Amira GudegastDeutschlandGedichte

Frausein

Amira Gudegast

Berlin, Deutschland

 

Frausein ist nicht immer fair.
Viel wird erwartet,
und man selbst wird damit groß,
nur eine Möglichkeit zu kennen.
Man soll schön und nicht verklemmt sein.
Aber natürlich, nicht schlampig, nicht zu geschminkt.
Man soll Kinder bekommen, aber selbstverständlich auch arbeiten.
Man soll einen Mann heiraten, aber auf jeden Fall auch selbstständig sein.

Frauen sprechen nicht über Sex wie Männer,
denn Frauen sollen unschuldig wirken.
Ich denke, dass Frauen und Männer in Deutschland
weit genug sind, um zu wissen, dass sie gleichberechtigt sein sollten.
Aber der kleine Beigeschmack von Klischees und Erwartungen
schwebt noch immer in der Luft und vergeht nicht.

Ich hatte das Glück, eine sehr aufgeschlossene Mutter zu haben.
Ich durfte tragen, was ich wollte.
Und sie gab mir nie das Gefühl,
dass ich etwas darf, oder nicht darf,
weil ich ein Mädchen bin.

Als ich alt genug war,
hat sie mich gegen den äußeren Druck auf Frauen stark gemacht.
Ich fühle mich wohl als Frau.
Ich sehe das Frausein nicht als Rolle.
Es bedeutet nicht:
ich mag Rosa,
ich möchte Kinder,
ich liebe Männer.
Es bedeutet:
Ich wurde als Mädchen geboren
und fühle mich als Frau wohl.
Kein Stück mehr.

 

Amira Gudegast (17)

wuchs in Deutschland als Tochter einer arabischen Familie auf. Da ihr Vater bereits früh verstorben ist und ihre Mutter sich nicht ausreichend um sie kümmern kann, lebt Amira in einer Caritas-Einrichtung in Berlin-Wilmersdorf. Später möchte Amira gerne Erzieherin werden.