GedichteRojin NamerSyrien

Flucht

Rojin Namer

Kamischli, Syrien

 

Ich war lange unterwegs.
Tagelang bin ich gelaufen.
Tagelang saß ich im Zug auf dem Boden.
Tagelang saß ich im Gefängnis.
Tagelang schlief ich auf der Straße.
Ich hatte nichts zum Essen.
Meine Klamotten wurden von den Schleppern weggeschmissen.
Meine Schuhe waren zerrissen.
Ich erkannte mich selbst nicht wieder.
Ich sah nicht wie ich aus.
Ich hatte den Nullpunkt in meinem Leben erreicht.
Ich hatte den Punkt erreicht, an dem man sich über nichts mehr freuen kann.
Ich hatte das Gefühl, verlernt zu haben, was Leben ist.
Das war alles so unendlich viel.
Und unendlich anstrengend.
Ich dachte für einen Moment, dass ich nicht mehr kann.
Aber wenn man einmal unterwegs ist und nicht weiß,
Wann das Ende ist, dann muss man es schaffen.
Es gibt kein Zurück.

 

Rojin Namer (15)

reiste mit ihrem Onkel 47 Tage lang durch den Irak nach Griechenland, wo sie verhaftet wurde.