Damaskus

Rojin Namer 

Kamischli, Syrien

 

Wie soll ich Damaskus beschreiben?
Wie soll ich das Paradies beschreiben, denjenigen, die es nicht kennen?
Das Herz von Syrien.
Die Seele von mir.
Die Hoffnung von anderen.
Das ist Damaskus.

Wo es Kriege gibt.
Wo Bomben fallen jeden Tag.
Wo Leute Angst haben.
Das ist Damaskus.

Wovon ich jeden Tag träume.
Wo ich meine Wurzeln habe.
Das ist Damaskus.

Wo ich den Schuldigen frage, wer schuld ist daran.
Wo keine Medizin das Blut stoppt.
Das ist Damaskus.

Da, wo überall Touristen hinkamen.
Da, wo die Straßen zerstört sind.
Da, wo jetzt Blut fließt.
Mein Damaskus.

Ich vermisse deine Straßen.
Ich vermisse deine Lichter.
Ich vermisse deine Musik,
die wir jeden Morgen hören.
Ich vermisse deine Nächte,
die warm und voller Leben sind.
Das ist Damaskus.

Die Stadt voller Liebe.
Eine Stadt voller Blut.
Das Paradies
wurde zur Schlacht.

Wo den Leuten die Tränen laufen vor Enttäuschung.
Vor Angst.
Und nicht vor Freude.
Das ist Damaskus.

Mein Damaskus.
Ich will dich zurück.
Zurück zu mir.

 

 

The Poetry Project, Foto © Rottkay

Rojin Namer (*2002)

floh vor drei Jahren allein aus Damaskus, sie stammt ursprünglich aus dem kurdischen Kamischli. Das Mädchen kam als unbegleitete Minderjährige nach Berlin, wo sie die Friedrich Ebert-Oberschule besuchte. Ihre Eltern und Geschwister leben als Flüchtlinge im Irak. Rojin nimmt erfolgreich an Debattier-Wettbewerben teil, sie liebt das Fotografieren und möchte Philosophie studieren. 2019 wurde sie dem Theo in der Kategorie Sprachräume ausgezeichnet. Foto © Rottkay

Flucht

Rojin Namer

Kamischli, Syrien

 

Ich war lange unterwegs.
Tagelang bin ich gelaufen.
Tagelang saß ich im Zug auf dem Boden.
Tagelang saß ich im Gefängnis.
Tagelang schlief ich auf der Straße.
Ich hatte nichts zum Essen.
Meine Klamotten wurden von den Schleppern weggeschmissen.
Meine Schuhe waren zerrissen.
Ich erkannte mich selbst nicht wieder.
Ich sah nicht wie ich aus.
Ich hatte den Nullpunkt in meinem Leben erreicht.
Ich hatte den Punkt erreicht, an dem man sich über nichts mehr freuen kann.
Ich hatte das Gefühl, verlernt zu haben, was Leben ist.
Das war alles so unendlich viel.
Und unendlich anstrengend.
Ich dachte für einen Moment, dass ich nicht mehr kann.
Aber wenn man einmal unterwegs ist und nicht weiß,
Wann das Ende ist, dann muss man es schaffen.
Es gibt kein Zurück.

 

Rojin Namer (15)

reiste mit ihrem Onkel 47 Tage lang durch den Irak nach Griechenland, wo sie verhaftet wurde.

Schuldgefühle

Rojin Namer 

Kamischli, Syrien

 

Papa, Mama,

denkt ihr wirklich, ich würde nicht helfen, wenn ich könnte?
Denkt ihr wirklich, dass ich jetzt glücklich bin,
weil ich hier nach 18 Uhr noch draußen sein kann,
ohne Angst haben zu müssen?
Denkt ihr wirklich, dass ich 300 Euro Taschengeld bekomme,
wie meine Cousinen erzählen?
Denkt ihr wirklich, dass ich euch vergaß,
weil ich hier ein besseres Leben führe?
Wieviel Geld ihr für mich ausgegeben habt? 5000 Euro?
Dass Ihr unser Haus verkauft habt, um Pässe zu erhalten?
Denkt ihr, es liegt an mir, dass es mit eurem Nachzug nicht klappt?
Denkt ihr wirklich, dass ich euch hier nicht haben will?

Soll ich euch mal was sagen!
Ich bekomme 50 Euro Taschengeld. Keine 300.

Ich kriege Schuldgefühle, wenn ich höre, dass es euch nicht gut geht.
Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich weiß, dass ich euch nicht helfen kann.

Aber die für mich wichtige Frage ist:

Glaubt ihr wirklich, ich würde euch nicht helfen, wenn ich es könnte?

 

 

The Poetry Project, Foto © Rottkay

Rojin Namer (*2002)

floh vor drei Jahren allein aus Damaskus, sie stammt ursprünglich aus dem kurdischen Kamischli. Das Mädchen kam als unbegleitete Minderjährige nach Berlin, wo sie die Friedrich Ebert-Oberschule besuchte. Ihre Eltern und Geschwister leben als Flüchtlinge im Irak. Rojin nimmt erfolgreich an Debattier-Wettbewerben teil, sie liebt das Fotografieren und möchte Philosophie studieren. 2019 wurde sie dem Theo in der Kategorie Sprachräume ausgezeichnet. Foto © Rottkay