Beginn des Lebens

Mohamad Mashghdost

Bandar Anzali, Iran



Der Beginn des Lebens war,
dass ich nicht existierte.

Es gab eine Mutter.
Sie war mein Gott.
Es war eine einseitige Liebe.

Es gab einen Vater.
Er war nie da.

Der Körper kam zur Ruhe,
nicht der Geist.
Ich blieb ohne Trost.

Die Schwester wollte mir die Mutter sein.
Aber sie war müde.

Ich liebte die Mutter.
Sie starb.

Ich wollte gehen
und ich blieb.

Ich wollte bleiben
und ich ging.

Nicht das Gehen war wichtig
und nicht das Bleiben.

Ich war wichtig,
der ich nicht existierte.


Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta
Foto © Rottkay

Mohamad Mashghdost (*1997)

Der Sohn eines Taxifahrers aus Bandar-e Ansali, Iran, machte sich im Herbst auf nach Europa. In der Heimat fürchtete er, in den Krieg nach Syrien eingezogen zu werden. Nach seiner Ankunft in Berlin schrieb Mohamad Mashghdost einige herausragende Gedichte über die iranische Tristesse und seine Sehnsucht nach Leben. Mohamad lebt heute in Husum. Foto © Rottkay

Tage meines Lebens

Ehsan Hamidi

Maschhad, Iran

 

Tage meines Lebens sind vergangen.
Du musst dich von Freunden und Verwandten,
von allen Dingen und allen Leuten trennen.
Ich kann nicht meine Lage an jenen Tagen beschreiben.
In der Stadt, in der ich aufgewachsen war,
verabschiedete ich mich von meinen Freunden
und vertraute alles Gott an.
Im letzten Moment
umarmte ich meinen besten Freund.
In jenem Moment waren wir beide
kurz davor, in Tränen auszubrechen.
Und wir mussten uns trennen
und wir wussten nicht bis wann
und an welchem Tag wir uns wieder begegnen würden.

Als wir von unserem Haus
in Richtung Teheran losfuhren,
verabschiedete ich mich
von der ganzen Stadt,
von den Straßen,
von den Bäumen.
Und ich versuchte,
alles in meinem Gedächtnis zu speichern
und niemals zu vergessen.

 

Ehsan Hamidi (18)

ist in Mazar-e-Sharif, Afghanistan geboren. Aufgewachsen ist er in Maschhad, im Nordosten des Iran, wo seine Familie Zuflucht suchte vor dem Krieg in Afghanistan. Aufgrund der religiösen und ethnischen Diskriminierung von im Iran lebenden Afghanen entschied sich die Familie 2015 nach Deutschland zu gehen. Ehsan wohnt heute in Halle in Sachsen-Anhalt.

Suche nach dem Traum

Ehsan Hamidi

Maschhad, Iran

 

Wieder Nacht,
wieder nach Mitternacht,
und ich bin wieder noch wach,
noch wach und noch auf der Suche nach der Ruhe.
Nach jener Ruhe, derentwegen ich so viel Leid ertragen habe.

Manchmal denke ich, dass ich mich
an die Auswanderung gewöhnt habe, an die Bleibelosigkeit.
Aber was bedeutet dann all die Melancholie?
Vielleicht hatte mein kindliches Denken,
als ich mein Land verlassen habe,
kein Bewusstsein für die Bedeutung von Auswanderung.
Für ihre Traurigkeiten.
Aber jetzt weiß ich gut,
was es bedeutet,
weit weg zu sein von Dingen,
an die man sich jahrelang gewöhnt hat.

Immer noch auf der Suche
nach einer das Herz wärmenden Rechtfertigung
für das Ertragen der Schwierigkeiten.
Immer noch auf der Suche nach dem Traum,
dem ich nachgelaufen bin.
Dem Traum,
für dessen Verwirklichung viele einen sehr schweren Weg beschritten haben.
Aber wenn sie hier ankommen,
merken sie erst, in welch ein Unglück sie geraten sind.
Und dass alle Dinge,
die sie erwartet haben,
nicht mehr waren als ein Traum.

Sie reisen ein in ein neues Land,
träumend von Glück.
Doch hier gibt es nichts namens Glück.
Hier gibt es Bleibelosigkeit,
Probleme vervielfachen sich
und es gibt keinen Weg zurück.
Hier.
An dem Ort,
dessentwegen du alles, was dir gehörte, losgelassen hast.
An dem Ort,
schlimmer als jener, von dem du gekommen bist.
An dem Ort,
wo alle Leute dich mit dem Auge der Verachtung anschauen.

 

Ehsan Hamidi (18)

ist in Mazar-e-Sharif, Afghanistan geboren. Aufgewachsen ist er in Maschhad, im Nordosten des Iran, wo seine Familie Zuflucht suchte vor dem Krieg in Afghanistan. Aufgrund der religiösen und ethnischen Diskriminierung von im Iran lebenden Afghanen entschied sich die Familie 2015 nach Deutschland zu gehen. Ehsan wohnt heute in Halle in Sachsen-Anhalt.

Zuflucht

Rohulla Amini

Mashad, Iran

 

Oh Vaterland,
in Gedanken bin ich noch immer da.

Ich genieße zwei Privilegien.
Das eine
ist die Liebe zu dem Land meiner Kindheit.
Das andere
ist mein Zufluchtsort.

Zufluchtsort, glücklicherweise hast du keinen Hafen.
Ich hege einen Hass gegen alle Häfen.

 

Rohulla Amini

stammt aus Mashad im Iran. Er lebt und studiert in Fulda.

Nie die Hoffnung verlieren

Nazanin Jafari

Shiraz, Iran

 

Jeder kann eine schöne Zukunft haben,
Wenn er vorausschaut, wenn er aufmerksam ist
Und seine Fehler nicht mehrfach begeht.
Aus ihnen lernt.
Unsere Wünsche und Ziele werden unsere Zukunft gestalten.
Sie werden sie formen.
Deshalb müssen wir darauf achten,
Nicht aufzugeben,
Nie die Hoffnung zu verlieren.

 

Nazanin Jafari (15)

wurde im Iran geboren, lebte einige Zeit in Afghanistan und kam vor drei Jahren nach Deutschland. Sie besucht die Gustave-Eiffel-Schule in Pankow, der Schulabschluss ist ihr sehr wichtig, um später erfolgreich sein zu können. Nazanin ist gerne mit Freunden unterwegs, beim Shoppen, Tanzen, Schwimmen und Joggen, außerdem zeichnet und isst sie gern.

Heimat

Mohamad Mashghdost

Bandar Anzali, Iran


Meine Heimat habe ich verlassen,
mein Herz. Jetzt ist es wie Schlaf und Traum
und brennt in der Tiefe meines Körpers.
Die weinende Mutter hat mich fortgeschickt.

Die Leiden sind zu Ende, sagte ich.
Ich packte und machte mich auf den Weg.
Leib und Seele überließ ich dem Ozean,
Gott, ich existiere noch, danke.

Gott möge das Meer verfluchen, dass die Leiber verschlingt.
Das Gebet und die Liebe für die Schwester halfen mir anzukommen.
Aber meine Augen haben die Farben des Unglücks gesehen.
 

Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta
Foto © Rottkay

Mohamad Mashghdost (*1997)

Der Sohn eines Taxifahrers aus Bandar-e Ansali, Iran, machte sich im Herbst auf nach Europa. In der Heimat fürchtete er, in den Krieg nach Syrien eingezogen zu werden. Nach seiner Ankunft in Berlin schrieb Mohamad Mashghdost einige herausragende Gedichte über die iranische Tristesse und seine Sehnsucht nach Leben. Mohamad lebt heute in Husum. Foto © Rottkay