Einfach

Hussein Kasha

Aleppo, Syrien

 

Als ich klein war,
war das Leben einfach.
Morgens früh aufzustehen
und mit der Familie einen schönen
Tag zu verbringen, war einfach.

Als ich älter wurde,
war es nicht mehr einfach.
Als ich zum ersten Mal meinen Vater weinen sah,
merkte ich, dass das Leben nicht einfach ist.

Nicht einfach war es,
als ich meinen kleinen Bruder verabschiedete
und er mir sagte:
»Bring mir Süßigkeiten mit,
wenn du wiederkommst.«

Nicht einfach war es,
meine zweite Seele zu verabschieden,
meine Zwillingsschwester.

Nicht einfach ist es,
ein Familienmitglied zu verlieren,
ohne etwas tun zu können,
weil du mehr als 3000 km entfernt bist.

Es ist nicht einfach,
dass es einfach ist.

 

Hussein Kasha (*2000)

kam im September 2015 in Deutschland an – nach einer einmonatigen Flucht über die Türkei, den Balkan und Österreich mit seinem Onkel und seiner Tante. Er besucht derzeit die Fachoberschule und möchte das Fachabitur im Zweig »Gesundheit« ablegen. Sein gesellschaftliches Engagement zeigt er nicht nur in der Förderung des religiösen Miteinanders, sondern er setzt sich auch ein für die Integration anderer Flüchtlinge im Rahmen von »Sport für Flüchtlinge«.

Klavierklang

Ahmad Al Rifai

Daraa, Syrien

 

Der Rauch flieht vor meiner Lunge,
wie meine Seele.
Die Uhr tickt nicht mehr,
ich bin in einen Traum gefallen.
Ich kann sie endlich sehen.
Der Engel ist gestorben.
Ich kann inzwischen nicht mehr unterscheiden
zwischen Illusion und Realität.
Sie fehlt in beiden.
Es gibt keinen Beweis, dass sie noch existiert.
Im Rauch kann ich ihr Gesicht sehen.
Und in meiner Lunge ihre Küsse spüren.
Rituale.
Es tut so weh, wenn sie tanzt.
Ich wollte sie neben meinem Herz aufbewahren,
in meiner Lunge.
So riet mir Mephisto.
Sie zerstört mich, sie versucht mich zu töten.
Als Lungenkrebs hat sie sich in mir verkörpert.
Das ist das letzte Geschenk.
Ein Date mit dem Tod.

 

Ahmad Al Rifai (21)

ist Schüler. Er liebt das Theater und Singen. So stand er sowohl als Schauspieler als auch als Sänger auf der Bühne bei verschiedenen Kultureinrichtungen. Daneben kocht und liest er gerne.

Ich erinnere mich

Anonyme Autorin

Syrien

 

Ich war 10 Jahre alt. Ich erinnere mich an die brennenden Tränen meines Vaters. An meine Traurigkeit und Angst. An diese furchtbare Nacht. An so viel, dass ich mein Gehirn auskotzen möchte, damit jede Erinnerung verschwindet.

Ich war 12 Jahre alt. Ich erinnere mich an meine Stärke. Wie ich weiterleben konnte, obwohl es keine Gründe dafür gab. Ich erinnere mich so gut, als wäre ich eine 50jährige Frau, im Körper einer 12-Jährigen.

Ich war 14 Jahre alt. Ich erinnere mich daran, zum ersten Mal mein Herz zu spüren. An den Glanz ihrer wunderschönen Augen. An ihr faszinierendes Lachen. Ich erinnere mich an ihre Worte, die mir meine Dunkelheit erleuchteten.

Ich war 15 Jahre alt. Ich erinnere mich an meine Depression. An meine Einsamkeit. An die Menschen, die mir am nächsten waren, und meine brennenden Wunden genossen. Ich erinnere mich so gut an den Kreis, in dem ich gefangen war. Jeder Weg führt mich zurück zu seiner düsteren Mitte, jeder Weg führt mich zurück zum Nullpunkt.

Ich war 16 Jahre alt. Ich erinnere mich an ihren Blick im Gedränge. Ich erinnere mich an die Wärme, die ich spürte, wenn ich sie umarmte. Ich erinnere mich, wie sie mein Ausweg war, meine Sicherheit, meine Seele.

Ich war 17 Jahre alt. Ich erinnere mich an unsere heimlichen Treffen. Ich erinnere mich an ihr Lachen. An die Berührungen ihrer sanften Hände. An jede kleine Einzelheit. Ich erinnere mich so gut daran, wie ich mich gefühlt habe. An mein Herz und meine Seele, die mit Freuden in diesem Gefühl ertranken, ohne nach Rettung zu rufen.

Ich war 18 Jahre alt. Ich erinnere mich an meine wiederkehrende Depression. Ich erinnere mich an ihren Abschied nach unserem letzten Treffen. An all die Gefühle, die in ihrem Kuss lagen. Ich erinnere mich an ihre traurigen Augen. An den Schmerz, der sich durch meinen Körper bohrte, bis sich ein Teil meiner Seele abspaltete und zu ihr zurückflog. An den Moment, als ich ins Flugzeug stieg, und an das Lied, das in Endlosschleife in meinem Kopf lief. Wie ich weinte. Wie ich hoffnungslos war. Wie meine Träume verschwanden. Ich erinnere mich, wie ich die Stadt von oben sah, und ein Stück meiner Seele zurückließ.

Ich bin 19 Jahre alt. Meine Gefühle sind eingefroren, ohne dich. Jetzt habe ich aufgegeben, habe keine Träume mehr, keine Hoffnungen. Ich lebe ohne Ziel, ohne Gefühle, nur so vor mich hin. Es ist die Hölle.

 

Anonym (18)

ist Syrerin, lebte aber von ihrem dritten Lebensjahr an in Saudi-Arabien. Seit 2019 ist sie in Leipzig und macht momentan einen B1-Deutschkurs. Schreiben ist ihre große Passion und all das, was ihr Halt geben kann.

Verabschiedung

Jin Hamo

Afrin, Syrien

 

Ich fühle die frische Luft
Und atme sie ein.
Ich schaue die Berge
Und die Natur an
Und atme aus.
Meine Haare fliegen
Und die Tränen fließen.
Der Tag ist gekommen,
Vor dem ich Angst hatte.
Alles zu verlassen,
Die Gefühle zu beschreiben.
Keine Worte.
Die schönen Momente
Bleiben für immer in Erinnerung.
Wir werden uns treffen,
Das verspreche ich.
Es wird nicht genauso sein,
Vielleicht sogar schöner.
Aber Hoffnung habe ich,
Und ihr hoffe ich auch.

 

Jin Hamo (15)

ist 2017 mit ihrer Familie nach Deutschland geflüchtet und wohnt in Halle Neustadt. Momentan besucht sie die 9. Klasse und wünscht sich, in der Zukunft weiterhin künstlerisch aktiv zu sein. Jin liebt alles, was mit kreativem Ausdruck zu tun hat: neue Sprachen lernen, zeichnen, fotografieren, singen, tanzen und neue Menschen aus anderen Kulturen kennen zu lernen.

Lyrikerin aus Heimweh

Naseh Qutaisch

Idlib, Syrien

 

Ich habe noch nie in meinem Leben
Gedichte geschrieben, aber in meiner Fremdheit
habe ich das Gefühl, dass ich das jetzt brauche.
Aus meinem Heimweh heraus wurde ich Lyriker
und durch die Trennung von meinen
geliebten Menschen bin ich sehr traurig.
Mutter, Vater und meine Geschwister, ich vermisse euch.
Nur mit euch teile ich die Erinnerungen und die Liebe.
Oh Gott, ist die Einsamkeit nach solch
schönen Tagen mit euch unerträglich.
Manchmal überwiegt die Zufriedenheit,
aber meistens weicht sie der Traurigkeit
und dem Leiden und ich muss mich jedes Mal
aufs Neue überwinden.

 

Naseh Qutaisch (27)

arbeitet als Rechtsanwältin. Sie liebt Bodybuilding, Fußball und freut sich immer darüber, neue Leute kennenzulernen. Wenn sie sich für eine Musikrichtung entscheiden müsste, wäre es wahrscheinlich arabische Musik, weil sie ihr am vertrautesten ist. Nasehs Lieblingsfarbe ist Weiß, weil sie diese Farbe mit Frieden und Freiheit verbindet.

An meine Geliebte

Ahmad Al Mohamad

Aleppo, Syrien

 

In der Stadt der Träume
Wo die Menschen nie schlafen
Traf ich eine außergewöhnliche Frau
In einer Nacht, der keine Tage folgten
Fragte ich sie
Wer bist du?
Sie antwortete
Ich bin eine Frau ohne Adresse

Ich trank den Wein und der Zucker
Zerschmolz in unserer Zuneigung
Ich fragte
Treffen wir uns nach diesem Gefühl wieder?
Sie schaute mich an und antwortete mit glänzenden Augen
Ja

Sie kam zum Treffen
In den Kletterclub
Ich sagte ihr
Ich liebe dich und ich will
Dass du meine Dame im Rayonspalast wirst
Sie sagte
Ich bin dein Engel aus dem Himmel
Aber keine Frau für die Öffentlichkeit
Sie schmunzelte
Ich habe einen Geliebten, aber ich bin frei wie eine Gazelle
Ich war für einen Moment geistesabwesend
Und alles zerfloss hinter den Wänden

Sie sagte
Macht nichts, das Leben ist, wie es ist
Ich ging erhobenen Hauptes
Denn ihr waren die Reiter noch nicht bekannt

 

Ahmad Al Mohamad (29)

ist 2015 nach Deutschland gekommen. Er tanzt und kocht gerne und schafft es neben seiner Arbeit als Assistenzzahnarzt außerdem, fast jeden Tag ins Fitnessstudio zu gehen. Im Moment baut er noch sein Deutsch aus und kämpft um die Anerkennung seines Zahnarztstudiums. Was Ahmad besonders nervt, sind Vorurteile. Abgesehen davon schätzt er die Freiheit in Deutschland.

Blick zurück

Hassan Zir

Idlib, Syrien

 

Ich stand vor einer Treppe,
2 oder 3 Treppenstufen.
Eine kleine Treppe,
daneben eine kleine Straße.

Später

Eine Schnecke,
sie hatte keinen Kopf
und keinen Hals,
sie hatte nur einen Rücken,
und lag auf dem Asphalt.

Ein letzter Blick zurück,
eine Frucht,
vielleicht?
Sie war blau.

Dahinter

Ein leeres Tor,
ein Platz,
ein Fußballplatz.
Ich hatte keinen Ball.

 

Hassan Zir (13)

wurde in Idlib in Syrien geboren und besucht momentan die Hector-Peterson-Schule in Kreuzberg. Er liebt das Schwimmen und testet gerne alle neuen Smartphonespiele.

Wir töten eure Träume

Hani Schebel

Idlib, Syrien

 

Er saß in jener Zeit
in einer dunklen, einsamen Zelle eines Gefängnisses.
Der Aufseher pflegte ihn zu fragen:
Denkst du, dass unsere Macht irgendwann nicht mehr besteht?
Dass sich eure Träume verwirklichen?
Ihr eure Zukunft irgendwann selbst gestalten könnt?

Dann lachte er:
Bloß ein Traum, bloß ein Traum!
Wir brennen eure Länder ab,
töten eure Träume!

Wisst ihr nicht,
wir sind die Götter der Zeit,
wenn ihr in Frieden leben wollt,
dann sucht euch eine neue Heimat!

 

Hani Schebel (21)

kommt aus Idlib in Syrien und ist ein Redaktionsmitglied des Was Geht?! Magazins und innerhalb seines Ressorts für Kurzfilme zuständig. Sein letzter Kurzfilm War of Colours richtete sich gegen den aktuell vorherrschenden Rassismus innerhalb der Gesellschaft. Zukünftig möchte sich Hani insbesondere mit Design beschäftigen.

Fremde Erde

Diana Hamido

Aleppo, Syrien

 

Die Sehnsucht verfolgt mich wie Schatten,
eine Erinnerungskette, die mich in die Vergangenheit zieht.
Ich würde gerne weinen.

Wenn ich an meinen Opa denke…

Ich höre seine Stimme.
Ich sehe ihn in seinem Feld sitzen,
wie er stolz die unendliche Anzahl an Blättern betrachtet.
So war er.

Nun liegt er in fremder Erde, in fremdem Land.
Ich glaube kaum, dass er sich vom Leben verabschiedete.
Ich höre seine trockene Stimme.

Ich habe unzählige schöne Felder gesehen,
doch das Feld meines Opas war das schönste.

Mein Opa,
ich weiß, dass du viel Liebe in diese Erde getragen hast,
viel Arbeit.
Ach, du wusstest nicht,
dass du sie würdest aufgeben müssen,
die Pflanzen, den Fluss.
Alles.

 

Diana Hamido (20)

kommt aus Aleppo in Syrien und besucht momentan in Berlin die 12. Klasse, um ihr Abitur zu erlangen. Sie zeichnet gerne und hat sich vorgenommen nach ihrem Schulabschluss Architektur zu studieren.

Enttäuschte Hoffnung

Safe Hajjar

Aleppo, Syrien

 

Warum werden wir enttäuscht,
wenn wir unseren Liebsten unsere Geheimnisse verraten?
Wir sind Menschen,
wir haben Emotionen und Gefühle.
Wenn wir jemanden lieben,
dann hängen wir an diesem Menschen.

Unsere Gefühle werden verletzt
und wir sind deprimiert.
Trotz allem versuchen wir immer wieder aufs Neue,
andere Menschen zu finden.

Ist es nicht so, dass jeder von uns
in Frieden und Glückseligkeit leben möchte?
Warum machen wir uns so viele Hoffnungen,
die sich dann doch nicht erfüllen lassen?

 

Safe Hajjar (23)

stammt aus Aleppo in Syrien. Als er volljährig wurde und in den Krieg hätte ziehen müssen, floh er aus seiner Heimat und kam 2015 nach Deutschland, auf der Suche nach einer besseren Zukunft. In Berlin holt er das Abitur nach und würde nebenher gerne professionell als Sänger auftreten. Für Safe bedeutet Heimat seine Familie in Syrien, die er sehr vermisst. Er fühlt sich immer noch oft fremd in Berlin und das Alleinsein macht ihm zu schaffen. Neben einer Ausbildung möchte er vor allem gute Freunde finden.

Du

Safe Hajjar

Aleppo, Syrien

 

Du kamst, um mich zu unterstützen.
Ich war erleichtert, ich fühlte deine Gutmütigkeit, als du mir halfst.
Du warst bei mir, als es mir schlecht ging
Und mir geht es noch immer schlecht.
Du hast mich gerufen, ich war da.
Du wolltest etwas haben, ich gab es dir.
Du warst ehrlich zu mir und ich glaubte dir.
Du fragtest mich, ich antwortete.
Wir haben einander gegenseitig vertraut.

Heute sind wir verfeindet, aber du bist nie mein Feind.
Du warst schlecht zu mir und ich sagte:
Gott vergebe dir!

 

Safe Hajjar (23)

stammt aus Aleppo in Syrien. Als er volljährig wurde und in den Krieg hätte ziehen müssen floh er aus seiner Heimat und kam 2015 nach Deutschland, auf der Suche nach einer besseren Zukunft. In Berlin holt er das Abitur nach und würde nebenher gerne professionell als Sänger auftreten. Für Safe bedeutet Heimat seine Familie in Syrien, die er sehr vermisst. Er fühlt sich immer noch oft fremd in Berlin und das Alleinsein macht ihm zu schaffen. Neben einer Ausbildung möchte er vor allem gute Freunde finden.

Geschichte eines Traums

Adham Al-Jwabra

Syrien

 

Träume kommen nicht von selbst in deinen Kopf
Jeder Traum hat eine Geschichte
Der Traum entsteht durch diese Geschichte
Träume verschwinden nicht einfach
Und wenn sie doch verschwinden
Dann waren es nur kleine Wünsche

Mein Vater hat sieben Jahre gebraucht
Um sich sein Haus zu bauen
Das war 2009
Nach acht Jahren musste er dieses Haus wieder verlassen
Unfreiwillig
Wegen des Krieges
Er hat nichts besessen
Außer diesem Haus

Er hat niemals gesagt
Ich vermisse mein Haus
Meine Bäume, meine Blumen, mein altes Leben
Aber ich wusste, dass er das alles vermisst
Er sagt immer
Ich bin froh, wenn ihr froh seid, liebe Kinder
Und gibt uns alles, was wir brauchen

Mein Traum ist entstanden aus dieser Geschichte
Mein eigenes Haus zu bauen
Hier in Deutschland
Wie mein Vater in Syrien
Und dass wir in diesem Haus
Alle zusammen unser Leben verbringen

 

Adham Aljwabra (18)

ist 2017 nach Deutschland gekommen. Er bezeichnet sich als eine Person mit vielen Träumen – er möchte gerne Zahnmedizin studieren und viel verreisen. Adham zeichnet und fotografiert gerne, liebt Filme und Fußball. In Berlin fehlt ihm ein Freund, der für ihn wie ein Bruder ist.

Natur

Mahmoud Jamou

Aleppo, Syrien

 

Schau dir die Natur an,
dann verstehst du alles.

Nur die Schriftsteller verstehen es!
Wir bekriegen nun die Natur.
Selbst, wenn wir sie besiegen,
verlieren wir.

 

Mahmoud Jamou (17)

Mahmoud hat von 2013 bis 2016 in Istanbul gelebt und dort als Schneider gearbeitet. Er macht gerne Sport, wobei er besonders gerne schwimmen geht. Was er später mal werden möchte, weiß er noch nicht. Aktuell besucht er am OSZ Handel 1 die IBA Klasse.

Zufluchtsort

Janat Alo

Afrin, Syrien

 

Du Meer:
Bin ich ein Teil von dir?
Ich komme ratlos zu dir, du mein Zufluchtsort,
beklage die Entfremdung von der Welt.

Du Meer:
Das Schicksal schlägt mich!
Wenn ich mich auf seinem weichen Sand hinlege,
sehe ich keine Sterne!

Du Liebe:
Die Liebe gleicht einem Gummiband,
dessen beide Enden wir halten und ziehen.
Wenn einer es loslässt,
tut es dem anderen weh.

 

Janat (17)

kommt aus Syrien. In ihrer Freizeit schwimmt sie gerne und spielt Gitarre. Sie möchte später Krankenschwester werden.

Versprechen

Ghaith Al Kazzaz

Damaskus, Syrien

 

In meinem Namen und im Namen aller,
wir danken dem deutschen Staat
und den Bürgern.
Wir sind in Deutschland als Bürger,
Kriegsflüchtlinge,
weil unser Land kaputt ist.
Aber Deutschland hat uns geholfen
und gute Chancen gegeben.
Und wir versprechen,
dass wir das Beste versuchen,
das wir können.

 

Ghaith Al Kazzaz (18)

kam vor einem halben Jahr nach Deutschland. Er hat eine Leidenschaft für Autos. Sie sind sein Hobby und sein Berufsziel, denn er möchte Kfz-Mechaniker werden.

Schwarz-Weiß

Barakat Alahmad

Hasaka, Syrien

 

Einige von uns sind wie das Meer,
und andere sind wie ein weißes Papier.
Wenn einige von uns nicht schwarz wären,
dann wäre die weiße Farbe stumm.
Und wären einige von uns nicht weiß,
dann wäre man schwarz-blind.

 

Barakat Alahmad (19)

ist seit knapp 2 Jahren in Deutschland. Er schaut gerne Filme oder liest Bücher. Später möchte er einmal Automechaniker werden.

Brücke

Aya Alahmad

Damaskus, Syrien

 

Die Zeit vergeht.
Damaskus bleibt für mich wie eine Brücke
zwischen meiner Seele und meinem Körper.
Gott bewahre dich,
Damaskus.
Du hast einen besonderen Platz in meinem Herzen
und in meiner Erinnerung,
trotz der Ferne und der Abwesenheit.

 

Aya Alahmad (18)

kam vor zwei Jahren nach Deutschland. In ihrer Freizeit hört sie gerne Musik und möchte später gerne einmal im Bereich der Mode arbeiten. Sie schreibt am liebsten über Damaskus und fotografiert gerne Städte.

Der Grund ihres Schweigens

Batol Almawed

Damaskus, Syrien

 

Ein Mädchen flog mit dem Wind wie ein fliegendes Blatt.
Wer sie sah, dachte, sie fliegt, weil sie das möchte.
Nie verließ ihr Lächeln ihr Gesicht.
Damit ihr Geheimnis nicht sichtbar werden konnte.

In ihrem Innern war sie tot.
Dunkel.
Dunkelheit an jedem Ort in ihr.
Ich konnte es nicht sehen.
Ich blickte sie an, während sie flog.

Ihr Schweigen überraschte mich.
Der Grund ihres Schweigens waren ihre Vögel.
Denn sie wollte nicht, dass sie traurig werden.
»Warum spricht sie nicht? Ich hoffe, sie wird sprechen.«
Dann werden alle sie ehren.

 

Batol Almawed (16)

Batol ist in der syrischen Hauptstadt geboren, wuchs jedoch in Palästina auf. Seit dreieinhalb Jahren ist sie in Deutschland und geht in die 10. Klasse des Georg-Herwegh-Gymnasiums.

Sehnsucht

Youmna Hamdan

Damaskus, Syrien

 

Als ich in Deutschland eingetroffen bin, hatte ich viele positive Gefühle.
Zunächst einmal habe ich mich sehr gefreut, meine Schwester zu treffen.
Bald schlichen sich die negativen Gefühle ein: Langeweile, Einsamkeit.
Nahmen Einfluss auf mein gewohntes Leben.
Ich begegnete vielen Schwierigkeiten, weil ich Kopftuch trug.
Als meine Sprachschule begann, war mir alles neu.

Ich hatte Sehnsucht und Heimweh.
Der Krieg hatte meine Wohnung zerstört.
Ich erinnere mich an jede Kleinigkeit, die sich nach dem Krieg ereignete.
Von allen Ereignissen aus der Vergangenheit
war der Tod aller meiner sechs Onkel am bedrückendsten.
Traurigkeit fließt aus meinem Herzen.

In Deutschland habe ich keine Freunde außer meiner Familie.
Das aber ist etwas langweilig.
Ich mag ein Gespräch mit Freunden führen.
Und ich würde gerne meine Traurigkeit und Freude mit Freunden teilen.

Ich wäre eine fröhliche Person, wenn ich meinen Traum verwirklichen könnte.
Ich wünschte, der Krieg in Syrien würde zu Ende gehen.
Dann möchte ich zurück und dort ewig leben.

 

Youmna Hamdan (19)

kommt aus Damaskus, Syrien und kam 2017 durch eine Familienzusammenführung nach Deutschland. Nach ihrem Abschluss am OSZ Palmnicken möchte sie eine Ausbildung als Zahntechnikerin anfangen.

Tränen aus Dunkelheit

Simon Darwish

Damaskus, Syrien

 

Ich höre Musik.
Und wenn ich Musik höre, dann erinnere ich mich an dich.
Mutter!
Und ich schaue in ihr Gesicht, in ihre Hände, und weine.
Und wenn ich weine, dann weine ich Dunkelheit.
Ich möchte allein sein.
Fühle mich wie ein Kind, brauche nur die Mutter.
Ich möchte sie anrufen und sie ansehen und weinen.
Und an diesen Tagen finde ich keinen, der bei mir sein will.

 

Simon Darwish (15)

ist vor einem Jahr aus Syrien nach Deutschland geflohen. Sein Vater lebt bereits seit vier Jahren hier, die restliche Familie ist in Damaskus geblieben. Simon liebt es Gedichte zu schreiben; dadurch möchte er außerdem sein Deutsch verbessern. Er möchte sein Abitur machen und träumt davon, Schauspieler zu werden.

Herbst in der Heimat

Simon Darwish

Damaskus, Syrien

 

Der Herbst in der Heimat ist die schönste Zeit des ganzen Jahres
Wenn der Herbst kommt, erblüht mein Herz wie eine Blume
Ich gehe zwischen den Bäumen spazieren und genieße die Zärtlichkeit der Natur
Seine schönen Farben sind Balsam für meine Wunden

 

Simon Darwish (15)

ist vor einem Jahr aus Syrien nach Deutschland geflohen. Sein Vater lebt bereits seit vier Jahren hier, die restliche Familie ist in Damaskus geblieben. Simon liebt es Gedichte zu schreiben; dadurch möchte er außerdem sein Deutsch verbessern. Er möchte sein Abitur machen und träumt davon, Schauspieler zu werden.

Meine Heimat ist mein Paradies

Simon Darwish

Damaskus, Syrien

 

Meine Heimat ist mein Paradies.
Meine Heimat ist die Heimat der Schönheit.
Meine Heimat, wo ich zu meiner Schule gegangen bin, wo ich mich geliebt und gut fühlte.
Meine Heimat, in der ich gerne mit meinen Freunden zusammen studierte.
Mein Zuhause in Damaskus, wo ich warmes, gutes Essen in den gemütlichen Restaurants in der Nähe der historischen Steinmauern der Altstadt genossen habe.
Meine Heimat ist das Ende der Straße mit „Bagdash“, wo ich leckeres Eis gegessen habe.
Meine Heimat sind die guten Bücher auf der jährlichen Buchmesse in Damaskus.
Meine Heimat ist meine geliebte Mutter, die in Damaskus noch auf mich wartet.
Meine Mutter, deren Duft und Zärtlichkeiten ich so sehr vermisse.
Ich habe mein Heimatland und alle Dinge, die ich liebte, verloren.
Ich bin von meiner Mutter weggezogen.
Nur wegen des Krieges.

 

Simon Darwish (15)

ist vor einem Jahr aus Syrien nach Deutschland geflohen. Sein Vater lebt bereits seit vier Jahren hier, die restliche Familie ist in Damaskus geblieben. Simon liebt es Gedichte zu schreiben, dadurch möchte er außerdem sein Deutsch verbessern. Er möchte sein Abitur machen und träumt davon, Schauspieler zu werden.

Identität

Zanav Suliman

Damaskus, Syrien

 

Manche stecken sie in die Ecke der
Religion, der Ethnie oder der Nation.
Sie fragen mich seit zwei Jahren ständig
nach meiner Nationalität,
meiner Ethnie
und meiner Religion.
Die Antworten sind immer die gleichen,
und die Blicke, die ich ernte, sind auch die gleichen.
Manche zeigen Neugier
und wollen mehr Einzelheiten erfahren.
Details, die nichts ändern.
Ich bin dieser Wiederholungen überdrüssig.
Manche ziehen es vor, zu schweigen,
aber ihre Augen verraten sie.

Die Sache ist viel leichter.
Ich glaube an meine Zugehörigkeit zu mir.
Warum fragen wir uns nicht gegenseitig
bei der ersten Begegnung, was wir lieben,
was wir tun wollen, was wir werden wollen?
Keiner fragt mich bei der ersten Begegnung:
Was hast du erlebt, wie siehst du die Welt,
wie sieht die Welt dich?

Ich bin, was ich liebe.
Ich bin, was ich erlebe.
Ich bin, was ich nicht erlebe.
Ich bin, was ich von der Zukunft erwarte.
Ich bin meine Träume und meine Enttäuschungen.
Ich bestehe aus allen Freuden und Schmerzen, die zu mir gehören.
Ich fühle auf eine Art und Weise, die nur mir gehört.
Ich bin ein selbständiges Wesen.
Und mir reicht, dass ich an mich allein glaube.
An meine Identität.

 

Zanav Suliman (20)

Die aus Syrien stammende Zanav geht eigene Wege und wehrt sich gegen Zuordnungen jedweder Art. Ihre Texte zeugen davon, wie das »Ich« eine Balance zwischen Innen- und Außenwelt sucht – ein schwieriges Unterfangen.

Dienstag

Bahaa Ghazalah Al Haar

Hama, Syrien

 

Ja, richtig, gestern war Montag, und was ist heute?
Heute ist auch Montag.

Die Wissenschaftler behaupten, die Zeit sei das Maß der Veränderung.
Wenn es keine Veränderung gibt, bedeutet das, dass es keine Zeit gibt.
Und das bedeutet auch, dass gestern Montag war, und dass heute Montag ist, und dass morgen Montag sein wird.

Was?! Und wann kommt dann der Dienstag?
Ja, eine wichtige Frage.

Der Dienstag kommt,
wenn die Unterdrückung in diesem Leben abnimmt.
Der Dienstag kommt,
wenn die Gerechtigkeit in dieser Welt zunimmt,
wenn die Menschen einander lieben,
wenn die Menschen einander respektieren,
wenn nicht Millionen von Kindern flüchten müssen vor den Gräueln des Krieges,
wenn die Menschen nicht vor Hunger sterben,
wenn die Menschheit einen Schritt nach vorn macht,
wenn man nicht aus seinem Land fliehen muss,
wenn ein Mann sich nicht selbst verbrennt, weil er für seine Kinder kein Essen kaufen kann.

Dann kommt der Dienstag.

 

Bahaa Ghazalah Al Shaar (30)

der in seiner Heimat erste Theatererfahrungen gesammelt hatte, bekam kurze Zeit nach seiner Ankunft in Deutschland 2015 die Chance, im Theater Willy Praml mitzuspielen und setzte sich intensiv mit dieser ganz neuen Theatererfahrung auseinander. Seine Sprach- und seine persönliche Entwicklung wurden dadurch zweifellos geprägt. Bahaa lebt in Frankfurt am Main.

Frage nach der Herkunft

Amar Alhaw

Damaskus, Syrien

 

Einmal war ich mit Freunden am Main.
Wir waren gut gelaunt, weil wir zusammen waren.
Als wir dasaßen, haben wir spontan
einige Deutsche kennengelernt.
Jeder sprach über seine Herkunft,
und ich wurde natürlich auch danach gefragt
(wenn man mich ansah, war wohl klar,
dass ich kein Deutscher bin).
Ich erzählte ihnen, dass ich aus Syrien bin.

Da fingen sie an, viele Fragen
über die Situation in Syrien zu stellen,
und die am Krieg beteiligten Gruppen
(sie hatten im Schulunterricht
über den syrischen Krieg gesprochen).
Ich hatte aber in diesem Moment
keine Lust über ein so sensibles
Thema zu sprechen.
Ich wollte nur mit meinen
Freunden eine gute Zeit haben.

Aber die jungen Leute stellten weitere
Fragen und zeigten Interesse.
Ich versuchte, ihnen indirekt zu sagen,
dass ich jetzt nicht über den Krieg
sprechen wollte, denn ich wollte
mir die Laune nicht verderben.

Gleichzeitig wollte ich nicht,
dass sie in mir einen
unhöflichen Menschen sehen.

 

Amar Alhaw (20)

kam 2015 mit 16 Jahren aus Griechenland in Deutschland an. Die Mutter und die zwei Schwestern durften ihn zunächst nicht begleiten. Darunter litt er sehr. Nach einem halben Jahr durften die beiden unverhofft nach Frankfurt nachkommen. Nach einem Jahr sprach Amar akzentfrei Deutsch, als wäre er hier geboren. Das halbe Jahr allein in Frankfurt hat den Grundstein für seine Selbständigkeit gelegt. Im Sommer 2019 macht er sein Fachabitur.

Bitte nicht näher kommen

Alaa Al Najjar

Damaskus, Syrien

 

Ein weißes Stück Papier
Und ein Stift in meiner Hand
Und die Zeit schreitet voran.

Ich weiß nicht, wie ich den
Hochspannungskasten in mir öffnen soll,
An dem ich seit Längerem einen Zettel angebracht habe:
Bitte nicht näher kommen.

Wenn ich den Kasten öffne,
Werde ich meinen Halt,
Mein Prestige und meine Kraft verlieren
Und vor Schwäche zusammenbrechen.

Ein weißes Stück Papier
Und ein Stift in meiner Hand
Und die Zeit schreitet voran.

Der Lärm in meinem Kopf zerreißt mich,
Lässt mich gespalten und verloren zurück.
Ich lebe gleichzeitig in zwei Welten.
Ich denke, lese, schreibe, verstehe, trinke,
Esse, liebe, hasse, zürne, in beiden Welten.
Ich habe zwei Persönlichkeiten.
Ich bin ein einziger Weg für ein einziges Ziel.

Ein weißes Stück Papier
Und ein Stift in meiner Hand
Und die Zeit schreitet voran.

Vielleicht habe ich Angst, meiner Schwäche zu begegnen.
Aber ich glaube seit Langem und immer noch,
Dass die Zeit noch nicht reif ist für meinen Zusammenbruch.
Vielleicht wird mein Zusammenbruch heftig
Und schillernd und zerstörerisch sein.
Und ich fürchte, die Menschen um mich herum zu zerstören.
Vielleicht, vielleicht, vielleicht…

 

Alaa Al Najjar (26)

ist geboren und aufgewachsen in Damaskus, in der Familie Lulu genannt (die Perle). Zu Beginn des Workshops war sie skeptisch, was ihr Talent zum Schreiben betrifft. Dann aber fanden sich in ihren Texten wunderschöne »Perlen« versteckt. Sie absolviert momentan eine Ausbildung im Hessischen Rundfunk, wo sie sicher auch für einige Überraschungen sorgen wird.

Was bin ich?

Abdo Ali

Aleppo, Syrien

 

Was bin ich eigentlich?
Kurde? Araber? Türke, Afghane, Pakistani?
Was bin ich überhaupt?

Keine Ahnung.
Das kommt auf die Situation an.
Ob ich gerade mit einem Araber zusammen bin,
einem Kurden oder einem Türken.
Mit den Arabern bin ich ein Araber:
»Wie Du, ich komme aus Syrien,
das heißt, dass wir Brüder sind«.
Der sagt: »Ich dachte, Du bist Kurde oder so.«
Ich sage zu ihm: »Nein Bruder, ich bin Araber.«
Denn der soll sich ja gut mit mir fühlen.

Mein erster Tag in der Schule. Vorstellung.
»Ich heiße Abdo Ali. Ich bin ein Kurde aus Syrien.«
Dabei erfahre ich, dass meine Klasse multikulti ist.
Aus allen Ländern haben wir hier Leute.
Juchhu! Ich bin nicht der einzige Ausländer hier.

 

Abdo Ali (20)

Als Kurde, und damit Angehöriger einer Minderheit, hat er in Syrien auch unangenehme Erfahrungen gemacht. Doch seine Texte zeigen, wie »sportlich« er mit dem Thema »Ethnische Differenzen« umgeht. Sein Humor spricht Bände.

Du, Nacht

Sameh Dib

Galil, Syrien

 

Nun verändert sich die Natur.
Herbst gefolgt von Winter.
Die Stille bringt sich um.
Alles ist vergänglich.

Das Erdbeben schreit die Vögel in Galil an.
Du, liebes Galil: Du lebst weiter in meinem Herzen,
ob sie es wollen, oder nicht.
Du, Nacht: Ich fühle deinen Schmerz,
ich bin bei Dir.
Du, Nacht: Deine traurigen Lieder langweilen mich.

Nächtliche Sterne: Seid nicht traurig.
Die Paradiesvögel singen Euch dunkle Lieder,
ach, wenn ich nur singen könnte wie Ihr.

 

Sameh Dib (17)

ist syrischer Palästinenser. In seinem Pass steht, er sei staatenlos. Heimat ist für Sameh der Geruch von syrischem Basilikum. 2016 musste er fliehen. In Leipzig traf er seine Schwester wieder und heute leben beide gemeinsam in Berlin. Dort geht Sameh Dib auf die Emil-Fischer-Schule in Wittenau.

Brieftaube

Mohamad Narbi

Damaskus, Syrien

 

Nun fliegen meine Gedichte zu dir,
wie eine Brieftaube,
die Liebe, Sehnsucht und Herzenswünsche
des Geliebten bringt.

Weißt du, über wie viele Kontinente, Meere,
sie geflogen ist,
um dich zu sehen?

Fragst du noch aus der Ferne nach meinem Wohlergehen,
oder nicht?
Weißt du, wie zerfallen mein Herz und meine Rippen sind,
in deiner Abwesenheit?
Du Vogel: Fliege weiter,
bringe ihr die Worte meiner Liebe und Sehnsucht,
die Worte, die mein Herz überfüllen.

 

Mohamad Narbi (25)

wäre, wenn er ein Tier sein könnte, eine Brieftaube. Aus Damaskus kam er nach Berlin, wo er gerade die Emil-Fischer-Schule besucht. In seiner Freizeit schreibt er gerne. Er möchte Schauspieler werden.

Damaskus

Rojin Namer 

Kamischli, Syrien

 

Wie soll ich Damaskus beschreiben?
Wie soll ich das Paradies beschreiben, denjenigen, die es nicht kennen?
Das Herz von Syrien.
Die Seele von mir.
Die Hoffnung von anderen.
Das ist Damaskus.

Wo es Kriege gibt.
Wo Bomben fallen jeden Tag.
Wo Leute Angst haben.
Das ist Damaskus.

Wovon ich jeden Tag träume.
Wo ich meine Wurzeln habe.
Das ist Damaskus.

Wo ich den Schuldigen frage, wer schuld ist daran.
Wo keine Medizin das Blut stoppt.
Das ist Damaskus.

Da, wo überall Touristen hinkamen.
Da, wo die Straßen zerstört sind.
Da, wo jetzt Blut fließt.
Mein Damaskus.

Ich vermisse deine Straßen.
Ich vermisse deine Lichter.
Ich vermisse deine Musik,
die wir jeden Morgen hören.
Ich vermisse deine Nächte,
die warm und voller Leben sind.
Das ist Damaskus.

Die Stadt voller Liebe.
Eine Stadt voller Blut.
Das Paradies
wurde zur Schlacht.

Wo den Leuten die Tränen laufen vor Enttäuschung.
Vor Angst.
Und nicht vor Freude.
Das ist Damaskus.

Mein Damaskus.
Ich will dich zurück.
Zurück zu mir.

 

 

The Poetry Project, Foto © Rottkay

Rojin Namer (*2002)

floh vor drei Jahren allein aus Damaskus, sie stammt ursprünglich aus dem kurdischen Kamischli. Das Mädchen kam als unbegleitete Minderjährige nach Berlin, wo sie die Friedrich Ebert-Oberschule besuchte. Ihre Eltern und Geschwister leben als Flüchtlinge im Irak. Rojin nimmt erfolgreich an Debattier-Wettbewerben teil, sie liebt das Fotografieren und möchte Philosophie studieren. 2019 wurde sie dem Theo in der Kategorie Sprachräume ausgezeichnet. Foto © Rottkay