Stumme Fragen

Emma Defty

Berlin, Deutschland

 

Die Geflüchteten,
die im Heim wohnen,
das sich soweit am Rand von Berlin befindet,
dass Schilder vor Reitern warnen,
sehe ich, wenn sie an der Bushaltestelle warten.
Ich radele vorbei,
muss zum Klavierunterricht, oder zum Arzt.
Frag mich manchmal,
ob es für die Frauen mit Kopftüchern,
langen Ärmeln und Röcken befremdlich ist,
mich mit nackten Beinen und Armen zu sehen.
Frage nicht sie.

2016. Meine Mutter und ich gehen zum Heim.
Wir erkundigen uns am Tor bei den Pförtnern,
ob wir helfen, unterstützen, etwas beitragen können
und werden unfreundlich zurückgewiesen.

In einem Rahmen,
wo die Regeln klar sind,
ist es leicht für mich,
zu sprechen und zuzuhören.
Der schwierigere Schritt –
auf jemanden zuzugehen –
bleibt aus.

Mama und ich sind nicht wieder zum Heim gegangen,
Obwohl es nicht weit ist.
Ich radele daran vorbei,
und stelle Fragen –
Mir selbst.

 

Emma Defty (19)

ist in einer amerikanisch-deutschen Familie aufgewachsen, sie besuchte die internationale John-F.-Kennedy-Schule in Berlin und studiert mittlerweile in Schottland. Sie beschäftigt sich mit der Überwindung, Menschen außerhalb eines geschützten Umfelds anzusprechen.

Refugees Welcome

Emma Defty

Berlin, Deutschland

 

2015, Sommer, Berlin.
Wir sammeln an der Eisdiele unsere Bons,
um das Geld erstattet zu bekommen.
Die EU zahlt nicht zuletzt unser Eis.
Genua, Italien.
Im Hafen sitzen die Menschen aus dem Fernsehen.
Einige ohne alles,
einige mit vollgestopften Kissenbezügen.
Einige allein.
Refugees Welcome.

Später im Jahr.
Eine Freundin und ich machen unsere MSA Präsentation
über den Bürgerkrieg in Syrien.
Die Nachrichten erzählen nicht nur von überfüllten Booten,
sondern von Menschen, die es „geschafft“ haben.
Nun aber in Schlangen stehen.
Stundenlang.
Es wird darüber geredet, was passiert,
wenn Winter ist.
Ob Menschen erfrieren.
Dann geht es um Fußball und Lottozahlen.
»Wir schaffen das.«

Weiter geht es um Brandstifter und die AfD.
An unserer Schule klagen Eltern, deren Kinder auf der Warteliste stehen,
gegen die Willkommensklasse.
Ein geflüchteter Junge, der mit uns Abitur machen sollte,
wird von der Schule zurückgewiesen.
Refugees Welcome.

 

Emma Defty (19)

ist in einer amerikanisch-deutschen Familie aufgewachsen, sie besuchte die internationale John-F.-Kennedy-Schule in Berlin und studiert mittlerweile in Schottland. Sie beschäftigt sich mit der Überwindung, Menschen außerhalb eines geschützten Umfelds anzusprechen.