Alan HaloGedichteIrak

Der Apfel

Alan Halo

Shingal, Irak

 

Ich sehe einen großen Garten
Überall Gemüse und Obst
Und mittendrin meine Mama
Sie pflanzt einen neuen Apfelbaum
Ich sehe, wie der Apfelbaum wächst
Mit nur einem Apfel
Meine Mutter verbietet uns
Den Apfel anzufassen
Sie verteidigt den einzigen Apfel

Ich höre meine Tante an der Tür
Der pinkfarbene Schal verdeckt den kahlen Kopf
Sie schaut sich im Garten um
Und findet den einzigen Apfel am Baum
Sie geht hin, guckt, zieht den Ast zu sich heran
Und pflückt den einzigen Apfel
Wir Kinder grinsen und sagen
„Be kana u nha tue sanbe kan jea“
„Noch lacht sie, aber gleich kann sie was erleben“
Alle gucken auf meine Mutter
Und auf meine Tante
Und es passiert

Gar nichts

Ganz kurz darauf kam der Krieg
Wir sind weggelaufen
In die Berge, über die Berge zu Fuß
Die Menschen haben vor meinen Augen ihr Leben verloren
Und ihre Kinder zurückgelassen

Alles ist weg, das Zuhause ist weg
Der Garten ist so weit weg
Meine Tante ist gestorben
Sie hinterließ vier kleine Kinder

Wenn ich einen Garten sehe oder einen Apfel
Dann denke ich an sie

 

Alan Halo (15)

ist in Shingal im Irak geboren. Als der Krieg ausbrach, sind er und seine Familie zu Fuß und mit dem Schiff nach Deutschland geflüchtet. Zunächst hat er mit seinem Onkel und zwei seiner Brüder in Deutschland in einem Camp gelebt. Erst nach einem Jahr durften seine Eltern und die restlichen Geschwister aus der Türkei nachkommen. Jetzt leben sie als Familie wieder vereint in einem Haus in Oldenburg, doch es ist nicht klar, wie es mit ihnen weitergehen wird.