Wie wollen wir künftig miteinander leben?

»Sei neben mir und sieh, was mir geschehen ist. Es ist vorbei, die Spuren noch im Herzen« schrieb der 14-jährige Yasser Niksada im Dezember 2015 über seine Flucht, die mit einem Schlepper in Iran begann. Als Yasser diese Zeilen notierte, saß er im »Freiraum in der Box« in Berlin-Friedrichshain, The Poetry Project hatte sich gerade gegründet. Yasser trank eine Cola, aß Chips und dokumentierte seine Geschichte, in einem Gedicht.

 

Warum in einem Gedicht?

 

In der östlichen Welt erlaubt die Poesie, die eigenen Gefühle auszudrücken, auch wenn sie zunächst unsagbar scheinen. Selbst Kinder sind vertraut mit dieser Kunst, weil die Älteren ihnen Geschichten in Versen erzählen. Diese kulturelle Besonderheit hat sich The Poetry Project zunutze gemacht.

Begonnen hatte alles im Oktober 2015, als so viele Menschen aus Krisengebieten nach Deutschland kamen, über eine Million in wenigen Monaten. Die Syrer*innen flohen vor dem mörderischen Bombenkrieg ihres eigenen Präsidenten, die Afghan*innen vor den Attentaten der Taliban.

Anfangs gingen wir in Berliner Notunterkünfte und baten unbegleitete jugendliche Geflüchtete, mit uns zu schreiben. Wir wollten wissen, woher sie kamen, was ihre Geschichte ist, wer sie geschickt hatte. Was hatten sie auf der Flucht erlebt und wie würde es jetzt mit ihnen weitergehen, in Deutschland?

Inzwischen haben mehr als 700 Geflüchtete mit uns geschrieben und wir haben an 55 Orten in Deutschland öffentlich gelesen, auf großen Literaturfestivals und kleinen Stadtbühnen. In den 4 Jahren seit Gründung kooperierten wir mit 95 Institutionen, 82 Privatpersonen und Institutionen förderten uns mit großen und kleinen Beiträgen, in unserem Team im Poetry-Büro arbeiteten 32 Mitstreiter*innen. 36 Workshopleiter*innen, 30 Übersetzer*innen und 37 Autoren, Betreuer*innen, Choreographen, Filmschaffende, Grafiker, Lehrer*innen, Musiker, Schauspieler*innen und Sprecher*innen halfen extern mit.

So ist ein literarischer Schatz entstanden. Die Textbeiträge auf unserer Website dokumentieren unsere Begegnungen mit jungen Geflüchteten, von denen einige mittlerweile deutsche Bürger*innen sind und viele es bald sein werden. Unsere Autor*innen schreiben über Verlust und Einsamkeit, über Angst und Sehnsucht, aber auch über Liebe, Gemeinsamkeiten, und das Ringen um gegenseitiges Verständnis.

Die Texte halten auch all jenen unweigerlich einen Spiegel vor, die niemals fliehen mussten. Wie erginge es uns in einer ähnlichen Situation? Für die Geflüchteten gilt es, fast alles neu zu lernen, nicht nur die Sprache. Nach dem Verlust ihrer Heimat fallen viele in ein Loch und stehen vor der Aufgabe, diese innere Leere zu füllen.

Uns geht es um Verständigung. Daher haben wir unsere Website von Anbeginn 4-sprachig angelegt und machen eine Auswahl der Textbeiträge in Deutsch, Englisch, Persisch und Arabisch zugänglich. Diese Sammlung von Texten hält auch all jenen unweigerlich einen Spiegel vor, die niemals fliehen mussten. Wie erginge es uns in einer ähnlichen Situation? Für die Geflüchteten gilt es, fast alles neu zu lernen, nicht nur die Sprache. Nach dem Verlust ihrer Heimat fallen viele in ein Loch und stehen vor der Aufgabe, die innere Leere zu füllen.

Yasser Niksada wird in Kürze volljährig. Er spricht gut Deutsch, lebt in einer Wohngemeinschaft in Berlin und möchte Kfz-Mechaniker lernen. Das war immer sein Traum. Wir, er und die anderen Jugendlichen, die damals die ersten Texte schrieben, sind Freunde geworden. Wir schreiben weiter an dieser Geschichte, die jetzt unsere gemeinsame ist.

 

Susanne Koelbl