Keine Grenzen überhaupt

Tristan Ludwig

Mannheim, Deutschland

 

Hallo hallo wo gehörst du hin wo wo?
Kein Ort innerhalb der Grenzen Deutschlands
Kein Ort innerhalb von Grenzen überhaupt
Nein über sie hinaus
Hinaus über was gedacht werden soll
Hinaus über Altbauhäuser wie Vorstadtbauten und Ohrensessel
Der Schnee mag aussehen wie Asche
Aber wenn, dann noch immer neu und frisch
Alles bedeckend, aber nein, das Bedeckte verschwand
Da bin ich zu Hause, wo man nicht mehr zu Hause sein braucht
Wo der Abdruck meines Körpers im Neuschnee undeformiert bleibt
An jedem Ort, an dem ein Schneeball fliegt
Oder immerhin da, wo man darüber zu reden wagt
Immerhin da, wo noch nicht alles geschmolzen ist und giftig dampft
Ich mag Fahnen ihres Stoffes wegen und Städte wegen ihrer Straßen
Am meisten jedoch mag ich den Schnee, der sie bedeckt
Freie weiße unbebaute Fläche
Keine Grenzen überhaupt

 

Tristan Ludwig (18)

macht aktuell ein Freiwilliges Sozial Jahr beim Nationaltheater in Mannheim. Er mag stilles Wasser und findet es wichtig, für Gefühle in Kunst oder Musik ausdrücken zu können. Was er später einmal machen möchte, weiß er noch nicht.

Das schöne München

Fanny Haimerl

München, Deutschland

 

Wie soll ich München beschreiben?
Wie soll ich den Glanz beschreiben,
denjenigen, die es nicht kennen.
Ein Ort für die Schönen.

Beneidet von anderen.
Das ist München.

Wo es Reichtum gibt.
Wo Menschen Porsche fahren.
Wo Leute sich selbst lieben.
Das ist München.

Wovon ich nie genug bekomme.
Wo ich meine Wurzeln habe.
Das ist München.

Wo sich die Reichsten fragen, wer der
Reichste ist.
Wo kein Preis die Gier stoppt.
Das ist München.

Ich vermisse deine Straßen,
ich vermisse deine Museen,
ich vermisse deine Biergärten,
die wir jeden Sommer besuchten.
Ich vermisse deine Nächte,
die warm und voller Leben sind.
Das ist München.

Eine Stadt voller Schönheit.
Eine Stadt voller Licht.
Wo die Armut verdrängt wird.
Wo die Leute die Augen verschließen
vor dem Elend.
Aus Egoismus.
Nicht aus Angst.
Das ist München.

 

Fanny Haimerl (16)

würde nach ihrem Abitur gerne Literaturwissenschaften und Kunstgeschichte oder Dokumentarfilm studieren. Sie lebt mit ihrem Bruder und ihren Eltern in Münchens Innenstadt. In ihrer Freizeit schreibt, zeichnet und collagiert sie viel. Außerdem schaut sie gerne Dokus und hört Podcasts. Am liebsten reist sie jedoch und wenn sie zuhause ist, hat sie stets Fernweh.
Dieser Text bezieht sich auf Rojin Namers Damaskus.

Lüge

Maya Taherpour Kalantari

Moers, Deutschland

 

„Sie sieht so glücklich aus!“
„Sie ist immer so selbstsicher!“
„Ich wünschte ich wäre wie sie…“

Es ist alles eine Lüge, was du von ihr zu sehen bekommst.
Nur sie allein kennt die Wahrheit.

Setze ein Lächeln auf und alles wird gut.
Richtig?

 

Maya Taherpour Kalantari (15)

wohnt zurzeit gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren drei Geschwistern in einem Haus. Für die Zukunft hat sie noch keine festen Pläne, würde aber gern die Welt bereisen. Sie zeichnet, tanzt und singt gern, wovon nicht viele wissen, da sie sich selbst als eher schüchtern beschreibt. Seit ihrem ersten Poetry Workshop befasst sie sich zudem gern mit dem Schreiben von eigenen Texten.

Fantasie

Johin Nüße

Uckermünde, Deutschland

 

Aus Fantasie entstehen Fabelwesen
Aus Fabelwesen entstehen Freunde
Aus Freunden entsteht Familie
Aus Familie entstehen Generationen
Aus Generationen entsteht Veränderung
Aus Veränderung entsteht die Welt

Aus der Welt entsteht Krieg
Also entsteht der Krieg in unserer Fantasie?

 

Johin Nüße (17)

wohnt in Ueckermünde, direkt am Stettiner Haff, und besuchte im März 2019 eine Schreibgruppe des Poetry Projects im Schloss Bröllin.

Einfach

Hussein Kasha

Aleppo, Syrien

 

Als ich klein war,
war das Leben einfach.
Morgens früh aufzustehen
und mit der Familie einen schönen
Tag zu verbringen, war einfach.

Als ich älter wurde,
war es nicht mehr einfach.
Als ich zum ersten Mal meinen Vater weinen sah,
merkte ich, dass das Leben nicht einfach ist.

Nicht einfach war es,
als ich meinen kleinen Bruder verabschiedete
und er mir sagte:
»Bring mir Süßigkeiten mit,
wenn du wiederkommst.«

Nicht einfach war es,
meine zweite Seele zu verabschieden,
meine Zwillingsschwester.

Nicht einfach ist es,
ein Familienmitglied zu verlieren,
ohne etwas tun zu können,
weil du mehr als 3000 km entfernt bist.

Es ist nicht einfach,
dass es einfach ist.

 

Hussein Kasha (*2000)

kam im September 2015 in Deutschland an – nach einer einmonatigen Flucht über die Türkei, den Balkan und Österreich mit seinem Onkel und seiner Tante. Er besucht derzeit die Fachoberschule und möchte das Fachabitur im Zweig »Gesundheit« ablegen. Sein gesellschaftliches Engagement zeigt er nicht nur in der Förderung des religiösen Miteinanders, sondern er setzt sich auch ein für die Integration anderer Flüchtlinge im Rahmen von »Sport für Flüchtlinge«.

Klavierklang

Ahmad Al Rifai

Daraa, Syrien

 

Der Rauch flieht vor meiner Lunge,
wie meine Seele.
Die Uhr tickt nicht mehr,
ich bin in einen Traum gefallen.
Ich kann sie endlich sehen.
Der Engel ist gestorben.
Ich kann inzwischen nicht mehr unterscheiden
zwischen Illusion und Realität.
Sie fehlt in beiden.
Es gibt keinen Beweis, dass sie noch existiert.
Im Rauch kann ich ihr Gesicht sehen.
Und in meiner Lunge ihre Küsse spüren.
Rituale.
Es tut so weh, wenn sie tanzt.
Ich wollte sie neben meinem Herz aufbewahren,
in meiner Lunge.
So riet mir Mephisto.
Sie zerstört mich, sie versucht mich zu töten.
Als Lungenkrebs hat sie sich in mir verkörpert.
Das ist das letzte Geschenk.
Ein Date mit dem Tod.

 

Ahmad Al Rifai (21)

ist Schüler. Er liebt das Theater und Singen. So stand er sowohl als Schauspieler als auch als Sänger auf der Bühne bei verschiedenen Kultureinrichtungen. Daneben kocht und liest er gerne.

Die samtene Schreibwelt

Shahad Albayroudi

Hail, Saudi Arabien

 

Ich war so voll von diesem Gefühl, diesem überwältigenden Eindruck,
nicht zu dieser samtenen Schreibwelt zu gehören.
Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich mich und die anderen in meinem Geiste sah.
Ich hätte nie gedacht, dass ich die Worte so finden, formulieren, erschaffen und
dann niederschreiben könnte, dass sie das, was ich sehe und fühle, kompensieren.

Dann jedoch passierte etwas, und der einzige Weg es zu verarbeiten,
es zu verstehen, war, es über das Schreiben zu erkennen und hinaus zu lassen.

Es ist schlimm, dass du gezwungen bist, täglich eine neue Maske zu tragen.
Es ist schlimm, dass du vor dir sehen musst, wovon du jeden Tag träumst,
aber deine Hände scheitern daran es zu erreichen.
Es ist schlimm, dass du das, wovon du träumst,
nicht tun kannst, aber jede anderen Person schon.
Es ist schlimm, dass du jede Sekunde des Tages dieses Lächeln tragen musst,
sodass niemand die Schwäche und den Schmerz sieht, die sich in
deinem Herzen ausgebreitet haben.
Es ist schlimm, dass du dazu gezwungen bist, das zu tun,
was sie von dir wollen, bis zu dem Moment, an dem du vergisst,
wer du bist, was deine Träume sind, was du alles schaffen könntest.

Du bist gezwungen, all diese Dinge zu tun, aber jeden Tag,
jede Minute, jede Sekunde spürst du die Mängel in dir.
Dann schaffst du überhaupt nichts, obwohl alles so einfach wäre.
Dein Gehirn dreht sich immer um dieselben Gedanken,
bis du deine Zukunft zerstört vor dir liegen siehst,
und dein Ich verschwindet.

 

Shahad Albayroudi (18)

kommt aus Hail in Saudi-Arabien. Sie ist seit 6 Monaten in Leipzig mit ihrem Vater, der selbst schon seit 4 Jahren hier ist. Momentan macht sie ihren B1-Deutschkurs. Schreiben ist ihre große Passion.

Ich erinnere mich

Anonyme Autorin

Syrien

 

Ich war 10 Jahre alt. Ich erinnere mich an die brennenden Tränen meines Vaters. An meine Traurigkeit und Angst. An diese furchtbare Nacht. An so viel, dass ich mein Gehirn auskotzen möchte, damit jede Erinnerung verschwindet.

Ich war 12 Jahre alt. Ich erinnere mich an meine Stärke. Wie ich weiterleben konnte, obwohl es keine Gründe dafür gab. Ich erinnere mich so gut, als wäre ich eine 50jährige Frau, im Körper einer 12-Jährigen.

Ich war 14 Jahre alt. Ich erinnere mich daran, zum ersten Mal mein Herz zu spüren. An den Glanz ihrer wunderschönen Augen. An ihr faszinierendes Lachen. Ich erinnere mich an ihre Worte, die mir meine Dunkelheit erleuchteten.

Ich war 15 Jahre alt. Ich erinnere mich an meine Depression. An meine Einsamkeit. An die Menschen, die mir am nächsten waren, und meine brennenden Wunden genossen. Ich erinnere mich so gut an den Kreis, in dem ich gefangen war. Jeder Weg führt mich zurück zu seiner düsteren Mitte, jeder Weg führt mich zurück zum Nullpunkt.

Ich war 16 Jahre alt. Ich erinnere mich an ihren Blick im Gedränge. Ich erinnere mich an die Wärme, die ich spürte, wenn ich sie umarmte. Ich erinnere mich, wie sie mein Ausweg war, meine Sicherheit, meine Seele.

Ich war 17 Jahre alt. Ich erinnere mich an unsere heimlichen Treffen. Ich erinnere mich an ihr Lachen. An die Berührungen ihrer sanften Hände. An jede kleine Einzelheit. Ich erinnere mich so gut daran, wie ich mich gefühlt habe. An mein Herz und meine Seele, die mit Freuden in diesem Gefühl ertranken, ohne nach Rettung zu rufen.

Ich war 18 Jahre alt. Ich erinnere mich an meine wiederkehrende Depression. Ich erinnere mich an ihren Abschied nach unserem letzten Treffen. An all die Gefühle, die in ihrem Kuss lagen. Ich erinnere mich an ihre traurigen Augen. An den Schmerz, der sich durch meinen Körper bohrte, bis sich ein Teil meiner Seele abspaltete und zu ihr zurückflog. An den Moment, als ich ins Flugzeug stieg, und an das Lied, das in Endlosschleife in meinem Kopf lief. Wie ich weinte. Wie ich hoffnungslos war. Wie meine Träume verschwanden. Ich erinnere mich, wie ich die Stadt von oben sah, und ein Stück meiner Seele zurückließ.

Ich bin 19 Jahre alt. Meine Gefühle sind eingefroren, ohne dich. Jetzt habe ich aufgegeben, habe keine Träume mehr, keine Hoffnungen. Ich lebe ohne Ziel, ohne Gefühle, nur so vor mich hin. Es ist die Hölle.

 

Anonym (18)

ist Syrerin, lebte aber von ihrem dritten Lebensjahr an in Saudi-Arabien. Seit 2019 ist sie in Leipzig und macht momentan einen B1-Deutschkurs. Schreiben ist ihre große Passion und all das, was ihr Halt geben kann.

Rap ohne Titel

Shakush

Amman, Jordanien

 

Sin Lam Alef Mim an alle Gläubigen und Ungläubigen,
Hey Leute, wacht auf aus eurem Dauerschlaf!
Hört auf diese tausendjährigen Kriege zu führen!
Hunderte von Millionen sind obdachlos,
Hungrige Kinder, gedemütigte Frauen,
Sie sterben aufgrund all der Religionen und ihrer Tempel.
Ich sage dir nicht, dass du ungläubig werden sollst,
Ich sage dir nicht, dass du einer bestimmten Religion beitreten sollst,
Aber wach auf und betrachte sie alle als Menschen!

Die anderen blicken auf uns herab:
Unsere Richter werden bestochen, es gibt keine Gerechtigkeit.
Wenn Frauen Sex vor der Ehe haben, ist ihr Ruf ruiniert,
Wenn Männer dasselbe tun, dann sind sie Helden.
Die Menschen folgen bösartigen Politikern, ohne selbst nachzudenken.
Das einzige, was noch zählt, ist das Warten vor den Botschaften.
Sie wollen alle nur noch fliehen,
Am besten mit dem nächsten Flieger.
Die Schulen müssen erneuert werden, genauso wie unsere Herrscher,
Die denken, dass wir ihre Sklaven sind.
Wir sind stolz auf unsere Geschichte und unsere längst toten Wissenschaftler,
Während das Land in tausend Stücke zerreißt.

Sei nicht stolz auf deine Nation und woher du kommst,
Nur stolz auf dein Land zu sein macht dich nicht besser als andere.
Stimmst du mir zu?
Denn wenn ja, dann zögere nicht länger und fang an zu verändern!

 

Shakush (25)

kommt aus Amman in Jordanien, studiert in Deutschland. Er rappt in seiner Freizeit. Shakush ist sein Künstlername.

Trennung

Katja Haji Ido

Alqush, Irak

 

Erster Tag in Deutschland
Mit meiner Mutter
Und meinen zwei kleinen Brüdern
Wir waren in einem Park
Wir haben gewartet
Auf meine Schwester und meinen großen Bruder

Sie haben uns nie gefunden
Denn ein Deutscher hat die Polizei gerufen
Weil wir schmutzige Kleidung hatten
Und viele Wunden
Von all den Äste und Stacheln im Wald

 

Katja Haji Ido (18)

ist im Jahr 2001 in der nord-irakischen Stadt Alqush, in der Provinz Niniveh, geboren. Heute lebt sie in Köln und besuchte im April 2019 gemeinsam mit ihrem Bruder einen Workshop des Poetry Projects.

Nur gemeinsam

Armand Haji Ido

Alqush, Irak

 

Der erste Tag in Deutschland
Ich hatte das Gefühl in der Wüste zu sein
Vier Tage war ich im Gefängnis
Auf dem Boden nur Sand

Bis heute trauen sich viele Menschen nicht aus dem Haus
Weil die Umgebung nicht ihrer Heimat ähnelt
Am Anfang war ich ganz auf mich allein gestellt
Wenn man die Einsamkeit der Fremde nicht erfährt
Dann kennt man keine Einsamkeit

Als wir in Bulgarien ankamen
Erwartete uns die Polizei
Alle hatten Angst festgenommen zu werden
Und zurückgeschickt

Eine Frau ist geflohen und die Polizei hat auf sie geschossen
Vor Angst ist sie weggerannt und von einer Klippe gestürzt
Da die Frau verletzt war, wurden wir nicht zurückgeschickt

Einige haben sich festnehmen lassen
Einige sind abgehauen
Autos kamen und haben uns mitgenommen

Meine Mutter sagte zu mir: Lauf weg
Ich sagte: Ich lasse euch nicht allein

 

Armand Haji Ido (20)

ist im Jahr 1999 in der nord-irakischen Stadt Alqush, in der Provinz Niniveh, geboren. Heute lebt er in Köln und besuchte im April 2019 gemeinsam mit seiner Schwester einen Workshop des Poetry Projects.

Verabschiedung

Jin Hamo

Afrin, Syrien

 

Ich fühle die frische Luft
Und atme sie ein.
Ich schaue die Berge
Und die Natur an
Und atme aus.
Meine Haare fliegen
Und die Tränen fließen.
Der Tag ist gekommen,
Vor dem ich Angst hatte.
Alles zu verlassen,
Die Gefühle zu beschreiben.
Keine Worte.
Die schönen Momente
Bleiben für immer in Erinnerung.
Wir werden uns treffen,
Das verspreche ich.
Es wird nicht genauso sein,
Vielleicht sogar schöner.
Aber Hoffnung habe ich,
Und ihr hoffe ich auch.

 

Jin Hamo (15)

ist 2017 mit ihrer Familie nach Deutschland geflüchtet und wohnt in Halle Neustadt. Momentan besucht sie die 9. Klasse und wünscht sich, in der Zukunft weiterhin künstlerisch aktiv zu sein. Jin liebt alles, was mit kreativem Ausdruck zu tun hat: neue Sprachen lernen, zeichnen, fotografieren, singen, tanzen und neue Menschen aus anderen Kulturen kennen zu lernen.

Mauern

Sarah Moles Lyall

Edinburgh, Schottland

 

In Berlin finde ich überwundene Mauern vor,
untergraben, umgestürzt.
Schon die ’89er Mauerspechte wussten:
Mauern können nicht für immer bestehen,
wenn Menschen zueinander streben.
Die Unterschiede in meinem Deutschunterricht
zwischen „Migrant“, „Auswanderer“ und „Flüchtling“
verschwinden; in unseren Fehlern
sind wir alle gleich. Zusammen
entziehen wir uns Imperialismus, Kolonialismus und Globalismus
und finden Gemeinsamkeiten
in unserer neuen gemeinsamen Sprache.

 

Sarah Lyall (29)

ist Sozialforscherin, begeistert von bürgerlichen Entscheidungsprozessen, besorgt über soziale Spaltung. Sie zog nach Berlin, um Deutsch zu lernen und eine neue Perspektive auf Sozialpolitik zu gewinnen.

Lyrikerin aus Heimweh

Naseh Qutaisch

Idlib, Syrien

 

Ich habe noch nie in meinem Leben
Gedichte geschrieben, aber in meiner Fremdheit
habe ich das Gefühl, dass ich das jetzt brauche.
Aus meinem Heimweh heraus wurde ich Lyriker
und durch die Trennung von meinen
geliebten Menschen bin ich sehr traurig.
Mutter, Vater und meine Geschwister, ich vermisse euch.
Nur mit euch teile ich die Erinnerungen und die Liebe.
Oh Gott, ist die Einsamkeit nach solch
schönen Tagen mit euch unerträglich.
Manchmal überwiegt die Zufriedenheit,
aber meistens weicht sie der Traurigkeit
und dem Leiden und ich muss mich jedes Mal
aufs Neue überwinden.

 

Naseh Qutaisch (27)

arbeitet als Rechtsanwältin. Sie liebt Bodybuilding, Fußball und freut sich immer darüber, neue Leute kennenzulernen. Wenn sie sich für eine Musikrichtung entscheiden müsste, wäre es wahrscheinlich arabische Musik, weil sie ihr am vertrautesten ist. Nasehs Lieblingsfarbe ist Weiß, weil sie diese Farbe mit Frieden und Freiheit verbindet.

An meine Geliebte

Ahmad Al Mohamad

Aleppo, Syrien

 

In der Stadt der Träume
Wo die Menschen nie schlafen
Traf ich eine außergewöhnliche Frau
In einer Nacht, der keine Tage folgten
Fragte ich sie
Wer bist du?
Sie antwortete
Ich bin eine Frau ohne Adresse

Ich trank den Wein und der Zucker
Zerschmolz in unserer Zuneigung
Ich fragte
Treffen wir uns nach diesem Gefühl wieder?
Sie schaute mich an und antwortete mit glänzenden Augen
Ja

Sie kam zum Treffen
In den Kletterclub
Ich sagte ihr
Ich liebe dich und ich will
Dass du meine Dame im Rayonspalast wirst
Sie sagte
Ich bin dein Engel aus dem Himmel
Aber keine Frau für die Öffentlichkeit
Sie schmunzelte
Ich habe einen Geliebten, aber ich bin frei wie eine Gazelle
Ich war für einen Moment geistesabwesend
Und alles zerfloss hinter den Wänden

Sie sagte
Macht nichts, das Leben ist, wie es ist
Ich ging erhobenen Hauptes
Denn ihr waren die Reiter noch nicht bekannt

 

Ahmad Al Mohamad (29)

ist 2015 nach Deutschland gekommen. Er tanzt und kocht gerne und schafft es neben seiner Arbeit als Assistenzzahnarzt außerdem, fast jeden Tag ins Fitnessstudio zu gehen. Im Moment baut er noch sein Deutsch aus und kämpft um die Anerkennung seines Zahnarztstudiums. Was Ahmad besonders nervt, sind Vorurteile. Abgesehen davon schätzt er die Freiheit in Deutschland.

Ungreifbar wie ein Regenbogen

Anonym

Afghanistan

 

Die große Frage: Traum oder Ziel?
Alle sagen, dass Träume nicht greifbar sind.
Ich sage, dass Träume gar nicht existieren und nie existiert haben.
Die Vergangenheit, die die Zukunft war, hat mein Herz gebrochen.
Sie forderte all meine Gefühle, raubte mir meine Familie und Freunde.
Während des Träumens gibt es diese Freiheit, die eine Lüge ist.
Wie ein Regenbogen, sichtbar, aber doch ungreifbar.
Eine ideale und vollkommene Welt, die die Menschen
zur Flucht vor der Realität für sich selbst erbaut haben.

Aber ich glaube an etwas, das man Ziel nennt,
weil es mir immer meine Wünsche erfüllt.
Vielleicht komme ich an eine Sackgasse und brauche einen neuen Plan.
Ich denke daran, was passieren könnte,
wenn die Angst bei den Menschen nicht existierte.
Wenn sie alle ihre Lebensschritte zum Klingen brächten,
wie die Tasten eines Klaviers.
Das einzige Gefängnis dieser Welt sind die Tabus in den Köpfen der Menschen.
Kommt und lasst uns die Grenzen überschreiten.
Ohne Angst, Fehler zu begehen.

 

Anonym (23)

Der Autor flüchtete vor vier Jahren auf dem Seeweg aus Afghanistan.

Verschwiegene Träume

Hanna Riegenring

Berlin, Deutschland

 

Elisa, 5
träumt vom Frieden,
dass die Welt aufhört mit Kriegen,
sie möchte nicht mehr jede Nacht wach liegen.
Hätte sie das Steuer
würde sie aufhören mit dem täglichen Feuer.
Sie würde ihrer Mama helfen,
deren Tränen jede Nacht mit ihrem T-Shirt verschmelzen.
Wo ihr Papa ist, wüsstet ihr gerne?
Das stand für sie immer in der Ferne.
Sie würde gerne über Trauer, Angst und Hunger siegen,
doch über das alles hat sie stets geschwiegen.

Betty, 9
hat alles,
sie kam in eine perfekte Familie dank eines Zufalles.
Ihre Eltern konnten ihr alles geben,
Kleider, Puppen und deren Ansicht nach ein perfektes Leben.
Sie konnte alles bekommen, was sie begehrt,
doch der Wunsch nach Zuneigung und Liebe wurde ihr immer verwehrt.
Ihre Eltern arbeiten täglich bis tief in die Nacht,
sodass Hund Hannes stets über sie wacht.
Ihr Schmerz kam immer weiter hochgestiegen,
doch über das alles hat sie stets geschwiegen.

Anna, 10
möchte später auf alle Fälle Astronautin werden
Die Welt von oben erleben
Sich näher zu ihrer Mama in den Himmel begeben.
Einfach abhauen und verschwinden wie im Traum,
In die undeutlichen blauen Tiefen, in den Weltraum.
Sie möchte auf Wolken schweben, einfach frei leben
und sich der Schwerelosigkeit hingeben.
Sie möchte mit der Zahnfee plauschen,
zwischendurch zum Mann im Mond rauschen.
Auf Einhörnern fliegen,
doch über das alles hat sie stets geschwiegen.

 

Hanna Riegenring (16)

wohnt in Berlin und radelt, läuft und schwimmt aktuell für einen Triathlon.

Kuchen für alle

Fabian Reuber

Berlin, Deutschland

 

Schokoladenkuchen für mich
Papageienkuchen für Gott
Apfelstrudel mit Vanillesauce für Mama
Vanillekuchen für Papa
Zitronenkuchen für meinen Bruder
Erdbeerkuchen für Oma, meine Baka
Muffins für Helene Fischer
Apfel-Zimt-Kuchen für meine Klasse
Eierkuchen mit Schokolade im Urlaub mit meinen Eltern
Sogar der Teig ist aus Schokolade

 

Fabian Reuber (17)

kommt aus Berlin und ursprünglich aus Kroatien. Er lässt sich von seiner Behinderung nicht davon abhalten, sich auf Reisen die Welt anzuschauen. Irgendwann hat er vielleicht mal alle Kuchen probiert, die es gibt.

Blick zurück

Hassan Zir

Idlib, Syrien

 

Ich stand vor einer Treppe,
2 oder 3 Treppenstufen.
Eine kleine Treppe,
daneben eine kleine Straße.

Später

Eine Schnecke,
sie hatte keinen Kopf
und keinen Hals,
sie hatte nur einen Rücken,
und lag auf dem Asphalt.

Ein letzter Blick zurück,
eine Frucht,
vielleicht?
Sie war blau.

Dahinter

Ein leeres Tor,
ein Platz,
ein Fußballplatz.
Ich hatte keinen Ball.

 

Hassan Zir (13)

wurde in Idlib in Syrien geboren und besucht momentan die Hector-Peterson-Schule in Kreuzberg. Er liebt das Schwimmen und testet gerne alle neuen Smartphonespiele.

Wir töten eure Träume

Hani Schebel

Idlib, Syrien

 

Er saß in jener Zeit
in einer dunklen, einsamen Zelle eines Gefängnisses.
Der Aufseher pflegte ihn zu fragen:
Denkst du, dass unsere Macht irgendwann nicht mehr besteht?
Dass sich eure Träume verwirklichen?
Ihr eure Zukunft irgendwann selbst gestalten könnt?

Dann lachte er:
Bloß ein Traum, bloß ein Traum!
Wir brennen eure Länder ab,
töten eure Träume!

Wisst ihr nicht,
wir sind die Götter der Zeit,
wenn ihr in Frieden leben wollt,
dann sucht euch eine neue Heimat!

 

Hani Schebel (21)

kommt aus Idlib in Syrien und ist ein Redaktionsmitglied des Was Geht?! Magazins und innerhalb seines Ressorts für Kurzfilme zuständig. Sein letzter Kurzfilm War of Colours richtete sich gegen den aktuell vorherrschenden Rassismus innerhalb der Gesellschaft. Zukünftig möchte sich Hani insbesondere mit Design beschäftigen.

Fremde Erde

Diana Hamido

Aleppo, Syrien

 

Die Sehnsucht verfolgt mich wie Schatten,
eine Erinnerungskette, die mich in die Vergangenheit zieht.
Ich würde gerne weinen.

Wenn ich an meinen Opa denke…

Ich höre seine Stimme.
Ich sehe ihn in seinem Feld sitzen,
wie er stolz die unendliche Anzahl an Blättern betrachtet.
So war er.

Nun liegt er in fremder Erde, in fremdem Land.
Ich glaube kaum, dass er sich vom Leben verabschiedete.
Ich höre seine trockene Stimme.

Ich habe unzählige schöne Felder gesehen,
doch das Feld meines Opas war das schönste.

Mein Opa,
ich weiß, dass du viel Liebe in diese Erde getragen hast,
viel Arbeit.
Ach, du wusstest nicht,
dass du sie würdest aufgeben müssen,
die Pflanzen, den Fluss.
Alles.

 

Diana Hamido (20)

kommt aus Aleppo in Syrien und besucht momentan in Berlin die 12. Klasse, um ihr Abitur zu erlangen. Sie zeichnet gerne und hat sich vorgenommen nach ihrem Schulabschluss Architektur zu studieren.

Der Apfel

Alan Halo

Shingal, Irak

 

Ich sehe einen großen Garten
Überall Gemüse und Obst
Und mittendrin meine Mama
Sie pflanzt einen neuen Apfelbaum
Ich sehe, wie der Apfelbaum wächst
Mit nur einem Apfel
Meine Mutter verbietet uns
Den Apfel anzufassen
Sie verteidigt den einzigen Apfel

Ich höre meine Tante an der Tür
Der pinkfarbene Schal verdeckt den kahlen Kopf
Sie schaut sich im Garten um
Und findet den einzigen Apfel am Baum
Sie geht hin, guckt, zieht den Ast zu sich heran
Und pflückt den einzigen Apfel
Wir Kinder grinsen und sagen
„Be kana u nha tue sanbe kan jea“
„Noch lacht sie, aber gleich kann sie was erleben“
Alle gucken auf meine Mutter
Und auf meine Tante
Und es passiert

Gar nichts

Ganz kurz darauf kam der Krieg
Wir sind weggelaufen
In die Berge, über die Berge zu Fuß
Die Menschen haben vor meinen Augen ihr Leben verloren
Und ihre Kinder zurückgelassen

Alles ist weg, das Zuhause ist weg
Der Garten ist so weit weg
Meine Tante ist gestorben
Sie hinterließ vier kleine Kinder

Wenn ich einen Garten sehe oder einen Apfel
Dann denke ich an sie

 

Alan Halo (15)

ist in Shingal im Irak geboren. Als der Krieg ausbrach, sind er und seine Familie zu Fuß und mit dem Schiff nach Deutschland geflüchtet. Zunächst hat er mit seinem Onkel und zwei seiner Brüder in Deutschland in einem Camp gelebt. Erst nach einem Jahr durften seine Eltern und die restlichen Geschwister aus der Türkei nachkommen. Jetzt leben sie als Familie wieder vereint in einem Haus in Oldenburg, doch es ist nicht klar, wie es mit ihnen weitergehen wird.

Enttäuschte Hoffnung

Safe Hajjar

Aleppo, Syrien

 

Warum werden wir enttäuscht,
wenn wir unseren Liebsten unsere Geheimnisse verraten?
Wir sind Menschen,
wir haben Emotionen und Gefühle.
Wenn wir jemanden lieben,
dann hängen wir an diesem Menschen.

Unsere Gefühle werden verletzt
und wir sind deprimiert.
Trotz allem versuchen wir immer wieder aufs Neue,
andere Menschen zu finden.

Ist es nicht so, dass jeder von uns
in Frieden und Glückseligkeit leben möchte?
Warum machen wir uns so viele Hoffnungen,
die sich dann doch nicht erfüllen lassen?

 

Safe Hajjar (23)

stammt aus Aleppo in Syrien. Als er volljährig wurde und in den Krieg hätte ziehen müssen, floh er aus seiner Heimat und kam 2015 nach Deutschland, auf der Suche nach einer besseren Zukunft. In Berlin holt er das Abitur nach und würde nebenher gerne professionell als Sänger auftreten. Für Safe bedeutet Heimat seine Familie in Syrien, die er sehr vermisst. Er fühlt sich immer noch oft fremd in Berlin und das Alleinsein macht ihm zu schaffen. Neben einer Ausbildung möchte er vor allem gute Freunde finden.

Du

Safe Hajjar

Aleppo, Syrien

 

Du kamst, um mich zu unterstützen.
Ich war erleichtert, ich fühlte deine Gutmütigkeit, als du mir halfst.
Du warst bei mir, als es mir schlecht ging
Und mir geht es noch immer schlecht.
Du hast mich gerufen, ich war da.
Du wolltest etwas haben, ich gab es dir.
Du warst ehrlich zu mir und ich glaubte dir.
Du fragtest mich, ich antwortete.
Wir haben einander gegenseitig vertraut.

Heute sind wir verfeindet, aber du bist nie mein Feind.
Du warst schlecht zu mir und ich sagte:
Gott vergebe dir!

 

Safe Hajjar (23)

stammt aus Aleppo in Syrien. Als er volljährig wurde und in den Krieg hätte ziehen müssen floh er aus seiner Heimat und kam 2015 nach Deutschland, auf der Suche nach einer besseren Zukunft. In Berlin holt er das Abitur nach und würde nebenher gerne professionell als Sänger auftreten. Für Safe bedeutet Heimat seine Familie in Syrien, die er sehr vermisst. Er fühlt sich immer noch oft fremd in Berlin und das Alleinsein macht ihm zu schaffen. Neben einer Ausbildung möchte er vor allem gute Freunde finden.

Sprache ist Leben

Rachel Ulrich

Berlin, Deutschland

 

Du liest dein Gedicht
In deiner Muttersprache
Über deine Sehnsucht
Über dein Leben
Und eigentlich verstehe ich nicht

Trotzdem
Spitze ich meine Ohren
Falle ich in den Klang
Höre ich die Emotionen
Durch die Zeilen
Und werde das Gefühl nicht los
Ich müsste Arabisch lernen
Um Poesie zu verstehen

Ich höre euch streiten
Auf Arabisch
Über Politik, Krieg, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit
Über Identität
Und ich verstehe nichts

Trotzdem
Spitze ich meine Ohren
Und werde das Gefühl nicht los
Keine Sprache hat Worte
Für den Schmerz
Den ein Krieg hinterlässt

Mir wird erzählt
Arabisch sei eine Sprache
Die einen eigenen Tag hat, an dem sie sich feiert
Die mehr als 120 Millionen Worte kennt
Die einen Reichtum an Dialekten besitzt
Die älter ist als die deutsche
Die ein Gedicht hat, das sich von links nach rechts und von rechts nach links gleichermaßen liest

Und ich denke an meine Kartoffel-Freunde
Die Yallah in ihren Wortschatz integrieren
Und im nächsten Atemzug
In bürgerlich-intellektueller Sprache
Durch die Blume sagen
Der Araber ist so und so
Sexistisch, terroristisch, fundamentalistisch, gefährlich

Ich verstehe nichts
Und werde das Gefühl nicht los
Egal welche Sprache
Keiner beherrscht die Sprache des Dialogs

Während ich schreibe
Einen Text
Der meine zärtlichen Gefühle für die arabische Sprache zu äußern versucht
Ärgere ich mich
Meine Worte gleiten mir aus den Fingern
Verlieren die Poesie
Weil es damit endet
Das Arabische zu politisieren

Ich verstehe nichts
und werde das Gefühl nicht los
Sprache ist Leben

 

Rachel Ulrich (22)

ist in Berlin aufgewachsen – der einzigen Stadt, die für sie zum Leben in Frage kommt. Ihr Spitzname ist „Rage“, und den würde sie gerne häufiger zum Programm machen. Sie mag Hip-Hop und Schuberts Winterreise, daneben ist sie 40-Stunden-Lohnarbeiterin. Sie liebt Lyrik, die sie tröstet und ihr beim Ruhefinden hilft, im Gegensatz zu Politik, denn die bewegt sie.

Gesichter um 7:15 Uhr

Lilly Boos

Zürich, Schweiz

 

7:15
Treppe runter, Kippe an
Die Kippe geht aus und der Bus biegt um die Ecke
Einer sprintet, die anderen stehen bereit
Fahrkarte raus, einsteigen
Die gleichen Gesichter, jeden Morgen
Größtenteils kenne ich ihre Fahrstrecke

Doch wer sind sie?
Wie leben sie?
Was arbeiten sie?
Wie sind sie in diese Stadt gekommen?
Oder sind sie hier aufgewachsen?

Diese Frau mit ihrem Koffer, die am Hauptbahnhof aussteigt
Wo fährt sie hin?
Der Junge, der früh morgens KiTa-Lieder singt
Wie unberührt er doch ist
Was wohl auf ihn zukommt?
Der Mann mit der Brille und dem langen Mantel
Welches Buch liest er heute?

STOP
Ich steige aus
Starte in meinen Tag
Und die Menschen vom 7:15 Uhr-Bus geraten in Vergessenheit

 

Lilly Boos (20)

wuchs in der Nähe von Zürich auf und kam 2017 nach Berlin, wo sie die Bedeutung von Freiheit, Inspiration und Stärke kennenlernte. Nun lebt sie wieder in Zürich und verliebt sich neu in die Stadt.

Geschichte eines Traums

Adham Al-Jwabra

Syrien

 

Träume kommen nicht von selbst in deinen Kopf
Jeder Traum hat eine Geschichte
Der Traum entsteht durch diese Geschichte
Träume verschwinden nicht einfach
Und wenn sie doch verschwinden
Dann waren es nur kleine Wünsche

Mein Vater hat sieben Jahre gebraucht
Um sich sein Haus zu bauen
Das war 2009
Nach acht Jahren musste er dieses Haus wieder verlassen
Unfreiwillig
Wegen des Krieges
Er hat nichts besessen
Außer diesem Haus

Er hat niemals gesagt
Ich vermisse mein Haus
Meine Bäume, meine Blumen, mein altes Leben
Aber ich wusste, dass er das alles vermisst
Er sagt immer
Ich bin froh, wenn ihr froh seid, liebe Kinder
Und gibt uns alles, was wir brauchen

Mein Traum ist entstanden aus dieser Geschichte
Mein eigenes Haus zu bauen
Hier in Deutschland
Wie mein Vater in Syrien
Und dass wir in diesem Haus
Alle zusammen unser Leben verbringen

 

Adham Aljwabra (18)

ist 2017 nach Deutschland gekommen. Er bezeichnet sich als eine Person mit vielen Träumen – er möchte gerne Zahnmedizin studieren und viel verreisen. Adham zeichnet und fotografiert gerne, liebt Filme und Fußball. In Berlin fehlt ihm ein Freund, der für ihn wie ein Bruder ist.

Blume der Tragödie

Danielly Guzzo De Arauja

Vitória, Brasilien

 

Das Leben erwacht
Eine kleine Blume wird geboren
Farblos, aber es ist eine Blume
Das erste Leben, das dort entsteht
Sie ist zerbrechlich und traurig

Die Blume wird gegossen
Mit Tränen
Die Blume der Tragödie
Sie ist blass
Mit Punkten gesprenkelt

Die Blume schlägt Wurzeln
Im Schlamm
Der Schlamm, der Leben gekostet hat
Aber heute kehrt das Leben zurück
Eine einfache und sensible Blume

 

Danielly Guzzo De Arauja (17)

aus Brasilien tanzt, zeichnet und liest gerne. Ihr Traumberuf ist Modedesignerin.

Schmerz des Vermissens

Matin Hosseini

Baghershahr, Iran

 

Es ist sehr schmerzlich zu vermissen.
Vermissen heißt,
dass dein Herz für einen kurzen Moment nicht schlägt.
Besonders,
wenn du deine Mutter vermisst.
Sie zu vermissen ist unerträglich.
Ich erinnere mich an jede Kleinigkeit von ihr.

Vermissen bedeutet,
dass etwas fehlt.
Vermissen bedeutet,
dass es wehtut.
Vermissen bedeutet,
dass du etwas brauchst,
was du gerade nicht hast.

Doch ab und an ist es auch schön etwas zu vermissen.
Manchmal brauchen wir diesen Impuls sogar.
Denn ohne das Gefühl des Vermissens,
wissen wir nicht,
wen wir wirklich mögen
und wen wir nicht mögen.

 

Matin Hosseini (19)

kommt aus einer kleinen Stadt im Iran. Er besucht momentan die Kopernikus-Oberschule Berlin-Steglitz und macht dort sein Abitur. In ferner Zukunft möchte er als Feuerwehrmann oder Rechtsanwalt arbeiten.

Ich glaube nicht an die Wahrheit

Matin Hosseini

Baghershahr, Iran

 

Jedes Mal, wenn ich das Wort Wahrheit höre oder Ehrlichkeit,
dann lache ich leise und dann sage ich zu mir:
Du, du, du,
sei nicht so frech!
Du warst bis jetzt überhaupt nicht ehrlich,
außerdem glaubst du nicht an die Wahrheit.

Ach, Ach, Ach,
denkst du tatsächlich,
dass dir jemand glauben würde,
wenn du ehrlich wärst und die Wahrheit sagtest?
Vertraue mir!

Heutzutage glaubt kaum noch jemand an die Wahrheit.
Wenn ich jemandem etwas erzähle,
sagt die Person schnell, dass ich verrückt bin.
Deswegen verhalte ich mich dir gegenüber so seltsam,
so als ob ich frech wäre und verrückt.
Weil es nur unter uns bleibt.

Ich verrate niemandem,
was ich für eine Wahrheit in mir versteckt halte.

 

Matin Hosseini (19)

kommt aus einer kleinen Stadt im Iran. Er besucht momentan die Kopernikus-Oberschule Berlin-Steglitz und macht dort sein Abitur. In ferner Zukunft möchte er als Feuerwehrmann oder Rechtsanwalt arbeiten.