Der Apfel

Alan Halo

Shingal, Irak

 

Ich sehe einen großen Garten
Überall Gemüse und Obst
Und mittendrin meine Mama
Sie pflanzt einen neuen Apfelbaum
Ich sehe, wie der Apfelbaum wächst
Mit nur einem Apfel
Meine Mutter verbietet uns
Den Apfel anzufassen
Sie verteidigt den einzigen Apfel

Ich höre meine Tante an der Tür
Der pinkfarbene Schal verdeckt den kahlen Kopf
Sie schaut sich im Garten um
Und findet den einzigen Apfel am Baum
Sie geht hin, guckt, zieht den Ast zu sich heran
Und pflückt den einzigen Apfel
Wir Kinder grinsen und sagen
„Be kana u nha tue sanbe kan jea“
„Noch lacht sie, aber gleich kann sie was erleben“
Alle gucken auf meine Mutter
Und auf meine Tante
Und es passiert

Gar nichts

Ganz kurz darauf kam der Krieg
Wir sind weggelaufen
In die Berge, über die Berge zu Fuß
Die Menschen haben vor meinen Augen ihr Leben verloren
Und ihre Kinder zurückgelassen

Alles ist weg, das Zuhause ist weg
Der Garten ist so weit weg
Meine Tante ist gestorben
Sie hinterließ vier kleine Kinder

Wenn ich einen Garten sehe oder einen Apfel
Dann denke ich an sie

 

Alan Halo (15)

ist in Shingal im Irak geboren. Als der Krieg ausbrach, sind er und seine Familie zu Fuß und mit dem Schiff nach Deutschland geflüchtet. Zunächst hat er mit seinem Onkel und zwei seiner Brüder in Deutschland in einem Camp gelebt. Erst nach einem Jahr durften seine Eltern und die restlichen Geschwister aus der Türkei nachkommen. Jetzt leben sie als Familie wieder vereint in einem Haus in Oldenburg, doch es ist nicht klar, wie es mit ihnen weitergehen wird.

Enttäuschte Hoffnung

Safe Hajjar

Aleppo, Syrien

 

Warum werden wir enttäuscht,
wenn wir unseren Liebsten unsere Geheimnisse verraten?
Wir sind Menschen,
wir haben Emotionen und Gefühle.
Wenn wir jemanden lieben,
dann hängen wir an diesem Menschen.

Unsere Gefühle werden verletzt
und wir sind deprimiert.
Trotz allem versuchen wir immer wieder aufs Neue,
andere Menschen zu finden.

Ist es nicht so, dass jeder von uns
in Frieden und Glückseligkeit leben möchte?
Warum machen wir uns so viele Hoffnungen,
die sich dann doch nicht erfüllen lassen?

 

Safe Hajjar (23)

stammt aus Aleppo in Syrien. Als er volljährig wurde und in den Krieg hätte ziehen müssen, floh er aus seiner Heimat und kam 2015 nach Deutschland, auf der Suche nach einer besseren Zukunft. In Berlin holt er das Abitur nach und würde nebenher gerne professionell als Sänger auftreten. Für Safe bedeutet Heimat seine Familie in Syrien, die er sehr vermisst. Er fühlt sich immer noch oft fremd in Berlin und das Alleinsein macht ihm zu schaffen. Neben einer Ausbildung möchte er vor allem gute Freunde finden.

Du

Safe Hajjar

Aleppo, Syrien

 

Du kamst, um mich zu unterstützen.
Ich war erleichtert, ich fühlte deine Gutmütigkeit, als du mir halfst.
Du warst bei mir, als es mir schlecht ging
Und mir geht es noch immer schlecht.
Du hast mich gerufen, ich war da.
Du wolltest etwas haben, ich gab es dir.
Du warst ehrlich zu mir und ich glaubte dir.
Du fragtest mich, ich antwortete.
Wir haben einander gegenseitig vertraut.

Heute sind wir verfeindet, aber du bist nie mein Feind.
Du warst schlecht zu mir und ich sagte:
Gott vergebe dir!

 

Safe Hajjar (23)

stammt aus Aleppo in Syrien. Als er volljährig wurde und in den Krieg hätte ziehen müssen floh er aus seiner Heimat und kam 2015 nach Deutschland, auf der Suche nach einer besseren Zukunft. In Berlin holt er das Abitur nach und würde nebenher gerne professionell als Sänger auftreten. Für Safe bedeutet Heimat seine Familie in Syrien, die er sehr vermisst. Er fühlt sich immer noch oft fremd in Berlin und das Alleinsein macht ihm zu schaffen. Neben einer Ausbildung möchte er vor allem gute Freunde finden.

Sprache ist Leben

Rachel Ulrich

Berlin, Deutschland

 

Du liest dein Gedicht
In deiner Muttersprache
Über deine Sehnsucht
Über dein Leben
Und eigentlich verstehe ich nicht

Trotzdem
Spitze ich meine Ohren
Falle ich in den Klang
Höre ich die Emotionen
Durch die Zeilen
Und werde das Gefühl nicht los
Ich müsste Arabisch lernen
Um Poesie zu verstehen

Ich höre euch streiten
Auf Arabisch
Über Politik, Krieg, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit
Über Identität
Und ich verstehe nichts

Trotzdem
Spitze ich meine Ohren
Und werde das Gefühl nicht los
Keine Sprache hat Worte
Für den Schmerz
Den ein Krieg hinterlässt

Mir wird erzählt
Arabisch sei eine Sprache
Die einen eigenen Tag hat, an dem sie sich feiert
Die mehr als 120 Millionen Worte kennt
Die einen Reichtum an Dialekten besitzt
Die älter ist als die deutsche
Die ein Gedicht hat, das sich von links nach rechts und von rechts nach links gleichermaßen liest

Und ich denke an meine Kartoffel-Freunde
Die Yallah in ihren Wortschatz integrieren
Und im nächsten Atemzug
In bürgerlich-intellektueller Sprache
Durch die Blume sagen
Der Araber ist so und so
Sexistisch, terroristisch, fundamentalistisch, gefährlich

Ich verstehe nichts
Und werde das Gefühl nicht los
Egal welche Sprache
Keiner beherrscht die Sprache des Dialogs

Während ich schreibe
Einen Text
Der meine zärtlichen Gefühle für die arabische Sprache zu äußern versucht
Ärgere ich mich
Meine Worte gleiten mir aus den Fingern
Verlieren die Poesie
Weil es damit endet
Das Arabische zu politisieren

Ich verstehe nichts
und werde das Gefühl nicht los
Sprache ist Leben

 

Rachel Ulrich (22)

ist in Berlin aufgewachsen – der einzigen Stadt, die für sie zum Leben in Frage kommt. Ihr Spitzname ist „Rage“, und den würde sie gerne häufiger zum Programm machen. Sie mag Hip-Hop und Schuberts Winterreise, daneben ist sie 40-Stunden-Lohnarbeiterin. Sie liebt Lyrik, die sie tröstet und ihr beim Ruhefinden hilft, im Gegensatz zu Politik, denn die bewegt sie.

Gesichter um 7:15 Uhr

Lilly Boos

Zürich, Schweiz

 

7:15
Treppe runter, Kippe an
Die Kippe geht aus und der Bus biegt um die Ecke
Einer sprintet, die anderen stehen bereit
Fahrkarte raus, einsteigen
Die gleichen Gesichter, jeden Morgen
Größtenteils kenne ich ihre Fahrstrecke

Doch wer sind sie?
Wie leben sie?
Was arbeiten sie?
Wie sind sie in diese Stadt gekommen?
Oder sind sie hier aufgewachsen?

Diese Frau mit ihrem Koffer, die am Hauptbahnhof aussteigt
Wo fährt sie hin?
Der Junge, der früh morgens KiTa-Lieder singt
Wie unberührt er doch ist
Was wohl auf ihn zukommt?
Der Mann mit der Brille und dem langen Mantel
Welches Buch liest er heute?

STOP
Ich steige aus
Starte in meinen Tag
Und die Menschen vom 7:15 Uhr-Bus geraten in Vergessenheit

 

Lilly Boos (20)

wuchs in der Nähe von Zürich auf und kam 2017 nach Berlin, wo sie die Bedeutung von Freiheit, Inspiration und Stärke kennenlernte. Nun lebt sie wieder in Zürich und verliebt sich neu in die Stadt.

Geschichte eines Traums

Adham Al-Jwabra

Syrien

 

Träume kommen nicht von selbst in deinen Kopf
Jeder Traum hat eine Geschichte
Der Traum entsteht durch diese Geschichte
Träume verschwinden nicht einfach
Und wenn sie doch verschwinden
Dann waren es nur kleine Wünsche

Mein Vater hat sieben Jahre gebraucht
Um sich sein Haus zu bauen
Das war 2009
Nach acht Jahren musste er dieses Haus wieder verlassen
Unfreiwillig
Wegen des Krieges
Er hat nichts besessen
Außer diesem Haus

Er hat niemals gesagt
Ich vermisse mein Haus
Meine Bäume, meine Blumen, mein altes Leben
Aber ich wusste, dass er das alles vermisst
Er sagt immer
Ich bin froh, wenn ihr froh seid, liebe Kinder
Und gibt uns alles, was wir brauchen

Mein Traum ist entstanden aus dieser Geschichte
Mein eigenes Haus zu bauen
Hier in Deutschland
Wie mein Vater in Syrien
Und dass wir in diesem Haus
Alle zusammen unser Leben verbringen

 

Adham Aljwabra (18)

ist 2017 nach Deutschland gekommen. Er bezeichnet sich als eine Person mit vielen Träumen – er möchte gerne Zahnmedizin studieren und viel verreisen. Adham zeichnet und fotografiert gerne, liebt Filme und Fußball. In Berlin fehlt ihm ein Freund, der für ihn wie ein Bruder ist.

Blume der Tragödie

Danielly Guzzo De Arauja

Vitória, Brasilien

 

Das Leben erwacht
Eine kleine Blume wird geboren
Farblos, aber es ist eine Blume
Das erste Leben, das dort entsteht
Sie ist zerbrechlich und traurig

Die Blume wird gegossen
Mit Tränen
Die Blume der Tragödie
Sie ist blass
Mit Punkten gesprenkelt

Die Blume schlägt Wurzeln
Im Schlamm
Der Schlamm, der Leben gekostet hat
Aber heute kehrt das Leben zurück
Eine einfache und sensible Blume

 

Danielly Guzzo De Arauja (17)

aus Brasilien tanzt, zeichnet und liest gerne. Ihr Traumberuf ist Modedesignerin.

Schmerz des Vermissens

Matin Hosseini

Baghershahr, Iran

 

Es ist sehr schmerzlich zu vermissen.
Vermissen heißt,
dass dein Herz für einen kurzen Moment nicht schlägt.
Besonders,
wenn du deine Mutter vermisst.
Sie zu vermissen ist unerträglich.
Ich erinnere mich an jede Kleinigkeit von ihr.

Vermissen bedeutet,
dass etwas fehlt.
Vermissen bedeutet,
dass es wehtut.
Vermissen bedeutet,
dass du etwas brauchst,
was du gerade nicht hast.

Doch ab und an ist es auch schön etwas zu vermissen.
Manchmal brauchen wir diesen Impuls sogar.
Denn ohne das Gefühl des Vermissens,
wissen wir nicht,
wen wir wirklich mögen
und wen wir nicht mögen.

 

Matin Hosseini (19)

kommt aus einer kleinen Stadt im Iran. Er besucht momentan die Kopernikus-Oberschule Berlin-Steglitz und macht dort sein Abitur. In ferner Zukunft möchte er als Feuerwehrmann oder Rechtsanwalt arbeiten.

Ich glaube nicht an die Wahrheit

Matin Hosseini

Baghershahr, Iran

 

Jedes Mal, wenn ich das Wort Wahrheit höre oder Ehrlichkeit,
dann lache ich leise und dann sage ich zu mir:
Du, du, du,
sei nicht so frech!
Du warst bis jetzt überhaupt nicht ehrlich,
außerdem glaubst du nicht an die Wahrheit.

Ach, Ach, Ach,
denkst du tatsächlich,
dass dir jemand glauben würde,
wenn du ehrlich wärst und die Wahrheit sagtest?
Vertraue mir!

Heutzutage glaubt kaum noch jemand an die Wahrheit.
Wenn ich jemandem etwas erzähle,
sagt die Person schnell, dass ich verrückt bin.
Deswegen verhalte ich mich dir gegenüber so seltsam,
so als ob ich frech wäre und verrückt.
Weil es nur unter uns bleibt.

Ich verrate niemandem,
was ich für eine Wahrheit in mir versteckt halte.

 

Matin Hosseini (19)

kommt aus einer kleinen Stadt im Iran. Er besucht momentan die Kopernikus-Oberschule Berlin-Steglitz und macht dort sein Abitur. In ferner Zukunft möchte er als Feuerwehrmann oder Rechtsanwalt arbeiten.

Verdrängungsmechanismus im Prenzlauer Berg

Lotti Spieler

Berlin, Deutschland

 

Den Winter vermisse ich genauso wie den Sommer,
immer dann, wenn das jeweilige Gegenstück
gerade nicht da ist.

Wenn mein Arm ab ist,
dann vermisse ich den auch,
weil so ganze ohne Arm,
ist ja auch dann scheiße.

Aber jetzt gerade ist er mir nicht so wichtig,
oder besser gesagt,
so wichtig, wie mir ein Arm eben sein kann,
oder sein muss,
weil am Ende brauche ich ihn doch,
und das kann auch ganz praktisch sein,
so ein Arm.

Meine Erinnerungen vermisse ich auch irgendwie,
aber nicht auf dieser Gefühlsebene.
Sie sind einfach nicht mehr da.

Vermissen muss ja auch nicht gleich ein Gefühl sein,
dann kann man auch den Kitsch vermeiden.
Zum Beispiel! Meine Schlüssel kann ich auch vermissen,
wenn sie grad nicht da sind,
und auch so ganz ohne Gefühle.
Dann brauch ich sie und wenn sie nicht da sind,
ist das halt doof,
wie mit dem Arm.

,,Erinnerst du dich noch an..?’’
Nee, ehrlich gesagt nicht,
aber ,,ja haha’’,
weil alle anderen sich ja auch erinnern und sonst wäre das komisch
und ich außen vor,
vielleicht sind das Verdrängungsmechanismen,
aber ich bin im Prenzlauer Berg aufgewachsen…

Eine schlechte Kindheit heißt da,
mal von der Oma Pommes von McDonalds mitgebracht bekommen zu haben,
weil die Scheiße ist ja, ist alles nicht glutenfrei und vegan,
dabei hat das arme Kind doch so viele Unverträglichkeiten.
Keine schlimme Kindheit, kein Verdrängungsmechanismus also.

Vermissen Menschen, die ihr Leben lang keine Walnüsse essen konnten,
weil sie wirklich allergisch sind, den Geschmack der Nüsse?
Oder Farbenblinde. Kann man denn etwas vermissen,
was man nicht kennt?
Vielleicht schon so ganz tief drinnen, das ist es doch auch,
worauf jede schlechte Roman-Romanze basiert.

Dass da was gefehlt hat bzw. in dem Fall jemand,
so innen drin halt.
Mir fehlt aber gar nichts.
Ich hab‘s ja dann doch ganz gut,
um jetzt nochmal auf das Moral-Wertschätzen-Ding zurückzukommen.
Mir fehlt nichts hier, ich hab‘ beide meine Arme und
meine Schlüssel gerade auch,
außerdem ne ganz solide Bildung,
glaube oder hoffe ich jedenfalls.

Ihr habt hier übrigens ne ziemlich krasse Akustik drin.
Man hört einfach jedes Wort,
das vor der Tür geredet wird.
Cool, aber auch ein bisschen gruselig.
Jetzt habe ich nichts mehr aufzuschreiben.
Eure Akustik hier ist echt geil.
Die werde ich heute vielleicht noch vermissen
oder vielleicht auch nicht, weil…
Wie gesagt, ist ja auch ein bisschen gruselig fremde Leute zu belauschen.
Macht aber auch irgendwie Spaß.

Kurzer Abschlussgedanke, wäre es nicht unfassbar cool, die Sonne wäre ein Loch?

 

Lotti Spieler (14)

ist, wie sie selbst behauptet, überbehütet im Prenzlauer Berg in Berlin aufgewachsen und besucht dort die Schule. In den letzten Jahren hat sie regelmäßig Lyrikpreise gewonnen, kritisiert stetig die unsichere Zukunft ihrer Generation und denkt oft laut auf Papier.

Über Sicherheit und kleine Freiheiten in Deutschland

Shahzamir Hataki

Mazar-e-Sharif, Afghanistan

 

Junge Frauen dürfen einen Freund haben hier.
Sie können zusammen ausgehen und Dinge unternehmen.
Afghanische Mädchen dürfen das nicht,
außer sie sind alt genug.

Dann sucht man einen Ehemann,
und es gibt eine Hochzeit.
Bis zur Hochzeitsnacht sehen sie den Ehemann nicht.

Zwei Autos in Berlin hatten einen Unfall.
Nicht mal Minuten vergingen,
und die Polizei war da, mit Blaulicht.
In Afghanistan hätten sich die Fahrer geprügelt,
und Stunden später wäre die Polizei erschienen.
Dabei war nichts passiert, nur ein Kratzer.

Die Menschen hier gehen abends durch die Straßen,
nicht in Afghanistan. Wenn ein junger Afghane aus dem Haus tritt, weiß er nicht, ob er wieder zurückkehren wird. Er verabschiedet sich für immer. Wenn ein junger Afghane aus dem Haus geht, hat er vermutlich Geld, er kann entführt werden. Wenn er etwas hübscher ist, werden sie
andere Dinge mit ihm anstellen oder ihn mit einer Bombe in die Luft jagen. So ist es nicht in Europa.

 

Shahzamir Hataki

Vater

Samiullah Rasouli

Ghazni, Afghanistan

 

Hundert Küsse sende ich dem Staub,
den deine Füße aufwirbeln.
Hundertmal Wehmut musstest du erleiden, um Brot zu finden.
Könnte ich doch zu den Schwielen deiner Hand werden.

Nicht einmal klagtest du und sagtest, du seist müde.
Ich verneige mich vor deinem Opfer.
So wie man um die Kaaba kreist,
will ich um dich kreisen.
Aber auch das reichte nicht,
um deine Mühsal aufzuwiegen.

 

Samiullah Rasouli

Nur meine Mama

Mohammed Ali Al Mhesen

Bagdad, Irak

 

Wenn ich spät nach Hause komme,
ist da niemand, dem meine Abwesenheit auffällt,
nur meiner Mama.

Wenn ich mein Handy ausschalte,
versucht niemand mich anzurufen,
nur meine Mama.
Sie ruft hundert Mal an.

Wenn ich mich traurig fühle, krank werde, mich müde fühle,
tröstet mich niemand,
nur meine Mama.

Wenn ich groß werde, wenn ich eine Prüfung bestehe,
weint niemand vor Freude,
nur meine Mama.

Du liebe Mama,
wenn ich mein ganzes Leben damit verbringen würde,
deine Füße zu küssen,
würde ich mich nicht langweilen.

 

Mohammed Ali Al Mhesen (18)

Mohammeds Hobbys sind Fitness und Musikhören. Er wollte eigentlich Pilot werden, aber nach einem Schülerpraktikum im April 2019 in einer Autowerkstatt kann er sich auch vorstellen, als Kraftfahrzeugmechatroniker zu arbeiten. Seine Lieblingsfächer in der Schule sind Englisch und Sport.

Mein Glück

Mohammed Ali Al Mhesen

Bagdad, Irak

 

Ich sah ein Stück Hamburger in der Küche liegen.
Ich nahm die erste Hälfte und biss hinein.
Da empfand ich Glück.
Ich blickte zur anderen Seite,
da sah ich Nutella.
Plötzlich fiel mir ein, dass ich doch eine Diät machen wollte.
Dieses Hin und Her – Schokolade oder Abnehmen – löste einen Konflikt in mir aus.

 

Mohammed Ali Al Mhesen (18)

Mohammeds Hobbys sind Fitness und Musikhören. Er wollte eigentlich Pilot werden, aber nach einem Schülerpraktikum im April 2019 in einer Autowerkstatt kann er sich auch vorstellen, als Kraftfahrzeugmechatroniker zu arbeiten. Seine Lieblingsfächer in der Schule sind Englisch und Sport.

Natur

Mahmoud Jamou

Aleppo, Syrien

 

Schau dir die Natur an,
dann verstehst du alles.

Nur die Schriftsteller verstehen es!
Wir bekriegen nun die Natur.
Selbst, wenn wir sie besiegen,
verlieren wir.

 

Mahmoud Jamou (17)

Mahmoud hat von 2013 bis 2016 in Istanbul gelebt und dort als Schneider gearbeitet. Er macht gerne Sport, wobei er besonders gerne schwimmen geht. Was er später mal werden möchte, weiß er noch nicht. Aktuell besucht er am OSZ Handel 1 die IBA Klasse.

Zufluchtsort

Janat Alo

Afrin, Syrien

 

Du Meer:
Bin ich ein Teil von dir?
Ich komme ratlos zu dir, du mein Zufluchtsort,
beklage die Entfremdung von der Welt.

Du Meer:
Das Schicksal schlägt mich!
Wenn ich mich auf seinem weichen Sand hinlege,
sehe ich keine Sterne!

Du Liebe:
Die Liebe gleicht einem Gummiband,
dessen beide Enden wir halten und ziehen.
Wenn einer es loslässt,
tut es dem anderen weh.

 

Janat (17)

kommt aus Syrien. In ihrer Freizeit schwimmt sie gerne und spielt Gitarre. Sie möchte später Krankenschwester werden.

Küsse im Gepäck

Hassan Al Hamad

Tyros, Libanon

 

Du liebe Mama,
nun muss ich fliehen!
Lass mich dich zum Abschied umarmen,
küsse mich!
Ein paar von ihnen packe ich in meinen Rucksack,
denn deine Küsse kann ich gut gebrauchen.
Ich weiß, ich hab dich verletzt, als ich wegging.
Ich hörte deine zahlreichen Tränen.
Ach weine nicht!
Das tut weh.

 

Hassan Al Hamad (19)

ist seit zwei Jahren in Deutschland. In seiner Freizeit fährt er gerne Auto – am liebsten einen BMW. Er möchte später gerne Friseur werden.

Versprechen

Ghaith Al Kazzaz

Damaskus, Syrien

 

In meinem Namen und im Namen aller,
wir danken dem deutschen Staat
und den Bürgern.
Wir sind in Deutschland als Bürger,
Kriegsflüchtlinge,
weil unser Land kaputt ist.
Aber Deutschland hat uns geholfen
und gute Chancen gegeben.
Und wir versprechen,
dass wir das Beste versuchen,
das wir können.

 

Ghaith Al Kazzaz (18)

kam vor einem halben Jahr nach Deutschland. Er hat eine Leidenschaft für Autos. Sie sind sein Hobby und sein Berufsziel, denn er möchte Kfz-Mechaniker werden.

Glück des Gehens

Gabriel Wolz

Cartagena, Kolumbien

 

Ich bin nur glücklich beim Gehen,
und mich dabei von den schlechten Dingen zu entfernen,
die mich umkreisen.
Von all dem, was mich hemmt.
Und von den schlechten Menschen,
die mir nichts Gutes bringen.
Sie wollen nicht, dass meine Träume wahr werden.

 

Gabriel Wolz (17)

Gabriel lebt mit seinem Vater in Berlin, während der Rest seiner Familie in Kolumbien in Cartagena wohnt. Er mag es, Musik zu hören, zu kochen und Fußball zu spielen. Später möchte er einmal Kraftfahrzeugmechatroniker werden.

Schwarz-Weiß

Barakat Alahmad

Hasaka, Syrien

 

Einige von uns sind wie das Meer,
und andere sind wie ein weißes Papier.
Wenn einige von uns nicht schwarz wären,
dann wäre die weiße Farbe stumm.
Und wären einige von uns nicht weiß,
dann wäre man schwarz-blind.

 

Barakat Alahmad (19)

ist seit knapp 2 Jahren in Deutschland. Er schaut gerne Filme oder liest Bücher. Später möchte er einmal Automechaniker werden.

Brücke

Aya Alahmad

Damaskus, Syrien

 

Die Zeit vergeht.
Damaskus bleibt für mich wie eine Brücke
zwischen meiner Seele und meinem Körper.
Gott bewahre dich,
Damaskus.
Du hast einen besonderen Platz in meinem Herzen
und in meiner Erinnerung,
trotz der Ferne und der Abwesenheit.

 

Aya Alahmad (18)

kam vor zwei Jahren nach Deutschland. In ihrer Freizeit hört sie gerne Musik und möchte später gerne einmal im Bereich der Mode arbeiten. Sie schreibt am liebsten über Damaskus und fotografiert gerne Städte.

Schweigen

Alaa Hallak

El Bass, Libanon

 

Der wahre Kern eines Menschen
liegt nicht in dem, was er sagt,
sondern in dem, was er verschweigt.
Höre nicht auf das, was er sagt.
Höre auf das, was er nicht sagt.

 

Alaa Hallak (19)

kommt aus Palästina und ist schon seit knapp zwei Jahren in Deutschland. Später möchte er einmal Automechatroniker werden. Er geht gerne schwimmen und schreibt am liebsten über die Liebe. Er fotografiert gerne die Natur.

Über Teheran

Yasser Niksada

Panshir, Afghanistan

 

Ich selbst bin nur die Erzählung eines Flüchtlings in Iran.
Die Schuld von Generationen habe ich auf mich geladen,
und bin gezwungen, diese abzutragen.

Iraner, eure Lieblosigkeit zielt auf mich.
Weil ich Afghane bin.

Lernt doch, nicht wie die Tyrannen zu sein,
nicht allein als Nationalisten zu handeln.
Wir müssen verstehen, alle Menschen
mit einem Auge zu betrachten.

Ich lehrte mich selbst, die Ungerechtigkeiten,
die ich durch euch erfuhr,
nicht als Groll in mich sickern zu lassen,
um nicht auch wie ein Tyrann zu werden.

Es liegt ja nicht im Schicksal, dass alle Menschen glücklich sind.
Als Flüchtling wurde ich ein Charakter, über den ihr euch belustigt.

Möchtest Du, dass ich Dir Iran in einem Satz erkläre?
»Für dich ist alles verboten!«

 

mehr: Yasser Niksada

Du

Yasser Niksada

Panshir, Afghanistan

 

Im Vergleich zu meinen Schmerzen bist Du klein.
Du sagst zu mir, ich nehme Dir alles weg.
Vielleicht bin ich schlecht.
Vielleicht stört Dich jeder Atemzug, den ich mache.
Ich wünsche dem ärgsten Feind kein Übel.
Aber wisse, dass auch Du möglicherweise
eines Tages alles verlieren kannst.

Der Schmutz des Weges meiner Flucht haftet noch an mir.
Doch vielleicht kann ich eines Tages Dein Leben retten.
Vielleicht nicht.
Es ist nicht Deine Schuld, dass ich auf der Welt
und schließlich hierhergekommen bin.
Bedauerlich, dass meine Existenz Dir Unannehmlichkeiten bedeutet.
Wäre ich an Deiner Stelle, vielleicht wollte auch ich nicht
mit einem wie mir befreundet sein.
Ich opfere mich, um die Welt zu verbessern,
und Du opferst Dich, um mich zu vernichten.
Ein Junge, 15 Jahre alt, dessen Gesicht noch nicht
zerfurcht ist vom Leben, sein Haar noch nicht ergraut.
Aber dessen Herz bereits in tausend Stücke gerissen wurde
durch den Egoismus seiner Mitmenschen.
Er hat alles hinter sich gelassen.
Und er wird nun euren Charakter prüfen.

Meine Mutter sagte:
Sieh!
Wenn die von dieser Welt enttäuschten Menschen schlaflos liegen, ohne Schutz,
dann werden die menschenfressenden Wölfe erwachen.

 

mehr: Yasser Niksada

Der einzige Sohn

Shahzamir Hataki

Mazar-e-Sharif, Afghanistan

 

65 Menschen waren auf dem Boot.
Der Schmuggler deutete auf einen Berg –
dort ist Griechenland, sagte er.

Das Wasser fiel wie Wände auf uns herab.
Der Motor stoppte.
Es waren viele Kinder im Boot.
Es kenterte.

Ich kann nicht schwimmen.

Zwei Minuten blieb ich unter Wasser,
die rote Weste zog mich an die Oberfläche.
Ich hatte furchtbare Angst.

Es war
sehr kalt.
Alle schrien. Ich auch. Vor mir war ein Kind.

Ich tröstete es, du musst
nicht weinen, und ich wusste es doch besser.

Eine Mutter ertrank vor
meinen Augen, ihr Kind im Arm.
Zwei Stunden, dann kam das Boot,
uns zu retten.
Überlebt haben 20 Menschen.
Die kleinen Kinder waren alle tot.

Ein Junge, er war so alt wie ich,
saß neben mir im Rettungsboot.
Er schrie immerfort
»Mutter, Mutter«.
Ich fragte ihn, warum weinst du?

Er sagte, seine Familie, sieben Menschen,
sie seien gestorben.
Ich fragte mich, wer hätte meinen
Eltern gesagt, wenn ich im Meer ertrunken wäre?
Ich bin der einzige Sohn.

Ärzte warteten.
Ich konnte mich nicht auf den Beinen halten.
Sie bargen nur acht Tote.
Wir Überlebenden kamen ins Krankenhaus.

Acht Tage und acht Nächte habe ich geschlafen.
Und jeder Tag im Krankenhaus kam mir vor wie ein Jahr.

Als ich losfuhr aus der Türkei, hatte ich 100 Dollar.
Sie gingen im Wasser verloren.

Am 20. Tag rief ich zu Hause an.

Mutter sagte, warum hast du dich nicht gemeldet?
Drei Tage habe ich nicht gegessen vor Sorge.
Ich sagte, ich sei wohlbehalten angekommen,
nur hätte ich das Geld für das Telefon nicht gehabt.

Wie konnte ich ihr sagen, dass ich
zehn Tage nur Kakao zu mir nehmen konnte, weil
mein Körper voller Salzwasser war?

 

mehr: Shahzamir Hataki

Nimruz

Samiullah Rasouli

Ghazni, Afghanistan

 

Wir saßen auf der Ladefläche des Transporters,
in der Wüste von Nimruz, als wir sieben Leichen sahen.
Wer hatte diese armen Menschen umgebracht?
Alle stiegen aus, um die Toten anzusehen.
Die Männer waren jung, 20, 21 Jahre alt,
alle tot, bis auf einen.

Er atmete noch.

Das Blut an seinem Körper war bereits getrocknet.
Wir fragten ihn: »Was ist passiert?«
Er sagte leise: »Räuber.«
Sie waren überfallen und ausgeraubt worden.
Der Sterbende warnte uns:
»Diebe, Diebe, nehmt einen
anderen Weg.«
Wir flohen und ließen ihn liegen.

Hätte ich etwas anderes machen können?

 

mehr: Samiullah Rasouli

Der Grund ihres Schweigens

Batol Almawed

Damaskus, Syrien

 

Ein Mädchen flog mit dem Wind wie ein fliegendes Blatt.
Wer sie sah, dachte, sie fliegt, weil sie das möchte.
Nie verließ ihr Lächeln ihr Gesicht.
Damit ihr Geheimnis nicht sichtbar werden konnte.

In ihrem Innern war sie tot.
Dunkel.
Dunkelheit an jedem Ort in ihr.
Ich konnte es nicht sehen.
Ich blickte sie an, während sie flog.

Ihr Schweigen überraschte mich.
Der Grund ihres Schweigens waren ihre Vögel.
Denn sie wollte nicht, dass sie traurig werden.
»Warum spricht sie nicht? Ich hoffe, sie wird sprechen.«
Dann werden alle sie ehren.

 

Batol Almawed (16)

Batol ist in der syrischen Hauptstadt geboren, wuchs jedoch in Palästina auf. Seit dreieinhalb Jahren ist sie in Deutschland und geht in die 10. Klasse des Georg-Herwegh-Gymnasiums.

Sehnsucht

Youmna Hamdan

Damaskus, Syrien

 

Als ich in Deutschland eingetroffen bin, hatte ich viele positive Gefühle.
Zunächst einmal habe ich mich sehr gefreut, meine Schwester zu treffen.
Bald schlichen sich die negativen Gefühle ein: Langeweile, Einsamkeit.
Nahmen Einfluss auf mein gewohntes Leben.
Ich begegnete vielen Schwierigkeiten, weil ich Kopftuch trug.
Als meine Sprachschule begann, war mir alles neu.

Ich hatte Sehnsucht und Heimweh.
Der Krieg hatte meine Wohnung zerstört.
Ich erinnere mich an jede Kleinigkeit, die sich nach dem Krieg ereignete.
Von allen Ereignissen aus der Vergangenheit
war der Tod aller meiner sechs Onkel am bedrückendsten.
Traurigkeit fließt aus meinem Herzen.

In Deutschland habe ich keine Freunde außer meiner Familie.
Das aber ist etwas langweilig.
Ich mag ein Gespräch mit Freunden führen.
Und ich würde gerne meine Traurigkeit und Freude mit Freunden teilen.

Ich wäre eine fröhliche Person, wenn ich meinen Traum verwirklichen könnte.
Ich wünschte, der Krieg in Syrien würde zu Ende gehen.
Dann möchte ich zurück und dort ewig leben.

 

Youmna Hamdan (19)

kommt aus Damaskus, Syrien und kam 2017 durch eine Familienzusammenführung nach Deutschland. Nach ihrem Abschluss am OSZ Palmnicken möchte sie eine Ausbildung als Zahntechnikerin anfangen.

Stille Tränen

Glory Osazuwa

Edo State, Nigeria

 

Jeden Tag, wenn der Abend beginnt
Baut sich der Schmerz auf in meiner Brust
Ich weiß, dass ich ins Bett muss
Und mich etwas erholen

Ich umarme mein tränendurchtränktes Kissen
Wenn keiner dabei ist
Und weine um den einen, den ich liebte und verloren habe

Andere sehen mich tagsüber
Und glauben, ich bin in Ordnung
Aber jeden Tag, wenn der Abend beginnt
Betrete ich meine Hölle

Die Zeit hat weder meine Wunden geheilt
Noch meine Tränen versiegelt
Und so vergieße ich meine Tränen
In Stille, jede Nacht, allein im Bett

 

Glory Osazuwa (18)

stammt aus dem Bundesstaat Edo State in Nigeria. Sie lebt seit drei Jahren in Deutschland ohne ihre Familie. Im Sommer macht sie ihren Hauptschulabschluss im Oberstufenzentrum in Fürstenwalde. Glory träumt davon Ärztin oder Juristin zu werden. In ihrer Heimat hat sie sechs Jahre die Schule besucht.

Nachtzeit

Glory Osazuwa

Edo State, Nigeria

 

Die Nacht ist kalt
Die Nacht ist traurig für manche
Die Nacht ist dunkel
Die Nacht kommt und geht
Wie meine Liebe für dich

Die Nacht ist Zeit für mich zu schlafen und von dir zu träumen
Die Nacht ist überall wo ich hingehe
Die Nacht ist für manche die Zeit sich zu amüsieren
Die Nacht ist so einsam für mich

Ich hasse die Nacht weil sie mich an dich erinnert
Die Nacht war als wir Spaß hatten
Die Nacht ist so einsam jetzt

Die Nacht ist was du liebst
Aber jetzt ist die Nacht was ich hasse
Deinetwegen

 

Glory Osazuwa (18)

stammt aus dem Bundesstaat Edo State in Nigeria. Sie lebt seit 3 Jahren in Deutschland ohne ihre Familie. Im Sommer macht sie ihren Hauptschulabschluss im Oberstufenzentrum in Fürstenwalde. Glory träumt davon Ärztin oder Juristin zu werden. In ihrer Heimat hat sie sechs Jahre die Schule besucht.