Kopftuch

Sarah Safi

Kapisa, Afghanistan

 

Ich dachte, in Deutschland könnte man sich selbst verwirklichen
Keine Schranken würden einem gesetzt, wenn man etwas wirklich will
Ich dachte, hier könnte man seine Zukunft in die Hand nehmen

Es ist ganz anders
Es gibt sehr viele Unterschiede hier
Zwischen Deutschen und Geflüchteten
Zwischen einem Türken, einem Araber, einem Russen und einem Rumänen

Jeder andere Mensch im Supermarkt kann ganz „normal“ einkaufen gehen
Doch ich, in dieser Menge
Mache den Unterschied für sie
Verschiedenste Menschen sind dort
Aber das Security Personal
Lungert hinter meinem Rücken

Warum immer ich?
Wegen meines Kopftuches
Weil ich Muslimin bin
Können sie sich nicht in meine Position versetzen?
Wie schlecht man sich fühlt, wenn man so behandelt wird
Welchen Spott ich von Seiten ihrer Kinder erfahren muss
Wenn sich die Erwachsenen schon so verhalten

Du gehst normal die Straße entlang
Und sie stoßen dich mit ihren Schultern weg,
Während sie an dir vorbeilaufen

Du bist in der U-Bahn
Verschiedenste Menschen sind dort
Wenn der Kontrolleur kommt
Bist du die erste Person, die er kontrolliert

Wie soll ich mich da fühlen?
Wie ein freier Mensch?
Wie eine starke Frau?

Manchmal glaube ich, ich habe meinen eigenen Weg verloren
Mein gesamtes Vertrauen in mich selbst

 

Sarah Safi (17)

ist seit 2017 in Deutschland. Sie ist allein nach Deutschland geflohen, von Griechenland aus kam sie mit dem Flugzeug nach Berlin. Ihre Familie ist seit Sommer 2018 auch in Deutschland. Sie besucht die Peter-Ustinov-Schule.

Brief an die Freundin

Sarah Safi

Kapisa, Afghanistan

 

Sei gegrüßt, liebe Freundin,
es liegt viele Tage zurück, dass wir uns gegenseitig das Herz ausschütteten.
Ich wollte nie fern sein von dir.
Du warst die einzige, die mich verstand.
Ich bin jetzt fern von der Familie.
Schon seit einem Jahr.
In diesem Jahr lehrte mich das Leben viel.
Allein hinausgehen, allein einkaufen, allein essen, allein sitzen.
Allein, das ist sehr schwierig.
Einsamkeit ist ein Übel, das dich zum Äußersten treiben kann.
Aber was man in diesen dunklen Stunden denkt, setzt man dann doch nicht um.
Freundlichkeit, Freundschaft und Emotionen, das alles fehlt hier.
Das viele Alleinsein erschöpft mich.
Die Liebe des Vaters und der Mutter dagegen ermüdet nie.
Die wahre Liebe liegt in dieser Beziehung, die der Eltern zu den Kindern und der Kinder zu den Eltern.
Außerhalb dieser Beziehung ist alles bedeutungslos.
Ich lebe von der Hoffnung auf ein Wiedersehen.

 

Sarah Safi (17)

ist seit 2017 in Deutschland. Sie ist allein nach Deutschland geflohen, von Griechenland aus kam sie mit dem Flugzeug nach Berlin. Ihre Familie ist seit Sommer 2018 auch in Deutschland. Sie besucht die Peter-Ustinov-Schule.