Sprache ist Leben

Rachel Ulrich

Berlin, Deutschland

 

Du liest dein Gedicht
In deiner Muttersprache
Über deine Sehnsucht
Über dein Leben
Und eigentlich verstehe ich nicht

Trotzdem
Spitze ich meine Ohren
Falle ich in den Klang
Höre ich die Emotionen
Durch die Zeilen
Und werde das Gefühl nicht los
Ich müsste Arabisch lernen
Um Poesie zu verstehen

Ich höre euch streiten
Auf Arabisch
Über Politik, Krieg, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit
Über Identität
Und ich verstehe nichts

Trotzdem
Spitze ich meine Ohren
Und werde das Gefühl nicht los
Keine Sprache hat Worte
Für den Schmerz
Den ein Krieg hinterlässt

Mir wird erzählt
Arabisch sei eine Sprache
Die einen eigenen Tag hat, an dem sie sich feiert
Die mehr als 120 Millionen Worte kennt
Die einen Reichtum an Dialekten besitzt
Die älter ist als die deutsche
Die ein Gedicht hat, das sich von links nach rechts und von rechts nach links gleichermaßen liest

Und ich denke an meine Kartoffel-Freunde
Die Yallah in ihren Wortschatz integrieren
Und im nächsten Atemzug
In bürgerlich-intellektueller Sprache
Durch die Blume sagen
Der Araber ist so und so
Sexistisch, terroristisch, fundamentalistisch, gefährlich

Ich verstehe nichts
Und werde das Gefühl nicht los
Egal welche Sprache
Keiner beherrscht die Sprache des Dialogs

Während ich schreibe
Einen Text
Der meine zärtlichen Gefühle für die arabische Sprache zu äußern versucht
Ärgere ich mich
Meine Worte gleiten mir aus den Fingern
Verlieren die Poesie
Weil es damit endet
Das Arabische zu politisieren

Ich verstehe nichts
und werde das Gefühl nicht los
Sprache ist Leben

 

Rachel Ulrich (22)

ist in Berlin aufgewachsen – der einzigen Stadt, die für sie zum Leben in Frage kommt. Ihr Spitzname ist „Rage“, und den würde sie gerne häufiger zum Programm machen. Sie mag Hip-Hop und Schuberts Winterreise, daneben ist sie 40-Stunden-Lohnarbeiterin. Sie liebt Lyrik, die sie tröstet und ihr beim Ruhefinden hilft, im Gegensatz zu Politik, denn die bewegt sie.

Winter

Rachel Ulrich

Berlin, Deutschland

 

Vor fünf Sommern
Warst du noch da
Hast gesagt
Rachel, pass auf dich auf
Einmal nachts, in Berlin, Sommerregen
Wir waren so jung und hatten nicht an Regenjacken gedacht
Da klingelten wir an deiner Tür

Und damals, da konntest du noch Türen öffnen
Du brachtest uns Handtücher und Kuchen

Dann Winter
Ich stehe draußen, die Kirche ist voll
Ich weiß nicht, ob du merkst, dass sie alle deinetwegen hier sind
Und ich – überfordert, mache Witze über den Tod

Fünf Sommer später
Heule ich mir die Augen aus dem Kopf
Endlich.
Einsicht: Du fehlst!

 

Rachel Ulrich (22)

ist in Berlin aufgewachsen – der einzigen Stadt, die für sie zum Leben in Frage kommt. Ihr Spitzname ist „Rage“, und den würde sie gerne häufiger zum Programm machen. Sie mag Hip-Hop und Schuberts Winterreise, daneben ist sie 40-Stunden-Lohnarbeiterin. Sie liebt Lyrik, die sie tröstet und ihr beim Ruhefinden hilft, im Gegensatz zu Politik, denn die bewegt sie.

Sprachlos

Rachel Ulrich

Berlin, Deutschland

 

Morgens
Es schallt aus dem Radio: Seehofer, Söder, AfD, Bayern
Während mein Kopf To-do-Listen macht
Konto einrichten
Überweisung
Radiorundfunkgebühren
Erwachsen werden
Ich frag mich, was mich so wütend macht
Seehofer: Der Islam gehört nicht zu Deutschland
Oder
Der Berg an Briefen
Der mich hindert
Den Seehofers, Söders und Gaulands
Die Fresse zu polieren

Arbeit
Der Schrecken wird wahrhaftig
Der Schrecken – eine Lehrerin, die „Witze“ macht
„Selbst die reinrassige, arische, Bio-Deutsche kann das ABC nicht“
Sie lacht
Ich kotze
Was problematisch ist, denn meine Kotze lässt mich nicht sprechen
Und meine Sprachlosigkeit lässt mich ein weiteres Mal kotzen

 

Rachel Ulrich (22)

ist in Berlin aufgewachsen – der einzigen Stadt, die für sie zum Leben in Frage kommt. Ihr Spitzname ist „Rage“, und den würde sie gerne häufiger zum Programm machen. Sie mag Hip-Hop und Schuberts Winterreise, daneben ist sie 40-Stunden-Lohnarbeiterin. Sie liebt Lyrik, die sie tröstet und ihr beim Ruhefinden hilft, im Gegensatz zu Politik, denn die bewegt sie.