Allein

Robina Karimi

Kabul, Afghanistan

 

Allein in einem Zimmer,
Allein in der Dunkelheit,
Allein und ohne meine Familie
lernte ich die Einsamkeit kennen,
sie legte sich neben mich.
Und die Gedanken von gestern kreisten,
sie kreisten die ganze Nacht – gestern
gestern gestern – in meinem Kopf.
Gestern, als ich noch bei meiner Familie war.
Und jetzt! Wo bin ich jetzt?
Werde ich meine Familie wiedersehen?

Doch der Morgen kam auch nach dieser Nacht.
Der Trost nahm Platz,
er setzte sich neben mich:
»Die Welt, die Welt ist manchmal kleiner, als du ahnst.«
“Bedenke!”
»Wo warst du gestern und wo bist du heute?«
»Schlagartig hat sich dein gesamtes Leben verändert.«
Und nun?
Und nun gewöhne ich mich jeden Tag ein bisschen mehr
an das Alleinsein.

 

Robina Karimi (17)

floh allein aus Kabul in Afghanistan. Ihre Mutter starb früh, ihr geliebter Bruder ist noch in der Heimat. Da sie trotz anders lautender Angabe in ihrem Pass als volljährig eingestuft wurde, musste Robina eine betreute Unterkunft verlassen und wohnt nun mit ihrer Schwester zusammen, die mittlerweile ebenfalls zum Arbeiten nach Berlin gekommen ist.

Du stehst nicht mehr am Anfang

Sophie Senger

Berlin, Deutschland

 

Am Anfang ist die Ungerechtigkeit
Sie nagt an dir
Wie der Hunger, der deinen Bauch auffrisst
Dann kommt der Wille
Der Wille etwas zu ändern
Er zerrt an dir, wie der Wind an den Segeln
Du schaust nach oben
Du siehst die Vögel, die in den Süden fliegen
Als wären sie schwerelos
Als bestünden sie aus Federn und Freiheit
Das Geräusch der Wellen umringt dich und du sinkst ganz tief
Aber beim Sinken fühlst du dich frei
Du siehst die Ungerechtigkeit, den Hunger, die Angst und die Trauer
An dir vorbeischwimmen
Du lässt alles hinter dir
Was bleibt, ist einzig die Freiheit
Kommst du am Boden an, bist du ein Vogel
Nichts zerrt, reißt, drückt mehr
Die Qual ist vorbei
Du bist ein völlig anderes Wesen
Nichts zählt mehr, außer deinem Willen
Am Anfang ist die Ungerechtigkeit
Aber du stehst nicht mehr am Anfang

 

Sophie Senger (18)

hat gerade ihren Schulabschluss gemacht, an der Bertha-von-Suttner-Oberschule in Berlin. Sie liebt es, die Geschichten und Gedichte anderer Leute zu hören und wünscht sich einen offeneren Umgang mit Unbekanntem, sodass Menschen einander helfen statt zu hassen.

Das Mitgefühl auf dem Rücken einer Fliege

Sadat Pana Sayed

Kundus, Afghanistan

 

Arrogant ist der Mensch zum Scheitern verurteilt,
Weil Gott keine arroganten Menschen liebt.
Meistens werden Menschen arrogant,
Sobald sie ein bisschen Ruhm erlangt haben.
Sobald sie Ruhm erlangt haben,
Vergessen sie plötzlich alles:
Wer sie einmal waren,
Wer sie einmal sein wollten.
Solchen Menschen fehlt es an Würde und Respekt.
Nur weil sie reich sind,
Wollen sie die Hand eines Armen nicht mehr berühren.

Sollte ein Reicher
All sein Hab und Gut
Auf den Rücken eines Elefanten stapeln,
Würde dieser brechen.

Legte er aber sein Mitgefühl auf den Rücken einer Fliege,
Sie könnte fliegen bis zum Hindukusch.

Sadat Pana Sayed (21)

stammt aus Afghanistan und lebt seit drei Jahren in Berlin. Er trainiert Boxen, denn sein Wunsch ist es, professioneller Boxer zu werden.

Ist es ein Verbrechen, Afghanin zu sein?

Robina Karimi

Kabul, Afghanistan

 

Ist es ein Verbrechen,
in Afghanistan auf die Welt gekommen zu sein?

Warum ich das frage?
Weil man als Afghanin überall auf der Welt auf Missachtung trifft.
Warum steht einem als Afghanin im Iran keine Bildung zu?
Warum erhalten wir Afghanen in Deutschland
nicht denselben Aufenthaltsstatus wie andere Geflüchtete?
Auch wenn wir in einem anderen Land als Afghanistan geboren werden,
werden wir dennoch als Afghanen stigmatisiert.
Auch wenn wir das Land in unserem Leben nie gesehen haben,
werden wir nur auf unser Afghanisch-Sein herabgewürdigt – oder sagen wir besser:
gering geschätzt.

Glaubt ihr wirklich,
es ist einfach, seine Mutter, seinen Vater und seine Schwester zu verlassen?

Glaubt ihr wirklich,
es ist einfach, allein und fern seiner Liebsten zu leben?

Glaubt ihr wirklich,
wir wollen aus Vergnügen allein sein?
Nur Gott ist dazu bestimmt, allein zu sein.
Nur Gott allein.

Und so bitte ich Sie, in allen Ländern in denen wir Afghanen uns befinden
und versuchen zu leben – hört auf, uns zu quälen.
Jedes Land bringt seine Wohltäter, Genies und Verbrecher hervor.

Warum aber werden wir, als Afghanen,
allesamt dafür bestraft, wenn sich jemand jenseits der Norm oder schlecht verhält? Warum wird auf uns alle mit dem Finger gezeigt?
Es ist kein Verbrechen, Afghanin zu sein.
Denn: Auch ich bin ein Mensch.

 

Robina Karimi (17),

floh allein aus Kabul. Sie schildert das Misstrauen, mit dem sie als Afghanin zu kämpfen hat.

Mein letzter Sommer in Berlin

Michael Krasnov

aufgewachsen in Berlin, Deutschland

 

Mein letzter Sommer in Deutschland war warm,
die Sonnenstrahlen brannten so sehr,
dass ich fast jeden Tag schwimmen gegangen bin.

Wer arbeitet schon in den Sommerferien?
Nicht zu arbeiten bedeutet höchstens,
dass man sich dieses Jahr kein neues iPhone kaufen kann.

Ich benetze mein Gesicht mit Wasser,
hol' mir ein Eis und chill mit meinen Freunden,
um sie noch zu sehen bevor ich verreise.

In der Türkei angekommen,
hab ich den Sommer fast gar nicht mitbekommen,
da es im Hotel immer klimatisiert war.
Nur draußen war es heiß.

Die Touristen liefen alle zum Strand,
oder lagen im Spa-Bereich oder gingen auf eine
Sightseeingtour.

Und ich war verblüfft,
Wie ging es, dass sie zum Strand liefen,
im Spa-Bereich lagen oder auf eine Sightseeingtour gingen
und trotzdem noch was vom Buffet abbekommen haben.

Aber der Sommer in Deutschland war nicht nur warm.
Es schmerzte. Es waren die Schmerzen meiner Freunde,
die Verzweiflung meines Bruders, die Ausweglosigkeit meiner Schwester,
da wir alle bald wieder zur Schule müssen.

Ich frage mich.
Sind die Sommerferien nur für mich so schnell vergangen,
oder ist das auch für andere so?

 

Dieser Text bezieht sich auf Kahel Kaschmiris »Mein letzter Sommer in Afghanistan«.

Michael Krasnov (*1999)

Michael Krasnov stammt aus Berlin und besucht die Friedrich-Ebert-Oberschule. | Foto © Rottkay