Der Neuköllner Schifffahrtskanal ist kein neutrales Abbild der Landschaft, sondern das Ergebnis bewusster Eingriffe und Entscheidungen darüber, wie Raum genutzt und verstanden werden soll. Ausgehend vom Rixdorfer Wiesengraben in einer sumpfigen Landschaft wurde das Gebiet durch Trockenlegung im 19. Jhd in nutzbares Land überführt und mit dem Kanalbau um 1914 gezielt als Infrastruktur für Industrie und großstädtisches Wachstum gestaltet. Während der Teilung Berlins wird er zur streng kontrollierten Grenze – scheinbar eindeutig, tatsächlich aber ein widersprüchlicher Zwischenraum. Heute zeigt sich der Kanal erneut im Wandel: als hybrider Raum zwischen Restindustrie, Freizeit und künstlerischer Aneignung.

Inspiriert vom diesjährigen Festivalthema "OUT/SIDE/IN" des Kunstfestivals 48h Neukölln führten Daria Py, Rojin Namer und Ali Alzaeem letztes Wochenende einen poetischen Dialog auf dem Wasser unter den Brücken Neuköllns.

Mit ihren Texten zum Wasser, zu Brücken und zu Grenzen im Innen und im Außen machten sich die Poet*innen auf die Suche nach Identitäten im Zwischenraum von Sprache, Körpern, Orten und dem Meer – geformt durch Verschiebungen, Brüche und Überlagerungen.
Gerade auf dem Wasser, einem Ort, der keine festen Grenzen kennt, entfaltet sich ein literarischer Raum, in dem neue Kartografien entstehen: tastend, fließend und offen für ungewohnte Perspektiven. Es geht um das Ablegen und Loslassen, um Aufbruch und Sehnsucht, um Gemeinschaft und Wiederkehr.

Ein riesiges Dankeschön an Ruudi Beier von beier+wellach projekte für die Möglichkeit Neukölln vom Boot aus zu erkunden und an Carolin Schmidt und Margaret Schlenkrich vom Kollektiv »kaboom« für die Konzeption dieser tollen Veranstaltung!