Verdrängungsmechanismus im Prenzlauer Berg

Lotti Spieler

Berlin, Deutschland

 

Den Winter vermisse ich genauso wie den Sommer,
immer dann, wenn das jeweilige Gegenstück
gerade nicht da ist.

Wenn mein Arm ab ist,
dann vermisse ich den auch,
weil so ganze ohne Arm,
ist ja auch dann scheiße.

Aber jetzt gerade ist er mir nicht so wichtig,
oder besser gesagt,
so wichtig, wie mir ein Arm eben sein kann,
oder sein muss,
weil am Ende brauche ich ihn doch,
und das kann auch ganz praktisch sein,
so ein Arm.

Meine Erinnerungen vermisse ich auch irgendwie,
aber nicht auf dieser Gefühlsebene.
Sie sind einfach nicht mehr da.

Vermissen muss ja auch nicht gleich ein Gefühl sein,
dann kann man auch den Kitsch vermeiden.
Zum Beispiel! Meine Schlüssel kann ich auch vermissen,
wenn sie grad nicht da sind,
und auch so ganz ohne Gefühle.
Dann brauch ich sie und wenn sie nicht da sind,
ist das halt doof,
wie mit dem Arm.

,,Erinnerst du dich noch an..?’’
Nee, ehrlich gesagt nicht,
aber ,,ja haha’’,
weil alle anderen sich ja auch erinnern und sonst wäre das komisch
und ich außen vor,
vielleicht sind das Verdrängungsmechanismen,
aber ich bin im Prenzlauer Berg aufgewachsen…

Eine schlechte Kindheit heißt da,
mal von der Oma Pommes von McDonalds mitgebracht bekommen zu haben,
weil die Scheiße ist ja, ist alles nicht glutenfrei und vegan,
dabei hat das arme Kind doch so viele Unverträglichkeiten.
Keine schlimme Kindheit, kein Verdrängungsmechanismus also.

Vermissen Menschen, die ihr Leben lang keine Walnüsse essen konnten,
weil sie wirklich allergisch sind, den Geschmack der Nüsse?
Oder Farbenblinde. Kann man denn etwas vermissen,
was man nicht kennt?
Vielleicht schon so ganz tief drinnen, das ist es doch auch,
worauf jede schlechte Roman-Romanze basiert.

Dass da was gefehlt hat bzw. in dem Fall jemand,
so innen drin halt.
Mir fehlt aber gar nichts.
Ich hab‘s ja dann doch ganz gut,
um jetzt nochmal auf das Moral-Wertschätzen-Ding zurückzukommen.
Mir fehlt nichts hier, ich hab‘ beide meine Arme und
meine Schlüssel gerade auch,
außerdem ne ganz solide Bildung,
glaube oder hoffe ich jedenfalls.

Ihr habt hier übrigens ne ziemlich krasse Akustik drin.
Man hört einfach jedes Wort,
das vor der Tür geredet wird.
Cool, aber auch ein bisschen gruselig.
Jetzt habe ich nichts mehr aufzuschreiben.
Eure Akustik hier ist echt geil.
Die werde ich heute vielleicht noch vermissen
oder vielleicht auch nicht, weil…
Wie gesagt, ist ja auch ein bisschen gruselig fremde Leute zu belauschen.
Macht aber auch irgendwie Spaß.

Kurzer Abschlussgedanke, wäre es nicht unfassbar cool, die Sonne wäre ein Loch?

 

Lotti Spieler (14)

ist, wie sie selbst behauptet, überbehütet im Prenzlauer Berg in Berlin aufgewachsen und besucht dort die Schule. In den letzten Jahren hat sie regelmäßig Lyrikpreise gewonnen, kritisiert stetig die unsichere Zukunft ihrer Generation und denkt oft laut auf Papier.

Über Sicherheit und kleine Freiheiten in Deutschland

Shahzamir Hataki

Mazar-e-Sharif, Afghanistan

 

Junge Frauen dürfen einen Freund haben hier.
Sie können zusammen ausgehen und Dinge unternehmen.
Afghanische Mädchen dürfen das nicht,
außer sie sind alt genug.

Dann sucht man einen Ehemann,
und es gibt eine Hochzeit.
Bis zur Hochzeitsnacht sehen sie den Ehemann nicht.

Zwei Autos in Berlin hatten einen Unfall.
Nicht mal Minuten vergingen,
und die Polizei war da, mit Blaulicht.
In Afghanistan hätten sich die Fahrer geprügelt,
und Stunden später wäre die Polizei erschienen.
Dabei war nichts passiert, nur ein Kratzer.

Die Menschen hier gehen abends durch die Straßen,
nicht in Afghanistan. Wenn ein junger Afghane aus dem Haus tritt, weiß er nicht, ob er wieder zurückkehren wird. Er verabschiedet sich für immer. Wenn ein junger Afghane aus dem Haus geht, hat er vermutlich Geld, er kann entführt werden. Wenn er etwas hübscher ist, werden sie
andere Dinge mit ihm anstellen oder ihn mit einer Bombe in die Luft jagen. So ist es nicht in Europa.

 

Shahzamir Hataki

Vater

Samiullah Rasouli

Ghazni, Afghanistan

 

Hundert Küsse sende ich dem Staub,
den deine Füße aufwirbeln.
Hundertmal Wehmut musstest du erleiden, um Brot zu finden.
Könnte ich doch zu den Schwielen deiner Hand werden.

Nicht einmal klagtest du und sagtest, du seist müde.
Ich verneige mich vor deinem Opfer.
So wie man um die Kaaba kreist,
will ich um dich kreisen.
Aber auch das reichte nicht,
um deine Mühsal aufzuwiegen.

 

Samiullah Rasouli

Nur meine Mama

Mohammed Ali Al Mhesen

Bagdad, Irak

 

Wenn ich spät nach Hause komme,
ist da niemand, dem meine Abwesenheit auffällt,
nur meiner Mama.

Wenn ich mein Handy ausschalte,
versucht niemand mich anzurufen,
nur meine Mama.
Sie ruft hundert Mal an.

Wenn ich mich traurig fühle, krank werde, mich müde fühle,
tröstet mich niemand,
nur meine Mama.

Wenn ich groß werde, wenn ich eine Prüfung bestehe,
weint niemand vor Freude,
nur meine Mama.

Du liebe Mama,
wenn ich mein ganzes Leben damit verbringen würde,
deine Füße zu küssen,
würde ich mich nicht langweilen.

 

Mohammed Ali Al Mhesen (18)

Mohammeds Hobbys sind Fitness und Musikhören. Er wollte eigentlich Pilot werden, aber nach einem Schülerpraktikum im April 2019 in einer Autowerkstatt kann er sich auch vorstellen, als Kraftfahrzeugmechatroniker zu arbeiten. Seine Lieblingsfächer in der Schule sind Englisch und Sport.

Mein Glück

Mohammed Ali Al Mhesen

Bagdad, Irak

 

Ich sah ein Stück Hamburger in der Küche liegen.
Ich nahm die erste Hälfte und biss hinein.
Da empfand ich Glück.
Ich blickte zur anderen Seite,
da sah ich Nutella.
Plötzlich fiel mir ein, dass ich doch eine Diät machen wollte.
Dieses Hin und Her – Schokolade oder Abnehmen – löste einen Konflikt in mir aus.

 

Mohammed Ali Al Mhesen (18)

Mohammeds Hobbys sind Fitness und Musikhören. Er wollte eigentlich Pilot werden, aber nach einem Schülerpraktikum im April 2019 in einer Autowerkstatt kann er sich auch vorstellen, als Kraftfahrzeugmechatroniker zu arbeiten. Seine Lieblingsfächer in der Schule sind Englisch und Sport.

Natur

Mahmoud Jamou

Aleppo, Syrien

 

Schau dir die Natur an,
dann verstehst du alles.

Nur die Schriftsteller verstehen es!
Wir bekriegen nun die Natur.
Selbst, wenn wir sie besiegen,
verlieren wir.

 

Mahmoud Jamou (17)

Mahmoud hat von 2013 bis 2016 in Istanbul gelebt und dort als Schneider gearbeitet. Er macht gerne Sport, wobei er besonders gerne schwimmen geht. Was er später mal werden möchte, weiß er noch nicht. Aktuell besucht er am OSZ Handel 1 die IBA Klasse.

Zufluchtsort

Janat Alo

Afrin, Syrien

 

Du Meer:
Bin ich ein Teil von dir?
Ich komme ratlos zu dir, du mein Zufluchtsort,
beklage die Entfremdung von der Welt.

Du Meer:
Das Schicksal schlägt mich!
Wenn ich mich auf seinem weichen Sand hinlege,
sehe ich keine Sterne!

Du Liebe:
Die Liebe gleicht einem Gummiband,
dessen beide Enden wir halten und ziehen.
Wenn einer es loslässt,
tut es dem anderen weh.

 

Janat (17)

kommt aus Syrien. In ihrer Freizeit schwimmt sie gerne und spielt Gitarre. Sie möchte später Krankenschwester werden.

Küsse im Gepäck

Hassan Al Hamad

Tyros, Libanon

 

Du liebe Mama,
nun muss ich fliehen!
Lass mich dich zum Abschied umarmen,
küsse mich!
Ein paar von ihnen packe ich in meinen Rucksack,
denn deine Küsse kann ich gut gebrauchen.
Ich weiß, ich hab dich verletzt, als ich wegging.
Ich hörte deine zahlreichen Tränen.
Ach weine nicht!
Das tut weh.

 

Hassan Al Hamad (19)

ist seit zwei Jahren in Deutschland. In seiner Freizeit fährt er gerne Auto – am liebsten einen BMW. Er möchte später gerne Friseur werden.

Versprechen

Ghaith Al Kazzaz

Damaskus, Syrien

 

In meinem Namen und im Namen aller,
wir danken dem deutschen Staat
und den Bürgern.
Wir sind in Deutschland als Bürger,
Kriegsflüchtlinge,
weil unser Land kaputt ist.
Aber Deutschland hat uns geholfen
und gute Chancen gegeben.
Und wir versprechen,
dass wir das Beste versuchen,
das wir können.

 

Ghaith Al Kazzaz (18)

kam vor einem halben Jahr nach Deutschland. Er hat eine Leidenschaft für Autos. Sie sind sein Hobby und sein Berufsziel, denn er möchte Kfz-Mechaniker werden.

Glück des Gehens

Gabriel Wolz

Cartagena, Kolumbien

 

Ich bin nur glücklich beim Gehen,
und mich dabei von den schlechten Dingen zu entfernen,
die mich umkreisen.
Von all dem, was mich hemmt.
Und von den schlechten Menschen,
die mir nichts Gutes bringen.
Sie wollen nicht, dass meine Träume wahr werden.

 

Gabriel Wolz (17)

Gabriel lebt mit seinem Vater in Berlin, während der Rest seiner Familie in Kolumbien in Cartagena wohnt. Er mag es, Musik zu hören, zu kochen und Fußball zu spielen. Später möchte er einmal Kraftfahrzeugmechatroniker werden.

Schwarz-Weiß

Barakat Alahmad

Hasaka, Syrien

 

Einige von uns sind wie das Meer,
und andere sind wie ein weißes Papier.
Wenn einige von uns nicht schwarz wären,
dann wäre die weiße Farbe stumm.
Und wären einige von uns nicht weiß,
dann wäre man schwarz-blind.

 

Barakat Alahmad (19)

ist seit knapp 2 Jahren in Deutschland. Er schaut gerne Filme oder liest Bücher. Später möchte er einmal Automechaniker werden.

Brücke

Aya Alahmad

Damaskus, Syrien

 

Die Zeit vergeht.
Damaskus bleibt für mich wie eine Brücke
zwischen meiner Seele und meinem Körper.
Gott bewahre dich,
Damaskus.
Du hast einen besonderen Platz in meinem Herzen
und in meiner Erinnerung,
trotz der Ferne und der Abwesenheit.

 

Aya Alahmad (18)

kam vor zwei Jahren nach Deutschland. In ihrer Freizeit hört sie gerne Musik und möchte später gerne einmal im Bereich der Mode arbeiten. Sie schreibt am liebsten über Damaskus und fotografiert gerne Städte.

Schweigen

Alaa Hallak

El Bass, Libanon

 

Der wahre Kern eines Menschen
liegt nicht in dem, was er sagt,
sondern in dem, was er verschweigt.
Höre nicht auf das, was er sagt.
Höre auf das, was er nicht sagt.

 

Alaa Hallak (19)

kommt aus Palästina und ist schon seit knapp zwei Jahren in Deutschland. Später möchte er einmal Automechatroniker werden. Er geht gerne schwimmen und schreibt am liebsten über die Liebe. Er fotografiert gerne die Natur.

Über Teheran

Yasser Niksada

Panshir, Afghanistan

 

Ich selbst bin nur die Erzählung eines Flüchtlings in Iran.
Die Schuld von Generationen habe ich auf mich geladen,
und bin gezwungen, diese abzutragen.

Iraner, eure Lieblosigkeit zielt auf mich.
Weil ich Afghane bin.

Lernt doch, nicht wie die Tyrannen zu sein,
nicht allein als Nationalisten zu handeln.
Wir müssen verstehen, alle Menschen
mit einem Auge zu betrachten.

Ich lehrte mich selbst, die Ungerechtigkeiten,
die ich durch euch erfuhr,
nicht als Groll in mich sickern zu lassen,
um nicht auch wie ein Tyrann zu werden.

Es liegt ja nicht im Schicksal, dass alle Menschen glücklich sind.
Als Flüchtling wurde ich ein Charakter, über den ihr euch belustigt.

Möchtest Du, dass ich Dir Iran in einem Satz erkläre?
»Für dich ist alles verboten!«

 

mehr: Yasser Niksada

Du

Yasser Niksada

Panshir, Afghanistan

 

Im Vergleich zu meinen Schmerzen bist Du klein.
Du sagst zu mir, ich nehme Dir alles weg.
Vielleicht bin ich schlecht.
Vielleicht stört Dich jeder Atemzug, den ich mache.
Ich wünsche dem ärgsten Feind kein Übel.
Aber wisse, dass auch Du möglicherweise
eines Tages alles verlieren kannst.

Der Schmutz des Weges meiner Flucht haftet noch an mir.
Doch vielleicht kann ich eines Tages Dein Leben retten.
Vielleicht nicht.
Es ist nicht Deine Schuld, dass ich auf der Welt
und schließlich hierhergekommen bin.
Bedauerlich, dass meine Existenz Dir Unannehmlichkeiten bedeutet.
Wäre ich an Deiner Stelle, vielleicht wollte auch ich nicht
mit einem wie mir befreundet sein.
Ich opfere mich, um die Welt zu verbessern,
und Du opferst Dich, um mich zu vernichten.
Ein Junge, 15 Jahre alt, dessen Gesicht noch nicht
zerfurcht ist vom Leben, sein Haar noch nicht ergraut.
Aber dessen Herz bereits in tausend Stücke gerissen wurde
durch den Egoismus seiner Mitmenschen.
Er hat alles hinter sich gelassen.
Und er wird nun euren Charakter prüfen.

Meine Mutter sagte:
Sieh!
Wenn die von dieser Welt enttäuschten Menschen schlaflos liegen, ohne Schutz,
dann werden die menschenfressenden Wölfe erwachen.

 

mehr: Yasser Niksada

Der einzige Sohn

Shahzamir Hataki

Mazar-e-Sharif, Afghanistan

 

65 Menschen waren auf dem Boot.
Der Schmuggler deutete auf einen Berg –
dort ist Griechenland, sagte er.

Das Wasser fiel wie Wände auf uns herab.
Der Motor stoppte.
Es waren viele Kinder im Boot.
Es kenterte.

Ich kann nicht schwimmen.

Zwei Minuten blieb ich unter Wasser,
die rote Weste zog mich an die Oberfläche.
Ich hatte furchtbare Angst.

Es war
sehr kalt.
Alle schrien. Ich auch. Vor mir war ein Kind.

Ich tröstete es, du musst
nicht weinen, und ich wusste es doch besser.

Eine Mutter ertrank vor
meinen Augen, ihr Kind im Arm.
Zwei Stunden, dann kam das Boot,
uns zu retten.
Überlebt haben 20 Menschen.
Die kleinen Kinder waren alle tot.

Ein Junge, er war so alt wie ich,
saß neben mir im Rettungsboot.
Er schrie immerfort
»Mutter, Mutter«.
Ich fragte ihn, warum weinst du?

Er sagte, seine Familie, sieben Menschen,
sie seien gestorben.
Ich fragte mich, wer hätte meinen
Eltern gesagt, wenn ich im Meer ertrunken wäre?
Ich bin der einzige Sohn.

Ärzte warteten.
Ich konnte mich nicht auf den Beinen halten.
Sie bargen nur acht Tote.
Wir Überlebenden kamen ins Krankenhaus.

Acht Tage und acht Nächte habe ich geschlafen.
Und jeder Tag im Krankenhaus kam mir vor wie ein Jahr.

Als ich losfuhr aus der Türkei, hatte ich 100 Dollar.
Sie gingen im Wasser verloren.

Am 20. Tag rief ich zu Hause an.

Mutter sagte, warum hast du dich nicht gemeldet?
Drei Tage habe ich nicht gegessen vor Sorge.
Ich sagte, ich sei wohlbehalten angekommen,
nur hätte ich das Geld für das Telefon nicht gehabt.

Wie konnte ich ihr sagen, dass ich
zehn Tage nur Kakao zu mir nehmen konnte, weil
mein Körper voller Salzwasser war?

 

mehr: Shahzamir Hataki

Nimruz

Samiullah Rasouli

Ghazni, Afghanistan

 

Wir saßen auf der Ladefläche des Transporters,
in der Wüste von Nimruz, als wir sieben Leichen sahen.
Wer hatte diese armen Menschen umgebracht?
Alle stiegen aus, um die Toten anzusehen.
Die Männer waren jung, 20, 21 Jahre alt,
alle tot, bis auf einen.

Er atmete noch.

Das Blut an seinem Körper war bereits getrocknet.
Wir fragten ihn: »Was ist passiert?«
Er sagte leise: »Räuber.«
Sie waren überfallen und ausgeraubt worden.
Der Sterbende warnte uns:
»Diebe, Diebe, nehmt einen
anderen Weg.«
Wir flohen und ließen ihn liegen.

Hätte ich etwas anderes machen können?

 

mehr: Samiullah Rasouli

Der Grund ihres Schweigens

Batol Almawed

Damaskus, Syrien

 

Ein Mädchen flog mit dem Wind wie ein fliegendes Blatt.
Wer sie sah, dachte, sie fliegt, weil sie das möchte.
Nie verließ ihr Lächeln ihr Gesicht.
Damit ihr Geheimnis nicht sichtbar werden konnte.

In ihrem Innern war sie tot.
Dunkel.
Dunkelheit an jedem Ort in ihr.
Ich konnte es nicht sehen.
Ich blickte sie an, während sie flog.

Ihr Schweigen überraschte mich.
Der Grund ihres Schweigens waren ihre Vögel.
Denn sie wollte nicht, dass sie traurig werden.
»Warum spricht sie nicht? Ich hoffe, sie wird sprechen.«
Dann werden alle sie ehren.

 

Batol Almawed (16)

Batol ist in der syrischen Hauptstadt geboren, wuchs jedoch in Palästina auf. Seit dreieinhalb Jahren ist sie in Deutschland und geht in die 10. Klasse des Georg-Herwegh-Gymnasiums.

Sehnsucht

Youmna Hamdan

Damaskus, Syrien

 

Als ich in Deutschland eingetroffen bin, hatte ich viele positive Gefühle.
Zunächst einmal habe ich mich sehr gefreut, meine Schwester zu treffen.
Bald schlichen sich die negativen Gefühle ein: Langeweile, Einsamkeit.
Nahmen Einfluss auf mein gewohntes Leben.
Ich begegnete vielen Schwierigkeiten, weil ich Kopftuch trug.
Als meine Sprachschule begann, war mir alles neu.

Ich hatte Sehnsucht und Heimweh.
Der Krieg hatte meine Wohnung zerstört.
Ich erinnere mich an jede Kleinigkeit, die sich nach dem Krieg ereignete.
Von allen Ereignissen aus der Vergangenheit
war der Tod aller meiner sechs Onkel am bedrückendsten.
Traurigkeit fließt aus meinem Herzen.

In Deutschland habe ich keine Freunde außer meiner Familie.
Das aber ist etwas langweilig.
Ich mag ein Gespräch mit Freunden führen.
Und ich würde gerne meine Traurigkeit und Freude mit Freunden teilen.

Ich wäre eine fröhliche Person, wenn ich meinen Traum verwirklichen könnte.
Ich wünschte, der Krieg in Syrien würde zu Ende gehen.
Dann möchte ich zurück und dort ewig leben.

 

Youmna Hamdan (19)

kommt aus Damaskus, Syrien und kam 2017 durch eine Familienzusammenführung nach Deutschland. Nach ihrem Abschluss am OSZ Palmnicken möchte sie eine Ausbildung als Zahntechnikerin anfangen.

Stille Tränen

Glory Osazuwa

Edo State, Nigeria

 

Jeden Tag, wenn der Abend beginnt
Baut sich der Schmerz auf in meiner Brust
Ich weiß, dass ich ins Bett muss
Und mich etwas erholen

Ich umarme mein tränendurchtränktes Kissen
Wenn keiner dabei ist
Und weine um den einen, den ich liebte und verloren habe

Andere sehen mich tagsüber
Und glauben, ich bin in Ordnung
Aber jeden Tag, wenn der Abend beginnt
Betrete ich meine Hölle

Die Zeit hat weder meine Wunden geheilt
Noch meine Tränen versiegelt
Und so vergieße ich meine Tränen
In Stille, jede Nacht, allein im Bett

 

Glory Osazuwa (18)

stammt aus dem Bundesstaat Edo State in Nigeria. Sie lebt seit drei Jahren in Deutschland ohne ihre Familie. Im Sommer macht sie ihren Hauptschulabschluss im Oberstufenzentrum in Fürstenwalde. Glory träumt davon Ärztin oder Juristin zu werden. In ihrer Heimat hat sie sechs Jahre die Schule besucht.

Nachtzeit

Glory Osazuwa

Edo State, Nigeria

 

Die Nacht ist kalt
Die Nacht ist traurig für manche
Die Nacht ist dunkel
Die Nacht kommt und geht
Wie meine Liebe für dich

Die Nacht ist Zeit für mich zu schlafen und von dir zu träumen
Die Nacht ist überall wo ich hingehe
Die Nacht ist für manche die Zeit sich zu amüsieren
Die Nacht ist so einsam für mich

Ich hasse die Nacht weil sie mich an dich erinnert
Die Nacht war als wir Spaß hatten
Die Nacht ist so einsam jetzt

Die Nacht ist was du liebst
Aber jetzt ist die Nacht was ich hasse
Deinetwegen

 

Glory Osazuwa (18)

stammt aus dem Bundesstaat Edo State in Nigeria. Sie lebt seit 3 Jahren in Deutschland ohne ihre Familie. Im Sommer macht sie ihren Hauptschulabschluss im Oberstufenzentrum in Fürstenwalde. Glory träumt davon Ärztin oder Juristin zu werden. In ihrer Heimat hat sie sechs Jahre die Schule besucht.

Meer

Alidad Jafari

Herat, Afghanistan

 

Genug vom Meer,
genug vom engen Herzen des Meeres.

Meer,
wie gastfreundlich du warst.
Gott,
verbrannt hast du unsere Herzen.

Meer,
wie unbarmherzig du bist.
Meer,
für das Leben der Jugend hast du nicht viel übrig.
Meer,
wieso kannst du nicht aufhören zu rauschen?

 

Alidad Jafari (20)

lebte 10 Jahre lang in Herat in Afghanistan und floh anschließend für mehrere Jahre nach Iran. Schließlich beschloss er nach Europa weiterzuziehen und kam über die Türkei nach Griechenland, Serbien, Ungarn, Österreich und schließlich Deutschland. Alidad ist kurz davor, seinen deutschen Schulabschluss in Fürstenwalde zu erlangen, und freut sich darauf eine Ausbildung im sozialen Bereich zu beginnen.

Motivation

Abdikarim Mohamed Ali

Mogadischu, Somalia

 

Du bist für dich selbst verantwortlich
Egal ob du lachst oder weinst

Niemand kann wissen, was du fühlst
Wann du glücklich oder traurig bist
Niemand kann wissen
Dass du ewig kämpfst, um besser zu werden

Auch wenn Leute um dich herumsitzen
Und dir helfen wollen, sie können deine Gefühle nicht tragen
Du bist der einzige, der deine Probleme fühlen kann

Du bist der einzige, der deinen Weg erkämpfen kann
Und du musst es selbst tun
Du musst all deine Enttäuschungen und Probleme selbst tragen
Und mit ihnen deinen Weg machen
Du musst etwas Gutes für dich tun

Wenn Gott dir einen Neuanfang gibt
Wiederhole die alten Fehler nicht

 

Abdikarim Mohamed Ali (18)

aus Mogadischu, der somalischen Hauptstadt, lebt seit etwa einem Jahr in Peskow. Außer seiner Muttersprache spricht Abdikarim Englisch und versteht Arabisch. Er hört gerne somalischen und deutschen Rap. Fußball ist sein großes Hobby. Nach dem Abschluss möchte er Fachverkäufer werden.

Was wäre, wenn

Sherin Cavlan

Berlin, Deutschland

 

Auf einmal Krieg.
Was, wenn auf einmal Krieg wäre?
Dann würde ich wegrennen.
Aber wohin?
Wenn auf einmal mein Vater nicht mehr da wäre oder meine Mutter nicht mehr neben mir?
Was würde mit mir passieren?
Würde ich es schaffen, zu fliehen?
All die Armut zu ertragen?
Würde ich es schaffen?
Krieg könnte mein ganzes Leben zerstören.
Es könnte mich zerstören.

 

Sherin Cavlan (16)

Sherins Familie kommt aus der Türkei und dem Libanon. Sie geht gerne schwimmen und tanzen, mag es, mit Familie und Freunden zusammenzusein. Wenn sie Gedichte schreibt, kann sie ihre Gefühle ausdrücken und fühlt sich dadurch besser.

Rosenherz

Sarah Oheed

Babylon, Irak

 

Yarin und Gasma sind klein aber fein
Ich fühle mein Dorf in meiner Seele
Meine Familie um mich herum gibt mir Vertrauen

Die Rose ist rot und wunderschön
Wie das Herz meiner Mutter
Es gibt Dornen an der Rose, die wehtun
Sie erinnern mich an ihre Tränen

 

Sarah Oheed (14)

ist vor vier Jahren mit ihrer Familie aus dem Irak nach Deutschland geflohen. Sie geht auf die Hector-Peterson-Schule, liebt Rollschuhfahren und Musik. Gedichte hat sie an der Jugendkunstschule Fri-X Berg geschrieben, da sie Gedichte liebt und weil sie für Sarah eigene Gefühle besitzen, die sie in sich selbst tragen.

Verletzt

Fatima Chouli

Berlin, Deutschland

 

Ich bin allein – allein in der Fremde.
Allein, wo niemand mit mir ist.
Ich fühle mich schlecht – schlecht, weil ich niemanden an meiner Seite habe.
Ich sehe fremde Blicke – Blicke, die mich angreifen.
Ich sehe Freunde – Freunde, die ich gerne auch hätte.
Ich sehe hübsche Jungs – Jungs, die ich gerne ansprechen würde.
Es verletzt mich, sie glücklich zu sehen.

 

Fatima Chouli (15)

Fatimas Familie ist vor ihrer Geburt aus Palästina nach Deutschland gekommen, sie ist in Berlin aufgewachsen. Die Heimat der Eltern ist ihr fremd, doch auch in Berlin fühlt sie sich oft einsam. Sie liebt es zu zeichnen und ins Boxtraining zu gehen, durch das Schreiben von Gedichten kann sie ihre Gefühle ausdrücken.

Tränen aus Dunkelheit

Simon Darwish

Damaskus, Syrien

 

Ich höre Musik.
Und wenn ich Musik höre, dann erinnere ich mich an dich.
Mutter!
Und ich schaue in ihr Gesicht, in ihre Hände, und weine.
Und wenn ich weine, dann weine ich Dunkelheit.
Ich möchte allein sein.
Fühle mich wie ein Kind, brauche nur die Mutter.
Ich möchte sie anrufen und sie ansehen und weinen.
Und an diesen Tagen finde ich keinen, der bei mir sein will.

 

Simon Darwish (15)

ist vor einem Jahr aus Syrien nach Deutschland geflohen. Sein Vater lebt bereits seit vier Jahren hier, die restliche Familie ist in Damaskus geblieben. Simon liebt es Gedichte zu schreiben; dadurch möchte er außerdem sein Deutsch verbessern. Er möchte sein Abitur machen und träumt davon, Schauspieler zu werden.

Herbst in der Heimat

Simon Darwish

Damaskus, Syrien

 

Der Herbst in der Heimat ist die schönste Zeit des ganzen Jahres
Wenn der Herbst kommt, erblüht mein Herz wie eine Blume
Ich gehe zwischen den Bäumen spazieren und genieße die Zärtlichkeit der Natur
Seine schönen Farben sind Balsam für meine Wunden

 

Simon Darwish (15)

ist vor einem Jahr aus Syrien nach Deutschland geflohen. Sein Vater lebt bereits seit vier Jahren hier, die restliche Familie ist in Damaskus geblieben. Simon liebt es Gedichte zu schreiben; dadurch möchte er außerdem sein Deutsch verbessern. Er möchte sein Abitur machen und träumt davon, Schauspieler zu werden.

Meine Heimat ist mein Paradies

Simon Darwish

Damaskus, Syrien

 

Meine Heimat ist mein Paradies.
Meine Heimat ist die Heimat der Schönheit.
Meine Heimat, wo ich zu meiner Schule gegangen bin, wo ich mich geliebt und gut fühlte.
Meine Heimat, in der ich gerne mit meinen Freunden zusammen studierte.
Mein Zuhause in Damaskus, wo ich warmes, gutes Essen in den gemütlichen Restaurants in der Nähe der historischen Steinmauern der Altstadt genossen habe.
Meine Heimat ist das Ende der Straße mit „Bagdash“, wo ich leckeres Eis gegessen habe.
Meine Heimat sind die guten Bücher auf der jährlichen Buchmesse in Damaskus.
Meine Heimat ist meine geliebte Mutter, die in Damaskus noch auf mich wartet.
Meine Mutter, deren Duft und Zärtlichkeiten ich so sehr vermisse.
Ich habe mein Heimatland und alle Dinge, die ich liebte, verloren.
Ich bin von meiner Mutter weggezogen.
Nur wegen des Krieges.

 

Simon Darwish (15)

ist vor einem Jahr aus Syrien nach Deutschland geflohen. Sein Vater lebt bereits seit vier Jahren hier, die restliche Familie ist in Damaskus geblieben. Simon liebt es Gedichte zu schreiben, dadurch möchte er außerdem sein Deutsch verbessern. Er möchte sein Abitur machen und träumt davon, Schauspieler zu werden.

Identität

Zanav Suliman

Damaskus, Syrien

 

Manche stecken sie in die Ecke der
Religion, der Ethnie oder der Nation.
Sie fragen mich seit zwei Jahren ständig
nach meiner Nationalität,
meiner Ethnie
und meiner Religion.
Die Antworten sind immer die gleichen,
und die Blicke, die ich ernte, sind auch die gleichen.
Manche zeigen Neugier
und wollen mehr Einzelheiten erfahren.
Details, die nichts ändern.
Ich bin dieser Wiederholungen überdrüssig.
Manche ziehen es vor, zu schweigen,
aber ihre Augen verraten sie.

Die Sache ist viel leichter.
Ich glaube an meine Zugehörigkeit zu mir.
Warum fragen wir uns nicht gegenseitig
bei der ersten Begegnung, was wir lieben,
was wir tun wollen, was wir werden wollen?
Keiner fragt mich bei der ersten Begegnung:
Was hast du erlebt, wie siehst du die Welt,
wie sieht die Welt dich?

Ich bin, was ich liebe.
Ich bin, was ich erlebe.
Ich bin, was ich nicht erlebe.
Ich bin, was ich von der Zukunft erwarte.
Ich bin meine Träume und meine Enttäuschungen.
Ich bestehe aus allen Freuden und Schmerzen, die zu mir gehören.
Ich fühle auf eine Art und Weise, die nur mir gehört.
Ich bin ein selbständiges Wesen.
Und mir reicht, dass ich an mich allein glaube.
An meine Identität.

 

Zanav Suliman (20)

Die aus Syrien stammende Zanav geht eigene Wege und wehrt sich gegen Zuordnungen jedweder Art. Ihre Texte zeugen davon, wie das »Ich« eine Balance zwischen Innen- und Außenwelt sucht – ein schwieriges Unterfangen.