GedichteLibyenSalah Ali Ngab

Hier und Dort

Salah Ali Ngab

Tripolis, Libyen

 

Zwischen Hier und Dort
Gibt es keinen Unterschied
Glaube mir, der Mensch ist der Mensch

In meinem Land
Füllen die Nationalisten die Straßen mit Hassrede
Und hier – vor sechzig, siebzig oder achtzig Jahren
Füllten die Nationalisten die Straßen mit Hassrede
Dort hassen alle die Juden
Und die Nachbarn
Und die Dunkelhäutigen
Und die Frühgeburten
Hier auch – vor sechzig, siebzig oder achtzig Jahren
Hassten alle die Juden
Und die Nachbarn
Und die Dunkelhäutigen
Und die Frühgeburten

Dort zerstören die Nachbarn ganze Städte
Tausende sterben und alle kämpfen gegeneinander
Auf den heiligen Trümmern und vor den Türen der Krankenhäuser
Um die Welt zu beherrschen
Oder was übrig davon bleibt
Sie sind das beste Volk der Welt, aufgrund des Zufalls ihres Geburtsortes
Und ein bisschen wegen des Öls und wegen einer Erbschaft,
Die zu einer Hälfte heilig ist und zur anderen Hälfte aus Tagträumen gebaut
Hier auch, vor sechzig, siebzig oder achtzig Jahren
Zerstörten die Nachbarn ganze Städte
Tausende starben und alle kämpften gegeneinander
Auf den heiligen Trümmern und vor den Türen der Krankenhäuser
Um die Welt zu beherrschen
Oder was übrig davon bleibt
Sie sind das beste Volk der Welt, aufgrund des Zufalls ihres Geburtsortes
Und ein bisschen wegen des Öls und wegen einer Erbschaft
Die zu einer Hälfte heilig ist und zur anderen Hälfte aus Tagträumen gebaut

Dort gibt es Kinder, die vom Sieg der Fußballnationalmannschaft träumen
Und Mädchen, die vom Tag träumen, an dem sie fliegen dürfen
Ohne die Überwachung durch den Bart ihres jüngeren Bruders
Oder eines religiösen Oberhauptes, umgeben von Verbot- und Bannfatwas
Aber Hier jubeln die Kinder wegen des Siegs der Nationalmannschaft
Und fliegen die Mädchen zwischen Kontinenten
Auf der Suche nach einem anderen Leben
Ohne die Überwachung durch den Bart ihres jüngeren Bruders
Oder eines religiösen Oberhauptes, umgeben von Verbot- und Bannfatwas

Und das ist der Unterschied zwischen Hier und Dort
Glaube mir, mein Freund
Nur sechzig, siebzig oder achtzig Jahre

 

Salah Ali Ngab (37)

kommt aus Tripolis in Libyen. Der Publizist, Forscher und Menschenrechtsaktivist widmet sich der Kritik an fundamentalistischem Extremismus und religiöser Hassrede. Er gründete unter anderem das Kulturmagazin ‚Armat‘, übersetzt Gerechtigkeit – doch die hat es laut Salah in Libyen nie gegeben, nicht unter Muammar al-Gaddafi und heutzutage schon gar nicht. Aufgrund seiner Studien zu fundamentalistischem religiösem Denken und seiner Mitgliedschaft im Libyschen Liberalen Demokratieforum wurde er von der Gruppe Ansar al-Sharia bedroht, das Demokratieforum musste aufgrund von Morddrohungen an die Mitglieder geschlossen werden. Salahs aufklärerische Lesungen über die islamische Schrift führten zu seiner Verfolgung während der Regierungszeit Gaddafis, er wurde angeklagt wegen Verleumdung, Blasphemie, Ketzerei und Atheismus. Bei verschiedenen arabischen Behörden war er als „gefährlicher politischer Aktivist“ gelistet und wurde mehrfach an Flughäfen festgehalten.
Im Oktober 2014 schließlich entführten ihn auf offener Straße bewaffnete Milizen der Muslimbruderschaft, er wurde geschlagen und mit dem Tode bedroht. Dass er noch lebt, habe Salah einflussreichen Freunden zu verdanken, die sich für seine Freilassung einsetzten. Für ihn und seine Bekannten sei in Libyen kein Platz mehr, man sei von Feinden umzingelt. Salah konnte 2015 nach Tunesien und schließlich nach Deutschland fliehen, dank einer Einladung zum Open Eye Award der deutschen MiCt-Stiftung (Media in Cooperation and Transition) aufgrund seiner journalistischen Arbeit. Im selben Jahr beantragte er politisches Asyl in Deutschland.
Salah lebt heute mit seiner Frau und zwei Töchtern in Düsseldorf.