Die zerrissenen Schuhe

Kahel Kaschmiri

Ghazni, Afghanistan

 

Am Tag meiner Abreise aus Ghazni nahm Mutter den Koran und ich ging unter ihm durch, als Geste der heilen Ankunft. Ich war 14 Jahre alt in jenem August, als ich aufbrach nach Europa. Es war ein Weg voller Schrecken und Ängste. Ich hatte kaum Geld und wenig zu essen, das Schlimmste aber auf diesem Weg waren die Menschen, deren Charakter hungrigen Wölfen glich, nur darauf aus, einem etwas anzutun. 

Ich überquerte Grenze für Grenze, bis die Schlepper schließlich sagten: „Das ist die Grenze zu Deutschland.“ An diesen Moment erinnere ich mich genau. Denn es war ein wenig wie damals, als ich mit meinen Eltern nach Pakistan flüchtete. Ich war noch ein sehr kleiner Junge und in Afghanistan konnten wir weder Brot noch Frieden finden. Mit dieser Auswanderung nach Pakistan verbinde ich nichts Gutes, denn nichts war besser dort. Vier Jahre später kehrten wir deshalb wieder nach Afghanistan zurück. 

Die Angst ergriff mich vor der deutschen Grenze. Würde es wieder so sein wie damals, in Pakistan? Wird es wirklich besser sein als in Afghanistan? Ich fragte mich: Soll ich jetzt weiter gehen oder nicht? Und wie kann ich in Deutschland sein, allein, ohne Familie? Der Schlepper sagte: „Geh nun allein deinen Weg.“ 

Ich überquerte die Grenze, stieg in einen Zug und fuhr in eine unbekannte Stadt. Wir waren eine kleine Gruppe. Als wir ankamen, sagte man uns, wir seien in Berlin. Man schickte uns in eine Unterkunft für junge Geflüchtete. Sechs Monate waren wir dort, ohne Plan, ohne Schule. Nichts geschah. Das nächste Heim war etwas schöner. Aber die Atmosphäre war stets angespannt. Ältere Flüchtlinge tranken Alkohol und konsumierten Haschisch. Sie stritten. Es gab ständig Prügeleien. Wir Jüngeren wussten oft nicht, wie wir uns wehren sollten. Nachts hielt ich mich deshalb lieber auf den Straßen auf als im Heim. Irgendwann hörte ich auf zu essen und wurde krank. Eine Betreuerin bemerkte dies. Sie wollte nicht, dass ich mich nachts auf den Straßen aufhielt. Eines Tages lud sie mich ein, zu ihr nach Hause zu kommen. Das war mein Glück. Wir sprachen viel miteinander und lange. Endlich schlief ich erschöpft auf ihrer Couch ein. Ich schlief so fest wie ein Stein.

Dann kam ich in eine Wohngemeinschaft. Es war schön dort, ich hatte sogar ein eigenes Zimmer. Doch plötzlich plagten mich wieder Gefühle der Furcht. Gedanken aus der Vergangenheit kamen zurück und schlichen sich in meine Träume. Nachts fragte mich eine Stimme: „Was tust du hier, in Deutschland?“ Was für eine Stimme war das? Sie verfolgte mich wie ein böser Geist. „Was tust du hier?“ Immer wieder diese Frage in meinem Kopf.

Ich komme aus Ghazni, einer Provinz 200 Kilometer westlich von Kabul. Als wir damals zurückkehrten aus Pakistan, brachte mich mein Vater am ersten Tag zur Schule und sagte, ich solle danach allein wieder nach Hause kommen. Ein Lehrer nahm meine Hand und brachte mich in die neue Klasse. In den vier Jahren, in denen wir als Flüchtlinge in Pakistan lebten, hatte ich unsere eigene Sprache, Dari, fast verlernt. Anfangs schämte ich mich, überhaupt zu sprechen, die Worte kamen nur langsam zurück. Die Lebensumstände in Ghazni hatten sich aber in den Jahren, in denen wir fort waren, nicht verbessert. Weiterhin herrschte Krieg und wieder gab es kaum Arbeit. Mein Vater kam abends immer todmüde aus der Stadt zurück, er versuchte, Gas zu verkaufen. Meine Mutter war den ganzen Tag mit Kochen und dem Haushalt beschäftigt. Drei Jahre ging ich zur Schule, mit alten Hemden, zerrissenen Schuhen und einem leeren Magen. Nach Schulschluss musste ich mich immer beeilen, schnell nach Hause zu kommen, um meinem Bruder meine Schuhe zu geben. Wir hatten nur dieses eine Paar Schuhe und ich gab es ihm, damit auch er zur Schule gehen konnte, in die Nachmittagsschicht. 

Auf dem Weg in die Schule störte mich etwas. Die Männer. Sie waren so alt wie mein Vater. Diese Männer warfen mir falsche Blicke zu. Diese Männer boten mir Geld an. Ich war aber zu jung, um zu verstehen, was diese Männer von mir wollten. Eines Tages, auf dem Nachhauseweg von der Schule, griffen mich diese Männer an. Ich schrie und mein Geschrei alarmierte die Polizei. Die Männer ließen ab von mir und ein Polizist brachte mich nach Hause. Doch dieses Ereignis änderte alles. Es bedeutete, dass ich nicht mehr zur Schule gehen konnte.

Ich fing an, in einem Fahrradladen nahe unserer Wohnung zu arbeiten. Ich war neun Jahre alt und machte mir Gedanken, wie ich meinem Vater helfen könnte. Ich beschloss, Geld für meine Familie zu verdienen. Möglichst viel Geld. Mein Ziel war, Zement zu kaufen. Es hieß, die Stadt würde wiederaufgebaut und viele Menschen kehrten aus dem Exil nach Afghanistan zurück. Ich hatte gehört, der Verkauf von Zement sei ein ausgezeichnetes Geschäft. Es wurde sehr viel Zement benötigt in dieser Zeit in Ghazni. Ich wollte den Zement im Basar von Delaram kaufen, einer Stadt sechs Stunden mit dem Bus von Ghazni, und ihn dann in meiner Heimatstadt wieder verkaufen. 

Früh am Morgen verabschiedete ich mich von meinen Eltern, nahm meinen Bruder in den Arm und ging zum Busbahnhof. Die Straße schlängelte sich durchs Gebirge, die Sonne schien, ich war entspannt. Neugierig schaute ich mir die Landschaft an. Plötzlich tuschelten alle Passagiere aufgeregt. Leute sprachen von einem möglichen Angriff der Taliban, wir waren durch eine von den Taliban regierte Gegend gefahren. Ich erschrak. Doch durch die Busfenster konnte ich nichts Auffälliges erkennen.
Wir erreichten unbeschadet die Stadt. 

Ich fand ein Zimmer, legte meine Sachen dort ab und ging gleich zum Basar. Der Verkäufer fragte mich nach meinem Alter und ich gab vor, etwas älter zu sein: siebzehn. Der Verkäufer sagte: „Du bist noch ein Kind“, und fragte weiter: „Was machst du hier, in dieser Stadt?“ Ich antwortete, ich sei aufgrund eines Handels hier, ich wolle Zement kaufen, um ihn in meiner Heimatstadt weiterzuverkaufen. Der Mann sah mich lange an. Dann mahnte er mich, ich solle aufpassen! Es gäbe in dieser Stadt viele Männer, die nur darauf aus seien, einen hübschen kleinen Jungen wie mich zu ergreifen. Er aber sei ein guter Mann und gebe mir nur einen nützlichen Rat. Er redete mir ins Gewissen: „Geh wieder nach Hause. Hier vergreifen sich Väter sogar an ihren eigenen Söhnen.” 

Mein Mut verflog. Wieder diese Männer, die Gefahr bedeuteten. Die Freude am Handel war mir plötzlich abhandengekommen und ich ging ängstlich in mein Zimmer. Unsicherheit ergriff mich und ich fand keine Ruhe. Am nächsten Tag stieg ich sofort wieder in den Bus und fuhr nach Hause. Ich hatte nicht einmal die Stadt von Delaram gesehen. Nach langem Überlegen kam mein Vater auf die Idee, das Grundstück, das wir besaßen, zu verkaufen. Er tat das für mich, damit ich nach Europa fliehen konnte, vor der Armut und vor den Männern. Zum Abschied küsste mich mein Vater traurig auf die Stirn und sagte „Geh in Frieden und in eine erfolgreiche Zukunft.“ Ich verabschiedete mich und ging.

Wie es mir jetzt geht? In Deutschland? Das Verständnis und die beruhigende Zuwendung der Betreuerin lassen mich inzwischen mit einer gewissen Hoffnung in die Zukunft sehen. Sie gibt mir das Gefühl einer schützenden Mutter und doch bin ich oft einsam, denn meine Mutter und alle, die mir lieb sind, sind in Ghazni geblieben. Ich gehe jetzt in die Schule. Ich lerne Deutsch. Ich habe ein Praktikum gemacht, im Krankenhaus. Es hat mir gefallen. 

Doch die Ungewissheit nagt an mir, ob ich gehen muss oder werde bleiben können. 

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Löwenherz

Shahzamir Hataki

Mazar-e-Sharif, Afghanistan

 

Die Sache mit Tamina und Tahwab ist jetzt lange her, sie geschah in meiner Heimatstadt Mazar-e-Sharif. Man erzählt sich die Geschichte noch heute.

Tamina studierte Jura, wie Tahwab. Die beiden lernten sich zu einer Zeit kennen, als Männer und Frauen gemeinsam studieren und dieselben Seminare besuchen durften. Tamina lebte in einem kleinen Haus mit ihren Eltern. Ihr Familienname war derselbe wie meiner: Hataki. Sie war groß, sehr begabt, hatte offene, lange schwarze Haare und trug schöne bunte Kleider. Damals war Tamina 24 Jahre alt, und niemand wusste von ihrer Liebe zu Tahwab. Tahwab war zwei Jahre älter. Er wollte sie heiraten, bevor jemand von ihrer Beziehung erfuhr. Aber Taminas Familie war nicht bereit, in die Heirat einzuwilligen. Zweimal hat Tahwab es versucht.

In unserem Land wird es als große Schande angesehen, wenn sich ein Mädchen in einen Jungen verliebt, sie befleckt damit den Namen ihrer Familie. In Afghanistan gilt der Name einer Familie alles und ihr Ruf ist von größter Bedeutung. Tamina und Tahwab beschlossen also eines Nachts, nach Pakistan zu fliehen. Sie wollten ein ganz neues Leben beginnen, allein und weit weg von ihrer Familie. Aber geht das überhaupt? Wenn Tahwab und Tamina nicht geflohen wären, wären sie von Taminas Familie womöglich getötet worden oder wären ins Gefängnis gekommen, denn ein Mitstudent der beiden hatte von ihrer Beziehung erfahren – und er hatte Taminas Familie davon erzählt. Durch Tamina und Tahwab und wie die Menschen über ihre Liebe sprachen, habe ich gehört, was die Liebe ist. Ich war damals noch ein Kind. Und ich verstand nicht, was mahschuck, liebestoll – wie die Leute in meinem Land sagen – bedeutet.

Bis dahin hatte ich ein einfaches Leben geführt. Ich hatte nur meinen Vater und meine Mutter geliebt. Was Liebe oder Leidenschaft noch bedeuten kann, wusste ich nicht. Jeden, den ich wegen seiner Liebe weinen sah, habe ich ausgelacht und aufgezogen. Ich sagte dann immer, dass es eine solche leidenschaftliche Liebe doch nur in Filmen und in Büchern gibt. Da konnte ich noch nicht ahnen, dass mir das eines Tages selbst passieren würde.

Bevor ich meine Flucht antrat, wusste ich, dass man sich in Europa auf eine andere Weise verliebt als bei uns. Mädchen und Jungen können sich in Europa sehr einfach treffen und miteinander ausgehen. Sie sind für eine Weile zusammen und trennen sich vielleicht wieder. Ich kannte das ja aus Büchern und Filmen. Und manchmal fragte ich mich, wie es wohl wäre, wenn ein Junge wie ich aus Afghanistan nach Europa kommt. Würde sich ein Mädchen für mich interessieren? Oder würde mich keine anschauen? Hätten die Mädchen Angst, weil ich ein Flüchtling bin? Es hat lange gedauert, bis ich ein Mädchen kennenlernte. Nun kann ich die Geschichte erzählen.

Als ich sie an einem Frühlingstag sah, hatte ich das Gefühl, ich würde sie schon lange kennen. Ich habe sie bei einer Veranstaltung getroffen, auf der ich meine Gedichte vortrug. Sie war mit ihrer Klasse gekommen, in Begleitung ihrer Freundinnen. Nach einigen Tagen fragte ich meinen Freund nach ihrer Nummer. Er hatte auf der Veranstaltung Fotos gemacht und sie den Mädchen per Handy geschickt. Sie antwortete sofort. Seitdem schrieben wir uns fast drei Monate lang Nachrichten. Dann trafen wir uns zum ersten Mal. 

Ihr verliebtes Gesicht war das schönste Gesicht, das ich in meinem Leben gesehen habe. Ihre Stimme war die schönste Stimme, die ich in meinem Leben gehört habe. Die Liebe zu ihr war das schönste Gefühl, das ich in meinem Leben erlebt habe. Die Zeit mit ihr war die schönste Zeit meines Lebens. Sogar das Warten auf sie war das schönste Warten meines Lebens. 

Wir waren sieben Monate zusammen. Für mich waren es keine sieben Monate, sondern sieben Jahre. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass eine solche Liebe enden kann. Bis sie mir eines Tages schrieb, dass sie nicht mehr meine Freundin sein wollte. Für einen Moment verlor ich tatsächlich das Bewusstsein, und als ich wieder erwachte, habe so viel geweint und geklagt, dass ich jetzt nicht weiter weinen und weiter klagen kann. Man sagt, dass Liebe und Leidenschaft wie ein starker Sturm sind.

Wenn der Sturm ausbricht, werden Bäume entwurzelt. Und wenn du sehr verliebt bist und eine Person mehr liebst als alles andere, geht auch die Liebe selbst verloren. Bäume, die von der Natur verletzt werden, können sich wieder erholen. Aber Menschen, die Schmerzen erfahren haben, können das nicht so leicht. So wie ich, der ich nicht wieder zurück ins Leben finde. 

 

Ich habe dich gebeten, mich nochmals zu sehen.
Aber du bist nicht gekommen.
Ich habe dich gebeten, noch einmal deine Stimme zu hören.
Doch du sprachst kein Wort.
Ich wollte deine Hand noch einmal in meine nehmen.
Doch meine Hand blieb leer. 

Mein lieber Gott.
Wieder schreibe ich.
Wieder beschwere ich mich.
Wieder gieße ich Tränen
vor den Füßen der Menschen aus,
die mich allein gelassen haben.
Du hörst mich.
Aber du antwortest nie.
Ja, du bist immer neben mir.
Aber warum lässt du zu,
dass ich so einsam bin? 

 

Langsam verstehe ich die Worte, die sie mir gesagt hat. Erinnerst du dich? Der Tag, an dem sie für immer von mir weggehen wollte und mir sagte: „Ich liebe dich nicht mehr.“ Nur du allein, Gott, kannst das, einsam sein. Auch ich bin allein auf diese Welt gekommen, und ich werde allein von dieser Welt gehen müssen. Aber es ist ein anderes Alleinsein, wenn du verlassen wirst. Wenn sie traurig war, war auch ich traurig. Wenn sie glücklich war, war auch ich glücklich. Nun überlasse ich sie dir. Sitz bitte immer neben ihr. Wie ich es getan habe. Ich liebe sie. Lieber Gott, liebe sie bitte nicht nur, wie ein Gott einen Menschen liebt.
Sondern auch so, wie ich sie liebe. 

An dem Tag, an dem mich meine Liebe verließ, die erste meines Lebens, rief mich mein Vater in Afghanistan an. Er sagte: „Ich habe dir viel von der Liebe erzählt, aber ich habe dir nicht erzählt, wie sich die Liebe anfühlt. Jetzt kann ich nicht in deiner Nähe sein, sodass ich mein Herz mit deinem Herzen tauschen könnte.“ Ich sagte ihm: „Legtest du nur deine Hand auf meinen Kopf, führest du nur durch mein Haar, wie du es immer tatest, ich könnte mich beruhigen.” 

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Häutungen

Mahdi Hashemi

Ghazni, Afghanistan

 

Sei gegrüßt, Iran! 

Verzeih mir,
sollte ich es sein, der einem Iraner den Platz in der Gesellschaft
streitig machte.
Verzeih mir, 

wenn ich euren Sauerstoff geatmet habe.
Verzeih mir,
sollte ich euren Boden abgenutzt haben.
Verzeih mir,
wenn ich eure Tinte und euren Mörtel einsetzte
für meine Bildung.
Verzeih mir,
wenn ich euer Wasser trank und eure Nahrung aß
und Eure Leute hungrig blieben.
Verzeih mir,
ich bin ein afghanischer Flüchtling,
der wegen des Krieges zu einem Fremden bei euch wurde.
Der sich dort in der Umarmung der Mühsal begab.

Iran, wenn du mir Schmerzen bereitet hast,
so verzeih ich dir,
Iran, wenn du mich lächerlich gemacht hast
für mein Afghanisch-Sein,
ich verzeihe dir. 

 

Als geflüchteter Afghane ist es nicht einfach in Iran. Meine Erinnerungen sind voller Demütigungen und Schwierigkeiten. Ob in der Schule oder zuhause, der Hass gegenüber afghanischen Flüchtlingen ist stark. In meiner Schule beschwerten sie sich immer wieder über die Ausländer: Also über uns. 

Noch heute trifft es mich, dass ich bei keinem der sportlichen Fußballwettkämpfe in der Schule oder im Bezirk mitmachen durfte. Ich durfte nicht teilnehmen, weil ich Afghane bin. Ein Beschluss der Stadtverwaltung an die Schule ordnete das per Brief an. Diese Vorschrift untersagte mir und den anderen Ausländern, sich an den Wettkämpfen zu beteiligen. Meine Brüder und meine Schwester sind alle in die Schule gegangen, aber sie haben trotzdem keine berufliche Perspektive. Afghanen bleiben Tagelöhner. Mein älterer Bruder wollte unbedingt, dass ich in die Schule gehe. Aber ich wusste, dass mir keine der Türen, die er mir versprach, im Iran offen standen. Weil ich ein afghanischer Flüchtling bin. 

Das war aber nicht der wichtigste Grund, warum mich meine Eltern fort nach Deutschland schickten. Sie fanden heraus, dass „Anwerber“ begannen, für den Dschihad in Syrien zu werben. Mein Vater bekam Angst um mich. Die „Anwerber“ gingen gezielt auf junge afghanische Flüchtlinge zu. Als einer meiner besten Freunde plötzlich verschwand, nach Syrien in den Dschihad, war mein Vater alarmiert. Immer freitags gingen wir in die Koranschule. Mein Freund ging auch in diese Koranschule. Er ist ein Jahr älter als ich. Eines Freitags – nach dem Koranlesen – kam ein unbekannter Mann zu uns in die Gruppe. Dieser Mann begann, leidenschaftliche Vorträge über den Dschihad zu halten. Er wollte die ganze Gruppe überzeugen, in den Kampf nach Syrien aufzubrechen. Bei meinem Freund schien dieser „Anwerber“ eine Art glühende Sehnsucht zu entfachen. Mein Freund sprach von nichts anderem mehr, als in diesen Kampf zu ziehen. Es heißt, die Afghanen würden von den Iranern gezwungen, in den Dschihad zu ziehen. Ich sah aber, dass in meinem Freund tatsächlich eine tiefgreifende Passion für diese Reise entstanden war. 

Dennoch, richtig ernst genommen hatte ich seine Pläne erstmal nicht. Ich hielt es für Gerede. Doch ich erzählte meinem Vater zwei- oder dreimal, dass mein Freund davon sprach, nach Syrien zu gehen. Mein Vater reagierte äußerst wütend. Er sagte, wir kämen doch schon aus einem Krieg in Afghanistan. Er hatte seine beiden Brüder verloren und er drohte mir mit den Worten, wir gingen in keinen weiteren Krieg. Vater verbot mir, mich weiter mit meinem Freund zu treffen. Als ich es dennoch tat und es herauskam, schlug er mich. Als ich schließlich hörte, dass mein Freund tatsächlich nach Syrien aufgebrochen sei, war ich entsetzt. Auch kannte meine Familie seine gut, und so erfuhr sie davon. Einen Tag nachdem mein Freund verschwunden war, nahm mich mein Vater aus der Koranschule. 

Er verbot mir fortan, aus dem Haus zu gehen. Mir wurde lediglich erlaubt, im Supermarkt einzukaufen. Ich stritt mich heftig mit meinen Eltern; ich argumentierte gegen ihre Verbote. Ich wollte unbedingt weiter in die Schule gehen und meine Freunde treffen. Sie ließen mich nicht. Dieser Zustand dauerte etwa eine Woche. Von meinem Freund habe ich übrigens nie wieder etwas gehört. Ich habe keine Ahnung, ob er noch lebt. Ich weiß aber, dass schon über 1.000 junge afghanische Flüchtlinge aus dem Iran im Dschihad in Syrien gefallen sind. 

Eines Nachts sagte mein Vater dann plötzlich: „Mahdi, mein Sohn, du musst morgen früh den Iran verlassen.” Mir ging es sehr schlecht in dieser Nacht. Ich wollte nicht weg von meinen Eltern. Ich wollte nicht ins Ausland gehen. Meine Eltern haben mich aber lieber auf diese riskante Reise geschickt, als mich weiterhin den Gefahren im Iran auszusetzen. Lieber schickten sie mich in irgendein Land, wo wir überhaupt niemanden kannten. 

An diesem Abend, in diesem Moment des Abschieds von meinen Eltern, erlebte ich die verzweifeltsten, unglücklichsten und tränenreichsten Momente meines bisherigen Lebens. Als ich hörte, ich solle nun den Iran verlassen, krampfte sich alles in meinem Inneren zusammen. Mir blieben nur zwölf Stunden. Drei Stunden davon schlief ich. Die verbleibenden neun Stunden versuchte ich mit aller Macht, meine Eltern umzustimmen, ihren Entschluss irgendwie rückgängig zu machen.
Ich wollte nicht weg. 

Ich bedaure, weder meine Freunde, noch den Sand meiner Straße, noch den Duft meines Viertels gebührend verabschiedet zu haben. Wenn ich gewusst hätte, wie lange ich in Deutschland bleiben würde, und wie sehr ich meine Familie und meine Heimat vermissen würde – ich hätte meine Mutter stundenlang in den Armen gehalten. Ich hätte die zerfurchten und abgearbeiteten Hände meines Vaters so oft geküsst, bis sie ganz nass gewesen wären.
Es ist meine größte Sehnsucht, sie wiederzusehen. 

Jede Nacht denke ich an sie. Jede Nacht stelle ich mir das Wiedersehen mit ihnen vor.
Am nächsten Morgen brachte mich mein Vater zu einem Auto. Mit dem Schleuser fuhr ich von Mahalam nach Maidane Azadi in Teheran. Dort blieb ich etwa zwei Stunden, bis ein anderes Auto kam. In diesem Auto fuhren wir in die Stadt Orumia, die sich an der Grenze zur Türkei befindet, und von den zwölf Stunden in diesem Wagen verbrachte ich etwa zehn zusammengekauert im Fußraum, um nicht von der Polizei entdeckt zu werden. Hätten sie mich erwischt, so hätten sie mich nach Afghanistan deportiert. Die Polizei im Iran verhält sich grundsätzlich rücksichtslos gegenüber Afghanen. Wir haben kaum Rechte. 

Die nächste Etappe liefen wir zu Fuß. Wir waren in den Bergen und der steile Aufstieg fiel mir schwer. Es war kalt. Eine Schneedecke überzog das Land. Wir gingen etwa zwölf Stunden und ich befand mich in einem erbärmlichen Zustand. Ich stolperte und fiel oft hin. Ich war so erschöpft, dass ich kaum sehen konnte, wohin ich meinen nächsten Schritt setzen sollte. In der Nähe der Grenze zur Türkei setzte ich mich hin und sagte: „Geht weiter, ich kann nicht mehr. Ich bleibe.“ Jedes Mal, wenn ich mich hinsetzte, fielen meine Augen zu. Ich konnte einfach nichts dagegen machen. Ich wollte nur sitzen bleiben.
Einfach nur sitzen bleiben. 

Ich dachte an meine Eltern und wie elend es ihnen wohl ergehen wird, wenn ich nun ausgerechnet hier stürbe. Etwas später sah ich eine Frau, die auf einem Pferd weiterreisen durfte. Auch ich wollte auf ein Pferd, aber es gab keines mehr. Mittlerweile war es schrecklich heiß. Mir entfuhr ein Schrei. Mein ganzes Ich war wie in Trance. Ich war so müde, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Aus Verzweiflung schossen mir die Tränen in die Augen. Ich fühlte mich todkrank. Und wütend. Ich sehnte mich nach diesem Pferd, ich wollte auf ihm sitzen. Irgendwann entglitt mir mein Bewusstsein; irgendwann weckte man mich. Ich sackte aber wieder weg. Immer wieder rüttelte jemand an mir. Alles nützte nichts, ich schlief wieder ein.
Als ich allerdings das nächste Mal erwachte, befand ich mich tatsächlich auf dem Rücken eines Pferdes. Ich sagte zu mir: „Elend dem Teufel,“ damit das Böse endgültig weiche. 

Wir fuhren durch die Türkei, in eine Stadt, die auf der Griechenland gegenüberliegenden Seite liegt. Dort blieben wir und warteten auf das lang ersehnte Boot. Das Boot legte an und die Schlepper brachten uns an Bord. Auf unserer Fahrt sahen wir zwei oder drei weitere Schiffe mit Flüchtlingen. Die Nacht war schon hereingebrochen, wir konnten kaum noch etwas erkennen, doch wir hörten die Schreie. Sie riefen, sie schrien. Sie riefen mehrmals: „Wir sinken! Wir gehen unter!“ 

Ihr Boot ging tatsächlich unter und ihre Schreie verhallten in der Dunkelheit. Mein Körper zitterte vor Todesangst. Um meine Gedanken zu beruhigen, wiederholte ich eine Sure aus dem Koran: „Oh Gott, helfe uns, rette uns.” Und ich wiederholte die ganze Zeit den Namen Mohammeds. Die Luft war so kalt. Unser Boot schwankte enorm in der Nacht, wir waren vollkommen durchnässt. Und diese Kälte! Ich hatte solche Angst, mein Körper hörte nicht mehr auf zu zittern. Sechs Stunden waren wir auf See. Als wir die Grenze Griechenlands erreichten, befanden sich Retter an der Küste. Sie zogen uns aus dem Wasser. 

Es begann eine Odyssee von einem Flüchtlingscamp zum anderen, aber ich habe es schließlich nach Deutschland geschafft. In meiner Wohngemeinschaft lebe ich nun ein Leben so fern von meiner Familie. Mein neuer Alltag ist ein ganz anderer als der im Iran. Mein neues Leben hier ist mir bis heute fremd, auch zwei Jahre noch nach meiner Ankunft. Ich organisiere komplett selbstständig meine Tage und die Aktivitäten, die in ihrem Verlauf stattfinden. Habe ich Probleme oder ein Anliegen, so übernehme ich selbst die Verantwortung dafür, suche eine Lösung. Mein Vormund ist eine sehr nette Frau, und sie und meine Betreuer helfen mir dabei, mit Deutschland und seinen Bewohnern vertrauter zu werden. Sie helfen mir dabei, selbstständig zu werden. Bietet sich mir eine Chance, Neues zu erlernen, so fördern sie mich mit all ihrer Tatkraft und ihrem guten Willen. 

Aber all diese Erlebnisse in Deutschland, die ich bisher gesammelt habe, lindern nicht die Sehnsucht nach meiner Familie. All die Erlebnisse in Deutschland würde ich eintauschen für eine einzige Stunde mit meiner Familie. Den Abend des Fastenbrechens würde ich auch viel lieber in Iran verbringen. Ich liebe Silvester und Muharram* im Iran. Ich liebe es, durch die Straßen und Gassen Irans zu spazieren. Und ich liebe es, das Lächeln und das Lachen meiner Mutter, meines Vaters und meines Bruders zu erleben. Noch immer sehne ich mich nach meinen guten Freunden. Ich sehne mich nach ihren vertrauten Stimmen. 

Einmal wieder in den Genuss der Speisen meiner Mutter zu kommen – ich würde sie nicht mit den tausenden Restaurants und kulinarischen Möglichkeiten in Deutschland tauschen. Einmal auf den sandigen Böden des Iran Fußballspielen ziehe ich tausend Mal dem Spielen auf den gepflegten, deutschen Rasen vor. Einmal mit meiner Familie in die Nachbarstadt zu fahren, wäre mir tausende Male lieber, als allein nach Paris oder New York zu reisen. 

Ich bin wie eine Schlange geworden, die ihre Haut abwirft und die alte Haut dann doch vermisst. Es ist nämlich so, dass mir alles in Deutschland gegeben ist, und doch fühle ich mich, als ob ich nichts habe. Dafür, dass ich hier so viel erlangt habe, habe ich auch vieles aus dem Iran verloren. Würde ich mich aber nun im Iran befinden, so sehnte ich mich mit Leib und Seele danach, wieder in Deutschland zu sein. 

* Muharram = erster Monat im Kalender des Islam. Aleviten & Schiiten gedenken im Monat Muharram des Todes von Imam Al-Husain (Schlacht von Kerbela) 

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