Verdrängungsmechanismus im Prenzlauer Berg

Lotti Spieler

Berlin, Deutschland

 

Den Winter vermisse ich genauso wie den Sommer,
immer dann, wenn das jeweilige Gegenstück
gerade nicht da ist.

Wenn mein Arm ab ist,
dann vermisse ich den auch,
weil so ganze ohne Arm,
ist ja auch dann scheiße.

Aber jetzt gerade ist er mir nicht so wichtig,
oder besser gesagt,
so wichtig, wie mir ein Arm eben sein kann,
oder sein muss,
weil am Ende brauche ich ihn doch,
und das kann auch ganz praktisch sein,
so ein Arm.

Meine Erinnerungen vermisse ich auch irgendwie,
aber nicht auf dieser Gefühlsebene.
Sie sind einfach nicht mehr da.

Vermissen muss ja auch nicht gleich ein Gefühl sein,
dann kann man auch den Kitsch vermeiden.
Zum Beispiel! Meine Schlüssel kann ich auch vermissen,
wenn sie grad nicht da sind,
und auch so ganz ohne Gefühle.
Dann brauch ich sie und wenn sie nicht da sind,
ist das halt doof,
wie mit dem Arm.

,,Erinnerst du dich noch an..?’’
Nee, ehrlich gesagt nicht,
aber ,,ja haha’’,
weil alle anderen sich ja auch erinnern und sonst wäre das komisch
und ich außen vor,
vielleicht sind das Verdrängungsmechanismen,
aber ich bin im Prenzlauer Berg aufgewachsen…

Eine schlechte Kindheit heißt da,
mal von der Oma Pommes von McDonalds mitgebracht bekommen zu haben,
weil die Scheiße ist ja, ist alles nicht glutenfrei und vegan,
dabei hat das arme Kind doch so viele Unverträglichkeiten.
Keine schlimme Kindheit, kein Verdrängungsmechanismus also.

Vermissen Menschen, die ihr Leben lang keine Walnüsse essen konnten,
weil sie wirklich allergisch sind, den Geschmack der Nüsse?
Oder Farbenblinde. Kann man denn etwas vermissen,
was man nicht kennt?
Vielleicht schon so ganz tief drinnen, das ist es doch auch,
worauf jede schlechte Roman-Romanze basiert.

Dass da was gefehlt hat bzw. in dem Fall jemand,
so innen drin halt.
Mir fehlt aber gar nichts.
Ich hab‘s ja dann doch ganz gut,
um jetzt nochmal auf das Moral-Wertschätzen-Ding zurückzukommen.
Mir fehlt nichts hier, ich hab‘ beide meine Arme und
meine Schlüssel gerade auch,
außerdem ne ganz solide Bildung,
glaube oder hoffe ich jedenfalls.

Ihr habt hier übrigens ne ziemlich krasse Akustik drin.
Man hört einfach jedes Wort,
das vor der Tür geredet wird.
Cool, aber auch ein bisschen gruselig.
Jetzt habe ich nichts mehr aufzuschreiben.
Eure Akustik hier ist echt geil.
Die werde ich heute vielleicht noch vermissen
oder vielleicht auch nicht, weil…
Wie gesagt, ist ja auch ein bisschen gruselig fremde Leute zu belauschen.
Macht aber auch irgendwie Spaß.

Kurzer Abschlussgedanke, wäre es nicht unfassbar cool, die Sonne wäre ein Loch?

 

Lotti Spieler (14)

ist, wie sie selbst behauptet, überbehütet im Prenzlauer Berg in Berlin aufgewachsen und besucht dort die Schule. In den letzten Jahren hat sie regelmäßig Lyrikpreise gewonnen, kritisiert stetig die unsichere Zukunft ihrer Generation und denkt oft laut auf Papier.