Heimat

Mahdi Rezaei

Teheran, Iran

 

Ohne Heimat sein? Das will ich nicht.

So wie der Geist nicht ohne Körper sein kann.

Blut und Erde werden aus meinem Land gesaugt, seit Jahren.

Menschen ermordet, Kinder. Leben zerstört.

Heimat? Die Menschen blieben mit ihren Schmerzen allein

Heimat? Die Menschen wurden ohne Hilfe zurückgelassen

Tränen fließen

Meiner Heimat geht es nicht gut –

Verletzt von den feindseligen Freunden

Verletzt von den Verbündeten

In Trauer, wehrlos

Die Menschen suchten ihre Chancen,

Sie bildeten sich, taten alles.

Ohne Perspektive.

Heimat?

Auch sie verlassen jetzt das Land.

 

 

Mahdi Rezaei (16)

ist in Teheran im Iran geboren und aufgewachsen. Er stammt aus einer Familie afghanischer Flüchtlinge, 2015 floh er von Teheran nach Deutschland.

Liebe und Trennung in Deutschland

Mahdi Rezaei

Teheran, Iran

 

Die Liebe ist eine Angelegenheit, mit der viele befasst sind.

Einige sind erfolgreich, andere scheitern.

Was geschieht mit den Liebenden?

Mit denen, die zusammenbleiben und jenen, die auseinandergehen?

Ich gestehe: Für uns junge Männer ist es schwierig, in den Straßen zu wandeln,

in den Clubs, in der Schule.

Wenn wir sehen, wie sie auftreten, wie sie reden, wie sie sich kleiden.

Der Mensch hat Ohren, Nase, Augen, Sinne.

Er hört. Er riecht. Er sieht. Hat ein Verlangen.

Mädchen und Jungen.

Ihr wisst, ein Junge verliebt sich über das Auge.

Und wenn er sich verliebt, verfolgt er diese Liebe.

Aber, findet er sie auch?

In diesem Zustand gibt es nur zwei Möglichkeiten.

Entweder sie bleiben zusammen und werden gemeinsam alt.

Davon gibt es nur wenige.

Oder sie gehen nach kurzer Zeit auseinander.

Aber in der kurzen Zeit, in der sie zusammen sind, machen sie viele Dinge gemeinsam.

Sie gewähren sich tiefe Einblicke in ihre Seele.

Eine tiefe Verbindung entsteht.

Wir Männer fürchten, der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden.

Deswegen fällt uns Männern die Trennung so schwer.

 

Mahdi Rezaei (16),

geboren im Iran, als Flüchtling afghanischer Eltern, über die Trennung von einem geliebten Menschen in Deutschland.

Herr Friedrich, König der Ausländerbehörde

Robina Karimi

Kabul, Afghanistan

 

Seit ich in Deutschland angekommen bin,

habe ich warmherzige und böswillige Menschen getroffen.

Wohlwollende Menschen unterstützen mich immer wieder,

während böswillige Menschen mir Steine in den Weg legen.

 

Die Person, die mir jeden Monat eine Woche meines Lebens ruiniert,

ist niemand anderes als der werte Herr Friedrich.

Er arbeitet bei der Ausländerbehörde.

Jedes Mal, wenn ich dort hingehe, hat er einen Spruch auf Lager, der mich einschüchtern soll.

Und wenn ich dann weine, habe ich das Gefühl, er freut sich.

Als er mit meinem Anwalt sprach, sagte er ihm:

„Mal gewinnen Sie, mal gewinne ich.“

Ich wünschte, jemand würde Herrn Friedrich sagen, um was es hier geht.

Nicht um den täglichen Kampf zwischen ihm und meinem Anwalt.

Nicht darum, wer von beiden gewinnt oder verliert.

Was auf dem Spiel steht, ist nichts anderes als mein Leben.

 

Herr Friedrich ist jemand, der alle Afghanen für falsch, verlogen

und für Taugenichtse hält.

Und immer wieder muss ich sagen:
Niemand von uns ist freiwillig hierhergekommen.

Niemand verlässt gerne seine Familie und sein Land,

so verwahrlost und heruntergekommen die Heimat auch sein mag.

Diese Woche bin ich wieder in der Ausländerbehörde gewesen.

Zwei Stunden habe ich auf meinen Termin gewartet.

Dann wurde ich wieder fortgeschickt.

Herr Friedrich selbst war es, der mich abwies.

Als er sah, wie niedergeschlagen ich war, grinste er selbstzufrieden.

Wieder warten.

Fünf Stunden lang.
Auf den nächsten Termin.

Ich habe gehört, Deutschland sei das Land,

in dem Menschen Gerechtigkeit widerführe

und so hoffe ich für Herrn Friedrich,

der sich anmaßt wie der König der Ausländerbehörde aufzutreten

und glaubt, alle Macht der Asylwelt zu besitzen,

dass er eines Tages die Quittung für sein Verhalten bekommt.

 

Die Menschen im Senat habe ich gefragt,

was sie getan hätten, wenn sie an meiner Stelle gewesen wären.

Sie hatten keine Antwort.

 

Robina Karimi (17)

floh allein aus Kabul in Afghanistan. Ihre Mutter starb früh, ihr geliebter Bruder ist noch in der Heimat. Da sie trotz anders lautender Angabe in ihrem Pass als volljährig eingestuft wurde, musste Robina eine betreute Unterkunft verlassen und wohnt nun mit ihrer Schwester zusammen, die mittlerweile ebenfalls zum Arbeiten nach Berlin gekommen ist.

Gewalt und Stolz

Robina Karimi

Kabul, Afghanistan

 

Habe ich kein Recht, meinen Lebensgefährten auszusuchen?

Was unterscheidet eine Afghanin von einer deutschen Frau?

Beide sind Frauen!

Besteht der Unterschied im Deutschsein und Afghanischsein?

Die Last der Tugend liegt auf den Schultern der Frau.

Ein Mann tut, was er möchte.

Wenn aber ich meinem Willen freien Lauf lasse, bin ich es, die schlecht ist.

Ich bin ein Mensch.

Ich atme.

Ich will leben.

Ich will frei sein und fliegen.

Und das Leben, das Gott mir geschenkt hat, genießen.

Wieso willst du dieses Leben von mir nehmen, mir die Freiheit verwehren?

Auch ich bin ein Mensch.

 

Junge, hier ist nicht Afghanistan!

Sieh dich um, mach die Augen auf.

Die Dinge, die du mir dort antatest, kannst du einem Mädchen hier nicht antun.

Hier entscheidest du nicht allein.

Hier entscheidet auch sie, ob sie mit dir sein will oder geht.

Hier sind unsere Rechte gleich.

Du musst mich anerkennen.

Hier ist es ausreichend, Frau zu sein.

 

Robina Karimi (17)

aus Kabul, Afghanistan, über Gewalt und verletzten Stolz, wenn die Liebe geht. Sie floh vor der Gewalt eines Verehrers in ihrer Heimat.

Allein

Robina Karimi

Kabul, Afghanistan

 

Allein in einem Zimmer

Allein in der Dunkelheit

Allein und ohne meine Familie

lernte ich die Einsamkeit kennen,

sie legte sich neben mich.

Und die Gedanken von gestern kreisten,

sie kreisten die ganze Nacht – gestern

gestern gestern – in meinem Kopf.

Gestern, als ich noch bei meiner Familie war.

Und jetzt! Wo bin ich jetzt?

Werde ich meine Familie wiedersehen?

 

Doch der Morgen kam auch nach dieser Nacht.

Der Trost nahm Platz,

er setzte sich neben mich:

»Die Welt, die Welt ist manchmal kleiner, als du ahnst.«

“Bedenke!”

»Wo warst du gestern und wo bist du heute?«

»Schlagartig hat sich dein gesamtes Leben verändert.«

Und nun?

Und nun gewöhne ich mich jeden Tag ein bisschen mehr

an das Alleinsein.

 

Robina Karimi (17)

floh allein aus Kabul in Afghanistan. Ihre Mutter starb früh, ihr geliebter Bruder ist noch in der Heimat. Da sie trotz anders lautender Angabe in ihrem Pass als volljährig eingestuft wurde, musste Robina eine betreute Unterkunft verlassen und wohnt nun mit ihrer Schwester zusammen, die mittlerweile ebenfalls zum Arbeiten nach Berlin gekommen ist.

Du stehst nicht mehr am Anfang

Sophie Senger

Berlin, Deutschland

 

Am Anfang ist die Ungerechtigkeit

Sie nagt an dir

Wie der Hunger, der deinen Bauch auffrisst

Dann kommt der Wille

Der Wille etwas zu ändern

Er zerrt an dir, wie der Wind an den Segeln

Du schaust nach oben

Du siehst die Vögel, die in den Süden fliegen

Als wären sie schwerelos

Als bestünden sie aus Federn und Freiheit

Das Geräusch der Wellen umringt dich und du sinkst ganz tief

Aber beim Sinken fühlst du dich frei

Du siehst die Ungerechtigkeit, den Hunger, die Angst und die Trauer

An dir vorbeischwimmen

Du lässt alles hinter dir

Was bleibt, ist einzig die Freiheit

Kommst du am Boden an, bist du ein Vogel

Nichts zerrt, reißt, drückt mehr

Die Qual ist vorbei

Du bist ein völlig anderes Wesen

Nichts zählt mehr, außer deinem Willen

Am Anfang ist die Ungerechtigkeit

Aber du stehst nicht mehr am Anfang

 

Sophie Senger (18)

hat gerade ihren Schulabschluss gemacht, an der Bertha-von-Suttner-Oberschule in Berlin. Sie liebt es, die Geschichten und Gedichte anderer Leute zu hören und wünscht sich einen offeneren Umgang mit Unbekanntem, sodass Menschen einander helfen statt zu hassen.

Das Mitgefühl auf dem Rücken einer Fliege

Sadat Pana Sayed

Kundus, Afghanistan

 

Arrogant ist der Mensch zum Scheitern verurteilt,

Weil Gott keine arroganten Menschen liebt.

Meistens werden Menschen arrogant,

Sobald sie ein bisschen Ruhm erlangt haben.

Sobald sie Ruhm erlangt haben,

Vergessen sie plötzlich alles:

Wer sie einmal waren,

Wer sie einmal sein wollten.

Solchen Menschen fehlt es an Würde und Respekt.

Nur weil sie reich sind,

Wollen sie die Hand eines Armen nicht mehr berühren.

 

Sollte ein Reicher

All sein Hab und Gut

Auf den Rücken eines Elefanten stapeln,

Würde dieser brechen.

Legte er aber sein Mitgefühl auf den Rücken einer Fliege,

Sie könnte fliegen bis zum Hindukusch.

Sadat Pana Sayed (21)

stammt aus Afghanistan und lebt seit drei Jahren in Berlin. Er trainiert Boxen, denn sein Wunsch ist es, professioneller Boxer zu werden.

Ist es ein Verbrechen, Afghanin zu sein?

Robina Karimi

Kabul, Afghanistan

 

Ist es ein Verbrechen,

in Afghanistan auf die Welt gekommen zu sein?

Warum ich das frage?

Weil man als Afghanin überall auf der Welt auf Missachtung trifft.

Warum steht einem als Afghanin im Iran keine Bildung zu?

Warum erhalten wir Afghanen in Deutschland

nicht denselben Aufenthaltsstatus wie andere Geflüchtete?

Auch wenn wir in einem anderen Land als Afghanistan geboren werden,

werden wir dennoch als Afghanen stigmatisiert.

Auch wenn wir das Land in unserem Leben nie gesehen haben,

werden wir nur auf unser Afghanisch-Sein herabgewürdigt – oder sagen wir besser:

gering geschätzt.

Glaubt ihr wirklich,

es ist einfach, seine Mutter, seinen Vater und seine Schwester zu verlassen?

Glaubt ihr wirklich,

es ist einfach, allein und fern seiner Liebsten zu leben?

Glaubt ihr wirklich,

wir wollen aus Vergnügen allein sein?

Nur Gott ist dazu bestimmt, allein zu sein.

Nur Gott allein.

Und so bitte ich Sie, in allen Ländern in denen wir Afghanen uns befinden

und versuchen zu leben – hört auf, uns zu quälen.

Jedes Land bringt seine Wohltäter, Genies und Verbrecher hervor.

Warum aber werden wir, als Afghanen,

allesamt dafür bestraft, wenn sich jemand jenseits der Norm oder schlecht verhält? Warum wird auf uns alle mit dem Finger gezeigt?

Es ist kein Verbrechen, Afghanin zu sein.

Denn: Auch ich bin ein Mensch.

 

Robina Karimi (17),

floh allein aus Kabul. Sie schildert das Misstrauen, mit dem sie als Afghanin zu kämpfen hat.