Als ich aus Afghanistan kam,
hatte ich nur einen Koffer bei mir.
Einen Koffer
voll mit Kleidung,
aber leer von Freundschaft,
leer von Familie,
leer von Lachen.
Fern von der Schule,
fern vom Zuhause,
fern vom Ich.
Ein neues Land.
Eine neue Sprache.
Ein neues Ich,
das ich erst lernen musste zu sein.
Der Senat sprach in Regeln.
Die Ausländerbehörde sprach in Blicken.
Sie sprachen nicht mit mir,
sie sprachen über mich.
Jeden Tag ein Krieg,
nicht mit Waffen,
sondern mit Formularen,
mit Blicken.
Doch ich hatte nur ein Ziel:
lernen.
durchhalten.
ankommen.
Aber nachts ...
nachts kam der Schmerz.
Ein Schmerz,
den kein Arzt verstand.
Ein Schmerz,
den man nicht sehen konnte
nur fühlen.
Manchmal in meiner Hand. Manchmal in meinen Füßen.
Manchmal tief in meiner Seele.
Ich machte meinen MSA,
mein Abitur.
Ich lernte,
ich kämpfte,
ich weinte
aber leise.
Heute studiere ich.
Ich gehe weiter.

Aber manchmal frage ich mich:
Wer bin ich geworden?
Das Mädchen von früher,
das in der Zarghuna-Schule
tausend Freunde hatte,
trägt heute
ihre Gespräche im Herzen.
Nicht laut,
aber tief.
Das Lachen von damals
ist leiser geworden.
Ich habe gelernt,
dass hier jeder für sich ist.
Aber ich
ich habe nie vergessen,
woher ich kam.
Ich lernte die Sprache.
Ich verstand die Kultur.
Ich bekam den Pass,
doch nie die Ruhe.
Denn ich bin jene,
die nie ganz
nach Hause kommt.
Ich stehe
zwischen zwei Welten:
Deutschland und Afghanistan,
Kabul und Berlin, Gestern und Morgen.
Berlin ist mein Zuhause,
Kabul war es einst.
Zarghuna war meine Schule,
Fichtenberg-Gymnasium auch.
Und ich?
Ich bin dazwischen.
Zwischen zwei Sprachen.
Zwischen zwei Herzen.
Zwischen zwei Heimaten.
Ich lebe,
ich lerne,
ich träume
aber manchmal tut es weh,
so weh,
zwischen zwei Welten zu stehen
und zu wissen:
Ich gehöre zu beiden.
Und doch zu keiner.