Mein letzter Sommer in Afghanistan

Kahel Kaschmiri

Ghazni, Afghanistan

 

…war heiß, die Sonnenstrahlen brannten, so sehr,
daß ich kaum arbeiten konnte.
Aber kann es sein, daß man nicht arbeitet?
Nicht zu arbeiten bedeutet, zu hungern und auf der Straße zu leben. Wo hätten ich und meine Familie Unterschlupf gefunden?
Ich benetzte mein Gesicht mit Wasser, zog ein dünnes weißes Hemd an, und ging zum Bazar, um mich um die Kunden im Geschäft zu kümmern.

In Berlin dagegen habe ich den Sommer gar nicht mitbekommen. Es war fast immer kalt. Nur einige Tage war es heiß. Und dann liefen alle nackt durch die Straßen.
Oder lagen in den Parks. Oder gingen schwimmen. Und ich war verblüfft, wie ging das, daß sie nackt durch die Straßen laufen und im Park liegen und abends noch etwas zu Essen finden?
Aber der Sommer in Afghanistan war nicht nur heiß.
Er schmerzte. Es waren die Schmerzen meiner Mutter.
Die Armut und die Verzweiflung meines Vaters.
Die Ausweglosigkeit meiner Schwester, die sich vor den gierigen Blicken von Kopf bis Fuß verhüllen musste. Schließlich hat man sie verheiratet, obwohl sie jünger ist als ich. Und jetzt hat sie schon einen Sohn. Ich frage mich, ist das ihr Sohn - oder ist das ihre Puppe?

In meinem letzten Sommer in Afghanistan hat auf meinem Weg zur Arbeit ein bewaffneter Motorradfahrer einen Polizisten erschossen. Er flüchtete. Dieser Polizist war frisch verheiratet. Es war der Beginn seines Lebens. Er wollte nur seiner Arbeit nachgehen und Geld verdienen.
Aber er starb in einer Sekunde.
Bis die Polizisten kamen, war er schon aus der Welt geschieden.

Wollt ihr, daß ich euch nochmal von meinem letzten Sommer in Afghanistan erzähle?

Ich liebte es, Motorrad zu fahren, umherzustreifen und Gas zu geben. Die Luft wehte in mein Gesicht und die Sonne schien und ich gab Gas. Ich dachte nur an die schöne Natur von Ghazni und beschleunigte.
Auf einmal überholte mich ein Auto. Es fuhr langsamer. Der Fahrer gab mir Zeichen. Halt an!
Ich bekam Angst. Ich gab Gas und flüchtete. Ich rief meinen Cousin an: Ich rief: »Öffne das Tor, hinter mir sind Leute her. Sie wollen mich entführen.«
Es waren die, die hinter den schönen Jungen her sind.
Mit unglaublicher Geschwindigkeit flog ich in seine Richtung, in sein Haus. Er öffnete das Tor und ich stürzte hinein.
Ich atmete durch und dankte Gott.

Wollt ihr, daß ich euch nochmal von meinem letzten Sommer in Afghanistan erzähle?

Nach einem Jahr in der Fremde war ich froh, endlich eine Bleibe gefunden zu haben, ein Zimmer nur für mich selbst.
Vier Wände hatte ich für mich, sowie einen Schlüssel für eine Tür, über den ich selbst verfügen konnte.
Ich seufzte, öffnete die Tür und schlief vor Erschöpfung ein.

Meine Augen waren noch nicht ganz geschlossen, da öffnete sich eine Tür und ich fühlte die Schwere der Anwesenheit von jemandem. Ich hielt die Augen geschlossen, die Decke über das Gesicht.
Plötzlich spürte ich die Schwere seines Körpers auf meinem Körper, und der Schweiß brach mir aus. Ich begann zu zittern.
Ich öffnete den Mund, aber kein Laut kam heraus.
Ich hörte das Wesen sagen: Was machst du hier und warum bist du hierher gekommen?
Ich fing an zu schreien, so laut, daß ich von meinem eigenen Schrei erwachte.

Er war fort und ich fragte mich, wer es wohl gewesen sei?

Kurzporträt Kahel Kaschmiri

 

Michael Krasnov hat sich mit »Mein letzter Sommer in Berlin« auf diesen Text bezogen.

Wie ein Pfeil

Mahdi Hashemi

Ghazni, Afghanistan, aufgewachsen in Iran

 

Einen Monat lang ging die Reise,
die keine Reise war,
sondern ein Schrecken, 

in das Land der Hoffnung. 


Jetzt warte ich auf ein Papier,

das vielleicht Bitterkeit enthält und Trauer.
Und fühle mich wie ein Pfeil.
Verschossen. 

Der zurückkehren soll
zu seinem Bogen.

Kurzporträt Mahdi Hashemi

 

Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta
The Poetry Project | Foto © Rottkay

Mahdi Hashemi (*2000)

Mahdi Hashemi wurde als Kind afghanischer Flüchtlinge in Iran geboren. Er wuchs nahe der Hauptstadt Teheran auf. Mahdi schreibt darüber, warum sich afghanische Flüchtlinge in Iran sogar dafür entschuldigen, dort die Luft zu atmen. Foto © Rottkay

Liebe

Samiullah Rasouli

Ghazni, Afghanistan

 

Wenn Du mich wegen meiner Schönheit liebst,
dann lieb mich nicht.
Liebe stattdessen die Sonne und ihre Strahlen.

Wenn du mich für meine Jugend liebst,
dann lieb mich doch lieber nicht.
Verlieb dich dann lieber in den Frühling,
weil er doch jedes Jahr wiederkommt.

Wenn du mich wegen meines Geldes liebst,
dann lieb mich doch lieber nicht.
Dann lieb doch lieber den Pari*.

Wenn du mich liebst,
weil ich der richtige Junge bin,
dann sollst du mich lieben.
Liebe mich so lange,
solange ich Deine Liebe erwidern kann.

*mythologischer Fisch, der Rubine und Smaragde im Mund trägt.

 

Kurzporträt Samiullah Rasouli

Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta

Beginn des Lebens

Mohamad Mashghdost

Bandar Anzali, Iran



Der Beginn des Lebens war,
dass ich nicht existierte.

Es gab eine Mutter.
Sie war mein Gott.
Es war eine einseitige Liebe.

Es gab einen Vater.
Er war nie da.

Der Körper kam zur Ruhe,
nicht der Geist.
Ich blieb ohne Trost.

Die Schwester wollte mir die Mutter sein.
Aber sie war müde.

Ich liebte die Mutter.
Sie starb.

Ich wollte gehen
und ich blieb.

Ich wollte bleiben
und ich ging.

Nicht das Gehen war wichtig
und nicht das Bleiben.

Ich war wichtig,
der ich nicht existierte.

 

Kurzporträt Mohamad Mashghdost

Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta

Die Deutschen

Amira Gudegast

Berlin, Deutschland

 

Die Deutschen sind pünktlich, ordentlich und zuverlässig.
Sie arbeiten für die Gesellschaft.
Sie arbeiten gern und viel,
das gibt ihnen Kraft.
Sie sind offenherzig und direkt.
Deutsche nehmen vieles an,
doch sie fordern auch ein,
was sie meinen, verdient zu haben.
Ihr Geld, ihre Freiheit, ihre Tradition.

Für meine Mutter war Deutschsein,
wenn man sich von der Familie lösen kann,
wenn man das Essen für die Gäste abzählt
und wenn man auch einen Tag nach dem Tod der eigenen Mutter
pünktlich arbeiten geht.

Doch ich,
ich sehe Deutsche anders.
Deutsche tun viel für das Allgemeinwohl,
auch wenn dafür die eigene Familie erst einmal warten muss.
Die Deutschen sind nicht geizig,
sie möchten nur nichts verschwenden.
Und Deutsche lieben nicht weniger,
sie trauern nur anders.
Sie sind nicht nur die,
die hier geboren wurden.
Es sind alle die,
die gerne hier sind.

 

Amira Gudegast (17)

wuchs in Deutschland als Tochter einer arabischen Familie auf. Da ihr Vater bereits früh verstorben ist und ihre Mutter sich nicht ausreichend um sie kümmern kann, lebt Amira in einer Caritas-Einrichtung in Berlin-Wilmersdorf. Später möchte Amira gerne Erzieherin werden.

Hier und Dort

Salah Ali Ngab

Tripolis, Libyen

 

Zwischen Hier und Dort
Gibt es keinen Unterschied
Glaube mir, der Mensch ist der Mensch

In meinem Land
Füllen die Nationalisten die Straßen mit Hassrede
Und hier – vor sechzig, siebzig oder achtzig Jahren
Füllten die Nationalisten die Straßen mit Hassrede
Dort hassen alle die Juden
Und die Nachbarn
Und die Dunkelhäutigen
Und die Frühgeburten
Hier auch – vor sechzig, siebzig oder achtzig Jahren
Hassten alle die Juden
Und die Nachbarn
Und die Dunkelhäutigen
Und die Frühgeburten

Dort zerstören die Nachbarn ganze Städte
Tausende sterben und alle kämpfen gegeneinander
Auf den heiligen Trümmern und vor den Türen der Krankenhäuser
Um die Welt zu beherrschen
Oder was übrig davon bleibt
Sie sind das beste Volk der Welt, aufgrund des Zufalls ihres Geburtsortes
Und ein bisschen wegen des Öls und wegen einer Erbschaft,
Die zu einer Hälfte heilig ist und zur anderen Hälfte aus Tagträumen gebaut
Hier auch, vor sechzig, siebzig oder achtzig Jahren
Zerstörten die Nachbarn ganze Städte
Tausende starben und alle kämpften gegeneinander
Auf den heiligen Trümmern und vor den Türen der Krankenhäuser
Um die Welt zu beherrschen
Oder was übrig davon bleibt
Sie sind das beste Volk der Welt, aufgrund des Zufalls ihres Geburtsortes
Und ein bisschen wegen des Öls und wegen einer Erbschaft
Die zu einer Hälfte heilig ist und zur anderen Hälfte aus Tagträumen gebaut

Dort gibt es Kinder, die vom Sieg der Fußballnationalmannschaft träumen
Und Mädchen, die vom Tag träumen, an dem sie fliegen dürfen
Ohne die Überwachung durch den Bart ihres jüngeren Bruders
Oder eines religiösen Oberhauptes, umgeben von Verbot- und Bannfatwas
Aber Hier jubeln die Kinder wegen des Siegs der Nationalmannschaft
Und fliegen die Mädchen zwischen Kontinenten
Auf der Suche nach einem anderen Leben
Ohne die Überwachung durch den Bart ihres jüngeren Bruders
Oder eines religiösen Oberhauptes, umgeben von Verbot- und Bannfatwas

Und das ist der Unterschied zwischen Hier und Dort
Glaube mir, mein Freund
Nur sechzig, siebzig oder achtzig Jahre

 

Salah Ali Ngab (37)

kommt aus Tripolis in Libyen. Der Publizist, Forscher und Menschenrechtsaktivist widmet sich der Kritik an fundamentalistischem Extremismus und religiöser Hassrede. Er gründete unter anderem das Kulturmagazin ‚Armat‘, übersetzt Gerechtigkeit – doch die hat es laut Salah in Libyen nie gegeben, nicht unter Muammar al-Gaddafi und heutzutage schon gar nicht. Aufgrund seiner Studien zu fundamentalistischem religiösem Denken und seiner Mitgliedschaft im Libyschen Liberalen Demokratieforum wurde er von der Gruppe Ansar al-Sharia bedroht, das Demokratieforum musste aufgrund von Morddrohungen an die Mitglieder geschlossen werden. Salahs aufklärerische Lesungen über die islamische Schrift führten zu seiner Verfolgung während der Regierungszeit Gaddafis, er wurde angeklagt wegen Verleumdung, Blasphemie, Ketzerei und Atheismus. Bei verschiedenen arabischen Behörden war er als „gefährlicher politischer Aktivist“ gelistet und wurde mehrfach an Flughäfen festgehalten.
Im Oktober 2014 schließlich entführten ihn auf offener Straße bewaffnete Milizen der Muslimbruderschaft, er wurde geschlagen und mit dem Tode bedroht. Dass er noch lebt, habe Salah einflussreichen Freunden zu verdanken, die sich für seine Freilassung einsetzten. Für ihn und seine Bekannten sei in Libyen kein Platz mehr, man sei von Feinden umzingelt. Salah konnte 2015 nach Tunesien und schließlich nach Deutschland fliehen, dank einer Einladung zum Open Eye Award der deutschen MiCt-Stiftung (Media in Cooperation and Transition) aufgrund seiner journalistischen Arbeit. Im selben Jahr beantragte er politisches Asyl in Deutschland.
Salah lebt heute mit seiner Frau und zwei Töchtern in Düsseldorf.

Frauen

Samiullah Rasouli

Ghazni, Afghanistan

 

Wenn ich sage, Frauen, dann meine ich echte Frauen,
diejenigen mit Brauen, Nasen und Schultern.
Die von Beginn an nur sich selbst gehören,
die nicht selbstsüchtig sind und stolz auf ihre Gaben,
die sich in ihrer einfachen Schlichtheit lieben
und einfach nur sie selbst sein wollen
und keiner anderen ähneln.
Diese Frauen meine ich, wenn ich sage Frauen.

Das Licht in ihrem Blick ist wie der Duft von Kobeko*
Ihre wohlwollende Hand ist unvergleichlich wertvoll.
Die Weisheit scheint unter ihrer Schminke hervor.

In Schönheit schreitet sie in der Öffentlichkeit.
Der wässrige Mund der Gaffer ist ihr gleich.
Die selbstbewusste, starke Frau verfolgt ihre Gaben und Talente.

Einige Frauen bleiben zuhause, sie lösen sich auf und werden zu Wasser.
Und diejenigen, die rausgehen, werden zu Brot und Speisen.
Und wenn ich sage Frauen, meine ich diese Frauen.

*Parfum mit dem Namen “Berg an Berg”
Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta
Samiullah Rasouli | Foto © Rottkay

Samiullah Rasouli (*1999)

Samiullah Rasouli wuchs in Ghazni, Afghanistan, auf. Die Region ist bis heute immer wieder umkämpft. Sein Vater starb vor vier Jahren. Vier Wochen war Samiullah auf der Flucht. Kürzlich begann er eine Lehre zum Hotelkaufmann. Seine Gedichte handeln von der Liebe und der Sehnsucht nach dem Vater. Foto © Rottkay

Kopftuch

Sarah Safi

Kapisa, Afghanistan

 

Ich dachte, in Deutschland könnte man sich selbst verwirklichen
Keine Schranken würden einem gesetzt, wenn man etwas wirklich will
Ich dachte, hier könnte man seine Zukunft in die Hand nehmen

Es ist ganz anders
Es gibt sehr viele Unterschiede hier
Zwischen Deutschen und Geflüchteten
Zwischen einem Türken, einem Araber, einem Russen und einem Rumänen

Jeder andere Mensch im Supermarkt kann ganz „normal“ einkaufen gehen
Doch ich, in dieser Menge
Mache den Unterschied für sie
Verschiedenste Menschen sind dort
Aber das Security Personal
Lungert hinter meinem Rücken

Warum immer ich?
Wegen meines Kopftuches
Weil ich Muslimin bin
Können sie sich nicht in meine Position versetzen?
Wie schlecht man sich fühlt, wenn man so behandelt wird
Welchen Spott ich von Seiten ihrer Kinder erfahren muss
Wenn sich die Erwachsenen schon so verhalten

Du gehst normal die Straße entlang
Und sie stoßen dich mit ihren Schultern weg,
Während sie an dir vorbeilaufen

Du bist in der U-Bahn
Verschiedenste Menschen sind dort
Wenn der Kontrolleur kommt
Bist du die erste Person, die er kontrolliert

Wie soll ich mich da fühlen?
Wie ein freier Mensch?
Wie eine starke Frau?

Manchmal glaube ich, ich habe meinen eigenen Weg verloren
Mein gesamtes Vertrauen in mich selbst

 

Sarah Safi (17)

ist seit 2017 in Deutschland. Sie ist allein nach Deutschland geflohen, von Griechenland aus kam sie mit dem Flugzeug nach Berlin. Ihre Familie ist seit Sommer 2018 auch in Deutschland. Sie besucht die Peter-Ustinov-Schule.

Erwähnt mich nicht

Ali Alzaeem

Idlib, Syrien

 

Notiert nicht
Ich sei ein Flüchtling
Ich kam zu euch mit einer Rettungsweste
Ohne Koffer
Erwähnt mich nicht auf den Straßen von Anatolien
Und nicht in den griechischen Häusern
Gebt nicht mit meiner Registrierung an
Ich sei euer bester Buchstabe
Sprecht mich nicht an mit der Sprache der Prinzen
Denn ich bin ein Schäfer, der die Täler kennt
Und mich fürchten die Wölfe
Gebt mir keinen Reisepass
Der den Flughafen in Verlegenheit bringt
Und keinen Geografieunterricht
Der uns beibringt, dass das Erdöl bei uns in Strömen fließt
Schreibt meinen Namen nicht in Zeitungen
Und nicht an die Türen der Veranstaltungen
Denn was wäre das für eine Angeberei
Seht mein Heimatland nicht mit den Augen einer mitleidigen Journalistin
Oder in der einfühlsamen Umarmung einer vorbeigehenden Frau
Lest nicht mein Gedicht, lest meine Geschichte
Kommentiert nicht
Verzieht euch zu euren Gläsern
Denn ich habe eine lange Nacht vor mir
In Gedanken an die Olivenzeit

 

Ali Alzaeem (19)

stammt aus einem Dorf in Idlib. Er hatte eine schöne Kindheit als Schäfer, Schüler, Fußballspieler. Im Sommer 2015 kam er nach Deutschland, spielt gern Theater und schreibt Gedichte. Er hat großes Interesse an Politik und Wirtschaft, die ihn sowohl ärgern als auch süchtig machen. Er geht auf die Elinor-Ostrom-Schule.

Heimat

Mohamad Mashghdost

Bandar Anzali, Iran

 

Meine Heimat habe ich verlassen,
mein Herz. Jetzt ist es wie Schlaf und Traum
und brennt in der Tiefe meines Körpers.
Die weinende Mutter hat mich fortgeschickt.

Die Leiden sind zu Ende, sagte ich.
Ich packte und machte mich auf den Weg.
Leib und Seele überließ ich dem Ozean,
Gott, ich existiere noch, danke.

Gott möge das Meer verfluchen, dass die Leiber verschlingt.
Das Gebet und die Liebe für die Schwester halfen mir anzukommen.
Aber meine Augen haben die Farben des Unglücks gesehen.

 

Kurzporträt Mohamad Mashghdost

Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta

Keine Grenzen überhaupt

Tristan Ludwig

Mannheim, Deutschland

 

Hallo hallo wo gehörst du hin wo wo?
Kein Ort innerhalb der Grenzen Deutschlands
Kein Ort innerhalb von Grenzen überhaupt
Nein über sie hinaus
Hinaus über was gedacht werden soll
Hinaus über Altbauhäuser wie Vorstadtbauten und Ohrensessel
Der Schnee mag aussehen wie Asche
Aber wenn, dann noch immer neu und frisch
Alles bedeckend, aber nein, das Bedeckte verschwand
Da bin ich zu Hause, wo man nicht mehr zu Hause sein braucht
Wo der Abdruck meines Körpers im Neuschnee undeformiert bleibt
An jedem Ort, an dem ein Schneeball fliegt
Oder immerhin da, wo man darüber zu reden wagt
Immerhin da, wo noch nicht alles geschmolzen ist und giftig dampft
Ich mag Fahnen ihres Stoffes wegen und Städte wegen ihrer Straßen
Am meisten jedoch mag ich den Schnee, der sie bedeckt
Freie weiße unbebaute Fläche
Keine Grenzen überhaupt

 

Tristan Ludwig (18)

macht aktuell ein Freiwilliges Sozial Jahr beim Nationaltheater in Mannheim. Er mag stilles Wasser und findet es wichtig, für Gefühle in Kunst oder Musik ausdrücken zu können. Was er später einmal machen möchte, weiß er noch nicht.

Das schöne München

Fanny Haimerl

München, Deutschland

 

Wie soll ich München beschreiben?
Wie soll ich den Glanz beschreiben,
denjenigen, die es nicht kennen.
Ein Ort für die Schönen.

Beneidet von anderen.
Das ist München.

Wo es Reichtum gibt.
Wo Menschen Porsche fahren.
Wo Leute sich selbst lieben.
Das ist München.

Wovon ich nie genug bekomme.
Wo ich meine Wurzeln habe.
Das ist München.

Wo sich die Reichsten fragen, wer der
Reichste ist.
Wo kein Preis die Gier stoppt.
Das ist München.

Ich vermisse deine Straßen,
ich vermisse deine Museen,
ich vermisse deine Biergärten,
die wir jeden Sommer besuchten.
Ich vermisse deine Nächte,
die warm und voller Leben sind.
Das ist München.

Eine Stadt voller Schönheit.
Eine Stadt voller Licht.
Wo die Armut verdrängt wird.
Wo die Leute die Augen verschließen
vor dem Elend.
Aus Egoismus.
Nicht aus Angst.
Das ist München.

 

Fanny Haimerl (16)

würde nach ihrem Abitur gerne Literaturwissenschaften und Kunstgeschichte oder Dokumentarfilm studieren. Sie lebt mit ihrem Bruder und ihren Eltern in Münchens Innenstadt. In ihrer Freizeit schreibt, zeichnet und collagiert sie viel. Außerdem schaut sie gerne Dokus und hört Podcasts. Am liebsten reist sie jedoch und wenn sie zuhause ist, hat sie stets Fernweh.
Dieser Text bezieht sich auf Rojin Namers Damaskus.

Lüge

Maya Taherpour Kalantari

Moers, Deutschland

 

„Sie sieht so glücklich aus!“
„Sie ist immer so selbstsicher!“
„Ich wünschte ich wäre wie sie…“

Es ist alles eine Lüge, was du von ihr zu sehen bekommst.
Nur sie allein kennt die Wahrheit.

Setze ein Lächeln auf und alles wird gut.
Richtig?

 

Maya Taherpour Kalantari (15)

wohnt zurzeit gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren drei Geschwistern in einem Haus. Für die Zukunft hat sie noch keine festen Pläne, würde aber gern die Welt bereisen. Sie zeichnet, tanzt und singt gern, wovon nicht viele wissen, da sie sich selbst als eher schüchtern beschreibt. Seit ihrem ersten Poetry Workshop befasst sie sich zudem gern mit dem Schreiben von eigenen Texten.

Fantasie

Johin Nüße

Uckermünde, Deutschland

 

Aus Fantasie entstehen Fabelwesen
Aus Fabelwesen entstehen Freunde
Aus Freunden entsteht Familie
Aus Familie entstehen Generationen
Aus Generationen entsteht Veränderung
Aus Veränderung entsteht die Welt

Aus der Welt entsteht Krieg
Also entsteht der Krieg in unserer Fantasie?

 

Johin Nüße (17)

wohnt in Ueckermünde, direkt am Stettiner Haff, und besuchte im März 2019 eine Schreibgruppe des Poetry Projects im Schloss Bröllin.

Einfach

Hussein Kasha

Aleppo, Syrien

 

Als ich klein war,
war das Leben einfach.
Morgens früh aufzustehen
und mit der Familie einen schönen
Tag zu verbringen, war einfach.

Als ich älter wurde,
war es nicht mehr einfach.
Als ich zum ersten Mal meinen Vater weinen sah,
merkte ich, dass das Leben nicht einfach ist.

Nicht einfach war es,
als ich meinen kleinen Bruder verabschiedete
und er mir sagte:
»Bring mir Süßigkeiten mit,
wenn du wiederkommst.«

Nicht einfach war es,
meine zweite Seele zu verabschieden,
meine Zwillingsschwester.

Nicht einfach ist es,
ein Familienmitglied zu verlieren,
ohne etwas tun zu können,
weil du mehr als 3000 km entfernt bist.

Es ist nicht einfach,
dass es einfach ist.

 

Hussein Kasha (*2000)

kam im September 2015 in Deutschland an – nach einer einmonatigen Flucht über die Türkei, den Balkan und Österreich mit seinem Onkel und seiner Tante. Er besucht derzeit die Fachoberschule und möchte das Fachabitur im Zweig »Gesundheit« ablegen. Sein gesellschaftliches Engagement zeigt er nicht nur in der Förderung des religiösen Miteinanders, sondern er setzt sich auch ein für die Integration anderer Flüchtlinge im Rahmen von »Sport für Flüchtlinge«.

Klavierklang

Ahmad Al Rifai

Daraa, Syrien

 

Der Rauch flieht vor meiner Lunge,
wie meine Seele.
Die Uhr tickt nicht mehr,
ich bin in einen Traum gefallen.
Ich kann sie endlich sehen.
Der Engel ist gestorben.
Ich kann inzwischen nicht mehr unterscheiden
zwischen Illusion und Realität.
Sie fehlt in beiden.
Es gibt keinen Beweis, dass sie noch existiert.
Im Rauch kann ich ihr Gesicht sehen.
Und in meiner Lunge ihre Küsse spüren.
Rituale.
Es tut so weh, wenn sie tanzt.
Ich wollte sie neben meinem Herz aufbewahren,
in meiner Lunge.
So riet mir Mephisto.
Sie zerstört mich, sie versucht mich zu töten.
Als Lungenkrebs hat sie sich in mir verkörpert.
Das ist das letzte Geschenk.
Ein Date mit dem Tod.

 

Ahmad Al Rifai (21)

ist Schüler. Er liebt das Theater und Singen. So stand er sowohl als Schauspieler als auch als Sänger auf der Bühne bei verschiedenen Kultureinrichtungen. Daneben kocht und liest er gerne.

Die samtene Schreibwelt

Shahad Albayroudi

Hail, Saudi Arabien

 

Ich war so voll von diesem Gefühl, diesem überwältigenden Eindruck,
nicht zu dieser samtenen Schreibwelt zu gehören.
Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich mich und die anderen in meinem Geiste sah.
Ich hätte nie gedacht, dass ich die Worte so finden, formulieren, erschaffen und
dann niederschreiben könnte, dass sie das, was ich sehe und fühle, kompensieren.

Dann jedoch passierte etwas, und der einzige Weg es zu verarbeiten,
es zu verstehen, war, es über das Schreiben zu erkennen und hinaus zu lassen.

Es ist schlimm, dass du gezwungen bist, täglich eine neue Maske zu tragen.
Es ist schlimm, dass du vor dir sehen musst, wovon du jeden Tag träumst,
aber deine Hände scheitern daran es zu erreichen.
Es ist schlimm, dass du das, wovon du träumst,
nicht tun kannst, aber jede anderen Person schon.
Es ist schlimm, dass du jede Sekunde des Tages dieses Lächeln tragen musst,
sodass niemand die Schwäche und den Schmerz sieht, die sich in
deinem Herzen ausgebreitet haben.
Es ist schlimm, dass du dazu gezwungen bist, das zu tun,
was sie von dir wollen, bis zu dem Moment, an dem du vergisst,
wer du bist, was deine Träume sind, was du alles schaffen könntest.

Du bist gezwungen, all diese Dinge zu tun, aber jeden Tag,
jede Minute, jede Sekunde spürst du die Mängel in dir.
Dann schaffst du überhaupt nichts, obwohl alles so einfach wäre.
Dein Gehirn dreht sich immer um dieselben Gedanken,
bis du deine Zukunft zerstört vor dir liegen siehst,
und dein Ich verschwindet.

 

Shahad Albayroudi (18)

kommt aus Hail in Saudi-Arabien. Sie ist seit 6 Monaten in Leipzig mit ihrem Vater, der selbst schon seit 4 Jahren hier ist. Momentan macht sie ihren B1-Deutschkurs. Schreiben ist ihre große Passion.

Ich erinnere mich

Anonyme Autorin

Syrien

 

Ich war 10 Jahre alt. Ich erinnere mich an die brennenden Tränen meines Vaters. An meine Traurigkeit und Angst. An diese furchtbare Nacht. An so viel, dass ich mein Gehirn auskotzen möchte, damit jede Erinnerung verschwindet.

Ich war 12 Jahre alt. Ich erinnere mich an meine Stärke. Wie ich weiterleben konnte, obwohl es keine Gründe dafür gab. Ich erinnere mich so gut, als wäre ich eine 50jährige Frau, im Körper einer 12-Jährigen.

Ich war 14 Jahre alt. Ich erinnere mich daran, zum ersten Mal mein Herz zu spüren. An den Glanz ihrer wunderschönen Augen. An ihr faszinierendes Lachen. Ich erinnere mich an ihre Worte, die mir meine Dunkelheit erleuchteten.

Ich war 15 Jahre alt. Ich erinnere mich an meine Depression. An meine Einsamkeit. An die Menschen, die mir am nächsten waren, und meine brennenden Wunden genossen. Ich erinnere mich so gut an den Kreis, in dem ich gefangen war. Jeder Weg führt mich zurück zu seiner düsteren Mitte, jeder Weg führt mich zurück zum Nullpunkt.

Ich war 16 Jahre alt. Ich erinnere mich an ihren Blick im Gedränge. Ich erinnere mich an die Wärme, die ich spürte, wenn ich sie umarmte. Ich erinnere mich, wie sie mein Ausweg war, meine Sicherheit, meine Seele.

Ich war 17 Jahre alt. Ich erinnere mich an unsere heimlichen Treffen. Ich erinnere mich an ihr Lachen. An die Berührungen ihrer sanften Hände. An jede kleine Einzelheit. Ich erinnere mich so gut daran, wie ich mich gefühlt habe. An mein Herz und meine Seele, die mit Freuden in diesem Gefühl ertranken, ohne nach Rettung zu rufen.

Ich war 18 Jahre alt. Ich erinnere mich an meine wiederkehrende Depression. Ich erinnere mich an ihren Abschied nach unserem letzten Treffen. An all die Gefühle, die in ihrem Kuss lagen. Ich erinnere mich an ihre traurigen Augen. An den Schmerz, der sich durch meinen Körper bohrte, bis sich ein Teil meiner Seele abspaltete und zu ihr zurückflog. An den Moment, als ich ins Flugzeug stieg, und an das Lied, das in Endlosschleife in meinem Kopf lief. Wie ich weinte. Wie ich hoffnungslos war. Wie meine Träume verschwanden. Ich erinnere mich, wie ich die Stadt von oben sah, und ein Stück meiner Seele zurückließ.

Ich bin 19 Jahre alt. Meine Gefühle sind eingefroren, ohne dich. Jetzt habe ich aufgegeben, habe keine Träume mehr, keine Hoffnungen. Ich lebe ohne Ziel, ohne Gefühle, nur so vor mich hin. Es ist die Hölle.

 

Anonym (18)

ist Syrerin, lebte aber von ihrem dritten Lebensjahr an in Saudi-Arabien. Seit 2019 ist sie in Leipzig und macht momentan einen B1-Deutschkurs. Schreiben ist ihre große Passion und all das, was ihr Halt geben kann.

Rap ohne Titel

Shakush

Amman, Jordanien

 

Sin Lam Alef Mim an alle Gläubigen und Ungläubigen,
Hey Leute, wacht auf aus eurem Dauerschlaf!
Hört auf diese tausendjährigen Kriege zu führen!
Hunderte von Millionen sind obdachlos,
Hungrige Kinder, gedemütigte Frauen,
Sie sterben aufgrund all der Religionen und ihrer Tempel.
Ich sage dir nicht, dass du ungläubig werden sollst,
Ich sage dir nicht, dass du einer bestimmten Religion beitreten sollst,
Aber wach auf und betrachte sie alle als Menschen!

Die anderen blicken auf uns herab:
Unsere Richter werden bestochen, es gibt keine Gerechtigkeit.
Wenn Frauen Sex vor der Ehe haben, ist ihr Ruf ruiniert,
Wenn Männer dasselbe tun, dann sind sie Helden.
Die Menschen folgen bösartigen Politikern, ohne selbst nachzudenken.
Das einzige, was noch zählt, ist das Warten vor den Botschaften.
Sie wollen alle nur noch fliehen,
Am besten mit dem nächsten Flieger.
Die Schulen müssen erneuert werden, genauso wie unsere Herrscher,
Die denken, dass wir ihre Sklaven sind.
Wir sind stolz auf unsere Geschichte und unsere längst toten Wissenschaftler,
Während das Land in tausend Stücke zerreißt.

Sei nicht stolz auf deine Nation und woher du kommst,
Nur stolz auf dein Land zu sein macht dich nicht besser als andere.
Stimmst du mir zu?
Denn wenn ja, dann zögere nicht länger und fang an zu verändern!

 

Shakush (25)

kommt aus Amman in Jordanien, studiert in Deutschland. Er rappt in seiner Freizeit. Shakush ist sein Künstlername.

Trennung

Katja Haji Ido

Alqush, Irak

 

Erster Tag in Deutschland
Mit meiner Mutter
Und meinen zwei kleinen Brüdern
Wir waren in einem Park
Wir haben gewartet
Auf meine Schwester und meinen großen Bruder

Sie haben uns nie gefunden
Denn ein Deutscher hat die Polizei gerufen
Weil wir schmutzige Kleidung hatten
Und viele Wunden
Von all den Äste und Stacheln im Wald

 

Katja Haji Ido (18)

ist im Jahr 2001 in der nord-irakischen Stadt Alqush, in der Provinz Niniveh, geboren. Heute lebt sie in Köln und besuchte im April 2019 gemeinsam mit ihrem Bruder einen Workshop des Poetry Projects.

Nur gemeinsam

Armand Haji Ido

Alqush, Irak

 

Der erste Tag in Deutschland
Ich hatte das Gefühl in der Wüste zu sein
Vier Tage war ich im Gefängnis
Auf dem Boden nur Sand

Bis heute trauen sich viele Menschen nicht aus dem Haus
Weil die Umgebung nicht ihrer Heimat ähnelt
Am Anfang war ich ganz auf mich allein gestellt
Wenn man die Einsamkeit der Fremde nicht erfährt
Dann kennt man keine Einsamkeit

Als wir in Bulgarien ankamen
Erwartete uns die Polizei
Alle hatten Angst festgenommen zu werden
Und zurückgeschickt

Eine Frau ist geflohen und die Polizei hat auf sie geschossen
Vor Angst ist sie weggerannt und von einer Klippe gestürzt
Da die Frau verletzt war, wurden wir nicht zurückgeschickt

Einige haben sich festnehmen lassen
Einige sind abgehauen
Autos kamen und haben uns mitgenommen

Meine Mutter sagte zu mir: Lauf weg
Ich sagte: Ich lasse euch nicht allein

 

Armand Haji Ido (20)

ist im Jahr 1999 in der nord-irakischen Stadt Alqush, in der Provinz Niniveh, geboren. Heute lebt er in Köln und besuchte im April 2019 gemeinsam mit seiner Schwester einen Workshop des Poetry Projects.

Verabschiedung

Jin Hamo

Afrin, Syrien

 

Ich fühle die frische Luft
Und atme sie ein.
Ich schaue die Berge
Und die Natur an
Und atme aus.
Meine Haare fliegen
Und die Tränen fließen.
Der Tag ist gekommen,
Vor dem ich Angst hatte.
Alles zu verlassen,
Die Gefühle zu beschreiben.
Keine Worte.
Die schönen Momente
Bleiben für immer in Erinnerung.
Wir werden uns treffen,
Das verspreche ich.
Es wird nicht genauso sein,
Vielleicht sogar schöner.
Aber Hoffnung habe ich,
Und ihr hoffe ich auch.

 

Jin Hamo (15)

ist 2017 mit ihrer Familie nach Deutschland geflüchtet und wohnt in Halle Neustadt. Momentan besucht sie die 9. Klasse und wünscht sich, in der Zukunft weiterhin künstlerisch aktiv zu sein. Jin liebt alles, was mit kreativem Ausdruck zu tun hat: neue Sprachen lernen, zeichnen, fotografieren, singen, tanzen und neue Menschen aus anderen Kulturen kennen zu lernen.

Mauern

Sarah Moles Lyall

Edinburgh, Schottland

 

In Berlin finde ich überwundene Mauern vor,
untergraben, umgestürzt.
Schon die ’89er Mauerspechte wussten:
Mauern können nicht für immer bestehen,
wenn Menschen zueinander streben.
Die Unterschiede in meinem Deutschunterricht
zwischen „Migrant“, „Auswanderer“ und „Flüchtling“
verschwinden; in unseren Fehlern
sind wir alle gleich. Zusammen
entziehen wir uns Imperialismus, Kolonialismus und Globalismus
und finden Gemeinsamkeiten
in unserer neuen gemeinsamen Sprache.

 

Sarah Lyall (29)

ist Sozialforscherin, begeistert von bürgerlichen Entscheidungsprozessen, besorgt über soziale Spaltung. Sie zog nach Berlin, um Deutsch zu lernen und eine neue Perspektive auf Sozialpolitik zu gewinnen.

Lyrikerin aus Heimweh

Naseh Qutaisch

Idlib, Syrien

 

Ich habe noch nie in meinem Leben
Gedichte geschrieben, aber in meiner Fremdheit
habe ich das Gefühl, dass ich das jetzt brauche.
Aus meinem Heimweh heraus wurde ich Lyriker
und durch die Trennung von meinen
geliebten Menschen bin ich sehr traurig.
Mutter, Vater und meine Geschwister, ich vermisse euch.
Nur mit euch teile ich die Erinnerungen und die Liebe.
Oh Gott, ist die Einsamkeit nach solch
schönen Tagen mit euch unerträglich.
Manchmal überwiegt die Zufriedenheit,
aber meistens weicht sie der Traurigkeit
und dem Leiden und ich muss mich jedes Mal
aufs Neue überwinden.

 

Naseh Qutaisch (27)

arbeitet als Rechtsanwältin. Sie liebt Bodybuilding, Fußball und freut sich immer darüber, neue Leute kennenzulernen. Wenn sie sich für eine Musikrichtung entscheiden müsste, wäre es wahrscheinlich arabische Musik, weil sie ihr am vertrautesten ist. Nasehs Lieblingsfarbe ist Weiß, weil sie diese Farbe mit Frieden und Freiheit verbindet.

An meine Geliebte

Ahmad Al Mohamad

Aleppo, Syrien

 

In der Stadt der Träume
Wo die Menschen nie schlafen
Traf ich eine außergewöhnliche Frau
In einer Nacht, der keine Tage folgten
Fragte ich sie
Wer bist du?
Sie antwortete
Ich bin eine Frau ohne Adresse

Ich trank den Wein und der Zucker
Zerschmolz in unserer Zuneigung
Ich fragte
Treffen wir uns nach diesem Gefühl wieder?
Sie schaute mich an und antwortete mit glänzenden Augen
Ja

Sie kam zum Treffen
In den Kletterclub
Ich sagte ihr
Ich liebe dich und ich will
Dass du meine Dame im Rayonspalast wirst
Sie sagte
Ich bin dein Engel aus dem Himmel
Aber keine Frau für die Öffentlichkeit
Sie schmunzelte
Ich habe einen Geliebten, aber ich bin frei wie eine Gazelle
Ich war für einen Moment geistesabwesend
Und alles zerfloss hinter den Wänden

Sie sagte
Macht nichts, das Leben ist, wie es ist
Ich ging erhobenen Hauptes
Denn ihr waren die Reiter noch nicht bekannt

 

Ahmad Al Mohamad (29)

ist 2015 nach Deutschland gekommen. Er tanzt und kocht gerne und schafft es neben seiner Arbeit als Assistenzzahnarzt außerdem, fast jeden Tag ins Fitnessstudio zu gehen. Im Moment baut er noch sein Deutsch aus und kämpft um die Anerkennung seines Zahnarztstudiums. Was Ahmad besonders nervt, sind Vorurteile. Abgesehen davon schätzt er die Freiheit in Deutschland.

Verschwiegene Träume

Hanna Riegenring

Berlin, Deutschland

 

Elisa, 5
träumt vom Frieden,
dass die Welt aufhört mit Kriegen,
sie möchte nicht mehr jede Nacht wach liegen.
Hätte sie das Steuer
würde sie aufhören mit dem täglichen Feuer.
Sie würde ihrer Mama helfen,
deren Tränen jede Nacht mit ihrem T-Shirt verschmelzen.
Wo ihr Papa ist, wüsstet ihr gerne?
Das stand für sie immer in der Ferne.
Sie würde gerne über Trauer, Angst und Hunger siegen,
doch über das alles hat sie stets geschwiegen.

Betty, 9
hat alles,
sie kam in eine perfekte Familie dank eines Zufalles.
Ihre Eltern konnten ihr alles geben,
Kleider, Puppen und deren Ansicht nach ein perfektes Leben.
Sie konnte alles bekommen, was sie begehrt,
doch der Wunsch nach Zuneigung und Liebe wurde ihr immer verwehrt.
Ihre Eltern arbeiten täglich bis tief in die Nacht,
sodass Hund Hannes stets über sie wacht.
Ihr Schmerz kam immer weiter hochgestiegen,
doch über das alles hat sie stets geschwiegen.

Anna, 10
möchte später auf alle Fälle Astronautin werden
Die Welt von oben erleben
Sich näher zu ihrer Mama in den Himmel begeben.
Einfach abhauen und verschwinden wie im Traum,
In die undeutlichen blauen Tiefen, in den Weltraum.
Sie möchte auf Wolken schweben, einfach frei leben
und sich der Schwerelosigkeit hingeben.
Sie möchte mit der Zahnfee plauschen,
zwischendurch zum Mann im Mond rauschen.
Auf Einhörnern fliegen,
doch über das alles hat sie stets geschwiegen.

 

Hanna Riegenring (16)

wohnt in Berlin und radelt, läuft und schwimmt aktuell für einen Triathlon.

Kuchen für alle

Fabian Reuber

Berlin, Deutschland

 

Schokoladenkuchen für mich
Papageienkuchen für Gott
Apfelstrudel mit Vanillesauce für Mama
Vanillekuchen für Papa
Zitronenkuchen für meinen Bruder
Erdbeerkuchen für Oma, meine Baka
Muffins für Helene Fischer
Apfel-Zimt-Kuchen für meine Klasse
Eierkuchen mit Schokolade im Urlaub mit meinen Eltern
Sogar der Teig ist aus Schokolade

 

Fabian Reuber (17)

kommt aus Berlin und ursprünglich aus Kroatien. Er lässt sich von seiner Behinderung nicht davon abhalten, sich auf Reisen die Welt anzuschauen. Irgendwann hat er vielleicht mal alle Kuchen probiert, die es gibt.

Blick zurück

Hassan Zir

Idlib, Syrien

 

Ich stand vor einer Treppe,
2 oder 3 Treppenstufen.
Eine kleine Treppe,
daneben eine kleine Straße.

Später

Eine Schnecke,
sie hatte keinen Kopf
und keinen Hals,
sie hatte nur einen Rücken,
und lag auf dem Asphalt.

Ein letzter Blick zurück,
eine Frucht,
vielleicht?
Sie war blau.

Dahinter

Ein leeres Tor,
ein Platz,
ein Fußballplatz.
Ich hatte keinen Ball.

 

Hassan Zir (13)

wurde in Idlib in Syrien geboren und besucht momentan die Hector-Peterson-Schule in Kreuzberg. Er liebt das Schwimmen und testet gerne alle neuen Smartphonespiele.

Wir töten eure Träume

Hani Schebel

Idlib, Syrien

 

Er saß in jener Zeit
in einer dunklen, einsamen Zelle eines Gefängnisses.
Der Aufseher pflegte ihn zu fragen:
Denkst du, dass unsere Macht irgendwann nicht mehr besteht?
Dass sich eure Träume verwirklichen?
Ihr eure Zukunft irgendwann selbst gestalten könnt?

Dann lachte er:
Bloß ein Traum, bloß ein Traum!
Wir brennen eure Länder ab,
töten eure Träume!

Wisst ihr nicht,
wir sind die Götter der Zeit,
wenn ihr in Frieden leben wollt,
dann sucht euch eine neue Heimat!

 

Hani Schebel (21)

kommt aus Idlib in Syrien und ist ein Redaktionsmitglied des Was Geht?! Magazins und innerhalb seines Ressorts für Kurzfilme zuständig. Sein letzter Kurzfilm War of Colours richtete sich gegen den aktuell vorherrschenden Rassismus innerhalb der Gesellschaft. Zukünftig möchte sich Hani insbesondere mit Design beschäftigen.

Fremde Erde

Diana Hamido

Aleppo, Syrien

 

Die Sehnsucht verfolgt mich wie Schatten,
eine Erinnerungskette, die mich in die Vergangenheit zieht.
Ich würde gerne weinen.

Wenn ich an meinen Opa denke…

Ich höre seine Stimme.
Ich sehe ihn in seinem Feld sitzen,
wie er stolz die unendliche Anzahl an Blättern betrachtet.
So war er.

Nun liegt er in fremder Erde, in fremdem Land.
Ich glaube kaum, dass er sich vom Leben verabschiedete.
Ich höre seine trockene Stimme.

Ich habe unzählige schöne Felder gesehen,
doch das Feld meines Opas war das schönste.

Mein Opa,
ich weiß, dass du viel Liebe in diese Erde getragen hast,
viel Arbeit.
Ach, du wusstest nicht,
dass du sie würdest aufgeben müssen,
die Pflanzen, den Fluss.
Alles.

 

Diana Hamido (20)

kommt aus Aleppo in Syrien und besucht momentan in Berlin die 12. Klasse, um ihr Abitur zu erlangen. Sie zeichnet gerne und hat sich vorgenommen nach ihrem Schulabschluss Architektur zu studieren.