Trennung

Katja Haji Ido

Alqush, Irak

 

Erster Tag in Deutschland
Mit meiner Mutter
Und meinen zwei kleinen Brüdern
Wir waren in einem Park
Wir haben gewartet
Auf meine Schwester und meinen großen Bruder

Sie haben uns nie gefunden
Denn ein Deutscher hat die Polizei gerufen
Weil wir schmutzige Kleidung hatten
Und viele Wunden
Von all den Äste und Stacheln im Wald

 

Katja Haji Ido (18)

ist im Jahr 2001 in der nord-irakischen Stadt Alqush, in der Provinz Niniveh, geboren. Heute lebt sie in Köln und besuchte im April 2019 gemeinsam mit ihrem Bruder einen Workshop des Poetry Projects.

Nur gemeinsam

Armand Haji Ido

Alqush, Irak

 

Der erste Tag in Deutschland
Ich hatte das Gefühl in der Wüste zu sein
Vier Tage war ich im Gefängnis
Auf dem Boden nur Sand

Bis heute trauen sich viele Menschen nicht aus dem Haus
Weil die Umgebung nicht ihrer Heimat ähnelt
Am Anfang war ich ganz auf mich allein gestellt
Wenn man die Einsamkeit der Fremde nicht erfährt
Dann kennt man keine Einsamkeit

Als wir in Bulgarien ankamen
Erwartete uns die Polizei
Alle hatten Angst festgenommen zu werden
Und zurückgeschickt

Eine Frau ist geflohen und die Polizei hat auf sie geschossen
Vor Angst ist sie weggerannt und von einer Klippe gestürzt
Da die Frau verletzt war, wurden wir nicht zurückgeschickt

Einige haben sich festnehmen lassen
Einige sind abgehauen
Autos kamen und haben uns mitgenommen

Meine Mutter sagte zu mir: Lauf weg
Ich sagte: Ich lasse euch nicht allein

 

Armand Haji Ido (20)

ist im Jahr 1999 in der nord-irakischen Stadt Alqush, in der Provinz Niniveh, geboren. Heute lebt er in Köln und besuchte im April 2019 gemeinsam mit seiner Schwester einen Workshop des Poetry Projects.

Der Apfel

Alan Halo

Shingal, Irak

 

Ich sehe einen großen Garten
Überall Gemüse und Obst
Und mittendrin meine Mama
Sie pflanzt einen neuen Apfelbaum
Ich sehe, wie der Apfelbaum wächst
Mit nur einem Apfel
Meine Mutter verbietet uns
Den Apfel anzufassen
Sie verteidigt den einzigen Apfel

Ich höre meine Tante an der Tür
Der pinkfarbene Schal verdeckt den kahlen Kopf
Sie schaut sich im Garten um
Und findet den einzigen Apfel am Baum
Sie geht hin, guckt, zieht den Ast zu sich heran
Und pflückt den einzigen Apfel
Wir Kinder grinsen und sagen
„Be kana u nha tue sanbe kan jea“
„Noch lacht sie, aber gleich kann sie was erleben“
Alle gucken auf meine Mutter
Und auf meine Tante
Und es passiert

Gar nichts

Ganz kurz darauf kam der Krieg
Wir sind weggelaufen
In die Berge, über die Berge zu Fuß
Die Menschen haben vor meinen Augen ihr Leben verloren
Und ihre Kinder zurückgelassen

Alles ist weg, das Zuhause ist weg
Der Garten ist so weit weg
Meine Tante ist gestorben
Sie hinterließ vier kleine Kinder

Wenn ich einen Garten sehe oder einen Apfel
Dann denke ich an sie

 

Alan Halo (15)

ist in Shingal im Irak geboren. Als der Krieg ausbrach, sind er und seine Familie zu Fuß und mit dem Schiff nach Deutschland geflüchtet. Zunächst hat er mit seinem Onkel und zwei seiner Brüder in Deutschland in einem Camp gelebt. Erst nach einem Jahr durften seine Eltern und die restlichen Geschwister aus der Türkei nachkommen. Jetzt leben sie als Familie wieder vereint in einem Haus in Oldenburg, doch es ist nicht klar, wie es mit ihnen weitergehen wird.

Nur meine Mama

Mohammed Ali Al Mhesen

Bagdad, Irak

 

Wenn ich spät nach Hause komme,
ist da niemand, dem meine Abwesenheit auffällt,
nur meiner Mama.

Wenn ich mein Handy ausschalte,
versucht niemand mich anzurufen,
nur meine Mama.
Sie ruft hundert Mal an.

Wenn ich mich traurig fühle, krank werde, mich müde fühle,
tröstet mich niemand,
nur meine Mama.

Wenn ich groß werde, wenn ich eine Prüfung bestehe,
weint niemand vor Freude,
nur meine Mama.

Du liebe Mama,
wenn ich mein ganzes Leben damit verbringen würde,
deine Füße zu küssen,
würde ich mich nicht langweilen.

 

Mohammed Ali Al Mhesen (18)

Mohammeds Hobbys sind Fitness und Musikhören. Er wollte eigentlich Pilot werden, aber nach einem Schülerpraktikum im April 2019 in einer Autowerkstatt kann er sich auch vorstellen, als Kraftfahrzeugmechatroniker zu arbeiten. Seine Lieblingsfächer in der Schule sind Englisch und Sport.

Mein Glück

Mohammed Ali Al Mhesen

Bagdad, Irak

 

Ich sah ein Stück Hamburger in der Küche liegen.
Ich nahm die erste Hälfte und biss hinein.
Da empfand ich Glück.
Ich blickte zur anderen Seite,
da sah ich Nutella.
Plötzlich fiel mir ein, dass ich doch eine Diät machen wollte.
Dieses Hin und Her – Schokolade oder Abnehmen – löste einen Konflikt in mir aus.

 

Mohammed Ali Al Mhesen (18)

Mohammeds Hobbys sind Fitness und Musikhören. Er wollte eigentlich Pilot werden, aber nach einem Schülerpraktikum im April 2019 in einer Autowerkstatt kann er sich auch vorstellen, als Kraftfahrzeugmechatroniker zu arbeiten. Seine Lieblingsfächer in der Schule sind Englisch und Sport.

Rosenherz

Sarah Oheed

Babylon, Irak

 

Yarin und Gasma sind klein aber fein
Ich fühle mein Dorf in meiner Seele
Meine Familie um mich herum gibt mir Vertrauen

Die Rose ist rot und wunderschön
Wie das Herz meiner Mutter
Es gibt Dornen an der Rose, die wehtun
Sie erinnern mich an ihre Tränen

 

Sarah Oheed (14)

ist vor vier Jahren mit ihrer Familie aus dem Irak nach Deutschland geflohen. Sie geht auf die Hector-Peterson-Schule, liebt Rollschuhfahren und Musik. Gedichte hat sie an der Jugendkunstschule Fri-X Berg geschrieben, da sie Gedichte liebt und weil sie für Sarah eigene Gefühle besitzen, die sie in sich selbst tragen.

Bilder von dir

Zakariyya Al Obydy

Bagdad, Irak

 

Wie ein Grab nimmt dir das Flugzeug deine Lieben.
Nach deiner Umarmung konnte ich nicht mehr laufen, wie ein Kind im Fieber.
Du und meine Tränen, ihr habt mein Gesicht geküsst.
Ich will dich wiedersehen und wieder.

Du bist ein Vogel und ich die Erde.
Eines Tages wird der Vogel auf die Erde fallen,
und ich höre traurige Lieder.

Alles war schwer: das Leben, die Entscheidung und das Wort »entweder«.
Entweder sterben oder weiterleben wie immer.
Doch »immer« ist noch schlimmer.

Ich habe dein Lächeln verloren und vermisse es noch.
So ist das Leben wie ein Zimmer.
Alle sind jetzt weg: du, die Freunde, das Haus.
Nur die Bilder sind geblieben.
Können wir (nur mit ihnen) zusammenleben?

An dich denken, wie ein Raucher, der alle fünf Minuten raucht.
Ich brauche dich und habe dich gebraucht.
Die Luft hat die Tür bewegt, und ich dachte,
da ist die Liebe gekommen.
Aber die Luft und die Tür: beide haben gelogen.

Der Vater wird beim Abschied betroffen sein,
und ich bin von beidem betroffen,
vom Abschied und vom Vater.

Der Gefangene lächelt manchmal im Gefängnis,
aber auf den nächsten Blick bedauert er es,
und mein Herz ist manchmal wie ein Krater.

In der Nacht:
deine Bilder und der Rauch,
und ich rauche deine Bilder,
wenn ich keinen Rauch mehr habe.

Mein Traum ist es, dass du vor meinen Augen stehst.
Ich will dich sehen, bevor du ins Grab gehst.

 

Zakariyya Al Obydy (17)

Auch, wenn der gebürtige Iraker sein Gedicht direkt auf Deutsch geschrieben hat, so ist die aufgeladene Emotionalität, die für irakische und arabische Poesie oft charakteristisch ist, nicht zu überhören.

Unser Haus

Amir Shaduli

Shingal, Irak

 

Wir hatten ein Haus, wir haben es selbst gebaut.
Mit Steinen die Wände, ihre Farben
rochen hell und dunkel und die Fenster waren
sehr groß, wir öffneten sie und schauten ins Freie.
Im Haus war der Boden mit Keramik gefliest und manchmal
hörte ich Nachbarn und die Straße.
Alles im Haus war besonders.
Es gab nur meine Familie und mich.
Das war mein Lieblingshaus, wir haben es selbst gebaut.

 

Amir Shaduli (23)

kam wegen des Kriegs aus seiner Heimatstadt Shingal im Nordirak nach Berlin. Kurdisch ist seine Muttersprache. In Wittenau besucht er die Emil-Fischer-Schule und möchte nach seinem Abschluss eine Ausbildung zum Friseur machen.