 

Fiona Zühlke (*1994)

stammt aus Berlin. Ihr Gedicht handelt von einem Moment des heimlichen Beobachtens in der U-Bahn, in der Menschen aufeinandertreffen, die sich sonst nicht begegnet wären – ob jung oder alt, geflüchtet, hier aufgewachsen, oder auf der Durchreise.

Ankommen

Fiona Zühlke

Berlin, Deutschland

 

Aohmadan Nafasheschidan man miajam.
Ankommen, atmen, ich komme an.
Ankommen hört sich nach Ruhe an.
Gerade habe ich verstanden,
Dass Ankommen auch Angst machen kann.
Fremde erzeugt manchmal Angst.
Kann man in der Fremde ankommen?

 

Fiona Zühlke (*1994)

stammt aus Berlin. Sie schreibt über das Gefühl des Ankommens in der Fremde.