GedichteLibyenSalah Ali Ngab

Gefährlicher als die Frage

Salah Ali Ngab

Tripolis, Libyen

 

Eine blonde Frau fragt mich
Warum bist du gekommen?
Eine vage Frage
Eine rote Frage
Ihre Antwort gefährlicher als die Frage selbst
Warum bist du gekommen?
Ich antworte: Zufällig

Zufällig
 
kam ich in diese Welt
Der Fluch meines Geburtsortes traf mich
Zufällig
 auch meine Hautfarbe
Zufällig meine Muttersprache
Und hier
, wo die Abfahrtszeiten der Züge nur manchmal
 verfehlt werden
Und die Armen regelmäßig Steuergelder erhalten
Und die Leute ihre Freizeit mit Arbeit füllen
Hier
, wo die Leute die Sprache der Rätsel sprechen
Und nur lachen, wenn sie betrunken sind

Zufällig
 auch, dass ich hierher kam
Und zwischen den Zufällen lag die Suche nach einem Vaterland
Das kein offizielles Gewand trägt
Und kein nationalistisches Gewand
Ein Vaterland, wie der Traum eines Kindes von Spielzeug
Oder die Sehnsucht eines Jugendlichen nach einem Kuss
Ein Vaterland, dessen Definition sich in keinem Wörterbuch findet
Warum bist du gekommen,
 fragt sie
Ich antworte

Ich kam auf der Suche nach einem Vaterland
Wo nichts verboten ist
 und auch nichts erlaubt
Ein Vaterland, wo der Himmel die Köpfe der Kinder berührt
Und wo die Wolken die Herzen der Jungfrauen küssen
Ein Vaterland, wo die Sonne und der Mond
Im Parlament sitzen 
und nur das Licht regiert
Zwischen den Zufällen lebte ich eine vergebliche Zeit
Auf der Suche nach einem Vaterland ohne Berge und Täler
Außer jenen Bergen und Tälern des Körpers einer Frau
In dem ich jeden Tag mit Verzückung ertrinken kann
Um dann 
ein verdienstvoller Bürger zu sein

Aber ich entdeckte
Dass der Mensch kein Vaterland hat
Außer dem Mutterleib

 

Salah Ali Ngab (37)

kommt aus Tripolis in Libyen. Der Publizist, Forscher und Menschenrechtsaktivist widmet sich der Kritik an fundamentalistischem Extremismus und religiöser Hassrede. Er gründete unter anderem das Kulturmagazin ‚Armat‘, übersetzt Gerechtigkeit – doch die hat es laut Salah in Libyen nie gegeben, nicht unter Muammar al-Gaddafi und heutzutage schon gar nicht. Aufgrund seiner Studien zu fundamentalistischem religiösem Denken und seiner Mitgliedschaft im Libyschen Liberalen Demokratieforum wurde er von der Gruppe Ansar al-Sharia bedroht, das Demokratieforum musste aufgrund von Morddrohungen an die Mitglieder geschlossen werden. Salahs aufklärerische Lesungen über die islamische Schrift führten zu seiner Verfolgung während der Regierungszeit Gaddafis, er wurde angeklagt wegen Verleumdung, Blasphemie, Ketzerei und Atheismus. Bei verschiedenen arabischen Behörden war er als „gefährlicher politischer Aktivist“ gelistet und wurde mehrfach an Flughäfen festgehalten.
Im Oktober 2014 schließlich entführten ihn auf offener Straße bewaffnete Milizen der Muslimbruderschaft, er wurde geschlagen und mit dem Tode bedroht. Dass er noch lebt, habe Salah einflussreichen Freunden zu verdanken, die sich für seine Freilassung einsetzten. Für ihn und seine Bekannten sei in Libyen kein Platz mehr, man sei von Feinden umzingelt. Salah konnte 2015 nach Tunesien und schließlich nach Deutschland fliehen, dank einer Einladung zum Open Eye Award der deutschen MiCt-Stiftung (Media in Cooperation and Transition) aufgrund seiner journalistischen Arbeit. Im selben Jahr beantragte er politisches Asyl in Deutschland.
Salah lebt heute mit seiner Frau und zwei Töchtern in Düsseldorf.