Was ich an Afghanistan nicht vermisse

Somayeh Hasanzadeh

Herat, Afghanistan

 

Was ich an Afghanistan nicht vermisse:
Die Gefahr auf den Straßen. Abends, ab 20 Uhr, geht keine Frau mehr allein aus dem Haus, es passiert immer etwas Schlimmes.

Was ich an Afghanistan nicht vermisse:
Als Kind gezwungen zu sein, eine Burka zu tragen, nur die Augen frei. Was ist das für ein Land, das kleinen Mädchen eine Decke über den Kopf wirft?

Was ich an Afghanistan nicht vermisse:
Der verzweifelten Mutter zusehen zu müssen, wie sie mit der Gaskartusche ins Badezimmer geht und versucht sich anzuzünden. Aus Verzweiflung, für die vielen Kinder, für meine Geschwister und mich, kaum Essen zu haben und Hunger leiden zu müssen. Vater hat die Türe eingeschlagen und Mutter aus dem Bad gezogen, mit Verbrennungen am Körper.

Was ich an Afghanistan nicht vermisse:
Die Tränen meiner Kindheit, die ich mit meiner Freundin teilte. Meine Freundin musste zusehen, wie der Vater die Mutter schlug. Er schlug sie so fest, dass sie starb. Der Vater nahm sich einfach eine neue Frau. Keine Polizei, keine Verurteilung. Wenn einmal Polizisten kommen, dann zahlt man Geld und sie gehen wieder.

Im BAMF-Interview haben sie mich gefragt:
Was machst du, wenn wir dich abschieben?

Ich habe geantwortet:
Ich würde mich vor euren Augen verbrennen.

 

Somayeh Hasanzadeh (25)

stammt aus Herat, Afghanistan und ist im Iran aufgewachsen. Der Text ist eine mündliche Erzählung über Afghanistan.