GedichteLibyenSalah Ali Ngab

Mein Mutterland

Salah Ali Ngab

Tripolis, Libyen

 

Die Heimat hat keine Grenzen
Und keine Tore, die die Besitzer farbiger Reisepässe durchschreiten können
Mit einem Einreisevisum, dessen Frist das Sterbedatum ist
Eine Idee
, die zu erklären sinnlos ist
Vergebens in einer offiziellen Sprache zu suchen
Ich bin das Kind des Zufalls
Der heiligen Geburt
 von Gottes
 Sohn
Und die ganze Erde ist meine Heimat

Ich bin der Sohn eines Landes, das weit entfernt liegt
Von den Gaskammern der Nazis
Und von den Fatwas des Hassrechts oder den Flüchen der Imame
Der Sohn eines Landes, das von den Kreuzzügen
Nicht überrannt wurde
Und auch nicht von der Hagana oder Boko Haram

Meine Heimat ist kein dürres Grundstück
 ohne Gefühle
Besteht nicht aus Stapeln von Bargeld
Und Quellen von schwarzem Gold
Und den Flüchen der Bürgerkriege
Und den Opfern der Minen

Mein Mutterland ist
Wo die Erinnerungen der Kindheit zu einem Ende kamen
Als ich zehn war
Wo es meine Arbeit war
Zu spielen
Wo es mich nur ein Lächeln kostete
Um einen Freund zu gewinnen

Heute ist es ein Ort
Wo meine Kinder schlafen können
Ohne Angst vor dem Lärm der Propaganda
Und vor den Glaubenskriegen
Und vor den Dieben von Kinderspielzeugen

 

Salah Ali Ngab (37)

kommt aus Tripolis in Libyen. Der Publizist, Forscher und Menschenrechtsaktivist widmet sich der Kritik an fundamentalistischem Extremismus und religiöser Hassrede. Er gründete unter anderem das Kulturmagazin ‚Armat‘, übersetzt Gerechtigkeit – doch die hat es laut Salah in Libyen nie gegeben, nicht unter Muammar al-Gaddafi und heutzutage schon gar nicht. Aufgrund seiner Studien zu fundamentalistischem religiösem Denken und seiner Mitgliedschaft im Libyschen Liberalen Demokratieforum wurde er von der Gruppe Ansar al-Sharia bedroht, das Demokratieforum musste aufgrund von Morddrohungen an die Mitglieder geschlossen werden. Salahs aufklärerische Lesungen über die islamische Schrift führten zu seiner Verfolgung während der Regierungszeit Gaddafis, er wurde angeklagt wegen Verleumdung, Blasphemie, Ketzerei und Atheismus. Bei verschiedenen arabischen Behörden war er als „gefährlicher politischer Aktivist“ gelistet und wurde mehrfach an Flughäfen festgehalten.
Im Oktober 2014 schließlich entführten ihn auf offener Straße bewaffnete Milizen der Muslimbruderschaft, er wurde geschlagen und mit dem Tode bedroht. Dass er noch lebt, habe Salah einflussreichen Freunden zu verdanken, die sich für seine Freilassung einsetzten. Für ihn und seine Bekannten sei in Libyen kein Platz mehr, man sei von Feinden umzingelt. Salah konnte 2015 nach Tunesien und schließlich nach Deutschland fliehen, dank einer Einladung zum Open Eye Award der deutschen MiCt-Stiftung (Media in Cooperation and Transition) aufgrund seiner journalistischen Arbeit. Im selben Jahr beantragte er politisches Asyl in Deutschland.
Salah lebt heute mit seiner Frau und zwei Töchtern in Düsseldorf.