Gefangener meiner Geschichte

Morteza*

Ghazni, Afghanistan

 

Ich habe sehr schlechte Erinnerungen an meine Kindheit in Afghanistan. Ich wuchs in Ghazni auf, in der Nähe von Kabul, und habe mich schon immer gefragt, warum meine Eltern und meine älteren Schwestern mich nicht allein ließen.  Wir standen uns nicht sehr nahe, dennoch hatten sie ständig Angst, mir könnte etwas Schlimmes zustoßen. Ich durfte nicht allein in den Gassen mit den anderen Jungs spielen, weder Murmeln noch Fußball. Als ich mich doch einmal allein raus traute, schlugen mich die anderen Kinder und ich lief unter Tränen nach Hause. Auch daheim gab es einige Schwierigkeiten. Deshalb dachte jeder in der Familie, ich könne mein Leben nicht allein meistern, man müsse ständig auf mich aufpassen. Einmal ließ ich aus Versehen eine Gasflasche fallen. Als ich sie in die Küche bringen wollte, stürzte sie die Treppen herunter in den Keller und es gab eine kleine Explosion. Ein großer Teil des Kellers stand in Brand, es war sehr schwierig alles zu löschen. Zusammen haben wir es geschafft, das Schlimmste zu verhindern. Ich habe großen Ärger bekommen, wurde geschlagen und beschimpft.

Mein Vater arbeitete im Basar, meine Mutter war krank und die ganze Zeit zuhause. Ich weiß nicht einmal, was ihr wirklich fehlte. Ich half ihr daheim bei der Arbeit und bediente unsere Gäste. Als ich sie einmal fragte, warum ich nicht draußen spielen durfte, hieß es, ich könnte von Taliban entführt werden. Das kommt vor in unserer Gegend, die Taliban fordern Lösegeld für die Freilassung, ansonsten droht der Tod durch Zerstückelung. 

Als ich sechs war, zog meine Schwester mit ihrem Ehemann nach Kabul. Meine Mutter blieb wegen ihrer Krankheit in Ghazni, mein Vater blieb bei ihr und kümmerte sich um sie. Doch ich folgte meiner Schwester nach Kabul. Sie arbeitete selbstständig in ihrem eigenen Zimmer als Friseurin und ich half ihr im Haushalt. Viele Frauen ließen sich von meiner Schwester frisieren und ich schaute immer still und bewundernd dabei zu. 

 

Als ich sieben wurde und es Zeit war,

zur Schule zu gehen,

haben es meine Schwester und ihr Ehemann mir nicht erlaubt.

Der Schulweg war zu weit und

es lauerten viele Gefahren am Wegesrand.

 

Jahre vergingen und die Umstände verschlechterten sich, Krieg brach schließlich aus. Meine Schwester entschied sich, mit ihrem Mann in den Iran zu ziehen, nach Teheran. Wir mieteten dort eine Wohnung, mein Schwager arbeitete auf dem Basar, lieferte Stoffe und Kleidung aus.
Als ich zwölf war, sagten sie mir, ich müsse arbeiten gehen, sie könnten nicht mehr allein für mich sorgen. Also half ich meinem Schwager als Verkäufer auf dem Basar. Er gab mir Kleidung und Stoffe, die ich in unterschiedlichen Passagen an Händler verkaufte. 

 

Von da an begriff ich den Ernst des Lebens.

An einigen Tagen lief es gut,

an anderen Tagen kam es schon mal vor,

dass die Polizei in ziviler Kleidung alle

illegalen Arbeiter aus Afghanistan

festnahm und zurückwies.

 

Da ich noch sehr jung war, gelang es mir in diesen Momenten stets, mich schnell hinter der nächsten Ecke zu verstecken, doch plagte mich jedes Mal die Angst, erwischt und ausgewiesen zu werden. Jedes Mal zitterte ich am ganzen Körper. Wenn ich dann nach Hause kam, schauten mich meine Schwester und ihr Ehemann unfreundlich an. Sie selbst hatten ein Visum und teilten meine Sorgen nicht. Sie nahmen mir jeden Toman aus der Tasche, den ich verdient hatte und zwangen mich trotz meiner Angst jeden Tag von Neuem zum Verkaufen der Kleidung und Stoffe in den vielen kleinen Passagen des Basars. Ab und zu musste ich mit einem Handwagen Ware vom Basar transportieren und dabei die Autobahn überqueren. 

Eines Tages geschah ein tragischer Unfall. Ein LKW übersah mich und meinen Handwagen, ich prallte zurück, die gesamte Ware stob auseinander, ich verlor das Bewusstsein. Im Krankenhaus wachte ich wieder auf. Zwei Wochen war ich dort, ich hatte eine Gehirnerschütterung und Verletzungen am ganzen Körper. Damit nicht genug – der Fahrer des LKWs kam in Begleitung einiger Männer ins Krankenhaus, hob mich gewaltsam samt Schläuchen aus dem Bett und wollte mich zur Polizei bringen. Ich sollte aussagen, dass es mir gut ginge, er wollte seinen Führerschein zurück. Das Krankenhaus hielt die Männer zum Glück auf, aber mich verfolgen bis zum heutigen Tag die Erinnerungen an diesen Tag, wie auch die Folgen meines Unfalls, die mich von der Hilfe anderer abhängig gemacht haben.

Als es mir besser ging, gab es wieder Streit mit meiner Schwester und ihrem Ehemann, für die ich immer mehr zur Last wurde. Sie hatten mittlerweile selbst Kinder. Sie wollten, dass ich wieder arbeite. Letztendlich warf mich meine Schwester aus der Wohnung und ich war gezwungen, mir eine neue Bleibe zu suchen. Ich ging durch die Stadt, sah ein Hochhaus mit einer Baustelle, fand neue Arbeit und durfte dort sogar schlafen. Ich tat dem Chef etwas leid, da ich jünger und schmächtiger als die anderen war. Er sah mir an, wie traurig ich war und wollte mir helfen. Auf seinen Rat hin sparte ich einige Monate etwas Geld an und suchte einen Schlepper in Teheran, um eine bessere Zukunft in Europa zu finden.

Mit einem Auto fuhren wir von Teheran über die Grenze in die Türkei. Als wir die iranische Stadt Qazvin durchquerten, hielt uns die Polizei an, nahm uns fest und fragte die Schlepper, was sie mit mir vorhatten. Ich sagte, ich wolle meine Familie in der Türkei besuchen, doch sie glaubten mir nicht und wollten mich nach Teheran zurückfahren. Ich weinte, während die Schlepper verhaftet wurden. 

 

Während der Fahrt weinte ich noch immer,

war unruhig und flehte die Polizisten an,

mich nicht zurückzubringen.

Ich hatte ja niemanden mehr in Teheran.

Plötzlich hielten die Polizisten an

und warfen mich aus dem Wagen.

Sie sagten, ich solle meinen eigenen Weg finden.

 

Ich lief in ein Dorf, rief von dort aus erneut Schlepper an und teilte ihnen mit, wie schlecht es mir ergangen war. Sie antworteten, ich solle dort bleiben, sie würden mich abholen. Mit großen Schwierigkeiten erreichten wir schließlich die Türkei, wo wir mit einem Auto Richtung Istanbul fuhren. Wir hielten uns dort etwa eine Woche auf, in einem Zimmer mit 20 anderen Menschen. Man kann sich so viele Menschen in einem Raum kaum vorstellen. Es gab großen Streit und Missgunst unter uns, keiner half dem anderen, jeder wollte so schnell wie möglich nach Europa. Wir gingen an die Küste Richtung Griechenland, versteckten uns im Grünen, bis man uns Plastikboote gab. Die Boote waren sehr klein, wir sehr viele. 

 

Während der Fahrt rangen wir um unser Leben,

bedroht durch Wind und Wellen.

Ich band mich mit einem Seil fest,

weil ich nicht schwimmen konnte.

Und plötzlich fiel der Motor aus.

 

Unser Glück war, dass genau in diesem Moment ein großes Schiff an uns vorbeifuhr, uns entdeckte und an Bord nahm. Auf dem Schiff gab es warme Decken und etwas zu Essen, zwei Stunden später erreichten wir eine Insel in der Nähe von Athen.

Auf der Insel nahm uns die Polizei fest und brachte uns in ein Zelt, wo auch schon andere Flüchtlinge warteten. Jeder wurde nach seinen Personalien gefragt, es wurden Fingerabdrücke genommen. Wir blieben vier Tage auf der Insel, bis man uns nach Athen schickte. Dort konnten wir uns etwas Geld von einem Afghanen leihen. In Athen fanden wir eine Gruppe, der wir uns anschlossen und zusammen fuhren wir mit einem Bus nach Mazedonien. Über die Grenze liefen wir zu Fuß, mit einem weiteren Bus erreichten wir Kroatien. Viele Flüchtlinge machten sich von dort aus mit Bussen auf den Weg zur Grenze zwischen Österreich und Deutschland. Davor wurden wir alle in einer Kantine versammelt, man nahm erneut unsere Fingerabdrücke und fragte nach den Personalien. Wir blieben dort acht Stunden, bis uns ein Bus nach Berlin fuhr, in eine Erstaufnahmestelle für minderjährige Flüchtlinge in der Wupperstraße.

Im Nachhinein betrachtet, begann mein Leben an diesem Punkt, sich zum Positiven zu wenden. Es gab einige Pädagogen, die sich mit uns unterhielten und uns die deutsche Sprache lehrten. Ich fand dort auch Vormünder, die mir von da an halfen, meine Aufenthaltsangelegenheiten zu regeln, außerdem durfte ich zur Schule gehen. 

 

Ich ging hier zum ersten Mal zur Schule und fing an,

Lesen und Schreiben zu lernen.

Leider aber erst mit sechzehn.

Es hat mein Leben völlig verändert,

ich habe seitdem das Gefühl,

als Mensch ernst genommen zu werden.


Meine Vormünder, ein nettes Ehepaar aus Berlin, kümmerten sich um alle bürokratischen Angelegenheiten, vor allem um den Asylantrag – der wurde jedoch abgelehnt. Ich fühlte mich wie zurück in Teheran, hoffnungslos und ungewiss, was die Zukunft angeht.

Ich verdanke es meinem Vormund, dass ich hier bleiben konnte. Er setzte sich viel für mich ein, er stellte einen neuen Asylantrag für mich. Ich habe Hoffnung, eine positive Antwort zu erhalten.
Ich fand eine WG, in der ich mich wohlfühle, und bin dabei eine Ausbildung zu suchen. Ich lerne Malen und die deutsche Sprache, so gut es nur geht, damit meine Chancen auf Aufenthaltserlaubnis größer werden. Verglichen mit Afghanistan ist das Leben in Deutschland viel einfacher, aber wenn man hier eine Weile lebt, ergeben sich andere Schwierigkeiten. Ich befinde mich in einem Alter, wo jeder eine Freundin sucht, mir geht es nicht anders. Aber ich habe das Gefühl, die Mädchen in meinem Alter vertrauen mir nicht und nutzen mich nur aus. Zum Beispiel wollte eine Vierzehnjährige, dass ich ihr Alkohol und Zigaretten kaufte, weil ich achtzehn bin. Ich tat es, weil ich mit ihr befreundet sein wollte, doch sie hat mich bloß ausgenutzt.

In meiner jetzigen Unterkunft fühle ich mich manchmal benachteiligt, weil es schonmal vorkommt, dass ich beklaut werde, oder man mir mit Gewalt droht, weil ich mich etwas anders als die anderen verhalte. Mein größter Wunsch ist es, die Aufenthaltserlaubnis zu bekommen und in einer eigenen Wohnung zu leben. Meine Mission ist hier erst beendet, wenn ich wie ein Deutscher zur Arbeit gehe und Geld verdiene. Ich würde am liebsten ein persischsprachiges Mädchen kennenlernen, heiraten und mit ihr eine Familie gründen. Wenn man mich fragt, was für mich typisch Deutsch ist, würde ich sagen, eine gewisse Hochnäsigkeit. Doch die Deutschen sind auch fleißige und selbstbewusste Menschen, die zu großem Wohlstand gekommen sind. Ich finde, Deutschland ist ein sauberes Land und die Regierung hilft allen Menschen.

 

Ich würde lieber sterben,

als nach Iran oder Afghanistan zurückzukehren.

Ich mag es mir nicht einmal vorstellen.

Ich habe in meinem Leben so viele Qualen durchlitten,

in der Hoffnung,

dass es mir eines Tages besser geht.

 

Morteza (18)

kommt aus Ghazni in Afghanistan. Von seiner Familie und seiner Umgebung hat er früh viele Schranken erfahren, erst mit 16 lernte er in Deutschland schließlich das Lesen und Schreiben und damit auch eine größere Selbstständigkeit kennen. Durch seine Vormund-Familie in Berlin bekommt er die nötige Unterstützung, um eigene Pläne für seine Zukunft zu schmieden.
*der Name wurde aus Sicherheitsgründen geändert