Über Sicherheit und kleine Freiheiten in Deutschland

Shahzamir Hataki

Mazar-e-Sharif, Afghanistan

 

Junge Frauen dürfen einen Freund haben hier.
Sie können zusammen ausgehen und Dinge unternehmen.
Afghanische Mädchen dürfen das nicht,
außer sie sind alt genug.

Dann sucht man einen Ehemann,
und es gibt eine Hochzeit.
Bis zur Hochzeitsnacht sehen sie den Ehemann nicht.

Zwei Autos in Berlin hatten einen Unfall.
Nicht mal Minuten vergingen,
und die Polizei war da, mit Blaulicht.
In Afghanistan hätten sich die Fahrer geprügelt,
und Stunden später wäre die Polizei erschienen.
Dabei war nichts passiert, nur ein Kratzer.

Die Menschen hier gehen abends durch die Straßen,
nicht in Afghanistan. Wenn ein junger Afghane aus dem Haus tritt, weiß er nicht, ob er wieder zurückkehren wird. Er verabschiedet sich für immer. Wenn ein junger Afghane aus dem Haus geht, hat er vermutlich Geld, er kann entführt werden. Wenn er etwas hübscher ist, werden sie
andere Dinge mit ihm anstellen oder ihn mit einer Bombe in die Luft jagen. So ist es nicht in Europa.

 

Shahzamir Hataki

Vater

Samiullah Rasouli

Ghazni, Afghanistan

 

Hundert Küsse sende ich dem Staub,
den deine Füße aufwirbeln.
Hundertmal Wehmut musstest du erleiden, um Brot zu finden.
Könnte ich doch zu den Schwielen deiner Hand werden.

Nicht einmal klagtest du und sagtest, du seist müde.
Ich verneige mich vor deinem Opfer.
So wie man um die Kaaba kreist,
will ich um dich kreisen.
Aber auch das reichte nicht,
um deine Mühsal aufzuwiegen.

 

Samiullah Rasouli

Über Teheran

Yasser Niksada

Panshir, Afghanistan

 

Ich selbst bin nur die Erzählung eines Flüchtlings in Iran.
Die Schuld von Generationen habe ich auf mich geladen,
und bin gezwungen, diese abzutragen.

Iraner, eure Lieblosigkeit zielt auf mich.
Weil ich Afghane bin.

Lernt doch, nicht wie die Tyrannen zu sein,
nicht allein als Nationalisten zu handeln.
Wir müssen verstehen, alle Menschen
mit einem Auge zu betrachten.

Ich lehrte mich selbst, die Ungerechtigkeiten,
die ich durch euch erfuhr,
nicht als Groll in mich sickern zu lassen,
um nicht auch wie ein Tyrann zu werden.

Es liegt ja nicht im Schicksal, dass alle Menschen glücklich sind.
Als Flüchtling wurde ich ein Charakter, über den ihr euch belustigt.

Möchtest Du, dass ich Dir Iran in einem Satz erkläre?
»Für dich ist alles verboten!«

 

mehr: Yasser Niksada

Du

Yasser Niksada

Panshir, Afghanistan

 

Im Vergleich zu meinen Schmerzen bist Du klein.
Du sagst zu mir, ich nehme Dir alles weg.
Vielleicht bin ich schlecht.
Vielleicht stört Dich jeder Atemzug, den ich mache.
Ich wünsche dem ärgsten Feind kein Übel.
Aber wisse, dass auch Du möglicherweise
eines Tages alles verlieren kannst.

Der Schmutz des Weges meiner Flucht haftet noch an mir.
Doch vielleicht kann ich eines Tages Dein Leben retten.
Vielleicht nicht.
Es ist nicht Deine Schuld, dass ich auf der Welt
und schließlich hierhergekommen bin.
Bedauerlich, dass meine Existenz Dir Unannehmlichkeiten bedeutet.
Wäre ich an Deiner Stelle, vielleicht wollte auch ich nicht
mit einem wie mir befreundet sein.
Ich opfere mich, um die Welt zu verbessern,
und Du opferst Dich, um mich zu vernichten.
Ein Junge, 15 Jahre alt, dessen Gesicht noch nicht
zerfurcht ist vom Leben, sein Haar noch nicht ergraut.
Aber dessen Herz bereits in tausend Stücke gerissen wurde
durch den Egoismus seiner Mitmenschen.
Er hat alles hinter sich gelassen.
Und er wird nun euren Charakter prüfen.

Meine Mutter sagte:
Sieh!
Wenn die von dieser Welt enttäuschten Menschen schlaflos liegen, ohne Schutz,
dann werden die menschenfressenden Wölfe erwachen.

 

mehr: Yasser Niksada

Der einzige Sohn

Shahzamir Hataki

Mazar-e-Sharif, Afghanistan

 

65 Menschen waren auf dem Boot.
Der Schmuggler deutete auf einen Berg –
dort ist Griechenland, sagte er.

Das Wasser fiel wie Wände auf uns herab.
Der Motor stoppte.
Es waren viele Kinder im Boot.
Es kenterte.

Ich kann nicht schwimmen.

Zwei Minuten blieb ich unter Wasser,
die rote Weste zog mich an die Oberfläche.
Ich hatte furchtbare Angst.

Es war
sehr kalt.
Alle schrien. Ich auch. Vor mir war ein Kind.

Ich tröstete es, du musst
nicht weinen, und ich wusste es doch besser.

Eine Mutter ertrank vor
meinen Augen, ihr Kind im Arm.
Zwei Stunden, dann kam das Boot,
uns zu retten.
Überlebt haben 20 Menschen.
Die kleinen Kinder waren alle tot.

Ein Junge, er war so alt wie ich,
saß neben mir im Rettungsboot.
Er schrie immerfort
»Mutter, Mutter«.
Ich fragte ihn, warum weinst du?

Er sagte, seine Familie, sieben Menschen,
sie seien gestorben.
Ich fragte mich, wer hätte meinen
Eltern gesagt, wenn ich im Meer ertrunken wäre?
Ich bin der einzige Sohn.

Ärzte warteten.
Ich konnte mich nicht auf den Beinen halten.
Sie bargen nur acht Tote.
Wir Überlebenden kamen ins Krankenhaus.

Acht Tage und acht Nächte habe ich geschlafen.
Und jeder Tag im Krankenhaus kam mir vor wie ein Jahr.

Als ich losfuhr aus der Türkei, hatte ich 100 Dollar.
Sie gingen im Wasser verloren.

Am 20. Tag rief ich zu Hause an.

Mutter sagte, warum hast du dich nicht gemeldet?
Drei Tage habe ich nicht gegessen vor Sorge.
Ich sagte, ich sei wohlbehalten angekommen,
nur hätte ich das Geld für das Telefon nicht gehabt.

Wie konnte ich ihr sagen, dass ich
zehn Tage nur Kakao zu mir nehmen konnte, weil
mein Körper voller Salzwasser war?

 

mehr: Shahzamir Hataki

Nimruz

Samiullah Rasouli

Ghazni, Afghanistan

 

Wir saßen auf der Ladefläche des Transporters,
in der Wüste von Nimruz, als wir sieben Leichen sahen.
Wer hatte diese armen Menschen umgebracht?
Alle stiegen aus, um die Toten anzusehen.
Die Männer waren jung, 20, 21 Jahre alt,
alle tot, bis auf einen.

Er atmete noch.

Das Blut an seinem Körper war bereits getrocknet.
Wir fragten ihn: »Was ist passiert?«
Er sagte leise: »Räuber.«
Sie waren überfallen und ausgeraubt worden.
Der Sterbende warnte uns:
»Diebe, Diebe, nehmt einen
anderen Weg.«
Wir flohen und ließen ihn liegen.

Hätte ich etwas anderes machen können?

 

mehr: Samiullah Rasouli

Regeln im Heim

Mahdi Hashemi

Ghazni, Afghanistan

 

Wenn Du das Telefon benutzt,
werde ich es dir wegnehmen!

Ich möchte raus!
Du darfst abends nicht raus.

Ich will einen Film schauen!
Nur bis zehn Uhr!

Ich möchte morgen nicht in die Schule!
Dann schmeißen wir dich raus!

Kann ich morgen bei einem Freund schlafen?
Nein, du musst morgen in die Schule!

Darf ich zurück in den Iran?
Nein, das ist nicht legal.

Darf ich sterben?
Du bist verrückt, nein, du hast kein Recht dazu.

Darf ich leben?
Das ist eine schwierige Frage.

 

The Poetry Project | Foto © Rottkay

Mahdi Hashemi (*2000)

Mahdi Hashemi wurde als Kind afghanischer Flüchtlinge in Iran geboren. Er wuchs nahe der Hauptstadt Teheran auf. Mahdi schreibt darüber, warum sich afghanische Flüchtlinge in Iran sogar dafür entschuldigen, dort die Luft zu atmen. Foto © Rottkay

Damaskus

Rojin Namer 

Kamischli, Syrien

 

Wie soll ich Damaskus beschreiben?
Wie soll ich das Paradies beschreiben, denjenigen, die es nicht kennen?
Das Herz von Syrien.
Die Seele von mir.
Die Hoffnung von anderen.
Das ist Damaskus.

Wo es Kriege gibt.
Wo Bomben fallen jeden Tag.
Wo Leute Angst haben.
Das ist Damaskus.

Wovon ich jeden Tag träume.
Wo ich meine Wurzeln habe.
Das ist Damaskus.

Wo ich den Schuldigen frage, wer schuld ist daran.
Wo keine Medizin das Blut stoppt.
Das ist Damaskus.

Da, wo überall Touristen hinkamen.
Da, wo die Straßen zerstört sind.
Da, wo jetzt Blut fließt.
Mein Damaskus.

Ich vermisse deine Straßen.
Ich vermisse deine Lichter.
Ich vermisse deine Musik,
die wir jeden Morgen hören.
Ich vermisse deine Nächte,
die warm und voller Leben sind.
Das ist Damaskus.

Die Stadt voller Liebe.
Eine Stadt voller Blut.
Das Paradies
wurde zur Schlacht.

Wo den Leuten die Tränen laufen vor Enttäuschung.
Vor Angst.
Und nicht vor Freude.
Das ist Damaskus.

Mein Damaskus.
Ich will dich zurück.
Zurück zu mir.

 

 

The Poetry Project, Foto © Rottkay

Rojin Namer (*2002)

floh vor drei Jahren allein aus Damaskus, sie stammt ursprünglich aus dem kurdischen Kamischli. Das Mädchen kam als unbegleitete Minderjährige nach Berlin, wo sie die Friedrich Ebert-Oberschule besuchte. Ihre Eltern und Geschwister leben als Flüchtlinge im Irak. Rojin nimmt erfolgreich an Debattier-Wettbewerben teil, sie liebt das Fotografieren und möchte Philosophie studieren. 2019 wurde sie dem Theo in der Kategorie Sprachräume ausgezeichnet. Foto © Rottkay

Wie ein Pfeil

Mahdi Hashemi

Ghazni, Afghanistan, aufgewachsen in Iran

 

Einen Monat lang ging die Reise,
die keine Reise war,
sondern ein Schrecken, 

in das Land der Hoffnung. 


Jetzt warte ich auf ein Papier,

das vielleicht Bitterkeit enthält und Trauer.
Und fühle mich wie ein Pfeil.
Verschossen. 

Der zurückkehren soll
zu seinem Bogen.

 

Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta
The Poetry Project | Foto © Rottkay

Mahdi Hashemi (*2000)

Mahdi Hashemi wurde als Kind afghanischer Flüchtlinge in Iran geboren. Er wuchs nahe der Hauptstadt Teheran auf. Mahdi schreibt darüber, warum sich afghanische Flüchtlinge in Iran sogar dafür entschuldigen, dort die Luft zu atmen. Foto © Rottkay

Spuren

Yasser Niksada

Panshir, Afghanistan, aufgewachsen in Iran

 

Sei neben mir und sieh,
was mir geschehen ist.
 
Es ist vorbei, die Spuren noch im Herzen.
 
Kein Platz für mich für Schlaf in diesem Bus.
 
Die Füße vertrocknet, der Traum versank im Auge.
 
Die Polizei sagte Stopp.
Geht zurück, geht zurück.
Alle dann in den Waggons, nur ich allein auf dem Gleis.
Das Schlauchboot sank und mein heißes Herz für Europa wurde kalt.
Die Welt schlief, nur wir waren wach,
hungrig, durstig, müde.
Wir sind ja weggegangen, schwieriger wird es, zurückzukehren.
Das ganze Sich-Zerreißen, für ein bisschen Ruhe.
Nicht meine Ruhe.
Die Ruhe meiner Familie.

Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta
Foto © Rottkay

Yasser Niksada (*2002)

Yasser Niksada stammt aus dem Panshir-Tal in Afghanistan. Vor zehn Jahren flohen die Niksadas nach Teheran, dort lebt die Familie als Flüchtlinge. Aber das ist kein Leben, sagt Yasser. Deshalb schickte die Familie ihn auf die Reise nach Europa. In Deutschland vermisst Yasser seine Familie. Foto © Rottkay

Beginn des Lebens

Mohamad Mashghdost

Bandar Anzali, Iran



Der Beginn des Lebens war,
dass ich nicht existierte.

Es gab eine Mutter.
Sie war mein Gott.
Es war eine einseitige Liebe.

Es gab einen Vater.
Er war nie da.

Der Körper kam zur Ruhe,
nicht der Geist.
Ich blieb ohne Trost.

Die Schwester wollte mir die Mutter sein.
Aber sie war müde.

Ich liebte die Mutter.
Sie starb.

Ich wollte gehen
und ich blieb.

Ich wollte bleiben
und ich ging.

Nicht das Gehen war wichtig
und nicht das Bleiben.

Ich war wichtig,
der ich nicht existierte.


Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta
Foto © Rottkay

Mohamad Mashghdost (*1997)

Der Sohn eines Taxifahrers aus Bandar-e Ansali, Iran, machte sich im Herbst auf nach Europa. In der Heimat fürchtete er, in den Krieg nach Syrien eingezogen zu werden. Nach seiner Ankunft in Berlin schrieb Mohamad Mashghdost einige herausragende Gedichte über die iranische Tristesse und seine Sehnsucht nach Leben. Mohamad lebt heute in Husum. Foto © Rottkay

Schuldgefühle

Rojin Namer 

Kamischli, Syrien

 

Papa, Mama,

denkt ihr wirklich, ich würde nicht helfen, wenn ich könnte?
Denkt ihr wirklich, dass ich jetzt glücklich bin,
weil ich hier nach 18 Uhr noch draußen sein kann,
ohne Angst haben zu müssen?
Denkt ihr wirklich, dass ich 300 Euro Taschengeld bekomme,
wie meine Cousinen erzählen?
Denkt ihr wirklich, dass ich euch vergaß,
weil ich hier ein besseres Leben führe?
Wieviel Geld ihr für mich ausgegeben habt? 5000 Euro?
Dass Ihr unser Haus verkauft habt, um Pässe zu erhalten?
Denkt ihr, es liegt an mir, dass es mit eurem Nachzug nicht klappt?
Denkt ihr wirklich, dass ich euch hier nicht haben will?

Soll ich euch mal was sagen!
Ich bekomme 50 Euro Taschengeld. Keine 300.

Ich kriege Schuldgefühle, wenn ich höre, dass es euch nicht gut geht.
Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich weiß, dass ich euch nicht helfen kann.

Aber die für mich wichtige Frage ist:

Glaubt ihr wirklich, ich würde euch nicht helfen, wenn ich es könnte?

 

 

The Poetry Project, Foto © Rottkay

Rojin Namer (*2002)

floh vor drei Jahren allein aus Damaskus, sie stammt ursprünglich aus dem kurdischen Kamischli. Das Mädchen kam als unbegleitete Minderjährige nach Berlin, wo sie die Friedrich Ebert-Oberschule besuchte. Ihre Eltern und Geschwister leben als Flüchtlinge im Irak. Rojin nimmt erfolgreich an Debattier-Wettbewerben teil, sie liebt das Fotografieren und möchte Philosophie studieren. 2019 wurde sie dem Theo in der Kategorie Sprachräume ausgezeichnet. Foto © Rottkay

Ohne Dich

Shahzamir Hataki

Mazar-e-Sharif, Afghanistan

 

Das Leben hier zu führen ohne dich,
ist schwierig, Vater.
 
Ich bin durstig nach deinen Tränen.
 
Auch das Weinen hier unter diesen Leuten ist schwierig, Vater. 
Wenn du jetzt dort schreitest und über Dornen gehst, Vater,
spüre ich die Schmerzen deiner Füße. 
Ich wünschte, mich in deine Arme zu werfen.
 
Dich aus dieser Entfernung zu küssen, ist schwierig, Vater. 
Meine Lippen würde ich abreißen dafür,
aber ohne Lippen zu trauern, ist schwierig, Vater. 

Du bist die schönste Blume in einem Feld von Blumen.
Du bist die Farbe der Sonne, die sich zum Abend neigt.
Du leuchtest wie die Sterne, mein Vater,
und du bist hell wie der Mond.

Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta
Foto © Rottkay

Shahzamir Hataki (*2000)

Shahzamir Hataki aus Mazar-e-Sharif, Afghanistan, ist der einzige Sohn seiner Eltern. Sie wollten sein Überleben und seine Zukunft sichern und schickten ihn deshalb fort. Auf der Überfahrt nach Griechenland sank das Boot und Shahzamir entging nur knapp dem Tod. Foto © Rottkay

Frauen

Samiullah Rasouli

Ghazni, Afghanistan

 

Wenn ich sage, Frauen, dann meine ich echte Frauen,
diejenigen mit Brauen, Nasen und Schultern.
Die von Beginn an nur sich selbst gehören,
die nicht selbstsüchtig sind und stolz auf ihre Gaben,
die sich in ihrer einfachen Schlichtheit lieben
und einfach nur sie selbst sein wollen
und keiner anderen ähneln.
Diese Frauen meine ich, wenn ich sage Frauen.

Das Licht in ihrem Blick ist wie der Duft von Kobeko*
Ihre wohlwollende Hand ist unvergleichlich wertvoll.
Die Weisheit scheint unter ihrer Schminke hervor.

In Schönheit schreitet sie in der Öffentlichkeit.
Der wässrige Mund der Gaffer ist ihr gleich.
Die selbstbewusste, starke Frau verfolgt ihre Gaben und Talente.

Einige Frauen bleiben zuhause, sie lösen sich auf und werden zu Wasser.
Und diejenigen, die rausgehen, werden zu Brot und Speisen.
Und wenn ich sage Frauen, meine ich diese Frauen.

*Parfum mit dem Namen “Berg an Berg”
Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta
The Poetry Project | Foto © Rottkay

Samiullah Rasouli (*1999)

Samiullah Rasouli wuchs in Ghazni, Afghanistan, auf. Die Region ist bis heute immer wieder umkämpft. Sein Vater starb vor vier Jahren. Vier Wochen war Samiullah auf der Flucht. Kürzlich begann er eine Lehre zum Hotelkaufmann. Seine Gedichte handeln von der Liebe und der Sehnsucht nach dem Vater. Foto © Rottkay

Nur Du

Mahdi Hashemi

Ghazni, Afghanistan, aufgewachsen in Iran

 

Wir sehen jetzt Zeiten,
in denen du da bist,
und nur du.

Du liebst und du wirst nicht geliebt.
Du fühlst Nähe und keiner da,
an den du dich lehnen kannst.

Du hast alles und doch hast du nichts.
Die Wunde verborgen,
hinter dem Schleier der Tränen,
bleibt das Geheimnis ungelesen.

 

mehr: Mahdi Hashemi

Mutter

Kahel Kaschmiri

Ghazni, Afghanistan


Wärest Du doch hier,
ich würde deine Füße küssen.
Ich würde mich verneigen vor dir
und Dein Antlitz küssen.

Überall wo du hingingst und verweiltest,
möchte ich hingehen und weinen.


Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta
Foro © Rottkay

Kahel Kaschmiri (*2000)

Kahel Kaschmiri wuchs in der afghanischen Provinz Ghazni auf. Ein Miliz-Kommandeur hatte es auf den Jungen abgesehen. Kahel floh durch den Iran, im Kofferraum eines Schleppers. In Deutschland wundert er sich über das Leben der Europäer. Foto © Rottkay

Hoffnungslos

Ghani Ataei

Herat, Afghanistan



Sie töteten vor meinen Augen, im Dorf.
Vier Tage konnte ich nicht sprechen.
Vier Tage blieb ich stumm.

Bis ich verstand.
Niemand erwartet etwas von niemandem.
Jeder kann jedem alles tun.

Gleich, wie viel ich älter werde,
wie erwachsen ich sein werde,
wenn ich unruhig bin und voller Sorge,
wünschte ich die Mutter an der Seite.
Aber ich bin hoffnungslos,
was die Welt angeht. 


Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta
Foto © Rottkay

Ghani Ataei (*2000)

Ghani Ataei wuchs in der alten afghanischen Handelsstadt Herat auf, an der Grenze zu Iran. Sein Vater wurde während des Krieges getötet, die Mutter starb bei einem Unfall. Als Waisenkind machte er sich allein auf den Weg nach Deutschland. Foto © Rottkay

Morgen

Ali Ahmade

Bamyan, Afghanistan

Sei ruhig, sagst du zu mir.
Und erinnerst mich daran, dass du doch da bist.
Was morgen ist, das weiß ich nicht.
Verzeih, dass ich von morgen nichts sagen kann.
Aber heute bin ich ja noch da.

Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta

Ali Ahmade (*2000)

Das Gedicht beschreibt die Gedanken an seine Mutter, bevor er in der Türkei ins Boot steigt und nicht weiß, ob er die Überfahrt nach Griechenland überleben wird. Ali Ahmade gehörte 2015 zu den jüngsten allein nach Deutschland Geflüchteten, die zum Poetry Project stiessen. Heute lebt er in Süddeutschland in einem Heim.

Heimat

Mohamad Mashghdost

Bandar Anzali, Iran


Meine Heimat habe ich verlassen,
mein Herz. Jetzt ist es wie Schlaf und Traum
und brennt in der Tiefe meines Körpers.
Die weinende Mutter hat mich fortgeschickt.

Die Leiden sind zu Ende, sagte ich.
Ich packte und machte mich auf den Weg.
Leib und Seele überließ ich dem Ozean,
Gott, ich existiere noch, danke.

Gott möge das Meer verfluchen, dass die Leiber verschlingt.
Das Gebet und die Liebe für die Schwester halfen mir anzukommen.
Aber meine Augen haben die Farben des Unglücks gesehen.
 

Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta
Foto © Rottkay

Mohamad Mashghdost (*1997)

Der Sohn eines Taxifahrers aus Bandar-e Ansali, Iran, machte sich im Herbst auf nach Europa. In der Heimat fürchtete er, in den Krieg nach Syrien eingezogen zu werden. Nach seiner Ankunft in Berlin schrieb Mohamad Mashghdost einige herausragende Gedichte über die iranische Tristesse und seine Sehnsucht nach Leben. Mohamad lebt heute in Husum. Foto © Rottkay

Liebe

Samiullah Rasouli

Ghazni, Afghanistan

 

Wenn Du mich wegen meiner Schönheit liebst,
dann lieb mich nicht.
Liebe stattdessen die Sonne und ihre Strahlen.

Wenn du mich für meine Jugend liebst,
dann lieb mich doch lieber nicht.
Verlieb dich dann lieber in den Frühling,
weil er doch jedes Jahr wiederkommt.

Wenn du mich wegen meines Geldes liebst,
dann lieb mich doch lieber nicht.
Dann lieb doch lieber den Pari*.

Wenn du mich liebst,
weil ich der richtige Junge bin,
dann sollst du mich lieben.
Liebe mich so lange,
solange ich Deine Liebe erwidern kann.

*mythologischer Fisch, der Rubine und Smaragde im Mund trägt.
Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta
The Poetry Project | Foto © Rottkay

Samiullah Rasouli (*1999)

Samiullah Rasouli wuchs in Ghazni, Afghanistan, auf. Die Region ist bis heute immer wieder umkämpft. Sein Vater starb vor vier Jahren. Vier Wochen war Samiullah auf der Flucht. Kürzlich begann er eine Lehre zum Hotelkaufmann. Seine Gedichte handeln von der Liebe und der Sehnsucht nach dem Vater. Foto © Rottkay

Mein letzter Sommer in Afghanistan

Kahel Kaschmiri

Ghazni, Afghanistan

 

…war heiß, die Sonnenstrahlen brannten, so sehr,
daß ich kaum arbeiten konnte.
Aber kann es sein, daß man nicht arbeitet?
Nicht zu arbeiten bedeutet, zu hungern und auf der Straße zu leben. Wo hätten ich und meine Familie Unterschlupf gefunden?
Ich benetzte mein Gesicht mit Wasser, zog ein dünnes weißes Hemd an, und ging zum Bazar, um mich um die Kunden im Geschäft zu kümmern.

In Berlin dagegen habe ich den Sommer gar nicht mitbekommen. Es war fast immer kalt. Nur einige Tage war es heiß. Und dann liefen alle nackt durch die Straßen.
Oder lagen in den Parks. Oder gingen schwimmen. Und ich war verblüfft, wie ging das, daß sie nackt durch die Straßen laufen und im Park liegen und abends noch etwas zu Essen finden?
Aber der Sommer in Afghanistan war nicht nur heiß.
Er schmerzte. Es waren die Schmerzen meiner Mutter.
Die Armut und die Verzweiflung meines Vaters.
Die Ausweglosigkeit meiner Schwester, die sich vor den gierigen Blicken von Kopf bis Fuß verhüllen musste. Schließlich hat man sie verheiratet, obwohl sie jünger ist als ich. Und jetzt hat sie schon einen Sohn. Ich frage mich, ist das ihr Sohn - oder ist das ihre Puppe?

In meinem letzten Sommer in Afghanistan hat auf meinem Weg zur Arbeit ein bewaffneter Motorradfahrer einen Polizisten erschossen. Er flüchtete. Dieser Polizist war frisch verheiratet. Es war der Beginn seines Lebens. Er wollte nur seiner Arbeit nachgehen und Geld verdienen.
Aber er starb in einer Sekunde.
Bis die Polizisten kamen, war er schon aus der Welt geschieden.

Wollt ihr, daß ich euch nochmal von meinem letzten Sommer in Afghanistan erzähle?

Ich liebte es, Motorrad zu fahren, umherzustreifen und Gas zu geben. Die Luft wehte in mein Gesicht und die Sonne schien und ich gab Gas. Ich dachte nur an die schöne Natur von Ghazni und beschleunigte.
Auf einmal überholte mich ein Auto. Es fuhr langsamer. Der Fahrer gab mir Zeichen. Halt an!
Ich bekam Angst. Ich gab Gas und flüchtete. Ich rief meinen Cousin an: Ich rief: »Öffne das Tor, hinter mir sind Leute her. Sie wollen mich entführen.«
Es waren die, die hinter den schönen Jungen her sind.
Mit unglaublicher Geschwindigkeit flog ich in seine Richtung, in sein Haus. Er öffnete das Tor und ich stürzte hinein.
Ich atmete durch und dankte Gott.

Wollt ihr, daß ich euch nochmal von meinem letzten Sommer in Afghanistan erzähle?

Nach einem Jahr in der Fremde war ich froh, endlich eine Bleibe gefunden zu haben, ein Zimmer nur für mich selbst.
Vier Wände hatte ich für mich, sowie einen Schlüssel für eine Tür, über den ich selbst verfügen konnte.
Ich seufzte, öffnete die Tür und schlief vor Erschöpfung ein.

Meine Augen waren noch nicht ganz geschlossen, da öffnete sich eine Tür und ich fühlte die Schwere der Anwesenheit von jemandem. Ich hielt die Augen geschlossen, die Decke über das Gesicht.
Plötzlich spürte ich die Schwere seines Körpers auf meinem Körper, und der Schweiß brach mir aus. Ich begann zu zittern.
Ich öffnete den Mund, aber kein Laut kam heraus.
Ich hörte das Wesen sagen: Was machst du hier und warum bist du hierher gekommen?
Ich fing an zu schreien, so laut, daß ich von meinem eigenen Schrei erwachte.

Er war fort und ich fragte mich, wer es wohl gewesen sei?

 

Michael Krasnov hat sich mit »Mein letzter Sommer in Berlin« auf diesen Text bezogen.
Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta
Foro © Rottkay

Kahel Kaschmiri (*2000)

Kahel Kaschmiri wuchs in der afghanischen Provinz Ghazni auf. Ein Miliz-Kommandeur hatte es auf den Jungen abgesehen. Kahel floh durch den Iran, im Kofferraum eines Schleppers. In Deutschland wundert er sich über das Leben der Europäer. Foto © Rottkay

Rausch und Wahn

Shahzamir Hataki

Mazar-e-Sharif, Afghanistan


Liebe ist ein Rausch und Wahn
und fremd zur Welt,
Sie sitzt immer da, von der Dämmerung bis zum Morgenrot.
Liebe bedeutet ein Lächeln in nass geweinten Augen,
Liebe bedeutet, sein Leben wegzuwerfen.
Liebe bedeutet, Tränen zu vergießen.
Liebe bedeutet, zu sein und dabei zu verbrennen.
Liebe bedeutet, sein Leben aufs Spiel zu setzen.

Erlitte ich nicht diesen Schmerz,
mein Antlitz hätte nicht den Ausdruck der Enttäuschung.

Wäre die letzte Seite der Liebe doch die Nachricht,
dass der Regen noch aufhört.

Hätte ich gewusst, dass Liebe sowas macht,
hätte ich die Liebe angekettet.

 

Übersetzung aus dem Persischen: Aarash D. Spanta
Foto © Rottkay

Shahzamir Hataki (*2000)

Shahzamir Hataki aus Mazar-e-Sharif, Afghanistan, ist der einzige Sohn seiner Eltern. Sie wollten sein Überleben und seine Zukunft sichern und schickten ihn deshalb fort. Auf der Überfahrt nach Griechenland sank das Boot und Shahzamir entging nur knapp dem Tod. Foto © Rottkay