"Gemeinsam Geschichte Schreiben"

Seit 2016 begleitet The Poetry Project junge Menschen mit Fluchterfahrung auf ihrem Weg, die Sprache als Werkzeug der Selbstermächtigung zu nutzen. In hunderten Workshops sind tausende Texte entstanden – mutig, zart, politisch. Die Worte unserer Autor*innen bewegen, verbinden und verändern. Viele von ihnen sind heute nicht nur Künstler*innen, sondern Bürger*innen dieses Landes, haben Deutsch gelernt, studiert, Ausbildungen abgeschlossen. Sie übernehmen Verantwortung – auch bei The Poetry Project.

Eine neue Generation übernimmt das Wort:
Im Rahmen des Projekts „Gemeinsam Geschichte schreiben“ – gefördert von der Deutschen Postcode Lotterie – wurden zehn junge Erwachsene zu Workshopleiter*innen für kreatives Schreiben ausgebildet. In mehreren Modulen lernten sie kreative Gruppenprozesse zu gestalten und eigene Lesungen zu organisieren. Sie leiten Workshops an Schulen, in Bildungszentren und Kultureinrichtungen – als Expert*innen ihrer eigenen Geschichte. 

Sie zeigen, was Teilhabe wirklich heißt:
Unsere neuen Trainer*innen stehen für Teilhabe auf Augenhöhe: selbstbewusst, gestaltend, gleichberechtigt. Sie sind Brückenbauer*innen zwischen Lebenswelten, Sprachen und Biografien – und wichtige Vorbilder für eine Gesellschaft im Wandel. Sie bringen nicht nur das Handwerkszeug zum Schreiben mit, sondern auch das, was man nicht lernen kann: gelebte Erfahrung, Perspektivwechsel und Haltung.

Ein Aufruf zum Zuhören, Lernen und Mitgestalten:
2025 und 2026 bringt The Poetry Project Schreibworkshops, Lesungen und pädagogisches Begleitmaterial an Schulen in Berlin, Brandenburg und darüber hinaus.

Sie arbeiten in einer Schule, Bildungsstätte oder Hochschule? Sie suchen kreative Formate für Demokratiebildung und kulturelle Teilhabe? Sie wollen mitgestalten, mitdenken, mitwirken? Dann nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf. 

Gemeinsam schreiben wir Geschichte.


Foto: © Mapping the In Between Foto Sascha Hoecker Potsdam

"Zeitzeug*innen der Zukunft – Geschichten der Deutschen von morgen"

Von 2023 bis 2024 wurde The Poetry Project mit dem Projekt „Zeitzeug*innen der Zukunft - Geschichten der Deutschen von morgen“ vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ sowie von der Bundeszentrale für politische Bildung und der Postcode Lotterie gefördert.

Mit dem Projekt haben wir den Erzählungen jener Personen eine Bühne gegeben, die in den letzten Jahren zu Hunderttausenden aus Ländern wie Afghanistan, Eritrea, Iran, Irak, Kurdistan, Syrien und der Ukraine geflohen sind, denn zu oft wird in der deutschen Mehrheitsgesellschaft über sie berichtet, aber nicht von ihnen selbst. Der lebendige Austausch zwischen hier Aufgewachsenen und Zugewanderten entschärft Spannungen und gleichzeitig entsteht ein einzigartiges Dokument der jüngsten Migrationsgeschichte.

Zusammengetan haben wir uns dafür mit dem PEN Berlin, dessen Autor*innen die jungen Schreibenden literarisch begleitet haben – Autor*innen ohne wie auch solche mit eigener Flucht- oder Migrationsgeschichte, wobei gerade letztere eine zusätzliche Vorbildfunktion für das erfolgreiche Ankommen in Deutschland wahrnehmen können. Das Projekt machte sich insbesondere die Gedichtform zunutze, um Gefühle und Geschichten in Versen aufzubewahren. Dinge, die zunächst unsagbar scheinen mögen, werden so in ein kunstvolles Gespräch verwandelt, umgekehrt bildet sich Verständnis für das scheinbar „Fremde“. Die eigene Geschichte so zu schreiben, dass Menschen mit ähnlichen Erfahrungen sich darin wiederfinden und Menschen mit gänzlich anderen Erfahrungen etwas über „Andere“ wie sich selbst lernen können, ist ureigene Aufgabe der Literatur.

Die deutsche Gegenwartsliteratur bildet unsere sich rapide verändernde Gesellschaft leider ungenügend ab. Die meisten – zumal der jungen – Geflüchteten sind nach Deutschland gekommen, um zu bleiben. In einem mehr als bloß physischen Sinne ankommen in Deutschland können sie jedoch erst, wenn sie ihre Stimme im gesellschaftlichen Diskurs erheben und wenn sie in diesem vielstimmigen Chor auch gehört werden. Dazu gehört neben der politischen Teilhabe auch, dass sie an jenen Erzählungen mitschreiben, die Identität stiften und die Gesellschaft zusammenhalten.

"Flucht und Ankunft"

Von 2017 bis 2019 wurde The Poetry Project mit dem Projekt „Flucht und Ankunft“ vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ und von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert.

Deutschlandweit trafen sich regelmäßig Jugendliche mit und ohne Fluchthintergrund mit Workshopleiter*innen und Übersetzer*innen zum Gedichteschreiben, rund 750 Schreibende kamen über diesen Zeitraum zusammen, und Tausende Gedichte. Die Idee stammt von Projektinitiatorin Susanne Koelbl, die als SPIEGEL-Auslandskorrespondentin in Ländern wie Afghanistan und Iran immer wieder die Kraft der Poesie erfahren hatte. In allen möglichen Alltagssituationen, ob bei einer Taxifahrt oder beim geselligen Abendessen, begegnete ihr dort die Lyrik, welche es vermochte, Emotionen einen Raum zu schaffen, die sonst keinen Ausdruck fanden. Fotografisch und gestalterisch wurde das Projekt vom Berliner Künstler Rottkay begleitet, die organisatorische und literarische Leitung übernahm Theresa Rüger.

Wir leben hier wirklich in so einer Art Bubble. Es tut uns einfach gut, uns mit diesen Notsituationen auseinanderzusetzen. Das ist, glaube ich, ein großes Geschenk.

—Herbert Grönemeyer

Geschrieben wurde in der jeweiligen Muttersprache über Themen, die uns alle bewegen. Über das, was die Jugendlichen erlebt haben, was sie erwarten, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Über Fremdheit und Sehnsucht, über Hoffnung und Liebe, nicht zuletzt über Tagespolitisches. Am Ende eines jeden Workshoptages wurden die Werke vorgetragen und gemeinsam gerungen, wie eine bestimmte Textstelle, ein Wort, ein bestimmter Begriff gemeint war, um die treffendste Übersetzung zu finden. Es waren schöne Momente des sich gegenseitigen Erkennens und Erkanntwerdens, für die wir auch öffentliche Bühnen gesucht haben. So wurden die in den Workshops entstandenen Gedichte im Rahmen von Lesungen und Festivals, in Zeitschriften, Radiobeiträgen, Theaterstücken und Filmen präsentiert, damit möglichst viele Menschen am sich fortschreibenden interkulturellen Dialog teilhaben konnten und dies auch über die Projektlaufzeit hinaus weiter können.

Ein erster Gedichtband erschien zur Eröffnung des internationalen literaturfestival berlin 2016. Die dort publizierten Texte wurden 2018 mit dem Else Lasker-Schüler-Lyrikpreis ausgezeichnet und sind seitdem in einer 4-sprachigen Neuauflage unter dem Titel Allein nach Europa in unserem Shop erhältlich. 2019 erhielten unsere Poet*innen Rojin Namer und Shahzamir Hataki den THEO (Berlin-Brandenburgischer Preis für Junge Literatur) in den Kategorien Lyrik und Sprachräume. Rojin wurde zudem mehrfach beim lyrix (Bundeswettbewerb für junge Lyrik) ausgezeichnet. 2019 war sie erstmals Monatsgewinnerin, 2020 Jahresgewinnerin und 2022+2023 dann selbst Teil der Preisjury. Zum Projektabschluss wurde eine umfangreiche Anthologie unter dem Titel Ich wollte bleiben. Ich ging. publiziert, die ebenfalls in unserem Shop erhältlich ist.

Mahdi Hashemi auf der SPIEGEL live-Bühne.
Mahdi Hashemi auf der SPIEGEL live-Bühne.
Foto: © Rottkay