Schmerz des Vermissens

Matin Hosseini

Baghershahr, Iran

 

Es ist sehr schmerzlich zu vermissen.
Vermissen heißt,
dass dein Herz für einen kurzen Moment nicht schlägt.
Besonders,
wenn du deine Mutter vermisst.
Sie zu vermissen ist unerträglich.
Ich erinnere mich an jede Kleinigkeit von ihr.

Vermissen bedeutet,
dass etwas fehlt.
Vermissen bedeutet,
dass es wehtut.
Vermissen bedeutet,
dass du etwas brauchst,
was du gerade nicht hast.

Doch ab und an ist es auch schön etwas zu vermissen.
Manchmal brauchen wir diesen Impuls sogar.
Denn ohne das Gefühl des Vermissens,
wissen wir nicht,
wen wir wirklich mögen
und wen wir nicht mögen.

 

Matin Hosseini (19)

kommt aus einer kleinen Stadt im Iran. Er besucht momentan die Kopernikus-Oberschule Berlin-Steglitz und macht dort sein Abitur. In ferner Zukunft möchte er als Feuerwehrmann oder Rechtsanwalt arbeiten.

Ich glaube nicht an die Wahrheit

Matin Hosseini

Baghershahr, Iran

 

Jedes Mal, wenn ich das Wort Wahrheit höre oder Ehrlichkeit,
dann lache ich leise und dann sage ich zu mir:
Du, du, du,
sei nicht so frech!
Du warst bis jetzt überhaupt nicht ehrlich,
außerdem glaubst du nicht an die Wahrheit.

Ach, Ach, Ach,
denkst du tatsächlich,
dass dir jemand glauben würde,
wenn du ehrlich wärst und die Wahrheit sagtest?
Vertraue mir!

Heutzutage glaubt kaum noch jemand an die Wahrheit.
Wenn ich jemandem etwas erzähle,
sagt die Person schnell, dass ich verrückt bin.
Deswegen verhalte ich mich dir gegenüber so seltsam,
so als ob ich frech wäre und verrückt.
Weil es nur unter uns bleibt.

Ich verrate niemandem,
was ich für eine Wahrheit in mir versteckt halte.

 

Matin Hosseini (19)

kommt aus einer kleinen Stadt im Iran. Er besucht momentan die Kopernikus-Oberschule Berlin-Steglitz und macht dort sein Abitur. In ferner Zukunft möchte er als Feuerwehrmann oder Rechtsanwalt arbeiten.

Eine Sekunde für die Unschuldigen

Reza Hosseini

Mashdad, Iran

 

Sei nicht traurig wegen der verlorenen Zeit
Aber vergiss auch nicht
Zu weinen
Für die Gräber der Frauen und Männer
Es ist nur ein Augenblick
Des Zurückgebens
Es ist eine Sekunde
Für die Unschuldigen

Sei nicht stolz
Stolz ist wie ein Gift in deinen Adern
Sei glücklich
Aber teile mit Anderen
Sei glücklich
Aber nicht, wenn andere Menschen traurig sind
Glück ist das einzige auf der Welt
Das durch das Verteilen mehr wird

 

Reza Hossaini (19)

ist in Afghanistan geboren. Als Kleinkind ist er mit seiner Familie nach Mashdad im Iran geflüchtet, wo er aufgewachsen ist. Er wohnt heute in Berlin-Tempelhof und macht zur Zeit eine Ausbildung als Krankenpfleger. Reza liebt den Duft von Rosen, guten Weißwein und das persische Kabāb, nicht zu verwechseln mit dem Berliner Kebab, wie er betont. Das Leben in Deutschland ist für ihn herausfordernd.

Beginn des Lebens

Mohamad Mashghdost

Bandar Anzali, Iran



Der Beginn des Lebens war,
dass ich nicht existierte.

Es gab eine Mutter.
Sie war mein Gott.
Es war eine einseitige Liebe.

Es gab einen Vater.
Er war nie da.

Der Körper kam zur Ruhe,
nicht der Geist.
Ich blieb ohne Trost.

Die Schwester wollte mir die Mutter sein.
Aber sie war müde.

Ich liebte die Mutter.
Sie starb.

Ich wollte gehen
und ich blieb.

Ich wollte bleiben
und ich ging.

Nicht das Gehen war wichtig
und nicht das Bleiben.

Ich war wichtig,
der ich nicht existierte.


Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta
Foto © Rottkay

Mohamad Mashghdost (*1997)

Der Sohn eines Taxifahrers aus Bandar-e Ansali, Iran, machte sich im Herbst auf nach Europa. In der Heimat fürchtete er, in den Krieg nach Syrien eingezogen zu werden. Nach seiner Ankunft in Berlin schrieb Mohamad Mashghdost einige herausragende Gedichte über die iranische Tristesse und seine Sehnsucht nach Leben. Mohamad lebt heute in Husum. Foto © Rottkay

Tage meines Lebens

Ehsan Hamidi

Maschhad, Iran

 

Tage meines Lebens sind vergangen.
Du musst dich von Freunden und Verwandten,
von allen Dingen und allen Leuten trennen.
Ich kann nicht meine Lage an jenen Tagen beschreiben.
In der Stadt, in der ich aufgewachsen war,
verabschiedete ich mich von meinen Freunden
und vertraute alles Gott an.
Im letzten Moment
umarmte ich meinen besten Freund.
In jenem Moment waren wir beide
kurz davor, in Tränen auszubrechen.
Und wir mussten uns trennen
und wir wussten nicht bis wann
und an welchem Tag wir uns wieder begegnen würden.

Als wir von unserem Haus
in Richtung Teheran losfuhren,
verabschiedete ich mich
von der ganzen Stadt,
von den Straßen,
von den Bäumen.
Und ich versuchte,
alles in meinem Gedächtnis zu speichern
und niemals zu vergessen.

 

Ehsan Hamidi (18)

ist in Mazar-e-Sharif, Afghanistan geboren. Aufgewachsen ist er in Maschhad, im Nordosten des Iran, wo seine Familie Zuflucht suchte vor dem Krieg in Afghanistan. Aufgrund der religiösen und ethnischen Diskriminierung von im Iran lebenden Afghanen entschied sich die Familie 2015 nach Deutschland zu gehen. Ehsan wohnt heute in Halle in Sachsen-Anhalt.

Suche nach dem Traum

Ehsan Hamidi

Maschhad, Iran

 

Wieder Nacht,
wieder nach Mitternacht,
und ich bin wieder noch wach,
noch wach und noch auf der Suche nach der Ruhe.
Nach jener Ruhe, derentwegen ich so viel Leid ertragen habe.

Manchmal denke ich, dass ich mich
an die Auswanderung gewöhnt habe, an die Bleibelosigkeit.
Aber was bedeutet dann all die Melancholie?
Vielleicht hatte mein kindliches Denken,
als ich mein Land verlassen habe,
kein Bewusstsein für die Bedeutung von Auswanderung.
Für ihre Traurigkeiten.
Aber jetzt weiß ich gut,
was es bedeutet,
weit weg zu sein von Dingen,
an die man sich jahrelang gewöhnt hat.

Immer noch auf der Suche
nach einer das Herz wärmenden Rechtfertigung
für das Ertragen der Schwierigkeiten.
Immer noch auf der Suche nach dem Traum,
dem ich nachgelaufen bin.
Dem Traum,
für dessen Verwirklichung viele einen sehr schweren Weg beschritten haben.
Aber wenn sie hier ankommen,
merken sie erst, in welch ein Unglück sie geraten sind.
Und dass alle Dinge,
die sie erwartet haben,
nicht mehr waren als ein Traum.

Sie reisen ein in ein neues Land,
träumend von Glück.
Doch hier gibt es nichts namens Glück.
Hier gibt es Bleibelosigkeit,
Probleme vervielfachen sich
und es gibt keinen Weg zurück.
Hier.
An dem Ort,
dessentwegen du alles, was dir gehörte, losgelassen hast.
An dem Ort,
schlimmer als jener, von dem du gekommen bist.
An dem Ort,
wo alle Leute dich mit dem Auge der Verachtung anschauen.

 

Ehsan Hamidi (18)

ist in Mazar-e-Sharif, Afghanistan geboren. Aufgewachsen ist er in Maschhad, im Nordosten des Iran, wo seine Familie Zuflucht suchte vor dem Krieg in Afghanistan. Aufgrund der religiösen und ethnischen Diskriminierung von im Iran lebenden Afghanen entschied sich die Familie 2015 nach Deutschland zu gehen. Ehsan wohnt heute in Halle in Sachsen-Anhalt.

Zuflucht

Rohulla Amini

Mashad, Iran

 

Oh Vaterland,
in Gedanken bin ich noch immer da.

Ich genieße zwei Privilegien.
Das eine
ist die Liebe zu dem Land meiner Kindheit.
Das andere
ist mein Zufluchtsort.

Zufluchtsort, glücklicherweise hast du keinen Hafen.
Ich hege einen Hass gegen alle Häfen.

 

Rohulla Amini

stammt aus Mashad im Iran. Er lebt und studiert in Fulda.

Nie die Hoffnung verlieren

Nazanin Jafari

Shiraz, Iran

 

Jeder kann eine schöne Zukunft haben,
Wenn er vorausschaut, wenn er aufmerksam ist
Und seine Fehler nicht mehrfach begeht.
Aus ihnen lernt.
Unsere Wünsche und Ziele werden unsere Zukunft gestalten.
Sie werden sie formen.
Deshalb müssen wir darauf achten,
Nicht aufzugeben,
Nie die Hoffnung zu verlieren.

 

Nazanin Jafari (15)

wurde im Iran geboren, lebte einige Zeit in Afghanistan und kam vor drei Jahren nach Deutschland. Sie besucht die Gustave-Eiffel-Schule in Pankow, der Schulabschluss ist ihr sehr wichtig, um später erfolgreich sein zu können. Nazanin ist gerne mit Freunden unterwegs, beim Shoppen, Tanzen, Schwimmen und Joggen, außerdem zeichnet und isst sie gern.

Heimat

Mohamad Mashghdost

Bandar Anzali, Iran


Meine Heimat habe ich verlassen,
mein Herz. Jetzt ist es wie Schlaf und Traum
und brennt in der Tiefe meines Körpers.
Die weinende Mutter hat mich fortgeschickt.

Die Leiden sind zu Ende, sagte ich.
Ich packte und machte mich auf den Weg.
Leib und Seele überließ ich dem Ozean,
Gott, ich existiere noch, danke.

Gott möge das Meer verfluchen, dass die Leiber verschlingt.
Das Gebet und die Liebe für die Schwester halfen mir anzukommen.
Aber meine Augen haben die Farben des Unglücks gesehen.
 

Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta
Foto © Rottkay

Mohamad Mashghdost (*1997)

Der Sohn eines Taxifahrers aus Bandar-e Ansali, Iran, machte sich im Herbst auf nach Europa. In der Heimat fürchtete er, in den Krieg nach Syrien eingezogen zu werden. Nach seiner Ankunft in Berlin schrieb Mohamad Mashghdost einige herausragende Gedichte über die iranische Tristesse und seine Sehnsucht nach Leben. Mohamad lebt heute in Husum. Foto © Rottkay

Heimat

Mahdi Rezaei

Teheran, Iran

 

Ohne Heimat sein? Das will ich nicht.
So wie der Geist nicht ohne Körper sein kann.
Blut und Erde werden aus meinem Land gesaugt, seit Jahren.
Menschen ermordet, Kinder. Leben zerstört.
Heimat? Die Menschen blieben mit ihren Schmerzen allein
Heimat? Die Menschen wurden ohne Hilfe zurückgelassen
Tränen fließen
Meiner Heimat geht es nicht gut –
Verletzt von den feindseligen Freunden
Verletzt von den Verbündeten
In Trauer, wehrlos
Die Menschen suchten ihre Chancen,
Sie bildeten sich, taten alles.
Ohne Perspektive.
Heimat?
Auch sie verlassen jetzt das Land.

 

 

Mahdi Rezaei (16)

ist in Teheran im Iran geboren und aufgewachsen. Er stammt aus einer Familie afghanischer Flüchtlinge, 2015 floh er von Teheran nach Deutschland.

Liebe und Trennung in Deutschland

Mahdi Rezaei

Teheran, Iran

 

Die Liebe ist eine Angelegenheit, mit der viele befasst sind.
Einige sind erfolgreich, andere scheitern.
Was geschieht mit den Liebenden?
Mit denen, die zusammenbleiben und jenen, die auseinandergehen?
Ich gestehe: Für uns junge Männer ist es schwierig, in den Straßen zu wandeln,
in den Clubs, in der Schule.
Wenn wir sehen, wie sie auftreten, wie sie reden, wie sie sich kleiden.
Der Mensch hat Ohren, Nase, Augen, Sinne.
Er hört. Er riecht. Er sieht. Hat ein Verlangen.
Mädchen und Jungen.
Ihr wisst, ein Junge verliebt sich über das Auge.
Und wenn er sich verliebt, verfolgt er diese Liebe.
Aber, findet er sie auch?
In diesem Zustand gibt es nur zwei Möglichkeiten.
Entweder sie bleiben zusammen und werden gemeinsam alt.
Davon gibt es nur wenige.
Oder sie gehen nach kurzer Zeit auseinander.
Aber in der kurzen Zeit, in der sie zusammen sind, machen sie viele Dinge gemeinsam.
Sie gewähren sich tiefe Einblicke in ihre Seele.
Eine tiefe Verbindung entsteht.
Wir Männer fürchten, der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden.
Deswegen fällt uns Männern die Trennung so schwer.

 

Mahdi Rezaei (16),

geboren im Iran, als Flüchtling afghanischer Eltern, über die Trennung von einem geliebten Menschen in Deutschland.