Um 4.50 Uhr kommt der Anruf aus Kyjw.
Der beste Freund meines Mannes.
Wir wollen nicht abnehmen.
Es klingelt weiter.
Oleg nimmt ab.
Der Freund sagt drei Worte:
„Kyjw wird bombardiert“

Wir springen aus dem Bett.
Wir sind hellwach.
Kyjw wird bombardiert.
Worüber wir alle spekuliert haben, hat tatsächlich begonnen.
Der Krieg.

Wir leben in einem kleinen Dorf.
Es gibt keine Informationen.
Keine Nachricht im Fernsehen.

Mutter arbeitet als Putzfrau in Polen.
Mutter hatte gesagt: „Packt eine Tasche.”
Das war vor zwei Wochen.
„Jaja, Mama, die Taschen sind bereit.”
Das war gelogen.
Wir hatten ihr nicht geglaubt.
Ich hatte nicht gepackt.

Meinen Pass habe ich.
Der von meinem Mann liegt in seinem Dorf, eine halbe Autostunde entfernt.
Dort wohnt sein Bruder.
Die Eltern leben nicht mehr.

Mutter ruft an, wieder und wieder.
Wir wissen: Wir sind am Ende.
Mutter hatte recht. Und wir lügen weiter.
Wir sagen, wir sind schon unterwegs Richtung Grenze.
Das ist nicht der Fall.

Ein Auto haben wir. Der Tank ist leer.
Mein Mann sagt, er fährt zur Tankstelle.
Es ist 6.30 Uhr.

Wir öffnen die Tür.
Wir sehen apokalyptische Bilder.
Im Dorf laufen alle durcheinander.
Sie schreien.
Sie bilden Schlangen vor der Tankstelle.
Schlangen vor dem Geldautomaten.
Schlangen vor dem Supermarkt.

Die Online-Systeme sind abgeschaltet.
Es gilt nur noch bares Geld.
Wir haben keins.

Es ist der 24. Februar, der Tag, an dem ich Lohn bekommen soll.
Ich rufe meinen Chef an.
Er ist Restaurantbesitzer.
Er sagt: „Du hast 15 Minuten, deinen Lohn zu holen.”
Das Restaurant ist im Erdgeschoss.
Wir leben im dritten Stock.

Ich halte das Bargeld in meinen Händen.
Ich habe Hoffnung, laufe zur Tankstelle, zur Schlange.
Nach drei Stunden kaufen wir endlich Benzin.
Dann, unterwegs zum Dorf meines Mannes.

9.30 Uhr.
Oleg, mein Mann, sagt, er will nicht fort.
Er will beim Bruder bleiben, er will das Land verteidigen.
Ich sage: „Wenn du nicht gehst, bleibe ich auch.”
Er sagt, es passieren schreckliche Dinge auf diesen Reisen.
Deshalb will er mit mir kommen und dann zurückgehen.

11 Uhr.
Beim Bruder Nikolai.
Nikolai will nicht fliehen. Wir reden auf ihn ein. Er will nicht.
Wir haben jetzt den Pass, ein Ladegerät, Dokumente, ein bisschen Geld.
Dann sind wir auf dem Weg zur Grenze. Nach Westen. Nach Polen.

13 Uhr.
Eine Schlange. Menschen, so weit das Auge reicht.
Wir telefonieren mit Nikolai. Wir drängen ihn, „Fliehe”.
Er will nicht.

16 Uhr.
Nikolai sagt, er kommt mit, nach Polen.

20 Uhr.
Nikolai ist am Grenzübergang.
Wir auf der anderen Seite.
Nikolai sagt: „Bis zum Schlagbaum sind jetzt 26 Kilometer Stau.
Ich schaffe es nicht.”

22 Uhr.
Der Präsident sagt, die Männer dürfen das Land nicht verlassen.

Mitternacht.
Die Männer steigen aus den Wagen.
Die Frauen übernehmen das Steuer.
Frauen und Kinder fahren westwärts.
Männer bleiben zurück.

Mai.
Der Einberufungsbefehl für Nikolai ist da.
Wir warten jetzt darauf, dass er in den Krieg zieht.
Nikolai ist Olegs einziger Verwandter.