Verlassener Hafen

Lara Williams

Oxford, UK

 

Die Frau auf der filzigen Decke mustert mich genau
Unter ihrem Blick erröte ich
Warum muss meine Haut auch so verdammt weiß sein?
Wahrscheinlich denkt sie sich
Was für eine verzogene, privilegierte Göre
Die ihr Essen nicht selber isst
Es gar mit den Ratten der Lüfte teilt
Die Tauben flattern um meine Füße
Und picken nach den Brotkrumen

Nicht hinschauen
Vielleicht sieht sie bald weg
Sie hat eine große Nase und ist barfuß
Ihr muss kalt sein

Ich weiß nicht mehr, wer ich bin
Seit ich meine Reise angetreten habe
Ich irre von Bahnhof zu Bahnhof
Kopflos wie ein Huhn
Dessen Herz ihm im Halse schlägt

Mich treibt die Sehnsucht voran
Irgendwo anzukommen
Aber ich habe die Befürchtung
Dass der einzige Hafen
An dem ich jemals glücklich anlegen kann
Der Hafen ist
Den ich vor Jahren verlassen habe

Ist der einzige Ort
An dem ich wirklich ich sein kann
Der Ort, an dem ich groß geworden bin?
Bei meiner Familie?

Und jetzt?
Schon wieder fremd
Und doch tief in mich gekehrt

Ich schaue wieder hin
Die Frau ist verschwunden.

 

Lara Williams (19 Jahre)

studiert Sozialwissenschaften und möchte sich im kommenden Jahr mehr Zeit nehmen, für sich, für Reflexion und, um ihre Kreativität mehr ausleben zu können. Sie lebt in Fulda.