Vertraute Fremde

Zoё Matt-Williams

Berlin, Deutschland

 

verschwommene Halbschlafs-Gedanken an ein landendes Flugzeug
und das Kreischen von Gummi auf heißem Zement
eine Perlenschnur aus McDonalds-Schildern am Straßenrand
und meine Großmutter, ameisenhaft dazwischen

ein gelber Schulbus – zu grell
das Lächeln meiner Cousine – vier Jahre alt, aber neu für mich
das fremdartige Gebet vor dem Essen (ich kenne die Worte nicht)
die Drohungen von Mundwäschen mit Seife –
und dann der Abschied.

 

Zoё Matt-Williams (18)

ist in Berlin zweisprachig aufgewachsen, ihre Mutter ist Deutsche, der Vater stammt aus den USA. Ihre Familie in den USA sieht sie nur sehr selten. Zoё ging auf die internationale John-F.-Kennedy-Schule in Berlin und besucht mittlerweile die University of Cambridge, um Literatur zu studieren.

Karierte Küchenbodenfliesen

Zoё Matt-Williams

Berlin, Deutschland

 

Ich wuchs auf in einem Flur, der an meinen Füßen kratzte,
aber unendlich lang war.
In einer Küche voll von warmem Licht und Rothko-Drucken
und karierten Fliesen
und Fruchtfliegen.

Ich wuchs auf mit dem Kellner von Primo,
der am gleichen Tag Geburtstag hatte, wie mein Bruder;
unter einem gelben Klettergerüst, so groß wie eine Königspalme;
zwischen den bemalten Wänden des Falafel-Restaurants an der Straßenecke;
in den Pappkartons hinter dem Supermarkt.

Letzten Monat bin ich zurückgegangen,
um mich auf die andere Straßenseite zu setzen und mich zu fragen,
ob die Familie, die jetzt dort wohnt,
die Küchenbodenfliesen ausgetauscht hat
und wie es wäre,
diese Straße nie wiederzusehen.

Und nie herauszufinden, dass
Max seit Jahren nicht mehr hier arbeitet,
weil das Restaurant verkauft wurde;
dass der neue Besitzer von Habibi
die Gemälde an den Wänden nicht mochte
und sie mit matter grüner Farbe verdeckt hat;
und dass das Klettergerüst, das in den Himmel zu ragen schien,
kaum mein Kinn berührt.

Und mich für immer nach einem Handstand zu sehnen
auf karierten Küchenbodenfliesen.

 

Zoё Matt-Williams (18)

ist in Berlin zweisprachig aufgewachsen, ihre Mutter ist Deutsche, der Vater stammt aus den USA. Ihre Familie in den USA sieht sie nur sehr selten. Zoё ging auf die internationale John-F.-Kennedy-Schule in Berlin und besucht mittlerweile die University of Cambridge, um Literatur zu studieren.

„Die Anderen“

Zoё Matt-Williams

Berlin, Deutschland

 

Heißer Sommer. Mittag.
Die Bäume schwitzen,
als ein Freund mir erzählt,
dass er England verlassen will,
weil kein anderer Ort der Welt
„die Anderen” so verabscheut.

Oktober. Berlin.
Bin ich nicht auch „anders”?
Halb-deutsch,
genau wie er,
aber mit heller Haut. Blond.
Keiner schreit mich an von Straßenecken,
Hass gefiltert durch
Anspruchsdenken und Angst und Zigarettenrauch,
weil ich nicht bin wie sie.

Dezember. Alexanderplatz.
Deutschland ist nicht so, sagt er.

Weihnachtsabend. Am Küchentisch.
Der Vater einer Freundin fragt, ob ich ihm die Bratensoße reichen kann,
den Mund vollgestopft mit blutigem Tierfleisch,
er sagt:
Deutschland soll bleiben, wie es ist.
Keine Flüchtlinge mehr. Deutsche Leitkultur.
Sie haben nichts getan, um ihren Platz hier zu verdienen.
Mein Vater fragt, was er für seinen eigenen Platz getan hat:
Was wäre, wenn du in Syrien geboren wärst?
Seine Antwort:
Bin ich aber nicht.

 

Zoё Matt-Williams (18)

ist in Berlin zweisprachig aufgewachsen, ihre Mutter ist Deutsche, der Vater stammt aus den USA. Ihre Familie in den USA sieht sie nur sehr selten. Zoё ging auf die internationale John-F.-Kennedy-Schule in Berlin und besucht mittlerweile die University of Cambridge, um Literatur zu studieren.