Im Sommer 2015 verließen Hunderttausende Menschen die Region um Syrien – sie flohen nicht mehr nur vor Krieg und Verfolgung, sondern auch vor Hunger. Bundeskanzlerin Angela Merkel entschied aus humanitären Gründen, die Grenzen nach Deutschland nicht zu schließen. Pragmatismus, Improvisation und breites Engagement aus Zivilgesellschaft und Politik prägten die Bilder an Bahnhöfen und Ankunftsorten. Getragen von einer offenen, solidarischen Gesellschaft ging der Begriff der deutschen „Willkommenskultur“ um die Welt. Mit dem Satz „Wir schaffen das“ sprach die Kanzlerin der Bevölkerung ihr Vertrauen aus – und erkannte zugleich die kurz-, mittel- und langfristigen Herausforderungen.

Zahlreiche Kommunen und Städte engagierten sich, um Geflüchtete aufzunehmen, Unterbringung zu organisieren und Teilhabe zu ermöglichen. Gleichzeitig stießen viele an ihre Kapazitätsgrenzen und mussten improvisieren: Turnhallen, Zelte und Containerdörfer wurden kurzfristig bereitgestellt. Zehntausende Bürger*innen nahmen Schutzsuchende privat auf. Trotz dieser breiten Unterstützung nutzten rechtspopulistische Bewegungen die Situation für eine nationalistische und migrationsfeindliche Agenda. Politische und gesellschaftliche Auseinandersetzungen über Obergrenzen, Sicherheits- und Abwehrpolitik nahmen zu. Rassistische Gewalt und Angriffe auf Unterkünfte stiegen deutlich an.

2015 markierte einen Paradigmenwechsel: Geflüchtete sollten nicht nur aufgenommen, sondern auch echte Chancen zur Integration erhalten – mit Sprachkursen, Arbeitsmarktzugang und neuen Bleibeperspektiven. Spätestens mit der Aufnahme ukrainischer Geflüchteter ab 2022 wurde diese Integrationspolitik erneut auf die Probe gestellt.

Im Rückblick auf 2015–2025 treten zwei flüchtlingspolitische Zäsuren besonders hervor: die Aufnahme syrischer Schutzsuchender ab 2015 und ukrainischer Geflüchteter ab 2022. Beide bieten wichtige Vergleichspunkte für politische, gesellschaftliche und institutionelle Reaktionen – und werfen Fragen auf, wie Flucht- und Integrationspolitik in Zukunft gestaltet werden kann, in Zeiten knapper Ressourcen und verschärfter Zugänge. Entwicklungen, die sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa und den USA zeigen – bis hin zur Instrumentalisierung von Migration für nationalistische und illiberale Politik.

Die Heinrich-Böll-Stiftung und das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) – vom Bundestag beauftragt, auf Basis von Fakten und Evidenz die gesellschaftliche Lage zu analysieren und einzuordnen – laden zu einer Fachkonferenz ein, um gemeinsam mit Expert*innen aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Politik eine differenzierte Bilanz der vergangenen zehn Jahre zu ziehen und Perspektiven zu entwickeln:

- Akteur*innen vor Ort: Kann deutsche Bürokratie pragmatisch und flexibel handeln?

- Asylrecht: Welche Bedeutung hat es in einer zunehmend migrationsfeindlichen Welt?

- Recht auf Integration: Wer hat welche Beiträge geleistet – und wie hat sich das Integrationsverständnis gewandelt?

- Gesellschaft im Wandel: Zusammenhalt und Solidarität vs. Angst und Überforderung – welche Lehren ziehen wir aus der letzten Dekade?

Begleitet wird die Konferenz durch Lesungen mit anschließender Fragerunde von The Poetry Project. Mit dabei vom Projekt sind Poet*innen Ali Alzaeem, Mykhailo Krasilnikov, Mahnaz Jafari, Jamal Abasi, Rojin Namer und Mariia Kaziun.
 

Das vollständige Programm sowie weitere Informationen finden Sie hier. Um Anmeldung wird gebeten.