Erstes Land

Ahmed Tamo

Amude, Syrien

 

In Amude bin ich geboren
Dort habe ich Fußball gespielt
Jeden Tag

Doch mein erstes Land
Das erste Land
In dem ich gelebt habe
War meine Mutter

In Deutschland möchte ich
Eine deutsche Frau heiraten
Ich möchte die Chance haben
Meine eigenen Kinder aufwachsen zu sehen

 

Ahmed Tamo (19)

kam aus Syrien nach Berlin. Der Kurde lebt im Container-Dorf auf dem Tempelhofer Feld, er möchte nach der Schule eine Ausbildung zum Mechaniker machen.

Steckt die arabischen Schwerter ein

Ali Alzaeem

Idlib, Syrien

 

Oh Oktober,
Ich erzähle von Laila, wie sie die Freiheit geküsst hat.
Sieben Himmel beschäftigen sich mit meinen Gedichten.

Oh Sonne von Damaskus,
Schickt der Tigris etwa noch immer unsere Wünsche Richtung Bagdad?
Auf den Pferden der Araber
Zu den Türmen der Hamdaniden
Unter der Schirmherrschaft der Umayya.
Unsere Kamele tragen die Märtyrer zu den Ursprüngen der Freiheit.

Seit neunzehn Jahren, oh meine Mutter,
Spielt Laila die Instrumente der Abende
Und die Straßen sind von den Wehklagen der Mütter erfüllt,
Über die Bilder ihrer Kinder.

Seit neunzehn Jahren, oh Vater,
Bin ich beschäftigt mit der Tilgung
Der Geschichte meiner Heimat
Von den Illusionen der Könige.

Seit neunzehn Jahren, oh Bruder,
Lüge ich mit der Behauptung,
Ich hätte die morgendliche Begrüßung
Der Fahnen unseres Landes gebilligt.

Lasst die arabischen Schwerter los,
Denn Laila hat einen Westlichen geheiratet.
Sie erzählt nicht mehr die Geschichte des Mondes,
Ist nicht mehr die Reinheit der Nächte.
Steckt die arabischen Schwerter wieder ein,
Bis Laila sich von dem Fremden scheidet
Und zurück zu ihren Wurzeln findet.

 

Ali Alzaeem (19)

stammt aus einem Dorf in Idlib. Er hatte eine schöne Kindheit als Schäfer, Schüler, Fußballspieler. Im Sommer 2015 kam er nach Deutschland, spielt gern Theater und schreibt Gedichte. Er hat großes Interesse an Politik und Wirtschaft, die ihn sowohl ärgern als auch süchtig machen. Er geht auf die Elinor-Ostrom-Schule.

Porträt in Berliner Nächten

Ali Alzaeem

Idlib, Syrien

 

Die Augen von Berlin kennen meine Heimat.
Doch begreift die Stadt mein Herz?
Begreift die Stadt, dass ich noch ein Kind bin?
Dass ich noch keine einzige Zeile für meine Geliebte geschrieben habe?
Soll ich den Straßen hier erzählen, dass ich unruhig werde durch ihren Lärm?
Aber wie?
Berlin ist schön, so wie es ist.

Ich bin der Verrückte, der Zornige, der Revolutionär.
Warum besitze ich keine heilige Olive und keinen Mond,
Keine Heimat und kein Schicksal?
Warum zerstreut die Stadt die restlichen Splitter meines Körpers
Zwischen den Cafés und Büchern und Frauen?
Warum hängt sie mich nicht als Porträt in ihre Nächte?
Zumindest für ein paar Stunden,
Oder auch nur für ein paar Sekunden.

Erkennt Berlin meine Liebe?
Und wir treffen uns,
Wie ein Treffen der Sonne mit der Lady des Mondes.
Bin ich ein Fremder?
Liebestrunken,
Zwischen der Verrücktheit ihrer Gedanken.
Erkennt sie mich, oder ist sie still?
Hebt sie sich von mir ab?
Wie ein Laubblatt im Herbst,
Stolpere ich auf dem Weg zu ihr.

 

Ali Alzaeem (19)

stammt aus einem Dorf in Idlib. Er hatte eine schöne Kindheit als Schäfer, Schüler, Fußballspieler. Im Sommer 2015 kam er nach Deutschland, spielt gern Theater und schreibt Gedichte. Er hat großes Interesse an Politik und Wirtschaft, die ihn sowohl ärgern als auch süchtig machen. Er geht auf die Elinor-Ostrom-Schule.

Erwähnt mich nicht

Ali Alzaeem

Idlib, Syrien

 

Notiert nicht
Ich sei ein Flüchtling
Ich kam zu euch mit einer Rettungsweste
Ohne Koffer
Erwähnt mich nicht auf den Straßen von Anatolien
Und nicht in den griechischen Häusern
Gebt nicht mit meiner Registrierung an
Ich sei euer bester Buchstabe
Sprecht mich nicht an mit der Sprache der Prinzen
Denn ich bin ein Schäfer, der die Täler kennt
Und mich fürchten die Wölfe
Gebt mir keinen Reisepass
Der den Flughafen in Verlegenheit bringt
Und keinen Geografieunterricht
Der uns beibringt, dass das Erdöl bei uns in Strömen fließt
Schreibt meinen Namen nicht in Zeitungen
Und nicht an die Türen der Veranstaltungen
Denn was wäre das für eine Angeberei
Seht mein Heimatland nicht mit den Augen einer mitleidigen Journalistin
Oder in der einfühlsamen Umarmung einer vorbeigehenden Frau
Lest nicht mein Gedicht, lest meine Geschichte
Kommentiert nicht
Verzieht euch zu euren Gläsern
Denn ich habe eine lange Nacht vor mir
In Gedanken an die Olivenzeit

 

Ali Alzaeem (19)

stammt aus einem Dorf in Idlib. Er hatte eine schöne Kindheit als Schäfer, Schüler, Fußballspieler. Im Sommer 2015 kam er nach Deutschland, spielt gern Theater und schreibt Gedichte. Er hat großes Interesse an Politik und Wirtschaft, die ihn sowohl ärgern als auch süchtig machen. Er geht auf die Elinor-Ostrom-Schule.

Die grüne Stadt

Ali Alzaeem

Idlib, Syrien

 

Eine Runde vor der Ewigkeit

Die grüne Stadt
Mit den Ästen der Olivenbäume
Hat meinen Weg zur Liebe und zum ersten Haus gezeichnet
Wo ich mein erstes Lied gehört habe
Hoffend, in ihm mein letztes zu hören

Erste Runde

Die neugeborenen Gedichte
Der erste Kirschenbaum, den ich liebte
Die letzte Sonne, die ich verabschiedete
Bis zum Sonnenaufgang
Wir treffen uns wieder am östlichen Ufer

Zweite Runde

Der Kampf der Vergangenheit mit der Gegenwart
Die Augen meiner Mutter
Und die Hände des Vaters
Sind vom Alter gezeichnet

Dritte Runde

Mein Kopf ist voller Blut und Kugeln
Alle Scheiben sind zerbrochen

Vierte Runde

Mein Verwandter versucht mich zu töten
Auch wenn er eine Million Mal zustechen muss
Auch wenn er 300 000 Bomben benötigt
Er bereitet 26 Stricke vor
Und gibt nicht auf

Fünfte Runde

Mein anderer Verwandter
Ein Revolutionär, der keine Kompromisse eingeht
Ein Häftling, der Widerstand leistet
Auch als Toter kämpft er weiter

Sechste Runde

Die Wellen und die Sehnsucht
umarmen meinen Körper
Die Salzreste bedecken mein Gesicht
Hier gibt es keine Worte und keine Heimat
Hier gibt es ein einziges Stück Holz
Das meine Träume trägt

Siebte Runde

Die Tauben verhungern hier
Und sind auf der Brücke verloren
Wie ich
Der Verlorene
Das Mädchen, begraben unter der Erde
Lächelt noch immer

Letzte Runde

Ein neuer Morgen
Die Stimmen der Opfer begleiten mich
Am östlichen Ufer warte ich auf die Sonne
Sie kommt nicht
Ich werde traurig
Und töte mich

Runde nach der Ewigkeit

Die grüne Stadt verreist, Richtung Paradies
Um mich zu besuchen
Nach unserem doofen Krieg

 

Ali Alzaeem (19)

stammt aus einem Dorf in Idlib. Er hatte eine schöne Kindheit als Schäfer, Schüler, Fußballspieler. Im Sommer 2015 kam er nach Deutschland, spielt gern Theater und schreibt Gedichte. Er hat großes Interesse an Politik und Wirtschaft, die ihn sowohl ärgern als auch süchtig machen. Er geht auf die Elinor-Ostrom-Schule.

Ich bin

Alaa Aldin Khalifeh

Damaskus, Syrien

 

Ich bin der Reisende in den Gängen von Heute
Und in den Schlupflöchern von Morgen.
Ich suche die Seelenruhe in meinem Heimathafen
Und eine kleine Bootstür,
In die ich die Geschichten
Der Abwesenden schnitzen kann.

Ich bin du.
In deinem Lautsein,
In deinem Verrücktsein
Und in deinen Erinnerungen.
Ich bin die Nacht,
Bin die Weisheit in deinen Gedichten
Und die Hoffnung,
Die du in jedem Sonnenaufgang suchst.
Ich bin halb Mensch (und der Rest ist schon Asche),
Ich bin tausend Jahre Wehmut
Und ein Lächeln am Ende eines Weges,
Obwohl ich noch nie am Ziel war.

Der, den du liest,
Ist bloß ein verlorenes Wort in einem Gedicht.
Ich suche mein Selbst
In jedem an mir vorbeiziehenden Traum
Und je mehr ich suche, desto weniger finde ich.
Ich bin wie du.
Ich bin genauso wie du.
Vielleicht bin ich du.
Vielleicht bist du ich.

Ich bin Gott im Herzen der Mutter eines Märtyrers.
Und eine Geige, die mit ihrer Stimme
Der Oud die Schwermut nimmt.
Ich bin der Winter und der Regen
In den alten Straßen von Damaskus.
Ich bin die Hölle und das Paradies.
So, wie du mich willst, kann ich sein:
Ich bin das Leben.

 

Alaa Aldin Khalifeh (26)

Ist seit 6 Monaten in Berlin, ein Staatenloser, der seine Heimat in Berlin gefunden hat.
Manchmal Medizinstudent, manchmal Lagerhelfer, im Herzen immer Poet.

Immer noch da

Alaa Aldin Khalifeh

Damaskus, Syrien

 

Wir warten auf morgen.
Was ist morgen?
Und wer sind wir morgen?

Ich ließ meinen Traum
Am Straßenrand sitzend zurück.
Ich sagte zum Abschied:
Warte auf mich, ich komme bald zurück.

Dann, am Morgen, küsste ich die finstre Stirn meiner Mutter,
Um ihr Auf Wiedersehn zu sagen:
Ich werde mich nicht verspäten, Mutter.
Am Abend bin ich wieder da.

Und meinem Freund, dem Märtyrer,
Hinterließ ich eine Nachricht auf knittrigem Papier.
Vor Jahren schon war er gefallen,
Und doch lud ich ihn zu einem baldigen Abendessen,
Das niemals mehr stattfinden wird.

So beobachtet meine Geliebte nun weiterhin
Das Wandern der Sterne durch ihr schmales Zimmerfenster
Und wartet auf ein Lächeln ihres Telefons,
Wartet auf das Läuten, das sie hoffen lässt:
Ich bin hier.
Wir sehen uns bald.

Ich aber bin geblieben, ich bin immer noch da.
Kein Stück weit habe ich mich bewegt.
Ich bin hier, in Gedanken an dich, am helllichten Tag.

 

Alaa Aldin Khalifeh (26)

Ist seit 6 Monaten in Berlin, ein Staatenloser, der seine Heimat in Berlin gefunden hat.
Manchmal Medizinstudent, manchmal Lagerhelfer, im Herzen immer Poet.

Zeit

Uday Raja

Yarmouk, Syrien

 

Ich bin Palästinenser aus Syrien
Ich war gezwungen, meine geliebte Heimat zu verlassen
Ich bin die Person, die Länder, Meer und Berge besiegte
Um unsere Zukunft zu sichern
Um den Tod zurückzulassen
Um den Krieg zu vergessen

Sie möchten, dass ich mich integriere?
Aber ich musste monatelang im Camp leben
Vor einem Jahr dachte ich: Endlich bin ich hier, um meiner Familie zu helfen
Sie leiden unter dem Krieg
Ich dachte, dass ich sie unterstützen könnte
Dass ich ihnen und meinen Kindern eine Zukunft sichern könnte
Aber das dauert
Und bis ich sie endlich wiedersehen kann!
Weiß nicht, wie lange ich noch warten muss
Nur unter der Bedingung,
Dass sie am Leben bleiben
Ich übernehme die Verantwortung

Wenn Menschen angegriffen werden, wie soll man das verkraften?
Es ist wahr, nicht alle Syrer und Palästinenser sind gute Menschen
Ich weiß ganz genau, dass es schlechte Menschen gibt
Aber ich weiß auch: Es ist in jedem Land so, nicht nur bei uns
Ich suche keine Ausrede
Aber ich brauche Zeit

 

Uday Raja (18)

kam im Alter von 15 Jahren allein nach Deutschland. Zusammen mit seinem älteren Bruder lebt er heute in Berlin. Uday fühlt sich verantwortlich für das Schicksal seiner Familie im syrischen Krieg, er möchte seine Verwandten unterstützen. Er lässt sich zurzeit zum Erzieher ausbilden und macht gerne Sport.

Ein Blick Zurück

Raghdad Alrouz

Damaskus, Syrien

 

Ein Blick zurück, zurück in die Zeit
Wie war mein Leben?
Wie war meine Kindheit?
Ich sehe alles wie im Traum
Bin nicht sicher, was wahr ist
Ich fühle es jetzt!
Aber kaum
Ich will wissen, wie meine Welt war
Meine Freunde und Familie
Ich war zu klein zu verstehen
Ich bin jetzt älter und kann vieles sehen
Die Wahrheit ist kalt, ich muss überleben

Ein Blick zurück, zurück in die Zeit
Er ist gefährlich
Und doch liebe ich meine Vergangenheit
Wer bin ich, wer werde ich sein
So viele Fragen
Die Antwort fällt mir nicht ein

Ein Blick zurück, zurück in die Zeit
Ich war ein gutes Mädchen
Ich dachte, das Leben sei wie ein Märchen
Voller Unschuld lief ich durch die Welt
Ich wusste nicht um ihre Grausamkeit
Ich musste meine Gefühle aufgeben
Bis zu diesem Zeitpunkt
Ich habe viel gelernt
Ein Blick zurück, zurück in die Zukunft

 

Raghdad Alrouz (18)

kam zusammen mit ihrer Familie Anfang 2016 nach Deutschland. Heute lebt sie in Berlin und macht gerade ihr Abitur. Danach möchte Raghdad entweder Medizin oder Kunst studieren. In ihrer Freizeit malt sie, am liebsten Portraits oder Gegenstände aus der Natur. Wäre sie Politikerin, würde Raghdad sich für Feminismus, Veganismus und mehr Gerechtigkeit in der Welt einsetzen.

Wer da reingeht, ist verloren

Anonym

Hama, Syrien

 

Ich entschied mich freiwillig,
nach Deutschland zu gehen.
Es gab mehrere Gründe, die mich bewegten,
aus der Heimat wegzugehen.
Die Heimat, die Welt, in der ich meine Kindheit,
meine Jugend mit all ihren schlechten und guten Seiten verbrachte.

Ich entschied mich, nachdem ich zum sechsten Mal
aus der Verhaftung freikam.
Aus dem Gefängnis, das den Ruf hatte:
„Wer da reingeht, ist verloren,
wer da rauskommt, wird neugeboren“.

Meine Befreiung von der Wehrpflicht war vorbei,
Soldaten waren überall,
und meine Aktivitäten beschränkten sich darauf,
in den benachbarten Garten zu gehen oder zu Hause zu lesen.
Nach langen Verhandlungen zwischen
einem meiner Verwandten und dem
bekannten Parlamentsabgeordneten Ahmad Mubarak,
versicherte er mir, mich aus der Stadt zu lassen.
Gegen eine Summe von 2500 Euro.
Ich saß zusammen mit sechs abtrünnigen Soldaten
und war der einzige Zivilist.
Wir passierten mehrere Kontrollpunkte,
ohne durchsucht zu werden, dann erreichten wir das Dorf Jibrin,
wo wir bis zum Sonnenaufgang warten sollten.
Abends gaben sie uns Armeeuniformen und Waffen.
Ich sagte, dass ich damit nicht umgehen könne,
sie meinten: „Einfach tragen, um anzugeben.“

Zu unserer Überraschung sahen wir beim Rausgehen
über 24 Autos von derselben Marke wie unser Fahrzeug.
Darin waren viele Familien.
Der Chef der Truppe war der Schwager von Ahmad Mubarak.
Er sagte zu uns:
„Auf dem Weg sind Kontrollpunkte der Armee.
Wenn jemand euch anhält, erschießt ihn und fahrt weiter.“

 

Anonym (23)

wurde in Hama in Syrien geboren. Aufgrund seiner traumatischen Erlebnisse und der Sorge, durch seine Worte das Leben seiner Familie in Syrien zu gefährden, möchte er unerkannt bleiben. In einem Zeitraum von zwei Jahren war der junge Mann insgesamt sechs Mal für jeweils mehrere Monate im Gefängnis, die erste Verhaftung war 2011. Ende 2015 kam er mit dem Boot über das Mittelmeer nach Deutschland.

Tragische Helden

Anonym

Hama, Syrien

 

Ich bin gealtert,
mein Haar ist weiß geworden,
den tragischen Begebenheiten
der letzten Jahre geschuldet.
Wie viele Gefangene haben Ungerechtigkeit
und Arroganz erlitten?
Wie viele Gefangene haben Folter
und Angst ertragen,
diese Schrecken gekannt?
Wie viele Gefangene wurden Folter ausgesetzt,
an Körper und Geist?
Wie haben sie dieses Leben
in der kalten Folterkammer
hinter sich gelassen?

Wie absonderlich dieses Leben ist!
Das Leben hat diese Helden vergessen,
die gekämpft haben
gegen die Ungerechtigkeit.
Ihre Leben wurden verwirkt in der Ödnis.
Ihre Seelen sind noch immer
auf der Suche nach einem Ort,
an dem sie sich von der Tortur erholen können.
Des Nachts, rund um ihre Gräber,
suchen ihre Seelen spürbar nach Ruhe.

Werdet ihr je zurückkehren, ihr Helden?
Werdet ihr die Menschen zum Triumph führen,
wie verhießen?
Werdet ihr die Tyrannen besiegen können?
Diese Tyrannen haben uns beraubt,
getötet, unser Land geplündert.
Die grausamsten aller Tyrannen.
Diese Tyrannen haben Angst
und Schrecken verbreitet allerorts.
Doch diese Verbrecher haben vergessen,
dass das Feuer Gottes sie erwartet.

 

Anonym (23)

wurde in Hama in Syrien geboren. Aufgrund seiner traumatischen Erlebnisse und der Sorge, durch seine Worte das Leben seiner Familie in Syrien zu gefährden, möchte er unerkannt bleiben. In einem Zeitraum von zwei Jahren war der junge Mann insgesamt sechs Mal für jeweils mehrere Monate im Gefängnis, die erste Verhaftung war 2011. Ende 2015 kam er mit dem Boot über das Mittelmeer nach Deutschland.

Entscheidung

Anonym

Hama, Syrien

 

Wenn ich mit dem Schreiben anfange,
fühlt es sich so an,
als ob ich eine persönliche Erfahrung von jemandem erzähle,
der nur hässliche Kriege erlebt
und sich in seinem Leben nie wohlgefühlt hat.
Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich erzähle, dass ich mir,
aufgrund der ständigen Misshandlungen meines Henkers,
oft den Tod gewünscht habe.

Ich war einer der ersten Demonstranten gegen das Assad-Regime.
Meine Geschwister waren strikt dagegen und hatten viel Angst.
„Diese Leute sind in der Lage, alles für ihre Macht zu tun,
dabei gehst du nur unter!“
Sie sind bis heute dieser Meinung.
Manch eine Demonstration zählte bis zu einer Million Menschen.
Im Zentrum von Hama, als ich einer verletzten Person half,
die wenig später ihren Verletzungen erlag,
sagten Regierungssoldaten zu mir:
„Wir werden euch alle vernichten.“

Sie brachten mich in die Außenstelle des Luftwaffengeheimdienstes,
die am Rande der zerstörten Stadt liegt,
fingen an mich mit ihren Waffen zu schlagen und mich zu foltern.
Ich blutete überall, verlor mein Bewusstsein.

Täglich wünschte ich mir die Freiheit aus der Geiselhaft,
sie dauerte 4 Monate lang.
Während meiner Gefangenschaft
sah ich die Sonne nicht ein einziges Mal,
hörte nicht ein einziges Mal von meinen Geschwistern.

Jede meiner Verhaftungen hat meine Geschwister
eine Menge Geld gekostet.
Und so sagten sie irgendwann:
„Du bist wehrpflichtig geworden.
Du musst hier raus.“

 

Anonym (23)

wurde in Hama in Syrien geboren. Aufgrund seiner traumatischen Erlebnisse und der Sorge, durch seine Worte das Leben seiner Familie in Syrien zu gefährden, möchte er unerkannt bleiben. In einem Zeitraum von zwei Jahren war der junge Mann insgesamt sechs Mal für jeweils mehrere Monate im Gefängnis, die erste Verhaftung war 2011. Ende 2015 kam er mit dem Boot über das Mittelmeer nach Deutschland.

Kaputt

Munir Hammoud

Damaskus, Syrien

 

Warum bin ich hier?
Was mache ich hier?
Kann ich hier Sicherheit finden?
Meine Heimat vermisse ich,
obwohl dort Krieg herrscht.

Ich erinnere mich an meine Kindheit.
Es gab keinen Hass
und ich wusste nicht,
was Rassismus ist.

Jetzt ist alles kaputt.
Die Menschen, sie sind arm.
Oder tot.
Ich habe Sehnsucht
nach Frieden und Freiheit.

 

Munir Hammoud (21 Jahre)

kam nach Deutschland, um hier eine Zukunft zu haben, die ihm in Syrien verwehrt bleiben würde.
Momentan geht er in Fulda zur Schule und hofft, nächstes Jahr seinen Hauptschulabschluss machen zu
können. Gerne schreibt er Gedichte und singt.

Todesweg nach Europa

Safaa Kleb

Daraa, Syrien

 

Wir lebten in Frieden,
dann kam der Krieg zu uns.
Er zerstörte alles Schöne in unserem Leben.
Meine Eltern waren ratlos,
ohne Ausweg aus der Krise.

Eines Tages ging mein Vater wie gewohnt zur Arbeit,
aber er kam nicht zurück.
Meine Mutter war verzweifelt und wir haben viele Tränen vergossen.
Abends kam der Anruf von Vater.
Wir müssen das Land verlassen, unser Zuhause.
Sofort.

Auf dem Weg nach Jordanien war ich sehr erschöpft.
Alles war sehr teuer.
Syrer durften nicht arbeiten.
Wir konnten nicht bleiben.

Wir flogen von Jordanien nach Algerien.
Freunde gaben uns Geld für das Ticket.
In Algerien wussten wir nicht, wohin wir gehen können.
Mein Vater suchte erfolglos Arbeit.
Ein Freund erzählte ihm von dem illegalen Weg nach Marokko.

Wir hatten keine Wahl und machten uns auf den Weg.
Der Weg war anstrengend, kostspielig, frustrierend.
In Marokko angekommen, gab es einen schönen Ausblick auf das Meer.
Und eine marokkanische Behörde, die uns zurück nach Algerien schicken wollte.

Wir hatten keine Wahl, wir gingen den ganzen Weg zurück.
Der Rückweg, er war noch anstrengender, kostspieliger, frustrierender.
Wir wussten, in Algerien können wir nicht bleiben.
Mein Vater entschied, über Libyen nach Europa zu fliehen.
Über den steinigen Grenzüberweg nach Tunesien ins überfüllte Libyen.
In Libyen ein Treffen mit Schmugglern.
Sie sollten uns über den Todesweg nach Europa führen.

Die Fahrt mit dem Boot war teuer.
Die Menschen waren ängstlich.
Mein Vater besorgte uns Rettungswesten, damit wir nicht ertrinken.
Wir hatten nur die Westen, unsere Rucksäcke voll mit Essen, und Decken für die Kinder.

Wir kannten unser Schicksal nicht.
Wussten nicht, ob wir überleben.
Entweder die Rettung.
Oder der Tod.

Das Schlauchboot war überfüllt, mit 150 Personen aus allen Nationen.
Wir fuhren in der Dunkelheit.
Ich war umgeben von der Angst vor dem Unbekannten.
Zählte die Stunden bis zur Morgendämmerung.
Das Boot wippte nach rechts und links, die Wellen erhoben sich.
Nach Stunden voller Anspannung und Müdigkeit fing das Boot an zu sinken.
Dann: die italienische Küstenwache in der Ferne.
Kinder und Frauen wurden zuerst gerettet, dann die Männer.

Wir fuhren mit dem Zug nach Deutschland.
Endlich: Sicherheit und Freiheit.
Vor Freude haben wir alle geweint.

 

Safaa Kleb (16)

flüchtete wegen des Krieges vor drei Jahren mit ihren Eltern und ihren sieben Geschwistern nach Wuppertal. Ihr geht und gefällt es hier sehr gut und sie wünscht sich, dass es auch weiterhin so bleibt.

Frei von der Vergangenheit

Reem Burhan

Az-Zabadani, Syrien

 

Der Weg nach Wuppertal.
Er war unglaublich.
Wir, zu fünfzig Personen auf dem Meer.
Der Motor will nicht mehr.
Zurück an Land.
Zu den Urlaubern am Strand.
Von Mazedonien nach Serbien.
In einem dreckigen, vollen Zug.
In Serbien verfolgt von einer Verrückten.
Aber doch frei von Angst, Kopfschmerzen, Bomben.
Frei von der Vergangenheit.
Wuppertal ist jetzt mein Damaskus.
Mit weniger Märkten.
Vielen Bergen.
Weniger Shishabars.
Vielen Kulturen.

 

Reem Burhan (18)

lebt seit drei Jahren in Deutschland. Sie ist 18 Jahre alt und hat noch zwei Brüder. Ihre Familie floh aufgrund des Krieges. In Wuppertal geht sie zur Schule und möchte danach eine Ausbildung beginnen. Sie wünscht sich, dass der Krieg in ihrer Heimat ein Ende nimmt.

Ich starre zurück

Omran Fadel

Homs, Syrien

 

Ankunft am Berliner Flughafen.
Ich bin allein zwischen 1000 Menschen.
Ich bin angekommen.
Und doch noch in Ägypten bei meiner Familie.

Ich kann die Schilder nicht lesen.
Ich muss zum Ausgang und meinen Onkel finden.
Ich gehe einfach den anderen Menschen hinterher.
Mein Onkel erkennt mich direkt.
Wir haben uns sechs Jahre nicht gesehen.

Die Häuser sind fünfmal größer als in Ägypten.
Die Sprache fremd.
Wie soll ich sie so schnell lernen?

Von der Hauptstadt in eine kleinere Stadt.
Die Menschen in der U-Bahn starren mich an.
Ich starre zurück.

 

Omran Fadel (15)

ist von der Familie alleine nach Deutschland geschickt worden, um hier mit seinem Onkel zu leben und eine bessere Zukunft zu haben. Seine Eltern und seine 4 Geschwister leben noch in der Heimat. Omran macht gerne Sport und möchte nach der Schule eine Ausbildung beginnen.

Gewalt wie Sterne am Himmel

Omran Fadel

Homs, Syrien

 

In meinem Heimatland gibt es Gewalt wie Sterne am Himmel.
Die Leute werden von der Polizei geschlagen und erschossen,
niemand darf etwas sagen, sonst wird er festgenommen.
Die Menschen in meinem Heimatland werden einfach bestraft.
Es gibt keine richtigen Gesetze.
Wenn man Geld hat, kann man alles kaufen.
Auch die Polizei.
Auch die Gesetze.

 

Omran Fadel (15)

ist von der Familie alleine nach Deutschland geschickt worden, um hier mit seinem Onkel zu leben und eine bessere Zukunft zu haben. Seine Eltern und seine 4 Geschwister leben noch in der Heimat. Omran macht gerne Sport und möchte nach der Schule eine Ausbildung beginnen.

Nicht der letzte Tag

Hussein Kuafathi

Syrien

 

Elf Tage von Ägypten nach Italien.
5 Etappen, über Land, über Wasser.
Ich war so müde.
Auf dem Meer haben wir das Schiff gewechselt,
ich war so müde, dass ich fiel.
Mein Rucksack,
fast wäre ich mit ihm ertrunken.
Viele fremde Hände zogen mich aus dem Wasser.

Einige Schiffe später gerieten wir in einen Sturm.
Das Wasser kam von allen Seiten,
wir rannten unter Deck.
Wir dachten, dies sei unser letzter Tag.

Zum Glück war es nicht der letzte.
Nur unser schlimmster.

 

Hussein Kuafathi (16)

kommt aus Syrien. Er floh mit seiner Familie, seinem Onkel und seiner Tante und seinem Cousin nach Deutschland. Seit drei Jahren lebt er in Wuppertal. Deutschland findet er toll und möchte später Architekt werden.

Ein traumhafter Abend

Hussein Kuafathi

Syrien

 

Ein schöner sonniger Tag in Ägypten.
Mit meinen Freunden Fußball gespielt.
Plötzlich eine zornige Stimme.
Mama!
Schrie mich vor meinen Freunden an.

Ich musste mit.
Das Ziel: ein großer Raum.
Voller Menschen.

Happy Birthday, dear Hussein!
Es war mein Geburtstag!

Viele Leute waren da,
und brachten schöne Geschenke.
Eine Halskette und ein goldenes Armband
bekam ich von meinem Vater.

Getanzt, gegessen,
gefeiert, gelacht.
Es war ein traumhafter Abend.

Schließlich wollten wir nach Hause.
Vor dem Auto kam der Schock.
Das Auto war aufgebrochen.
Die Geschenke geklaut.

Zum Glück hatte ich die Halskette um den Hals.
Und das Armband am Arm.
Die schönsten Geschenke hatte ich an mir.

Wo sie jetzt sind, weiß ich nicht.
Um hierher zu kommen,
musste ich sie verkaufen.

 

Hussein Kuafathi (16)

kommt aus Syrien. Er floh mit seiner Familie, seinem Onkel und seiner Tante und seinem Cousin nach Deutschland. Seit drei Jahren lebt er in Wuppertal. Deutschland findet er toll und möchte später Architekt werden.

Missverständnis

Bashar Abdalli

Damaskus, Syrien

 

Ich bin oft mit den Deutschen zusammen.
Aber ich finde, wir verstehen uns nicht immer.
Vielleicht, weil ich noch nicht so gut Deutsch spreche.
Aber oft sprechen sie einfach über Dinge,
Die mich gar nicht interessieren.
Und oft habe ich das Gefühl,
Dass sie ganz anders denken.

Ich bin deshalb gerne mit anderen Arabern zusammen,
Weil ich mit ihnen Spaß machen kann
Und sicher bin, sie nicht zu beleidigen.
Wenn ich in der Schule einem Deutschen den Stuhl wegziehe,
Dann redet er nicht mehr mit mir.

Ich glaube,
Damit wir uns besser verstehen,
Müssen wir etwas Gleiches mögen.
Oder uns sehr lange kennen.
Ich glaube,
Alle Menschen können einander verstehen.
Denn am Ende
Sind wir alle Menschen.

 

Bashar Abdalli (15)

ist mit seinem Onkel aus Damaskus geflohen, seit zwei Jahren lebt er in Deutschland. In Schule und Fußball-Training hat er viel Kontakt mit deutschen Jugendlichen, fühlt sich jedoch nicht immer von ihnen verstanden. Bashar geht auf die Gustav-Eiffel-Schule in Berlin.

Die Zeit zurückdrehen

Bashar Abdalli

Damaskus, Syrien

 

Alles war geplant
Zwei Monate zuvor wusste ich, dass ich nach Deutschland gehen würde
Die Freunde von meinem Vater hatten ihre Kinder schon vor uns auf den Weg geschickt
Am Anfang war ich sehr froh
Weil ich Fußball mag und Deutschland eine tolle Fußballmannschaft hat.

Meine Mutter wollte nicht, dass ich gehe
Sie hatte große Angst um mich, denn der Weg ist gefährlich
Ich war unsicher und habe meinen Freunden erst mal nichts erzählt
Denn vielleicht würde es ja doch nicht klappen.

Meine Familie kam, um sich zu verabschieden
Ich hatte alles vorbereitet
Hatte alle Sachen gekauft, die ich für die Reise brauchte
Ich konnte nicht schlafen.

Ich bin mit meinem Onkel aufgebrochen
Mein Cousin sollte auch mitkommen
Doch das Geld
Hat nicht gereicht.

Meine Lieblingssachen habe ich nicht mitgenommen
Und nun
Könnte ich die Zeit zurückdrehen
Ich würde alles fotografieren.

 

Bashar Abdalli (15)

ist mit seinem Onkel aus Damaskus geflohen, seit zwei Jahren lebt er in Deutschland. Sein Herz gehört dem Fußball, doch im Rückblick beschreibt er, dass ihm die Fußballnation Deutschland die Erinnerungen an seine Heimat nicht ersetzen kann. Bashar geht auf die Gustav-Eiffel-Schule in Berlin.

Flucht

Rojin Namer

Kamischli, Syrien

 

Ich war lange unterwegs.
Tagelang bin ich gelaufen.
Tagelang saß ich im Zug auf dem Boden.
Tagelang saß ich im Gefängnis.
Tagelang schlief ich auf der Straße.
Ich hatte nichts zum Essen.
Meine Klamotten wurden von den Schleppern weggeschmissen.
Meine Schuhe waren zerrissen.
Ich erkannte mich selbst nicht wieder.
Ich sah nicht wie ich aus.
Ich hatte den Nullpunkt in meinem Leben erreicht.
Ich hatte den Punkt erreicht, an dem man sich über nichts mehr freuen kann.
Ich hatte das Gefühl, verlernt zu haben, was Leben ist.
Das war alles so unendlich viel.
Und unendlich anstrengend.
Ich dachte für einen Moment, dass ich nicht mehr kann.
Aber wenn man einmal unterwegs ist und nicht weiß,
Wann das Ende ist, dann muss man es schaffen.
Es gibt kein Zurück.

 

Rojin Namer (15)

reiste mit ihrem Onkel 47 Tage lang durch den Irak nach Griechenland, wo sie verhaftet wurde.

Krieg

Rama Janina

Damaskus, Syrien

 

der krieg hat begonnen
davor war es schön
aber dem schicksal entgeht niemand
es bleibt nur kämpfen oder fliehen
manche entscheiden sich zu bleiben
und tragen die verantwortung dafür
andere entscheiden sich zu fliehen
und beginnen eine neue zukunft
andere wählen den tod

ein krieg braucht männer, die kämpfen
es ist nicht wichtig, ob sie am leben bleiben oder nicht
es geht nur darum, zu ende zu kämpfen
wenn man über krieg spricht
denkt man an feinde, die das land besetzen
aber wenn die soldaten im feld immer mehr werden
und du siehst, dass dein feind dein bruder ist
dann ist das kein krieg mehr
um die heimat zu verteidigen
dann ist das ein bürgerkrieg
in dem nur der stärkere überlebt

dann beginnt die zeit der flucht
um dem ganzen zu entkommen
dann beginnt ein neuer kampf
der ganz anders ist
in dem waffen keine rolle spielen
sondern nur der menschliche wunsch
sicherheit zu finden

 

Rama Janina (17)

kam vor anderthalb Jahren aus Syrien nach Deutschland und geht heute in die 9. Klasse des Gymnasiums Tiergarten. Sie will Ärztin werden und wünscht sich außerdem für die Zukunft, dass ihre Kinder ein besseres Leben führen können als sie selbst.

Wiedersehen

Anonym

Damaskus, Syrien

 

am flughafen wartete ein junger mann
auf seinen flug, sah die leute ringsum
und wie sie sich begegneten
nach 21 jahren in der ferne wünschte er
sein land wäre ein mensch
um ihm seine gefühle mitteilen zu können

er fürchtete, seine heimat
könnte ihn nicht mehr erkennen
er fürchtete, seine kleinen geschwister
könnten ihn nicht mehr erkennen
ebenso wenig wie seine freunde

all das dachte er beim letzten aufruf
der passagiere nach damaskus
er war glücklich und hatte angst
er war unentschlossen und fürchtete
der letzte wunsch seiner mutter
könnte nicht in erfüllung gehen
ihn wiederzusehen
vielleicht würde auch sie ihn nicht erkennen

als er ankam, sah er nur fremde
die ihn begrüßten
dann sah er seine mutter im rollstuhl
sie sprach zu ihm,
du licht meiner augen
er rannte zu ihr, umarmte sie
und alles begann zu singen

doch nichts berührte ihn so sehr
wie das wiedersehen mit seiner heimat
und in diesem moment wünschte er sich,
ihr erzählen zu können, wie sehr er sie vermisst hatte
und wie schwierig es war,
von ihr getrennt zu sein

 

Anonym (17)

aus Damaskus in Syrien, geht auf die Leopold-Ullstein-Schule in Berlin.

Schuldgefühle

Rojin Namer 

Kamischli, Syrien

 

Papa, Mama,

denkt ihr wirklich, ich würde nicht helfen, wenn ich könnte?
Denkt ihr wirklich, dass ich jetzt glücklich bin,
weil ich hier nach 18 Uhr noch draußen sein kann,
ohne Angst haben zu müssen?
Denkt ihr wirklich, dass ich 300 Euro Taschengeld bekomme,
wie meine Cousinen erzählen?
Denkt ihr wirklich, dass ich euch vergaß,
weil ich hier ein besseres Leben führe?
Wieviel Geld ihr für mich ausgegeben habt? 5000 Euro?
Dass Ihr unser Haus verkauft habt, um Pässe zu erhalten?
Denkt ihr, es liegt an mir, dass es mit eurem Nachzug nicht klappt?
Denkt ihr wirklich, dass ich euch hier nicht haben will?

Soll ich euch mal was sagen!
Ich bekomme 50 Euro Taschengeld. Keine 300.

Ich kriege Schuldgefühle, wenn ich höre, dass es euch nicht gut geht.
Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich weiß, dass ich euch nicht helfen kann.

Aber die für mich wichtige Frage ist:

Glaubt ihr wirklich, ich würde euch nicht helfen, wenn ich es könnte?

 

 

The Poetry Project, Foto © Rottkay

Rojin Namer (*2002)

floh vor drei Jahren allein aus Damaskus, sie stammt ursprünglich aus dem kurdischen Kamischli. Das Mädchen kam als unbegleitete Minderjährige nach Berlin, wo sie die Friedrich Ebert-Oberschule besuchte. Ihre Eltern und Geschwister leben als Flüchtlinge im Irak. Rojin nimmt erfolgreich an Debattier-Wettbewerben teil, sie liebt das Fotografieren und möchte Philosophie studieren. 2019 wurde sie dem Theo in der Kategorie Sprachräume ausgezeichnet. Foto © Rottkay

Heute fühle ich mich frei

Robin Osman

Kamischli, Syrien

 

Heute fühle ich mich frei
Ich darf meine Muttersprache sprechen: Kurdisch
Ich bin frei, es gibt keine Grenzen
Nun kann ich alles lernen, was ich möchte
Weil ich in Deutschland bin
Früher war ich in Syrien
Aber ich bin Kurdin
Als Kurdin darf ich dort nicht studieren
Als Kurdin ist es mir dort nicht erlaubt zu arbeiten oder meinen Beruf auszuwählen
Als Kurdin darf ich mich in Syrien nicht frei bewegen und reisen
Ich habe eine syrische Staatsangehörigkeit beantragt
Aber keine syrische Staatsangehörigkeit bekommen
Weil ich Kurdin bin

Weil ich Kurdin bin
Ist mir vieles nicht erlaubt.

 

Robin Osman (24)

stammt aus dem kurdischen Kamischli in Syrien. Sie möchte in Deutschland Sozialarbeiterin werden.