Was ist The Poetry Project?

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Wir sind ein viersprachiges Lyrik-Projekt und bauen Schreibgruppen in ganz Deutschland auf, in denen sich junge Menschen mit und ohne Fluchthintergrund begegnen können. Wir schreiben auf Persisch, Arabisch, Deutsch und Englisch. Den so entstehenden poetischen Dialog tragen wir nach außen, indem wir öffentliche Lesungen organisieren und ausgewählte Texte aus jeder Schreibgruppe publizieren. 

Warum machen wir das?

The Poetry Project | Foto © Rottkay
Kahel Kaschmiri | Foto © Rottkay

Als 2015/16 Hunderttausende Menschen aus Kriegsgebieten nach Europa kamen, dachten ein paar Freund*innen in Berlin darüber nach, wie wir alle künftig gemeinsam leben würden. Es ging darum, die Fremdheit zu überwinden. Die Poesie als Brücke schien ein guter Anfang.

Was wollen wir?

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Herbert Grönemeyer, Samiullah Rasouli | Foto © Rottkay

Die demokratischen Kräfte in Deutschland aktivieren. Die Interaktion von Willkommensklassen und regulären Schulklassen fördern, aber auch zwischen geflüchteten Jugendlichen in Wohnheimen und ihrer Nachbarschaft. Wir wollen die Verständigung zwischen hier Aufgewachsenen und neu Dazugekommenen unterstützen, damit dieses Land so frei und offen bleibt, wie es heute ist. 

Indem sie ihre berührenden Texte öffentlich vortragen, vermitteln die jungen Autor*innen auf authentische Weise ihre Erlebnisse. Viele der Jugendlichen verarbeiten Erfahrungen von Gewalt und Krieg in ihren Gedichten, Gefühle der Furcht und Einsamkeit. Daneben stehen jedoch ebenso die hoffnungsvollen Gedanken auf eine bessere Zukunft, Berichte über Begegnungen geprägt von Verständnis und Zuneigung. 

Wir wollen dafür werben, ihnen zuzuhören und den Blick für sie zu öffnen. Nicht über sie berichten, sondern eine Plattform bieten für ihre eigenen vielfältigen Stimmen.

Wie alles begann

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Aarash D. Spanta | Foto: Rottkay

Bei Reisen durch Afghanistan hatte Initiatorin und SPIEGEL-Auslandskorrespondentin Susanne Koelbl die Bedeutung und den Zauber der Lyrik in der persischen Kultur immer wieder erfahren dürfen. Gemeinsam mit dem in Afghanistan aufgewachsenen Anwalt und Übersetzer Aarash D. Spanta lud sie junge Geflüchtete ein, an einem Gedicht-Workshop teilzunehmen, zunächst aus dem persischsprachigen Raum. Da die Neuankömmlinge noch wenig Deutsch sprachen, war die Unterstützung durch einen Muttersprachler der Schlüssel zum gegenseitigen Verständnis. 

Im Fokus: Minderjährige, die ohne Begleitung nach Deutschland geflüchtet waren, also ohne Freunde und Familie einen Neustart im fremden Land schaffen mussten. Da vor allem männliche Jugendliche allein auf den weiten Weg nach Europa geschickt wurden, bestand auch die erste Schreibgruppe ausschließlich aus jungen Männern: Ali Ahmade (15), Ghani Ataei (16), Mahdi Hashemi (16), Shahzamir Hataki (16), Kahel Kaschmiri (15), Mohamad Mashghdost (18), Yasser Niksada (14) und Samiullah Rasouli (17). 

Sie verfassten Gedichte darüber, was ihnen auf der Flucht geschehen ist. Neun Monate später veröffentlichten die Jungen ihre berührenden Texte in der Berliner Anthologie „The Poetry Project – Allein nach Europa“ und lasen sie vor großem Publikum auf dem 16. Internationalen Literaturfestival Berlin. Das enthusiastische Echo, das ihnen entgegenkam, hat sie ermutigt, weiterzumachen.

Seitdem haben sich Dutzende Schreibgruppen in verschiedenen deutschen Städten gegründet, wie Köln, Frankfurt, Nürnberg, uvm. und immer mehr junge Poet*innen tragen ihre Gedichte im Rahmen von Lesungen und Festivals vor. 

Wie funktioniert The Poetry Project?

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Shahzamir Hataki | Foto © Rottkay

Seit Dezember 2015 treffen sich deutschlandweit regelmäßig Jugendliche mit Workshop-Anleiter*innen und Übersetzer*innen zum Gedichteschreiben.

Geschrieben wird in der jeweiligen Muttersprache über Themen, die uns alle bewegen. Über das, was die Jugendlichen erlebt haben, was sie erwarten, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Über Fremdheit und Sehnsucht, über Hoffnung und Liebe, nicht zuletzt über Tagespolitisches. Alle tragen am Ende eines Workshoptages ihre Werke vor und gemeinsam ringen wir dann oft darum, wie eine bestimmte Textstelle, ein Wort, ein bestimmter Begriff gemeint sein könnte, um die treffendste Übersetzung zu finden.

Das sind schöne Momente des sich gegenseitigen Erkennens und Erkanntwerdens, für die wir auch öffentliche Bühnen suchen. So werden die in den Workshops entstandenen Gedichte im Rahmen von Lesungen und Festivals, in Zeitschriften, Radiobeiträgen, Theaterstücken und Filmen präsentiert, damit möglichst viele Menschen am sich fortschreibenden interkulturellen Dialog teilhaben können. Ein erster Gedichtband, unsere Anthologie, erschien zu Beginn des Jahres 2018. Die dort publizierten Texte wurden im selben Jahr mit dem Else Lasker-Schüler-Lyrikpreis ausgezeichnet. 2019 erhielten weitere junge Poet*innen den „THEO - Berlin-Brandenburgischer Preis für Junge Literatur“ in den Kategorien Lyrik und Sprachräume.